Das koloniale Shanghai

Als Folge des verlorenen Opiomkrieges errichteten Amerikaner, Briten als auch Franzosen Niederlassungen in Shanghai. Vergleichbar Kolonien entstand ein französischer Stadtteil (Französiche Konzession) und aus dem Zusammenschluss der amerikanischen und britischen Gebiete das International Settlement. Diese waren von der chinesischen Regierung gepachtete Stadtbereiche, in denen eigenständige Verwaltungen einschließlich Polizei und Gerichtsbarkeit aufgebaut wurden. Der chinesische Teil Shanghais wurde nach heftigen Bombenangriffen durch die Japaner 1932 besetzt, die die Konzessionen allerdings unangetastet ließen. Nach den Angriffen auf Pearl Harbour besetzen die japanischen Truppen auch die Konzessionen in Shanghai. 1943 wurden alle Ausländer in Lager interniert. Mit der Kapitulation Japans endete die Besatzung und China erhielt die volle Souveränität über Shanghai zurück.

Medientipp:

Reich der Sonne
(Empire Of The Sun)

Film von Steven Spielberg aus dem Jahr 1987

Der zwölfjährige Jim (Jamie), ein großer Bewunderer japanischer Tapferkeit und vor allem ihrer Flugzeuge, wird beim Einmarsch der Soldaten Hirohitos in Shanghai von seinen Eltern getrennt. Nach einer Odyssee durch die Wirren der besetzten Stadt gelangt er in ein Internierungslager, das ihm ein neues Zuhause wird. Vom verzogenen Kind wird Jim zum gerissenen Händler mit den Dingen des täglichen Gebrauchs. Nach der japanischen Niederlage hat er das Glück, von den US-Marines aufgegriffen zu werden und seine Eltern wiederzufinden.

Erinnerungen des Autors Zhou Chun über Ereignisse im Jahr 1939 zeigen die Situation in der Stadt aus chinesischer Sicht auf.
Medientipp: Zhou Chun: Ach, was für ein Leben!
Autobiographischer Roman erschienen im Abera Verlag
ISBN 3-934376-27-4
Ausschnitt aus o.g. Buch S. 14ff: 
Die Garten-Brücke - Hass
Der Bund, die Uferpromenade, ist ein Lieblingsort der Touristen in Shanghai. Was sie hier suchen, ist mir nicht bekannt. Reminiszenzen an gestern, als Schiffe, groß und klein, mit Flaggen aller Nationen außer von China, auf dem Huangpu-Fluß hin und her fuhren, als ob sie sich in ihren eigenen Gewässern befänden? Oder suchen sie den Park, wo einst das »historische« berüchtigte Schild »Für Chinesen und Hunde verboten« gehangen hat?
Der Park trug damals den Namen Bundgarten, deswegen hieß die Brücke nebenan, die das International Settlement mit Hongkou, einem der chinesischen Bezirke der Stadt, verband, Garten-Brücke.

