Die China-Strategie des HSV
Wie der Klub in Shanghai neue Märkte erschließen
will
Hamburg/Shanghai
- Der Fußball in China hat derzeit so seine Probleme:
Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2006 wurde verpaßt,
und die heimische Liga kränkelt. Manipulationsvorwürfe sind
an der Tagesordnung. Dennoch reisten die HSV-Vorstände Bernd Hoffmann
und Katja Kraus sowie Klubmanager Bernd Wehmeyer diese Woche nach Shanghai,
um den HSV als ersten Verein der Bundesliga in China mittel- und langfristig
zu positionieren.
"Man kann durchaus von einem antizyklischen Vorgehen sprechen,
und unser Interesse wird honoriert", zog Hoffmann eine mehr als
zufriedene Bilanz vor dem heutigen Rückflug. Zunächst wurde
mit Shenhua Shanghai (dort spielte auch Jörg Albertz) eine unbefristete
Kooperation vereinbart, die den Austausch von Trainern und die Zusammenarbeit
der Fußballschulen beinhaltet. Die Partnerschaft beginnt mit dem
vereinbarten Freundschaftsspiel in der Woche nach Ende der Bundesliga-Saison
(21. Mai). Über konkrete weitere Inhalte soll bis Herbst gesprochen
werden. Selbstverständlich hat der HSV ein Erstzugriffsrecht bei
Talenten, doch die Verpflichtung eines Chinesen ist aktuell unwahrscheinlich,
und Transfers haben nicht oberste Priorität.
Erstaunlich:
Durch das Interesse an den Auftritten von Naohiro Takahara und Mehdi
Mahdavikia hat der HSV derzeit die meisten Sendeminuten aller Bundesligaklubs
in Asien. Doch im internationalen Vergleich hat Deutschland Nachholbedarf.
Hoffmann: "Fußball ist zwar in China die Sportart
Nummer eins, aber die Aufmerksamkeit richtet sich in erster Linie auf
die Ligen in England, Italien und Spanien."
Die Champions-League-Spiele
sind in China problemlos zu verfolgen. Doch auch drei Bundesligaspiele
werden pro Wochenende gesendet: Je ein Premiere-Spiel am Sonnabend
und Sonntag live, dazu eine dritte Begegnung zeitversetzt. Durch das
Langzeit-Projekt wollen die HSV-Verantwortlichen nun versuchen, das
Bewußtsein für den Fußball in der
Hansestadt zu stärken, und auf Sicht einen neuen (lukrativen) Markt
erschließen.
Die Reise
diente deshalb vor allem der Pflege von Kontakten - Hoffmann reiste
bereits im September mit der Delegation von Bürgermeister
Ole von Beust nach Shanghai - und dem Ausloten von Potential und Möglichkeiten
in Hamburgs Partnerstadt.
Zu diesem
Zweck führte die HSV-Delegation mehrere Gespräche:
mit einer Vermarktungs- und Sponsoring-Agentur, dem Goethe-Institut,
der Hamburger Vertretung und natürlich den Vertretern von Shenhua.
Auch die Politik zeigte sich interessiert: "Der Bürgermeister
ist ein großer Sportfan", sagte Hoffmann. Nicht nur das: Die
Schwester von Shenhuas General-Manager Wu Jinan ist "Außenministerin" der
Stadt. Eine perfekte Verdrahtung . . . Außerdem untersuchte die
HSV-Delegation intensiv die Absatzmöglichkeiten von Merchandising-Artikeln
in Einkaufsläden.
In Shanghai
wurde über die HSV-Besucher medial umfangreich berichtet.
Kommende Woche zeigt der größte TV-Sender Shanghais eine 30minütige
Sondersendung über den HSV. Bildmaterial hatten Hoffmann & Co.
im Reisegepäck mit dabei. lx
erschienen
am 10. März 2005 in Sport / Hamburger Abendblatt
tagesspiegel
vom 6.3.2005
Im Schatten
des Booms
Auf dem Volkskongress verspricht Chinas Regierung den verarmten Bauern
Hilfe
Von Harald Maass, Peking
Manche
der Mädchen in der Lihua-Textilfabrik waren erst 14 Jahre
alt. Doch ihr Arbeitstag bestand schon aus zwölf Stunden. Bis
Mitternacht hätten die Kinder und Jugendlichen in den dunklen
Nähstuben sitzen müssen, berichtet die Menschenrechtsorganisation
Human Rights in China. Als fünf der Mädchen Ende vergangenen
Jahres im engen Schlafraum an einer Kohlenmonoxidvergiftung starben,
ließ der Fabrikbesitzer die Körper einfach vergraben. Erst
später stellte sich heraus, dass zwei der Mädchen noch
gelebt hatten. Die Tragödie in dem Landkreis Luancheng, nur wenige Autostunden
von der Hauptstadt Peking entfernt in der Provinz Hebei, zeigt die
Schattenseiten des chinesischen Wirtschaftsbooms. Die Bauern in der
ländlichen Gegend sind so arm, dass sie ihre Kinder zur Arbeit
schicken müssen. Mehr als hundert Kinder und Jugendliche schuften
nach Informationen von Human Rights allein in diesem Landkreis in den
Textilfabriken. Ein Leben ist dort nicht viel wert. Bei Unfällen
oder tödlichen Unglücken zahlen die Fabrikbesitzer ein paar
Tausend Yuan als Schweigegeld an die Hinterbliebenen – umgerechnet
einige hundert Euro. Dann stellen sie aus dem Heer der Wanderarbeiter
neue Arbeiter ein. Chinas
800 Millionen Bauern und Landbewohner sind die Verlierer der Reformen.
Der Wirtschaftsboom der vergangenen zwei Jahrzehnte fand vor allem
in den Städten statt. Während in Peking, Shanghai
und Guangzhou immer neue Wolkenkratzer gebaut wurden und sich viele
Stadtbewohner heute ein eigenes Auto leisten können, leben die
Menschen auf dem Land bis heute oft in bitterer Armut. 236 000 Dollar-Millionäre
gab es vergangenes Jahr in China. Gleichzeitig mussten 29 Millionen
Chinesen mit weniger als 70 Euro im Jahr auskommen. Weil Fleisch zu
teuer ist, wird nur Reis und Gemüse gegessen. Weil die Schulgebühren
zu teuer sind, bleiben die Mädchen oft zu Hause. Arbeit gibt es
auf dem Land oft keine. Mehr als 100 Millionen Bauern sind seit Chinas Öffnung
in die Städte gezogen, um als Billigarbeiter und Bedienstete anzuheuern. „China
hat die größten wirtschaftlichen Ungleichheiten der Welt,
und es wird schlimmer“, sagte der Wirtschaftsexperte Hu Angang
von der Akademie der Wissenschaften. Die wachsende Kluft zwischen Arm
und Reich sorgt für soziale Spannungen: Jede Woche kommt es im
Land zu Unruhen und Aufständen. Entlassene Angestellte von Staatsfabriken
demonstrieren, weil sie um ihre Pensionen betrogen wurden. Bauern sperren
Straßen, weil sie die Steuern nicht mehr zahlen können.
40 Millionen Chinesen haben in den vergangenen Jahren ihre Landrechte
und oft einzige Einnahmequelle verloren. Auf dem Volkskongress hat
die Regierung nun einen verstärkten Kampf gegen die Armut angekündigt.
Die Landwirtschaft sei eines der „schwachen Glieder“ des
Landes, erklärte Premier Wen Jiabao in seinem Rechenschaftsbericht
am Samstag. Bis 2006 sollen deshalb die Agrarsteuern abgeschafft werden.
Bis 2007 will die Regierung außerdem für alle Kinder eine
neunjährige Schulausbildung garantieren. Arme Familien sollen
dazu von Schulgebühren und Bücherkosten freigestellt werden. Umgerechnet
eine Milliarde Euro will Wen ausgeben, um entlassene Arbeiter aus Staatsfabriken
wieder in eine Beschäftigung zu bringen.
Doch es ist zweifelhaft, ob Pekings Maßnahmen zur Armutsbekämpfung
ausreichen. Viele Bauern sind schon heute offiziell von der Steuer
befreit. Trotzdem werden sie von lokalen Kadern ausgebeutet, die ihnen
immer neue „Gebühren“ abpressen. Chinas Wohlstandsgefälle
ist das Ergebnis von Politik: Seit Ende der siebziger Jahre förderte
Peking einseitig die Städte. In den dicht besiedelten Küstenprovinzen
entstand nicht nur das industrielle Rückgrat für Chinas Aufschwung.
