Spiegel Korrespondent
Dr. Wieland Wagner

     
Dr. Wieland Wagner - im Gespräch mit Schülern der Klasse 11 - berichtet anlässlich der "ShanghaiTalks" über seine Arbeit.
     
Über die Ankunft

Kommend aus Japan und schon Vieles in Asien gewohnt, löste die Ankunft in Shanghai dennoch einen Kulturschock aus, denn ein 55seitiges Büchlein mit Verhaltensregeln - freundlich überreicht von den Shanghaier Behörden - soll die Arbeit des Spiegel Korrespondenten detailliert (maß)regeln. Ein Regelwerk, das niemand einhalten kann und die Berichterstattung auf Gefälligkeitsschreibe reduzieren soll. Dr. Wagner: "Das Interesse der Organe an Korrespondenten ist groß, aber ich brauche die Fürsorge eigentlich gar nicht".

     
Über Shanghai Boomtown Shanghai! Goldgräberstimmung macht sich breit und eine Vielzahl von "Glücksrittern" in Europa sitzen abreisebereit auf ihren Koffern und träumen vom grenzenlosem Erfolg in Shanghai, der dynamischen Stadt der Zukunft. Dr. Wagner: "Shanghai wird überschätzt. Vieles ist nur Fassade. Das Shanghai der Presse in Deutschland ist nicht das Shanghai, in dem ich lebe." Der eigentliche Kulturschock sind für ihn eher die vielen Ausländer hier in Shanghai. "Shanghai ist nicht das Paris des fernen Ostens". Und so bleibt noch genug Raum für distanzierte und gut recherchierte Berichte aus Shanghai.
     
Über die Pressefreiheit Je länger Dr. Wagner in Asien lebt, weiß er den Wert der Pressefreiheit für die Region mehr zu schätzen: "Pressefreiheit und Menschenrechte sind ein großer Standortvorteil, weil diese in der Wirtschaft für Transparenz sorgen. Ohne Transparenz und Rechtssicherheit wird es keinen wirklichen Entwicklungsschub geben". Dies ist eine Einschätzung, die natürlich nicht auf China beschränkt bleibt, denn auch Nachbarstaaten Chinas haben hier noch deutliches Entwicklungspotenzial.

beruflicher Werdegang

  • Studium in Freiburg, London, Tokio, Promotion in Geschichte über Japans Expansionismus in Ostasien
  • 1990-93 Leiter des Tokio Büros der Wirtschaftsnachrichtenagentur VWD
  • 1994-95 Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg
  • 1995-2004 SPIEGEL-Korrespondent in Tokio
  • seit August 2004 SPIEGEL-Korrespondent in Shanghai
     
Über die Arbeit

Von Shanghai aus betreut Dr. Wagner die Ressorts Wirtschaft in China, Politik in Japan und Korea sowie übergeordnete Themenbereiche "Südostasien".

Die Arbeit als Journalist ist nicht einfach in China. Hier sei an das oben genannte 55seitige Büchlein erinnert. Viele Reisen innerhalb Chinas müssen angemeldet und genehmigt werden. Alleine das Genehmigungsverfahren bedeutet eine wirksame Methode, spontane Berichterstattung zu bremsen.
Zwar ist die Berichterstattung innerhalb Shanghais nicht diesem Prozedere untergeordnet, doch faktisch unterscheidet es sich nur wenig. Es sind kaum kompetente Ansprechpartner in Verwaltung und Wirtschaft zu finden. Alle verweisen auf den Autor des 55seitigen Büchleins, das sog. "wai ban" und verlangen eine Interview-Genehmigung. "Keiner ist erpicht, in westlichen Medien zitiert zu werden. Jeder hat Angst. Dies trifft besonders auf Akademiker zu", weiß Dr. Wagner zu berichten.

     
Über Journalismus

Beispielsweise über die Entwicklung der wirtschaftliche Lage in China angesprochen macht Dr. Wagner Einschränkungen: "Ich bin Journalist und kein Wahrsager. Ich habe immer Fragen, recherchiere und dokumentiere alles. Mein großes Privileg allerdings ist, dass ich immer von den interessantesten Menschen der Region dazu lerne und sich so erstklassiges Hintergrundwissen ansammelt." Beispiel hierfür ist der Bericht über einen taiwanischen Computerbauer, der als Teil des Konzerns Acer bislang Billiggeräte für Weltfirmen herstellte und innerhalb von 3 Jahren mit der Nobelmarke BenQ notgedrungen die Flucht nach vorn antrat - eine spannende Geschichte im Spiegel-Heft 10/2004 zu finden.

Zur Arbeit in China befragt, relativiert Dr. Wagner die Einschränkungen der Pressefreiheit auf ein erträgliches Maß: "Was man schreibt, trifft natürlich nicht immer die Erwartungen der Gastgeber. Man kann viel Kritisches schreiben, doch man sollte den kulturellen Stolz seines Gastlandes nicht durch Häme und Lächerlichkeit verletzen. Nicht gern gesehen ist es auch, wenn Journalisten sich namentlich für bestimmte Dissidenten einsetzen - doch darf man sich dadurch nicht von der Chronistenpflicht abbringen lassen". Hinzu kommt, dass die nicht immer allzu große Effizienz der Genehmigungsbehörden der Pressefreiheit letztlich zu Gute kommt - schließlich muss es wohl koordiniert sein, alle Benimm-Regeln für Journalisten auch umzusetzen. Hier scheinen Journalisten sowie Behörden das gleiche Problem zu haben: Je umfassender das Regelwerk, desto schwerer lässt es sich einhalten.