 
Garden Bridge - Blick von Hongkou auf den Bund  
Bis zum Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 hatten die japanischen Eindringlinge die Grenzen zwischen den von ihnen besetzten chinesischen Bezirken der Stadt und dem International Settlement sowie der French Concession noch geachtet. Sie eroberten ganz Shanghai erst nach diesem Angriff. Deswegen standen vorher immer zwei japanische Schildwachen mit Bajonetten in der Mitte der Garten-Brücke, jeweils an einer Seite. Alle Chinesen, Mann oder Frau, alt oder jung, reich oder arm, die diese Brücke überqueren wollten, mussten zehn Schritte von der Wache entfernt stehen bleiben, sich neunzig Grad tief verbeugen und durften erst wieder aufrecht stehen und weitergehen, wenn sie einen undefinierbaren Laut hörten, wie etwa wenn man einen Hund verjagt. Um diese Brücke in Sicherheit überqueren zu können, hätte man sich eigentlich vorher von den Japanern trainieren lassen müssen, denn es geschah nicht selten, dass ein Chinese, der mit diesem japanischen »Ritual« nicht vertraut war, Fehler machte. Was für Fehler? Oh, alle möglichen. Man konnte zu weit vor oder zu nahe an der Wache stehen bleiben. Oder statt neunzig Grad verbeugte man sich nur fünfundvierzig Grad, ganz unbewusst nach der chinesischen Gewohnheit. Oder man hob eine Sekunde zu früh den Kopf. Oder man schaute unwillkürlich nach der Wache. Und wehe dem Chinesen, der einen solchen Fehler machte! Eine Ohrfeige wäre noch sein »Glück« gewesen, denn er konnte wenigstens nur mit einer geschwollenen Wange oder mit einem blutenden Mund seines Weges gehen. Manche wurden brutal geschlagen, bis ihnen das Blut in die Augen rann. Manche wurden heftig gekickt, so dass sie auf die Brücke fielen und sich vor Schmerzen rollten. Manche mussten in der Sonne oder im Regen stundenlang vor der Wache aufrecht stehen und bei jeder unwillkürlichen Bewegung sich selber ohrfeigen. Was einem Mädchen oder einer jungen Frau passieren konnte, will ich hier lieber verschweigen.
Meine Mittelschule befand sich in dem chinesischen Bezirk Hongkou jenseits der Brücke. An Schultagen musste ich zweimal über diese Brücke gehen und zweimal dieses Japanische »Ritual« richtig durchführen. Glücklicherweise ist mir nie etwas passiert. Doch soll ich mich bei den Japanern für ihre Großzügigkeit und Gastfreundlichkeit bedanken?
Ach nein, etwas ist mir doch passiert, aber auf eine ziemlich komische Weise. Einmal winkte mich eine Wache - nicht sehr barsch - heran. Mit klopfendem Herzen näherte ich mich ihr. Irgendwie hatte der japanische Soldat den weichen Flaum auf meiner Oberlippe bemerkt. Mit seinen Fingern versuchte er ihn zu ziehen und zu wickeln. Dabei sagte er zu mir lächelnd etwas auf japanisch, was ich nicht verstand. Ich stand starr da, der neugierigen Blicke der Vorübergehenden gewahr. Vielleicht aus Mangel an Erwiderung meinerseits verschwand sein Interesse, und mit einem Winken der Hand hieß er mich weitergehen. Ich war zwölf oder dreizehn. Dieser »Tiger mit einem lachenden Gesicht« konnte kaum älter sein.
In der Grundschule wurden wir im Geist des Patriotismus erzogen. Geschichten von chinesischen und ausländischen Patrioten sind seitdem in meinem Gedächtnis geblieben. Aber jetzt musste ich mich - Bürger eines großen Landes - vor Soldaten eines viel kleineren Landes verbeugen, und das in meinem eigenen Land?! Sicherlich war das sehr weit von einer patriotischen Haltung entfernt! Hatte ich meinen Sinn für Patriotismus verloren? Wieso fühlte ich nur Furcht, jedes Mal wenn ich diese Brücke überqueren musste?
Die Antwort präsentierte sich ganz zufällig.

 
Garden Bridge: Blick vom Bund Richtung Hongkou  
Zhang war ein langjähriger Mitarbeiter in Vaters Werkstatt. Wegen seiner Loyalität war er fast so etwas wie ein Mitglied der Familie geworden, jedenfalls ein gern gesehener Gast. Und für mich war er wie ein großer Bruder. Eines Abends war er dem Weinen nahe, als er kam. Er weinte auch, als Mutter nach seinem Zustand fragte. Wir dachten alle, etwas Unangenehmes müsste in seiner Familie passiert sein. Aber nein, es war viel schlimmer.
An jenem Tag, als er die Garten-Brücke überquerte, war er in Eile und hatte deshalb seinen Kopf eine Sekunde vor dem undefinierbaren Laut erhoben, den die Wache als Passiersignal zu geben pflegte. Er hatte zwar seinen »Fehler« gleich bemerkt und schnell seinen Kopf wieder gesenkt, aber da war es schon zu spät. Die Ohrfeige war so stark, dass er beinahe sein Gleichgewicht verloren hätte. Tränen sprangen ihm in die Augen. Schmerz? Demütigung? Hass? Oder eine Kombination von allem?
 
1939: Foochow Road  

Der Polizeidienst in den Konzessionen ließen die Europäer durch ausländische Arbeitskräfte ausüben.

Die Franzosen rekrutierten Vietnamesen aus ihrer Kolonie während die Engländer sich Indern und Russen bedienten, um die Shanghainesen zu disziplinieren.

1939: Polizisten der verschiedenen Konzessionen