Pekings KP-Führer sicherten sich auch politisch ab: Um die urbane
Elite des Landes zufrieden zu stimmen, gingen 80 Prozent aller staatlichen
Investitionen in die Städte. Chinas Bauern, die einst mit Mao
die Volksrepublik erkämpft hatten, sind heute nur noch Bürger
zweiter Klasse.
Energiemangel in der Millionen-Metropole
In
Schanghai ruht zeitweise die Produktion
Von Kerstin Lohse, ARD-Hörfunkstudio
SchanghaiEnergiemangel
in Schanghai: 8.000 Unternehmen müssen in den nächsten
Monaten ihre Produktion drosseln. Um mit der wirtschaftlichen Entwicklung
Schritt halten zu können, wären in China zusätzliche 30.000
Megawatt pro Jahr notwendig - das entspricht rund einem Viertel der gesamten
deutschen Stromerzeugungskapazität.Da
in Schanghais Häusern traditionell keine Heizungen installiert
werden, heizen die meisten Bewohner mit Hilfe von Klimaanlagen und Radiatoren,
die viel Strom verbrauchen. Durch den so noch akuteren Energiemangel
müssen mehr als 8000 Betriebe im Raum Schanghai in den nächsten
Monaten ihre Produktion an zwei Tagen in der Woche einstellen oder auf
das Wochenende verlegen. Dies meldet die Zeitung "Shanghai Daily".
Unternehmen aus allen Industriezweigen, darunter auch Joint-Venture,
sind von dieser Regelung betroffen, die vorerst bis Anfang März
gilt. Weitere Unternehmen werden möglicherweise folgen müssen,
sollte die Nachfrage auch weiterhin die Energievorräte übersteigen,
so ein Vertreter von Schanghai Electric Power.
Schätzungen zufolge wird der Energiebedarf der 20-Millionen-Stadt in diesem
Winter 20 Prozent höher liegen als im vergangenen Jahr. Bereits in den
Sommermonaten war es landesweit zu Engpässen in der Energieversorgung
gekommen. In 24 von 31 Provinzen musste der Strom abgeschaltet oder zumindest
rationiert werden. Eine Besserung wird frühestens im kommenden Jahr
erwartet, wenn neue Kraftwerke ans Netz gehen.Mit der Situation arrangiert
Bis
dahin müssen viele ausländische Investoren zwei Tage die
Woche ohne Strom auskommen. Eva Schwinghammer vom Maschinenbauunternehmen
Trumpf ist überrascht, dass die ausländischen Hersteller bisher
nicht rebellieren. Viele seien schon froh, dass sie dieses Mal im Vorfeld
gewarnt worden seien und man ihnen zugesichert habe, keine abrupten Abschaltungen
vorzunehmen. Schwinghammer sagte, sie finde es sehr verwunderlich, "dass
man es in einem Land wie China anscheinend akzeptiert, dass es diese
Einschränkungen gibt". Man habe sich mit der Situation arrangiert
und gebe sich zufrieden mit der Ankündigung der Regierung, das Problem
in zwei bis drei Jahren gelöst zu haben.Zusätzliche 30.000 Megawatt jährlich nötig
Chinesische
Wirtschaftsplaner sehen der Zukunft fast panisch entgegen. Besonders
die Energiefrage ist mehr denn je zum Politikum geworden. Lösen
soll sie eine kleine Gruppe von Leuten in der Energieabteilung des Planungsministeriums
unter der Leitung von Hao Weiping: "In Zukunft müssen wir jedes
Jahr 20-30.000 Megawatt Kraftwerksleistung hinzubauen, um mit der wirtschaftlichen
Entwicklung Schritt halten zu können." 30.000 Megawatt pro
Jahr - das entspricht rund einem Viertel der gesamten deutschen Stromerzeugungskapazität.
Chinas Energiebedarf ist in den letzten Jahren fast doppelt so schnell
gewachsen wie die Wirtschaft.Energiemangel bedroht Wirtschaftswachstum
Der
enorme Zustrom von Investoren hat das Billiglohnland China zur
Fabrik der Welt werden lassen. Mit steigendem Lebensstandard explodiert
auch der Energieverbrauch. Und das, obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch
mit 1.300 Kilowattstunden erst bei der Hälfte des Welt-Durchschnitts liegt.
Allein im vergangenen Jahr wurden 41 Kraftwerkprojekte genehmigt, doch
bis diese fertig sind, werden Jahre vergehen. Der wachsende Energiemangel
bedroht das Wirtschaftswachstum, meint der Ökonom Zuo Dapei aus
Peking. Er gehe davon aus, dass Chinas Wirtschaft das Potenzial hat,
auch in den nächsten zehn Jahren um durchschnittlich acht Prozent
zu wachsen. Der Energiemangel könnte allerdings zum Engpass werden.
Fehlende Investitionen in die Stromindustrie Ende der 90er Jahre seien
der Grund, dass heute nicht genügend Energie vorhanden ist. China
hätte das Kapital gehabt, aber kurzsichtige Regierungsvertreter
haben damals aus Sorge vor Überkapazitäten mehr als drei
Jahre lang verboten, in Kraftwerke zu investieren. Chinas
eigenen Berechnungen zufolge wird sich der Energiebedarf bis zum
Jahr 2020 fast verdreifachen. Kein anderes Land muss in der nächsten
Zeit so viel in den Ausbau seines Energiesektors investieren wie
China, prophezeit die Internationale Energiebehörde in Paris:
Rund 70 Mrd. US-Dollar pro Jahr werden notwendig sein. tagesschau.de
vom 22.01.2005
Einmal Shanghai, bitte!
Vier
Räder
sind nicht immer Formel 1 Von Tilman
WörtzVorbei die
Zeiten, als Shanghai eine Stadt der Fahrradfahrer war. Doch 17 Millionen
Einwohner müssen sich erst an Autos im Straßenverkehr
gewöhnen. Für Europäer bedeutet das: Überlebensstrategie
komplett ändern. Genau fünf Stunden bevor Michael Schumacher beim Großen
Preis von Shanghai im September 2004 nur Platz zwölf erreichte,
Barrichello jubelte und Ecclestone mal wieder ein "asiatisches Jahrhundert" vorhersagte,
steuerte mein Taxi zur Hutai-Straße, weil sich das Manöver
so günstig als Abkürzung zum Express-Highway anbot. Meine Frau
und mein Sohn saßen auf dem Rücksitz, nachkommenden Fahrzeugen
war der Taxifahrer kein abschreckendes Beispiel, sondern er war der Mutige,
der die Schneise schlug, in die nun alle drängten.Ich denke
bei Shanghai und vier Rädern nicht an Formel 1, sondern
an 17 Millionen Menschen, die sich erst an Autos im Straßenverkehr
gewöhnen müssen. Noch vor fünfzehn Jahren sind ausschließlich
Limousinen der Funktionäre und vielleicht ein paar Schweinetransporter über
die Straßen Shanghais gecruist. In dem Welt-Bestseller "Tod
einer Roten Heldin" von Qiu Xiaolong, der Anfang der 90er Jahre
spielt, ist Oberinspektor Chens einzige Spur zur Klärung eines Mordfalls
die weiße Limousine eines Parteibonzen-Sprosses. Heute wäre
sein Anfangsverdacht hoffnungslos im Verkehr allein der weißen
Limousinen erstickt, ganz zu schweigen vom Gedrängel der 850.000
anderen Autos. Vorbei die Zeiten, als Shanghai eine Stadt der Fahrradfahrer
war.Fahrräder gibt es natürlich immer noch. Und sie fahren immer
noch ohne Licht. Das erklärt einen Teil der 104.000 Verkehrstoten
im vergangenen Jahr in ganz China. In keinem anderen Land leben Verkehrsteilnehmer
gefährlicher. Die ganze Nation erlebt gleichzeitig den Kick des
Achtzehnjährigen, der zum ersten Mal hinters Steuer darf und vor
lauter Gasgeben vergisst, wo sich die Bremse befindet. Da muss Aufklärung
her.Der Staat
hat reagiert. Die "New York Times" berichtet von
einer Führerscheinprüfung für Motorradfahrer, in der folgende
Fragen mit "richtig" oder "falsch" beantwortet
werden mussten:
1: Sie kommen an einer Unfallstelle vorbei. Ein Motorradfahrer liegt
am Boden. Sollen Sie den Verletzten heftig schütteln, um ihn wieder
zu Bewusstsein zu bringen?