     



  SPIEGEL ONLINE - 14. März 2005, 14:55

Nationaler Volkskongress
Chinas gespielte Pressefreiheit
Von Andreas Lorenz, Peking

Einmal im Jahr stellt sich Chinas Premier Wen Jiabao Journalisten - immer nach dem Ende der Sitzung des Nationalen Volkskongresses. Es ist eine bizarre Melange aus Zensur, dröger Bürokratie und höflicher Propaganda.
Peking - Eigentlich müsste der Mann viel zu sagen haben: Das gegen Taiwan gerichtete Anti-Abspaltungsgesetz erregt die Gemüter, das Verhältnis Pekings mit Japan steht nicht zum Besten, die Kluft zwischen Arm und Reich klafft immer tiefer, Korruption wuchert. Die Wirtschaft droht sich nach wie vor zu überhitzen, und jüngst hat Peking den Hongkonger Regierungschef vorzeitig in den Ruhestand versetzt.
Genosse Wen beantwortet alle Fragen - freundlich, ausführlich, bürokratisch und unendlich dröge. Mal sticht er mit seinem Zeigefinger, mal mit einem roten Stift in die Luft. Draußen, vor der Großen Halle des Volkes, rast China im Sauseschritt, drinnen fließt die Zeit so träge wie der Fluss auf dem großen Wandbild.
Um zehn Uhr zehn betritt der Premier den riesigen Saal mit den fünf Kronleuchtern. Er beklatscht in perfekter sozialistischer Höflichkeit die Journalisten und die ihn. Korrespondenten haben eine Einladungskarte mit goldenem Bändchen, die ihnen Sicherheitsbeamte am Eingang wieder abnehmen.
Einige erhielten in den letzten Tagen Anrufe von freundlichen Diplomaten des Außenministeriums. Ob sie eine Frage an den Premier hätten, wollten sie wissen. Denn es gebe durchaus eine Chance, auf der Pressekonferenz aufgerufen zu werden.
Die Veranstaltung ist wohl orchestriert, die Fragen der chinesischen Journalisten sind offenkundig vorher abgesprochen. Sie wollen meist längst Bekanntes wissen, und die Dame vom KP-Organ "Volkszeitung" bedauert den Premier sogar, wie schwer er es doch habe. Als Wen erneut das umstrittene Anti-Sezessionsgesetz erläutert, beklatschen die chinesischen Reporter seine Antwort.
Auch dieses Jahr ist man sich einig. In Peking sind die "verehrten Journalisten" (Wen) keine Vierte Gewalt, sondern das Sprachrohr der Regierung. Skepsis und Kritik sind nicht vorgesehen in diesem Propagandaspiel. Das Fernsehen überträgt live.
Aber auch ausländische Berichterstatter lassen sich einbinden. Die Frage eines russischen und eines indischen Korrespondenten nach dem Stand der Beziehungen Chinas zu ihrem jeweiligen Land gehören längst zum Ritual, die Antworten sind diplomatisch gestanzt.
Jeder Stuhl in dem weitläufigen Saal im dritten Stock ist besetzt- doch nicht immer mit einem Journalisten. Sicherheitsleute im schwarzen Anzug blockieren die besten Plätze, auch Claqueure haben sich eingefunden und Funktionäre, die sich eigentlich nur die Zeit vertreiben wollen: Sie schwatzen, legen ein Nickerchen ein, fotografieren sich selbst und den Redner und verstellen den Profis die Sicht.
Hat der Premier etwas Neues zu verkünden? China wird das Land der Bauern nicht privatisieren und auch die Todesstrafe nicht abschaffen, teilt er mit. Die Wirtschaft ist "überspannt", was ein Dilemma ist, befindet er. Das gerade ohne Gegenstimme verabschiedete Anti-Sezessionsgesetz sei ein friedliches Werk "und kein Kriegsgesetz".
Die Hauptbotschaft: Die Reformen gehen weiter, und auf dem Weg zu einer "harmonischen Gesellschaft" müssen Chinas Bauern fortan weniger Steuern zahlen.
Immerhin scheint Wen nicht alle Antworten vorzulesen, wie es sein Außenminister Li Zhaoxing vorige Woche tat. Menschenrechte kommen dieses Mal nicht zur Sprache, die Frage nach der skandalösen Behandlung von Bittstellern durch die Polizei etwa oder nach dem unfeinen Umgang der Genossen mit dem jüngst verstorbenen ehemaligen KP-Generalsekretär Zhao Ziyang.
Schließlich springt Wen auf, schüttelt Hände und eilt aus dem Saal. Eine Pflichtübung ist absolviert. Viele ausländische Korrespondenten packt das Gefühl von Hilflosigkeit und Verzweiflung - wie immer im März nach dem Nationalen Volkskongress.