1940 in Shanghai |
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| Erinnerungen von Erwin Wickert, der 1976 - 1980 in der Zeit des Umschwunges (Tod Mao Zedongs und der anschließenden Öffnung Chinas zum Westen unter Deng Xiaoping) Botschafter der Bundesrepublik in Peking war. | ||
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Lebenslauf: 7.1.1915 in Bralitz/Mark Brandenburg; Dr.phil. Botschafter a.D., Schriftsteller (Hörspiele, Romane, Geschichten). Schulbesuch in Rotta (Kreis Wittenberg), Wittenberg und Berlin. Abitur 1934, anschließend Arbeitsdienst. Studium der Philosophie, Germanistik und Journalistik an der Friedrich Wilhelm-Universität Berlin 1934 bis 1935, Studium der Volkswirtschaft und politischen Wissenschaften in Carlisle/Pennsylvania (USA) 1935/36. Nach Reisen durch die USA, Japan und China Studium der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Heidelberg 1937 bis 1939. Promotion in Kunstgeschichte und Philosophie. Während des Krieges im Auswärtigen Dienst tätig in Berlin, Shanghai und Tokio, zuletzt als Rundfunkattaché. Von 1947 bis 1955 Schriftsteller in Heidelberg. 1955 Wiedereintritt in den Auswärtigen Dienst. Gesandter in London (1968 bis 1971), Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rumänien (1971 bis 1976) und in der Volksrepublik China (1976 bis 1980). 1980 Ruhestand und Wiederaufnahme der schriftstellerischen Arbeit. Erwin Wickert ist Vater des Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert |
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| Buchtipp:
"China von innen gesehen", ISBN 3-453-01889-9, Heyne Verlag 1984 Ausschnitt aus dem Buch: Seite 149 ff. |
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| Ein
sonniger Morgen, Ende September 1940. Es ist nicht mehr ganz so heiß
und feucht wie bisher. Es wäre schön, wenn es jetzt kühler
bliebe. Ich fahre mit dem Wagen ins Büro, durch die Avenue Joffre (Anm.
heute Huai Hai Zong Lu) und dann in die Avenue Foch. Wenn ich aus der
Französischen Konzession in die Internationale Niederlassung komme,
heißt die Straße Avenue Edward VII (Anm. heute Yan'an Dong
Lu). Auf beiden Seiten der Straße stehen Platanen, dahinter zweistöckige Häuser; unten sind Läden, oben Wohnungen. Auf den Bürgersteigen, am Eingang von Quergassen, liegen jetzt am Morgen oft Matten aus Stroh, und ich weiß, was darunter liegt. Ich sehe weg, aber ich sehe doch wieder hin. Manchmal sind die Matten etwas klein, und die Beine sind nicht ganz bedeckt. Die Fußgänger steigen darüber hinweg, wenn sie rechts oder links nicht vorbeigehen können. Unter den Matten liegen Tote. Zehntausende von Obdachlosen gibt es in Schanghai. Viele sind vom Land gekommen, andere sind hier in Not geraten und wurden aus ihrer Wohnung gewiesen. Sie haben immer in den Gassen in irgendeiner Ecke geschlafen; jetzt sind die Nächte ein wenig kühler geworden, da sterben die ganz Entkräfteten unter ihnen. Der Hausbesitzer, der einen Toten vor seiner Tür findet, schleppt ihn früh morgens sofort auf die Hauptdurchgangsstraße. Er will mit ihm nichts zu tun haben. Er will keine Scherereien, keine Protokolle. Er kennt den Toten ja nicht. Er nimmt eine alte Strohmatte und deckt ihn zu. Um neun Uhr kommt der städtische Lastwagen, und zwei Chinesen springen überall ab, wo sie Strohmatten sehen. Sie fassen die Leiche bei den Armen und Beinen und werfen sie mit hohem Schwung auf die Ladefläche. Dann geht es weiter. Die Matten legen sie auf dem Lastwagen beiseite auf einen Stapel; man kann sie noch zu Geld machen. Die Leichen werden daneben aufgeschichtet. Der Lastwagen fährt sie an den Stadtrand auf ein Feld, das der Internationalen Niederlassung gehört. Da werden sie verbrannt. Wie konnten wir das Elend ertragen? Nicht nur ich, wir Ausländer, die Chinesen: Wir alle, die wir in Schanghai lebten? Wenn wir an den Bettlern vorbeigingen, ohne sie zu sehen? Halbverhungerte, Krüppel, Blinde, Frauen mit Kindern. Die Kinder waren meist ausgeliehen, ihre Wunden und Geschwüre wurden zur Schau gestellt. Wenn man aus einem Restaurant kam, hüpften manchmal ein paar Knirpse vor dem Auto auf und ab und riefen, was man ihnen beigebracht hatte: »No Papa, no Mama, no Whisky!