2: Ein Teil seiner inneren Organe liegen neben ihm auf dem Boden. Müssen
sie diese zurück in den Körper stopfen?Geschmacklos,
zugegeben, aber wahr. Selbst der chinesische Präsident
hat schon auf Seite eins der "China Daily" die Bevölkerung
aufgefordert, die Verkehrsregeln endlich zu beachten. Das würde
die Effizienz im Straßenverkehr erhöhen.Als Europäer muss man seine Überlebensstrategie komplett ändern.
In Deutschland lebt ein Fußgänger gefährlich, der beim Überqueren
einer zweispurigen Straße weitergeht, obwohl sich ein Auto nähert.
Er verletzt eine Regel und muss dafür notfalls mit dem Tod bestraft
werden. In Shanghai ist das umgekehrt. Verkehrsteilnehmer stoßen
sofort in sich öffnende Freiräume vor. Regeln gelten noch weniger
als Vorschläge. Der deutsche Fußgänger würde also
genau an der Stelle stehen bleiben, auf die das Auto ausweicht, um den
Fußgänger nicht dort umzufahren, wo er aller Vorausahnung
nach gehen würde. Ganz wichtig
also: Nicht einfach auf das grüne Männchen an
der Ampel achten, sondern improvisieren. Das macht mich nervös.
Ganz besonders, wenn ich mit Frau und Kind unterwegs bin. Für Kinderwagen
gilt nämlich das gleiche Gesetz wie für Fußgänger:
Sofort in Freiräume vorstoßen, egal was kommt.
Stern vom vom 18. Januar 2005
Hamburgs
große Gala in
Shanghai
Kontakte: Hamburg Tourismus hatte 400 Gäste in das Hotel Shangri
La geladen. Von
Kerstin von Stürmer* Weiß und Rot waren die Farben des Abends - der Festsaal des Hotels
Shangri La am Fluß Huangpu war ganz in Hamburger Hand. Am Vorabend
der Eröffnung der Internationalen Tourismus-Messe hatte Hamburg
Tourismus zu einer großen Gala geladen. Mehr als 400 Gäste
kamen, vor allem Vertreter der Stadt Shanghai, chinesische Tourismus-Experten
aber auch Mitarbeiter deutscher Firmen. Katja Hellkötter eröffnete den Abend in perfektem Chinesisch.
Sie ist bereits sechs Jahre als Leiterin des Hamburg-Büros in Shanghai.
Man wolle an diesem Abend vor allem um Sympathie werben, so Senatsdirektor
Franz J. Klein zur Begrüßung. Die Gala solle helfen, Hamburg
noch mehr ins Bewußtsein der chinesischen Öffentlichkeit zu
rücken. Die Hansestadt sei zwar bereits das chinesische Zentrum
in Europa, beide Städte hätten aber noch Potential. Man hoffe
nicht nur auf Tausende Touristen aus China, sondern auch auf wirtschaftliche
und kulturelle Kontakte. Daß die Sprache dabei kein Hindernis sein muß, bewies der
Hamburger Pianist Gottfried Böttger. Sein Auftritt, ein Streifzug
durch die Hamburger Musikgeschichte der letzten 50 Jahre, begeisterte
das Publikum. Musik sei eben eine ganz spezielle Sprache, die überall
verstanden wird, beschrieb der chinesische TV-Star und Moderator des
Abends, Lin Dongfu, den Auftritt seines Hamburger Freundes und auch
den der Hamburger Stadtmusikatzen, die ebenfalls als Botschafter der
Kulturmetropole Hamburg mit nach Shanghai gereist sind. Der deutsche
Generalkonsul in Shanghai, Dr. Wolfgang Röhr, genoß den
Abend sichtlich, war diese Veranstaltung doch ein Stück Heimat.
Er ist Hamburger und vertritt die Bundesrepublik in Shanghai. Am Büfett war für die mitgereisten Hamburger Zeit für
Gespräche mit Vertretern der Stadt Shanghai und der Wirtschaft.
Denn trotz der guten Beziehungen steht noch einiges auf der Wunschliste
der Hamburger. Ein Ergebnis hat der Abend schon gebracht: Shanghai
wird auf der Messe Reisen 2005 als Partnerstadt vertreten sein. Und
im kommenden Jahr wird es eine Shanghai-Gala in der Hansestadt geben. * Die Autorin
ist Redakteurin bei "NDR 90,3" Hamburger
Abendblatt - erschienen am 20. Januar 2005 in Hamburg
Metropole im Umbruch
Shanghai
- Stadt der Gegensätze Shanghai (rpo).
Shanghai gilt als eine der Boomtowns und Megacities der Welt schlechthin.
Boomende Wirtschaft, riesige Hochhäuser und
nicht zuletzt die neue Formel 1-Strecke werden diesem Ruf gerecht. Doch
hinter den spiegelnden Fassenden gibt es noch ein anderes Shanghai, das
sich ebenfalls zu entdecken lohnt.
Das
neue, mondäne Shanghai findet man tagsüber am berühmten "Bund",
der Uferpromenade am Jangtse Fluss: Bauten im Kolonialstil inklusive
einer Big Ben-Nachahmung im Rücken und den Blick auf die Postkartenansicht
am anderen Ufer, wo sich eine Meisterleistung der Hochhausbaukunst an
die andere reiht. Da sind zum Beispiel der ausladende Oriental Pearl
Tower mit seinen kugelförmigen Aussichtsplattformen und das schlichtere,
an New Yorker Architektur erinnernde Jin Mao Gebäude. Es ist mit
421 Metern das höchste Gebäude Chinas. Von seinem Aussichtsdeck
bietet sich dem Besucher ein meist nebliger Blick über die Megastadt.
Im
Century Park zwischen den Bankentürmen erlebt man Shanghai tatsächlich
als die boomende Wirtschaftsmetropole, als die sie häufig beschworen
wird: Hier sind Geschäftsleute mit Schlips und Kragen unterwegs,
werden tagtäglich immense Geldsummen bewegt, die Shanghai zu einem
der interessantesten Wirtschaftszentren der Welt machen.Ruhe am
Morgen
Ein
romantischeres und stilleres Bild von der Stadt bekommt man, wenn man
den Bond am frühen Morgen aufsucht - wenn zwischen 5 und 7 Uhr
Chinesen auf der Promenade ihre Entspannungsgymnastik Qi Gong üben,
und wenn in die Jahre gekommene Pärchen neben einem Kofferradio
auf dem Bürgersteig Tango tanzen. Dann liegt eine große Ruhe
und Entspannung über der erwachenden Stadt."Die schnelle Entwicklung der letzten 25 Jahre hat eine wirtschaftliche
und architektonische, aber eben eine oberflächliche Veränderung
gebracht", sagt Christoph Zang. Der 25-jährige Saarländer
hat in London Sinologie studiert und arbeitet seit 16 Monaten für
Siemens in Shanghai. "Die kulturelle Entwicklung geht aber sehr
viel langsamer vor sich." Weder das kulturelle Angebot noch der
Lebensstandard in Shanghai könne deshalb mit anderen internationalen
Metropolen mithalten.Das ursprüngliche Shanghai ist in den alten Stadtvierteln der ehemaligen
französischen oder jüdischen Konzession noch zu sehen und zu
erleben. Alte Männer sitzen auf der Straße über ein Tischspiel
gebeugt. Mütter spielen mit Kindern. Junge Frauen verkaufen Zuckerrohr,
von dem sie die Schale abschnitzen, und auf dem ihre Kunden herumkauen,
um den süßen Saft herauszulutschen. Ein längst pensionierter
Messerschleifer schärft aus Gefälligkeit für umgerechnet
20 Cent die Messer seiner Nachbarn.Häuser
warten auf Abriss
Auch
das ist Shanghai. Noch. Denn viele der Straßenzüge sind
schon verlassen. Baugerüste aus Bambusstäben verkleiden die
Fassaden der einfachen Häuser, die auf ihren Abriss warten. Die
Regierung zahlt den Menschen, die seit Generationen hier leben, Abfindungen,
damit sie in die Randbezirke der Stadt umziehen - die alten Straßenviertel
werden eingestampft und neue Wolkenkratzer in Windeseile in die Luft
gezogen.
Der Reiseveranstalter
China Tours will Touristen das zweite Gesicht Shanghais zeigen. Der
Geschäftsführer, Herr Liu Guosheng hat
in Hamburg studiert und organisierte einst für Studienfreunde die
ersten Reisen in sein Heimatland. Dabei bemühte er sich, ihnen das
wahre China, jenseits der Hauptverkehrsstraßen zu zeigen. Diesem
Bemühen ist er treu geblieben und hat ihn zum Grundsatz für
sein Reiseunternehmen gemacht. Mit der wachsenden Anzahl der Wolkenkratzer,
wird die Suche nach den originalen Schauplätzen wohl immer schwieriger.
Ein Besuch der Stadt im Jangtse Delta lohnt sich, solange die konstruierte
Oberfläche der Metropole ihre Geschichte noch nicht ganz verdrängt
hat.
RP online v. 21.1.2005
U-Bahn
von Hamburg nach Shanghai
Hamburg -
Freitag, sieben Uhr morgens. Am Containerterminal Altenwerder fahren
Sattelschlepper vor. Ihre Fracht: zwölf U-Bahn-Waggons von
Siemens im Wert von insgesamt mehr als zehn Millionen Euro. Zwei komplette
Metrozüge. Jeweils 140 Meter lang und 220 Tonnen schwer. Kurz darauf
schwebt der erste Waggon unter einer der riesigen Containerbrücken,
wird langsam in eine Ladeluke der "Shanghai Express" gehievt.
Zentimetergenau.
Shanghai
- das ist auch das Ziel der Reise. Ankunftstermin ist der 7. Januar
2005. Wann das Schiff am Sonnabend abfährt, bleibt geheim. "Aus
Sicherheitsgründen", sagt der Sprecher von Siemens in Hamburg,
Lars Kläschen, dem Abendblatt.
Insgesamt
sieben Stunden dauert die Verladeaktion im Containerterminal Altenwerder.
Zwei komplette U-Bahn-Züge landen so im Bauch des Riesenschiffs.
Hergestellt wurden sie in einem Werk des Elektrokonzerns Siemens in Wien.
In einem chinesischen Werk hat der deutsche Elektrokonzern zusammen mit
einem Partner im Rahmen eines Joint-ventures weitere 26 Züge gefertigt.
Sie sollen wie die Züge aus Wien auf einer der größten
Vorortlinien der chinesischen Metropole Shanghai fahren.
"Der Gesamtwert des Auftrags für die 28 Züge beläuft
sich auf rund 150 Millionen Euro", sagt Siemens-Sprecher Kläschen.
Abgewickelt wird der komplette Transport von der Hamburger Spedition
Kühne & Nagel. me
Hamburger Abendblatt vom 12. Dezember 2004
Last Exit Hongkou
Als
die deutschen Juden einwanderten, gab es in der Stadt nicht weniger
als sieben Synagogen, fünfzig Zeitungen und Zeitschriften, die in
neun Sprachen gedruckt wurden und von denen dreißig auch im Zweiten
Weltkrieg erschienen. Auf Spurensuche im ehemaligen jüdischen
Viertel von Schanghai
VON GEORGES HAUSEMER Grillenkämpfe
sind im heutigen China offiziell verboten. Doch die Insektenhändler
auf dem Zhoushan-Markt lassen ihren Tierchen sorgfältigste Pflege
angedeihen, vor allem den männlichen Vertretern
der Gattung. Denn mit ihnen lässt sich gutes Geld verdienen, weshalb
sie üppig gefüttert werden und in geräumigen, mit Samt
und Seide ausgelegten Behältern auf Käufer warten dürfen.
Das tun die Männchen in aller Stille, denn das typische Zirpen,
für das die weiblichen Heuschrecken von jeher von den Chinesen
so geliebt werden, ist ihre Sache nicht. Mit augenzwinkernder Verschwörermiene öffnet
der Verkäufer den Deckel und erlaubt einen flüchtigen Blick
ins Innere einer Schachtel. Für unerlaubten Handel mit Grillenkämpfen
ist der Zhoushan-Markt ideal: klein, unspektakulär, getarnt als
Umschlagplatz für legale Haustiere. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft
werden Fahrräder und Rikschas repariert, Holzmöbel gezimmert.
In einer winzigen Suppenküche sind ein paar Burschen mit der manuellen
Herstellung von Nudeln beschäftigt, die anschließend hungrigen
Passanten vorgesetzt werden.
Kein
Ort also, der in den einschlägigen Touristenbibeln erwähnt
wird. Dabei war die Zhoushan-Straße einst eine der Lebensadern
des Hongkou-Viertels. Aber auch dieser Stadtteil im Nordosten von Schanghai,
noch in Sichtweite der berühmten Uferpromenade, dem Bund, wird
in den meisten Reiseführern höchstens mit einer Randbemerkung
bedacht. Es ist eine Gegend, die nicht in das Selbstbildnis der schnell
wachsenden, resolut auf die Zukunft ausgerichteten 17-Millionen-Stadt
passt. Hier werfen, im Gegensatz zum futuristischen Pudong jenseits
des Huangpu-Flusses, keine gigantischen Turmklötze ihre langen
Schatten. Keine hochtrassigen Autobahnen durchschneiden das gewachsene,
mitunter dörflich anmutende Gefüge, wo man noch alten Männern
mit Spitzbart und Greisinnen im Mao-Blaumann begegnet.
Ins
Bild vom alten Asien, dem in den chinesischen Megastädten auch
viele Einheimische nachtrauern, passt auch der Huoshan-Park. Vormittags
treffen sich hier, nicht weit vom Grillenmarkt entfernt, ältere
Herrschaften zur gemeinsamen Tai-Chi-Gymnastik. Die Musik dazu dröhnt
aus einem Gettoblaster, der genau vor jener Gedenktafel postiert ist,
die auf eine der vergessenen Epochen der Schanghaier Geschichte verweist.
Gewidmet ist das Denkmal jenen jüdischen Flüchtlingen, die
sich zwischen 1933 und 1939 in Schanghai vor der nationalsozialistischen
Barbarei in Sicherheit brachten.
Die
meisten von ihnen kamen aus Deutschland und Österreich, völlig
mittellos, höchstens mit den fünf Reichsmark und den zwei
Koffern ausgestattet, die man ihnen bei ihrem Auszug aus dem kriegstreiberischen
Europa genehmigt hatte. Hongkou war ihr letzter Ausweg. Nach der Reichskristallnacht
1938 ermöglichte von allen Ländern und Städten der Welt
nur noch Schanghai, das unter Verwaltung der französischen, englischen
und japanischen Kolonialmächte stand, den Juden eine visum- und
auflagenfreie Einreise. 20.000 bis 30.000 sollen es gewesen sein, die
in den Armenvierteln nördlich des Huangpu abstiegen, die wenigsten
mit gutem Gefühl. Denn das als gefährlich geltende China
war vielen fremd, seine Kultur unbegreiflich.
Vor
allem Schanghai, das bereits in den 1930er-Jahren so kosmopolitisch
war wie kaum eine zweite Stadt der Erde, hatte den Ruf, eine Ganovenmetropole
und ein Sündenpfuhl zu sein, wo Menschen, von einem mörderischen
Klima geplagt, in Slums vegetierten oder schlichtweg auf der Straße
krepierten. Wang Fa Liang kennt die Geschichte von Hongkou aus eigener
Erfahrung. Vor 85 Jahren wurde er in diesem Viertel geboren. Hier arbeitete
er als junger Kellner, als die vor Hitler geflüchteten Juden in
den engen, schäbigen Ziegelbauten einzogen. Man sprach von einem
Getto, doch in Wahrheit handelte es sich um ein friedliches, auf gegenseitiger
Hilfsbereitschaft beruhendes Miteinander. "Wider Erwarten verstanden
sich die Chinesen und ihre neuen Nachbarn sehr gut", erinnert
sich Mister Wang. Sie teilten nämlich das gleiche Schicksal: "Die
Juden wurden von den Deutschen und die Chinesen von den Japanern verfolgt." Die
damaligen Unterkünfte gibt es immer noch, und sie haben sich kaum
verändert.