« Wenn man das zum ersten Mal hörte, lachte man. Man warf ihnen ein paar Münzen zu. Sie konnten sie nicht behalten, denn sie mußten alle Einnahmen ihrem Chef abliefern, und von denen gab es in Schanghai zwei: Dem einen gehörten die Bettler in der Internationalen Niederlassung, dem anderen die in der Französischen Konzession. Die Chefs lebten in großem Luxus; den Bettlern aber beließen sie nur so viel Geld, daß sie nicht ganz verhungerten und daß sie ihren Beruf weiter ausüben konnten. Sie verteilten die Bettler auf die geeignetsten Plätze, und sie waren es auch, die die Kinder ausliehen. Der Boß der Bettler in der Französischen Konzession hatte ein Schaustück, das stadtbekannt war und ihm viel einbrachte: Plötzlich, wenn man aus dem Kino oder der Chinesischen Oper kam, rollte eine Tonne herbei. Es war ein Junge, dem beide Beine und ein Arm fehlten. Der Rumpf steckte in einem Faß. Mit dem Arm, der ihm noch verblieben war, drehte er sich durch die Straßen, und zwar ganz rasch. Mit ihm lief ein anderer Junge, der das Geld einsammelte. Aber die beiden durften nur in der Französischen Konzession operieren. Wir lebten in der Welt der Reichen, auch unsere Dienerschaft: Zhang der Koch, Yüe der Boy, Schu der Kuli und die Kinderamah, die keinen Namen hatte und von sich selbst auch nur als Amah sprach. Alle zusammen verdienten sechsunddreißig Reichsmark im Monat und zum chinesischen Neujahr einen Sack Reis. Sie galten als reich, und sie fühlten sich als reich. Sie sahen keinen Bettler auf der Straße. Sie fürchteten seine Nähe wie die eines Aussätzigen. Man konnte daran kleben bleiben; man konnte das Große Elend auf sich herabziehen, dem niemand abhelfen konnte. Es war leicht, aus der Welt der Reichen in die des Elends abzugleiten; aber eher ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Armer - mit ehrlichen Mitteln, versteht sich, und mit seiner Hände Arbeit - in die Welt der Reichen aufstieg. Wir gaben den Hilfsorganisationen, den Kirchen; doch auch sie konnten nur wenigen helfen. Die Matten über den Leichen auf dem Bürgersteig waren nur ein Zipfel des Elends. Die große Matte deckte niemand auf. Es gab jedoch Menschen, die sich vorgenommen hatten, das Große Elend abzuschaffen, und den Großen Reichtum obendrein. Man sprach nur leise von ihnen, denn man wußte, sie waren in der Stadt. Sie waren überall. Aber die Old China Hands, die schon so viel in ihrem Leben in diesem Lande gesehen hatten, lachten laut über diese Pläne: Sie hatten sich in ihrem Reichtum angewöhnt, über die Chinesen und alles, was in China geschah, nur herablassend und süffisant zu sprechen und nichts ernst zu nehmen. Träumereien, sagten sie von dem Plan, das Elend abzuschaffen. Es waren die Träume Mao Zedongs und der Kommunistischen Partei. Ich fahre auf der Avenue Edward VII. bis zum Bund und biege dann links ein. The Bund ist die berühmte Schauseite der Stadt, die man zuerst erblickt, wenn man mit dem Schiff ankommt. Die meisten Leute kommen mit dem Schiff an. Rechts fließt der Huangpu, gelb und träge. Es liegen immer einige Ozeandampfer auf ihm vor Anker. Links am Bund stehen die festen Burgen der Herren von Schanghai: die großen Banken Englands und Amerikas mit ihren Säulenportalen, durch die man wie in einen Tempel eintritt. Da liegen Customs House, das Rathaus der Internationalen Niederlassung, das vornehme Cathay Hotel, das britische Generalkonsulat und dahinter die Garden Bridge. |
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| Cathy Hotel (heute Peace Hotel) | Deutsche Radio-Station | |
| Auf
ihr steht ein japanischer Soldat Wache, und alle, die vorübergehen,
müssen die Mütze oder den Hut abnehmen und ihn grüßen. Das deutsche Generalkonsulat ist in den beiden obersten Geschossen eines Bürohauses, Peking Road 2, untergebracht. Dort ist auch die Dienststelle der Deutschen Botschaft; nur die Dienststelle, die Wirtschaft, Presse und Rundfunk bearbeitet; die Botschaft selbst ist in Peking, das noch Peiping - »Nördlicher Friede« - heißt. Da gibt es nur eine kleine Zeitung in englischer Sprache, einen chinesischen Rundfunksender, und von Wirtschaft kann dort kaum die Rede sein. Aber Schanghai bleibt, auch im Weltkrieg und nach der Besetzung durch die Japaner, die wirtschaftlich bedeutendste Stadt Chinas. Hier erscheinen neben vielen chinesischen Zeitungen und Zeitschriften vier große Zeitungen in englischer Sprache und eine in deutscher, der Ostasiatische Lloyd. Es gibt sechsundzwanzig Rundfunksender, chinesische, englische, einen französischen und einen deutschen. |
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