Heute
haust das chinesische Proletariat in jenen Straßenzügen,
die einst Klein-Wien und Klein-Berlin genannt wurden. Ein Bad für
zehn Familien auf drei Etagen, die Wäsche hängt auf Leinen
von Fassade zu Fassade, Vogel- und Grillenkäfige vor den Fenstern,
gekocht wird auf dem Bürgersteig. Man könnte solche Szenen
als pittoresk bezeichnen, wenn man nicht wüsste, dass das Leben
hier noch nie einfach war. Und eben das weiß man nur, wenn man
mit Männern wie Wang Fa Liang unterwegs ist. Ein Stück weit
begleitet der rüstige Rentner die Teilnehmer der gut vierstündigen
Tour of Jewish Shanghai, die 1995 von einer Brasilianerin gegründet
und seit zwei Jahren von Dvir Bar-Gal, einem 1965 in Israel geborenen
Journalisten und Fotografen, geleitet wird. In Bar-Gals Abwesenheit
macht Georgia Noy, eine israelische Arabischlehrerin, die selbst vier
Jahre in Schanghai lebte, die Besucher auf all die kleinen, spannenden
Details aufmerksam, die man niemals entdecken würde, wenn man
sich allein durchschlagen wollte. Auf dem Zhoushan-Markt beispielsweise
wurde einst koscheres Fleisch angeboten, in einem unscheinbaren Ecklokal
wurden früher
Konzerte gegeben, lagen speziell für die Emigranten herausgegebene
Zeitungen aus. Und die Ohel-Moishe-Synagoge, wo das jüdische Erbe
bis heute konserviert und gepflegt wird, würde man auf eigene
Faust vermutlich gar nicht finden. Sie versteckt sich in einem Hinterhof
an der Chang Yang Road, zwischen Handwerkerateliers und Lagerräumen.
Keine offizielle religiöse Stätte, denn seit dem forcierten
Auszug aller Ausländer, also auch der Juden, aus China im Jahre
1949 wird der jüdische Glaube im Fernen Osten nicht mehr anerkannt.
Als
Museum mit Bibliothek und Fotowänden bietet die Synagoge umfassende
Einblicke in die Geschichte der Schanghaier Juden. Insgesamt drei Immigrationswellen
gab es. 1840 kamen die ersten sephardische Juden aus Kairo, Bagdad,
Bombay und Singapur, die in Schanghai äußerst erfolgreich
Geschäfte
machten. Ab 1900 folgten die aschkenasischen Juden aus Russland, die
vor den Pogromen und später vor der kommunistischen Revolution
flohen. Als die deutschen Juden einwanderten, gab es in der Stadt nicht
weniger als sieben Synagogen, fünfzig Zeitungen und Zeitschriften,
die in neun Sprachen gedruckt wurden und von denen dreißig auch
im Zweiten Weltkrieg weiterhin erscheinen konnten.
Zu
Stationen der Diaspora jenseits von Hongkou führen die nächsten
Etappen der Tour. Der Kleinbus bringt uns an den Bund, die beliebte
Flaniermeile, wo einige der emblematischsten Gebäude der alten
Metropole mit den neuzeitlichen Monumentalbauten am gegenüberliegenden
Ufer des Huangpo konkurrieren. 1929 ließ Victor Sassoon, ein
im Opiumhandel wohlhabend gewordener Jude aus Indien, das Cathay Hotel
errichten, das heute Peace Hotel heißt und wo später viele
jüdische Immigranten
kostenlos wohnen durften, bevor sie eine feste Bleibe fanden.
Die
1930er-Jahre waren die grellbunten Boomzeiten im "Paris des
Ostens", als der Mythos Schanghai geboren wurde, der Alkohol in
Strömen floss und die jungen Chinesinnen willig waren. Von den
ursprünglichen
Jugendstildekors, dem Original-Lalique-Glas und den kostbaren Perserteppichen
ist im Sassoon-Palast allerdings nicht viel erhalten geblieben. Aber
grandios ist heute noch der Blick von der Dachterrasse, wo sich der
Immobilien-Tycoon sein pyramidenförmiges Luxusappartement hatte
bauen lassen.
Auch
der aus Bagdad stammende Elly Kadoorie war im Baugeschäft
tätig. Seine Privatgemächer, ihrer Ausstattung wegen "Marmorpalast" genannt,
wird heute als Freizeitzentrum für Kinder genutzt. Als Kadoorie
nach Schanghai kam, war er völlig mittellos. Er starb reicher,
als es Sassoon war, und wird aufgrund seines Einsatzes im Dienst der
kulturellen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung der Stadt bis heute
verehrt. Die Kadoorie-Mansion bildet den Abschluss der jüdischen
Tour durch eine Stadt, die nur vordergründig den Rückblick
verschmäht
und sich bereits jetzt auf die Weltausstellung 2010 vorbereitet. Ganze
Viertel werden in Windeseile von Presslufthämmern und Baggerschaufeln
niedergemacht, um Platz zu schaffen für die gen Himmel strebenden
Wahrzeichen einer kapitalistischen Zukunft, deren Superlative sich
jedem Besucher mit aller Macht aufdrängen. Doch sogar in diesem
Umfeld haben noch viele historische Örtlichkeiten eine Menge Überraschungen
zu bieten. Dank Begleitern wie Mrs. Noy und Mr. Wang werden aus Ahnungslosen
in wenigen Stunden Eingeweihte, die Schanghai plötzlich mit anderen
Augen sehen. Ob Grillenkämpfe in China tatsächlich verboten
sind, das wissen auch diese beiden nicht mit letzter Sicherheit zu
sagen.
taz Nr. 7531
vom 4.12.2004, Seite 29, 298 TAZ-Bericht GEORGES HAUSEMER, in
taz-Frankfurt, -Köln, -NRW, -Ruhr: S.21
Generation Einzelkind
Von Petra Kolonko, Schanghai
Sind sie verwöhnt oder überfordert?
Ichzentriert oder selbstbewußt? Unsozial oder anhänglich?
Eine ganze Generation von Einzelkindern ist in Chinas Städten
aufgewachsen und wird genau beobachtet.
„Kleine Kaiser” wurden gesichtet und „große
Mamakinder”, aber auch Jugendliche, die sich in ihrer Entwicklung
kaum von Gleichaltrigen mit Geschwistern unterschieden. Jetzt kommen
die Einzelkinder in das heiratsfähige Alter und sorgen für
eine neue Überraschung. Die Einzelkinder bringen die Großfamilie
zurück in China. Es wird bei jungen Paaren wieder modern, mit
den Eltern unter einem Dach zu wohnen.Zurück
zum traditionellen Familienleben
Nach
alter chinesischer Tradition bedeutete Familienglück, vier
Generationen unter einem Dach zu haben: Die Großeltern und Urgroßeltern
lebten möglichst mit Kinder und Kindeskindern zusammen. Damit
konnte man dem konfuzianischen Ideal von der „Pietät” gegenüber
den Älteren am besten nachkommen und sich bis zum Tod um die Alten
kümmern, während diese noch Aufgaben in der Familie versehen
konnten. Doch diese alte Form des Zusammenlebens konnte sich nur auf
dem Land halten. In den vergangenen Jahrzehnten war das am weitesten
verbreitete Familienmodell in Chinas Städten im Zug der Modernisierung
die Kernfamilie - mit einem Kind oder zwei Kindern. Das
scheint sich nun zu ändern, da die „Generation Einzelkind” Familien
gründet. Nach einer Untersuchung der Schanghaier Akademie für
Sozialwissenschaften zeigt sich bei den jungen Ehepaaren, von denen
beide Partner Einzelkinder sind, ein neuer Trend. Sie leben mit einem
Elternpaar zusammen und lassen ihre Kinder von den Großeltern
aufziehen. In Chinas modernster Metropole mit einer Bevölkerung
von 16 Millionen kehrt man zurück zum traditionellen Familienleben.Sexuelle
Aufklärung per Internet
Schanghai
ist die Stadt mit den meisten Einzelkindern in China. Im Jahr 1979
verordnete die Volksrepublik ihren Bürgern, nunmehr nur ein
Kind zu haben. In der Metropole Schanghai hatte die Einkindpolitik auf
der Basis einer lokalen Anordnung schon einige Jahre zuvor begonnen.
Bereits im Jahr 1982 waren 81 Prozent aller Kinder in Schanghai Einzelkinder.
Somit hat die Stadt jetzt auch die ältesten Einzelkinder, die heiraten
und selbst Kinder bekommen. Auch in der Forschung über die Generation
der Einzelkinder ist Schanghai besonders aktiv: Sozialwissenschaftler
haben das Aufwachsen der Einzelkinder mit vielen Studien und Forschungsprojekten
begleitet, sagt Frau Professor Bao Leiping von der Shanghaier Akademie
für Sozialwissenschaften. Jetzt
hat man dort eine erste Studie über Heirat und Familiengründung
vorgelegt und junge Eltern, die aus größeren Familien kommen,
mit den Einzelkindeltern verglichen. Demnach haben Einzelkinder früher
als Kinder mit Geschwistern eine feste Partnerschaft. Zumeist werden
sie über das Internet sexuell aufgeklärt, während Kinder
aus Mehrkindfamilien sich noch über Bücher, Zeitschriften oder
Freunde aufklären lassen. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe sind
bei den Einzelkindern stärker akzeptiert als bei den Kindern aus
Mehrkindhaushalten. Die Einzelkinder heiraten auch etwas eher als die
anderen Kinder.Hochzeit
als große finanzielle Belastung
In
vorigen Studien war herausgefunden worden, daß die meisten
Einzelkinder stärker von ihren Eltern abhängig sind. Viele
Einzelkinder sind es gewöhnt, daß die Eltern ihnen in der
Kindheit und Jugend viele Lasten abnehmen. Offensichtlich scheint sich
dieser Trend bei den jungen Erwachsenen fortzusetzen. So ergab die Umfrage,
daß die Einzelkindehepaare ihre Hochzeit, in China eine große
finanzielle Belastung, von ihren Eltern bezahlen lassen. Paare aus Familien
mit mehr Kindern bezahlten die Hochzeit zum größten Teil
selbst. Bei
der Entscheidung für ein Kind geben die Einzelkinder mehr als
die anderen der Karriere Vorrang. Auf die Frage nach Kind oder Karriere
sagten die Einzelkinder öfter als die anderen Paare, sie würden
den Kinderwunsch hintanstellen. 4,9 Prozent der Einzelkindpaare wollen
gar keine Kinder, bei den anderen Paaren sind es nur 2,6 Prozent. Professor
Bao sagt, die traditionelle konfuzianische Maxime, nach der es pietätlos
sei, keine Nachkommen zu haben, beeindrucke die jungen Leute offenbar
immer weniger.Einkindeltern sind toleranter
Die
Frage nach der idealen Kinderzahl erbrachte ein Ergebnis, das chinesischen
Familienplanern und Bevölkerungswissenschaftlern zu denken geben
sollte. Etwa zwei Drittel der Befragten gaben an, sie hielten zwei für
die ideale Kinderzahl. Allerdings war dieser Prozentsatz bei den Einzelkindpaaren
etwas niedriger (61,7 Prozent) als bei den anderen Paaren (63,3 Prozent).
Etwa ein Drittel der Befragten hielt es für ideal, nur ein Kind
zu haben. Mehr als zwei Kinder wünschten nur 2,9 Prozent der Einzelkinder,
aber 3,8 Prozent der Paare aus Mehrkindfamilien. Die Frage nach der Kinderzahl
ist in Schanghai nicht mehr nur hypothetisch. In der Metropole dürfen
Paare, die beide Einzelkinder sind, seit neuem zwei Kinder haben. In
der Erziehung zeigen sich die Einkindeltern etwas toleranter als die
anderen. Auch sind die Aufgaben zwischen Mutter und Vater bei den Einzelkindeltern
gleichmäßiger aufgeteilt als bei den anderen
Eltern. Mutter und Vater übernehmen die gleichen Aufgaben - bei
den anderen Paaren übernimmt die Mutter mehr Aufgaben.Kinderbetreuung wird zur entscheidenden Frage
In
China gibt es heute 80 Millionen Einzelkinder. Das sind nur sechs
Prozent der Bevölkerung, da auf dem Land noch immer zwei oder drei
Kinder die Regel sind. Die Einzelkindgeneration ist die erste chinesische
Generation, die ganz in der Zeit der Wirtschaftsreformen aufgewachsen
ist und den politischen und sozialen Druck des Lebens unter dem Sozialismus
nicht mehr kennt. Viele Eigenheiten der Einzelkindgeneration lassen sich
durch den gestiegenen Lebensstandard und andere äußere Einflüsse
erklären. Wie im Sozialismus sind aber weiterhin in China beide
Eltern berufstätig, Hausfrauen sind eine große Ausnahme, Hausmänner
kennt man noch gar nicht. Dadurch
wird die Kinderbetreuung zu einer entscheidenden Frage. Kinder kommen
in China schon oft als Babys ganztätig in Kinderkrippen,
die Kleinkinder bleiben den ganzen Tag im Kindergarten. Viele Kindergärten
bieten sogar Übernachtungen von Montag bis Freitag an. Doch scheint
man für die Betreuung der allerkleinsten Kinder den Großeltern
am meisten zu vertrauen. Wenn sich dieser Trend in Schanghai durchsetzt,
könnte es bald neue Erziehungsfragen geben. Denn chinesische Großeltern
sind bekannt dafür, daß sie ihre Enkel maßlos verwöhnen.
Die Forscher in Schanghai scheinen die Ergebnisse ihrer Studie ernst
genug zu nehmen, um ihre nächste Erhebung danach auszurichten. Sie
soll klären, wie es sich auf die Kinder auswirkt, wenn sie von den
Großeltern erzogen werden. Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004, Nr. 261 / Seite 11
Wirtschaft
Shanghais Hafen auf Wachstumskurs
SchiffsmeldungenDer Hafen
von Shanghai wächst rasant: Inzwischen ist Shanghai
mit 11,28 Millionen umgeschlagenen Standardcontainern (TEU) zum drittgrößten
Containerhafen der Welt aufgestiegen. Die Zahl der verladenen Container
wuchs im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Drittel. Auf den
Plätzen eins und zwei liegen Hongkong mit 20,44 Millionen
TEU und Singapur mit 18,41 Millionen TEU, erläuterte gestern die
Geschäftsführung der Shanghai International Port Group (SIPG)
bei einem Besuch in Hamburg. Gegenwärtig unterhält die SIPG
Handelsbeziehungen zu mehr als 500 Häfen in mehr als 200 Ländern
und Regionen der Welt. Zugleich wird der Hafen immer weiter ausgebaut.
Im Oktober dieses Jahres ist bereits ein neuer Teil des Hafens eingeweiht
worden für einen weiteren Umschlag von 8,3 Millionen Tonnen. Außerdem
entstehen in einem neuen Tiefwasserhafen vor der Küste Kapazitäten
für mehr als 15 Millionen TEU. Der Shanghai vorgelagerte Hafen wird schon im Jahr 2005 fertiggestellt
sein. mw erschienen im Hamburger Abendblatt am 4. November 2004 in Wirtschaft
© Leipziger
Volkszeitung vom Freitag, 29. Oktober 2004 Leipziger
füttert den Drachen
Die friedliche Revolution von 1989 verläuft genau durch die Mitte
ihrer Biografie. 15 Jahre nach der Wende befragte unsere Zeitung 30-Jährige
nach den zwei Hälften ihres Lebens. Heute: Martin Neumann, Produktionsleiter
in Shanghai.Verstopfte
Straßen, Abgaswolken, Taxifahrten im Kamikaze-Stil.
Und dennoch - Martin Neumann ist von der Stadt begeistert. "Hier
fliegt die Zeit nicht nur dahin, wie man oft hört und liest. Sie
rast mit Lichtgeschwindigkeit", sagt der Leipziger, der seit gut
einem Jahr im Reich der Mitte lebt. Genauer in Shanghai, einer 16-Millionen-Metropole,
die Wachstumsraten hat, von denen in Deutschland niemand zu träumen
wagt. "Ein Land mit einem Viertel der Weltbevölkerung versucht
eine Entwicklung in nur zwanzig Jahren zu durchleben, für die
der Westen einhundert Jahre gebraucht hat." Für den bayrischen Automobilzulieferer Webasto baut der Diplom-Ingenieur
in China zwei neue Produktionsstätten mit auf. "Die Chance
bot sich, da habe er nicht lange überlegt." Das Klischee vom
unflexiblen, lustlosen Ostdeutschen, mit dem Unkundige nicht selten die
hohe Arbeitslosigkeit in diesem Teil Deutschlands zu erklären versuchen,
trifft auf den Leipziger ganz und gar nicht zu. Schon während des
Energietechnik-Studiums in Markkleeberg hatte er für ein Münchner
Ingenieurbüro gearbeitet. "So war auch das Einkommen und Auskommen
gesichert, als sich dem 1998 noch ein Aufbaustudium Wirtschaftsingenieurwesen
in München anschloss." So locker, wie der 30-Jährige von
seinem Werdegang erzählt, so selbstverständlich ist er für
ihn. "Bei Webasto in Utting am Ammersee lernte ich die Facetten
des Industriealltags kennen, vom Umgang mit den Bandarbeitern in der
Fertigung, den Kundenbesuchen bei fast allen Autoherstellern Deutschlands
bis zur Entwicklung neuer Produkte." Ohne die
Wende hätten
sich diese Möglichkeiten nicht geboten? "Ja",
sagt er. "Aber, wenn ich ehrlich bin, denke ich darüber nicht
nach. Wenn man ständig vor neuen Heraus-forderungen steht, hat man
wenig Zeit zurückzublicken."Mit der
Ostalgiewelle könne er genauso wenig anfangen wie mit der
Verteufelung der DDR. Die ersten 15 Jahre seines Lebens seien nicht die
schlechtesten gewesen. "Dank eines intakten Elternhauses, eines
guten Umfeldes und Verbindungen in den Westen." Das politische Denken,
sagt er, habe erst mit der Wende eingesetzt. "Alles in allem denke
ich, dass der Herbst 1989 schon ein entscheidender historischer Augenblick
war. Für mein noch junges Leben damals war es aber noch keine
allumfassende Wende. Das Ereignis war da, nun bin ich damit aufgewachsen
und kann mir auch nichts anderes mehr vorstellen." Sagt's, und
die Gedanken sind schon wieder im Heute.Mit
seiner Lebensgefährtin und dem fast gesamten Haushalt ist
Martin Neumann nach China aufgebrochen. "Asien war mir nur bekannt
vom Thailand-Rucksackurlaub und von einigen Geschäftsreisen
nach Shanghai. Außerdem wusste ich noch, dass irgendwo östlich
von Japan die Sonne aufgehen soll. Nun helfe ich täglich beim
Wachstum des Drachen."Nach
China liefert Webasto Dachsysteme für alle namhaften Automarken,
so auch das Schiebedach für den legendären VW Santanas.
Die Firma hat bereits einen Marktanteil von 50 Prozent in dem bevölkerungsreichsten
Land der Welt. Jetzt soll vor Ort produziert werden. "Alles
mit dem Ziel, absolut konkurrenzfähige Produkte herzustellen",
sagt der Werksleiter und ist voll in seinem Element. Als erster und
noch einziger Deutscher führt er bei Webasto in Shanghai eine
Mannschaft von über 150 Chinesen. Chinesisch kann er, wie er
sagt, nur einige wenige "Brocken", seine Mitarbeiter dafür
gut Englisch, einige sogar Deutsch."Wenn Mitarbeiter aus Deutschland kommen, ist es an mir, in
kürzester Zeit die chinesische Mentalität zu erklären.
Dazu gibt es meist noch einen Werksrundgang und natürlich eine
Stadtrundfahrt", sagt der Ingenieur. Seine Mitarbeiter meinen,
er kenne Shanghai schon besser als sie selbst, wenn er von Tempeln
erzählt, von denen sie noch nie etwas gehört haben. Wenn
er von Deutschland erzählt, kommen dem Leipziger Worte wie Ossi
oder Wessi nicht über die Lippen. Irgendwie ist er damit seiner
Heimat ein ganzes Stück voraus. Andreas Dunte
Wahrnehmung
Das kommt Chinesen spanisch vor
Asiaten
und Westler wirken aufeinander oft wie Außerirdische – zum
Beispiel bei Geschäftsverhandlungen. Kognitionsforscher sind den
Ursachen auf der SpurVon Till HeinEnde August
platzten die Verhandlungen der Siemens AG mit China um den ICE. Die
Chinesen gaben dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen den
Vorzug, und Siemens wechselte den Verantwortlichen für das China-Geschäft
aus. Was auch immer die besonderen Gründe in diesem Fall gewesen
sein mögen – das Scheitern deutsch-chinesischer Verhandlungen
ist ein häufiges Phänomen. »Zahlreiche Verträge
werden unterzeichnet, aber nur wenige führen zu einem erfolgreichen
China-Engagement«, sagt Manuel Vermeer, Sinologe, Managertrainer
und Dozent für Marketing Ostasien an der Fachhochschule Ludwigshafen.
Seiner Ansicht nach sind dafür nicht nur unterschiedliche Interessenlagen
oder vordergründige Verständigungsschwierigkeiten verantwortlich,
sondern tiefgreifende Unterschiede der Mentalität und des Denkens.
Und andere Experten teilen diese Ansicht. Ulrich
Kühnen etwa, Psychologieprofessor der International University
Bremen, ist überzeugt, dass die Menschen in Asien und im Westen »auf
unterschiedliche Weise denken« – man also gleichsam von »Software-Unterschieden
im Gehirn« ausgehen müsse. Zur Demonstration zeichnet der
Psychologe in seiner Vorlesung eine steil abfallende Bilanzkurve in ein
Koordinatennetz. »Und, wie geht die Kurve weiter?«, fragt
er und drückt einem Studenten den Filzstift in die Hand. Ohne viel
zu überlegen, führt der die Linie weiter – etwas flacher,
aber stetig abwärts. »Typisch Westler«, sagt Kühnen, »Leute
aus Asien zeichnen solche Kurven in der Regel nach oben weiter. Sie glauben,
dass sich alles stets verändert – auch der gegenwärtige
Trend.«Kühnens Vorbild ist der amerikanische Sozialpsychologe Richard
Nisbett, Autor des Buches The Geography of Thought. Nisbett hat in Studien
mit insgesamt über 1000 Testpersonen Hinweise auf fundamentale West-Ost-Unterschiede
in der Wahrnehmung und im Denken gefunden. So ließ er in einem
der Experimente 113 US-Amerikaner und 121 Asiaten Bilanzkurven zu Ende
zeichnen. Die Probanden aus Asien entschieden sich um ein Vielfaches öfter
für eine Richtungsänderung der Kurve. Solche Resultate machen
plausibel, warum westliche und asiatische Geschäftsleute so häufig
aneinander vorbeiverhandeln.»Chinesische Geschäftsleute betrachten vertragliche Vereinbarungen
nicht immer als in allen Punkten verbindlich«, sagt Lars Anke,
China-Experte der German Asia-Pacific Business Association (OAV) in Hamburg. »Nach
Vertragsabschluss beginnen deshalb oft die Probleme.« Diese Erfahrung
machte neulich wieder ein mittelständisches deutsches Maschinenbauunternehmen
mit einer Filiale in Shanghai. Mit einem regionalen Zulieferer hatte
man einen Vertrag über Preise und die zu liefernde Stückzahl
abgeschlossen. Dann stieg der Stahlpreis, und der chinesische Partner
weigerte sich plötzlich, zum vereinbarten Tarif zu liefern. »Die
Rahmenbedingungen haben sich geändert«, erklärten die
chinesischen Manager treuherzig. Die deutschen Vertreter waren stinksauer. Deutsche
sind ungeduldig und hören nicht auf Zwischentöne
Dabei
ist der vermeintliche Vertragsbruch vielleicht nur Folge einer anderen
Wahrnehmungsweise. Nisbetts Lieblingsversuch, das »Aquarium-Experiment«,
legt das zumindest nahe: Er präsentierte japanischen und amerikanischen
Studenten am Bildschirm eine Aquarium-Szene. Im Vordergrund schwammen
große, bunte Fische. Daneben waren auch viele kleine zu sehen,
Wasserpflanzen, Kieselsteine und Muscheln. Als der Bildschirm erlosch,
sollten die Probanden notieren, was sie gesehen hatten. Die Amerikaner
beschrieben fast nur die großen Fische. Die Japaner hingegen schilderten
auch die Form der Algen und Steine bis ins Detail. Insgesamt erwähnten
sie 70 Prozent mehr Randaspekte. Und während fast alle Amerikaner
gleich im ersten Satz auf die Fische Bezug nahmen, begannen viele Japaner
mit einer Beschreibung der Bodenbeschaffenheit oder Flora. Fazit: Die
Probanden aus Asien konzentrieren ihre Wahrnehmung weit weniger stark
auf das vermeintlich Wesentliche und beziehen stattdessen den gesamten
Kontext mit ein.Als Kühnen ähnliche Experimente mit japanischen und deutschen
Probanden durchführte, stieß er auf die gleichen West-Ost-Unterschiede.
Das Verblüffende: Es ließen sich keine Differenzen zwischen
Westeuropäern und Nordamerikanern nachweisen. Westeuropäer
und US-Amerikaner scheinen sich – kognitionspsychologisch betrachtet – also
viel ähnlicher zu sein, als manchem vielleicht lieb wäre. Und
die Resultate von Testpersonen aus so unterschiedlichen asiatischen Nationen
wie China, Japan, Korea und Malaysia decken sich ebenfalls weitgehend. »Veränderte
Rahmenbedingungen« können für chinesische Geschäftsleute
daher genauso wichtig sein wie der eigentliche Vertrag.»Informationen werden in China in der Tat anders strukturiert
als im Westen«, sagt auch Managertrainer Manuel Vermeer. »An
den Anfang eines Vortrags gehört in Deutschland das Wichtigste.
Bis Chinesen zum Punkt kommen, ermüden Westler oft so sehr, dass
sie wegdämmern.« Fatal daran sei, meint Vermeer, »das
alles Problematische – also genau das, weswegen man eigentlich
verhandelt – von den Chinesen in der Regel erst am Schluss erwähnt
wird«.Theresia
Tauber, Sinologin, Psychologin und seit zwölf Jahren interkulturelle
Beraterin bei der Siemens AG in München, hat ähnliche Erfahrungen
gemacht: »Nicht nur uns bereitet es Mühe, Referaten von Chinesen
zu folgen. Die deutsche Vortragsweise ist für diese ebenfalls sehr
verwirrend.« Tauber propagiert folgende Faustregel: Die zentrale
Botschaft nicht – wie bei uns gewohnt – an den Anfang stellen;
stattdessen die Formel: »Redundanz gleich Relevanz« beherzigen,
also vor chinesischem Publikum Wichtiges so oft repetieren, dass sich
deutsche Zuhörer bereits langweilen würden. Chinesen
glauben an die Wahrheit – und gleichzeitig an ihr
Gegenteil
Betreffen
die interkulturellen Differenzen womöglich nicht nur
die Wahrnehmung, sondern auch die Art, Schlussfolgerungen zu ziehen?
Nisbett gab je 60 Testpersonen aus Amerika und Korea Essays über
Fidel Castro zu lesen. Einige der Autoren verteufelten den kubanischen
Staatschef, andere lobten seine Politik. Nisbett wies seine Probanden
mit Nachdruck darauf hin, dass die Verfasser der Texte ihren Standpunkt
nicht frei gewählt hatten und privat völlig anderer Meinung
sein konnten. Anschließend sollten die Testpersonen einschätzen,
was die Autoren in Wirklichkeit von Castro halten. Die Amerikaner unterstellten
den Verfassern der Lobeshymnen auch privat größere Sympathie
für ihn, was Nisbett nicht überraschte. »Zur Erklärung
menschlicher Verhaltensweisen berücksichtigen Westler den Kontext
oft nicht ausreichend, sondern halten Merkmale der handelnden Personen – etwa
deren tatsächliche politische Überzeugung – für
allein ausschlaggebend.«Irritiert
war der Psychologe zunächst, als auch die asiatischen
Testpersonen im Castro-Versuch mehrheitlich nicht zwischen Text und privater Überzeugung
der Autoren differenzierten. Daher variierte Nisbett die Versuchsanordnung:
Er ließ neue Probanden selbst Essays mit vorgegebener politischer
Grundhaltung verfassen. Anschließend wiederholte er das ursprüngliche
Experiment. Nun unterschieden die Koreaner – wie erwartet – klar
zwischen den Texten und der privaten Überzeugung der Testpersonen.
Die Amerikaner vermuteten jedoch nach wie vor, dass Castro-kritische
Aufsätze generell auf eine Castro-kritische Einstellung des Schreibers
verwiesen.Nicht wenige
Experten aus Asien bemängeln, dass wir es uns gelegentlich
zu einfach machen. »Manchmal sind die Deutschen zu ungeduldig;
sie hören die Zwischentöne nicht«, sagt etwa Xiang Lu,
der die Freudenberg-Unternehmensgruppe aus Weinheim in Shanghai vertritt. »Spätestens
wenn ein leitender Mitarbeiter einer chinesischen Firma sagt: ›Alles
kein Problem, ich muss nur noch meinen Chef fragen‹, sollte man
die Ohren spitzen.« Und der Sinologe Vermeer weiß nach über
20 Jahren Erfahrung in der interkulturellen Zusammenarbeit mit chinesischen
Geschäftsleuten: »Aus chinesischer Sicht sind wir generell
viel zu festgefahren in unseren Denkmustern.«Doch weshalb
betrachten Menschen in Ost und West die Welt so unterschiedlich? Genetische
Gründe schließt Nisbett aus. So konnten beispielsweise
Forscher der University of British Columbia in Vancouver nachweisen,
dass die Testergebnisse von in Kanada lebenden Asiaten denjenigen von
Westlern immer ähnlicher werden, je länger sie im Land sind.
Das spreche klar für erlernte, kulturspezifische Wahrnehmungs- und
Denkmuster. »Westeuropa und die USA sind bis heute stark von der
griechischen Antike geprägt«, erklärt Nisbett. Die Idee
der individuellen Freiheit wurde dort geboren, die Tradition der öffentlichen
Debatte und das naturwissenschaftliche Denken dort begründet. Die
altchinesische Kultur hingegen sah den Menschen in erster Linie als Teil
sozialer Netze, eingebunden in Familie, Dorfgemeinschaft und Staat. Diese
unterschiedlichen Grundprinzipien wirken – der Globalisierung zum
Trotz – bis heute.So ist in
China das Guanxi-Prinzip entstanden – ein Phänomen,
das mit den westlichen »Beziehungen« nur unzureichend wiedergegeben
wird. Bei »Guanxi« handelt es sich vielmehr um die Verflechtung
gegenseitiger Verpflichtungen und Ansprüche, die über große
Zeitspannen hinweg verbindlich ist. »Wenn etwa der A dem B einen
Gefallen tut, gleichzeitig aber dem C einen schuldet, dann kann C diesen
auch von B einfordern«, erklärt Vermeer.Doch nicht
alle Resultate von Nisbett und Kühnen lassen sich über
das Ausblenden oder Einbeziehen von Kontext-Einflüssen erklären.
So scheinen Asiaten etwa auch mit widersprüchlichen Aussagen ganz
anders umzugehen als Westler: Nisbett legte seinen Testpersonen zwei
wissenschaftliche Studien vor. In Studie A wurde behauptet, dass Menschen,
die besonders alt werden, sehr viel Fisch essen. Studie B legte hingegen
nahe, es sei besonders gesund, auf den Verzehr von Fisch generell zu
verzichten.Die Chinesen
und Amerikaner sollten nun ankreuzen, wie einleuchtend ihnen diese
Ergebnisse vorkamen. Wenn sie die Studien einzeln vorgesetzt bekamen,
trauten beide Gruppen eher Studie A. Doch wenn sie die zwei Studien
gleichzeitig erhielten, zeigten sich Differenzen: Die Amerikaner hielten
nun Studie A für noch viel plausibler; die Chinesen hingegen
fanden plötzlich beide gleich überzeugend.Nisbett
erklärt auch dieses Phänomen aus der Geschichte: Während
die naturwissenschaftlichen Modelle im Griechenland der Antike den Gesetzen
der formalen Logik genügen mussten, glaubten bereits die alten Chinesen
an die gleichzeitige Gültigkeit paradoxer Aussagen. Wie heißt
es doch im Zen-Buddhismus? »Das Gegenteil einer großen
Wahrheit ist auch wahr.« (c) DIE ZEIT 30.09.2004 Nr.41
China
bereitet sich auf neue Stromausfälle
vor
05. Okt 11:34 Netzzeitung (www.netzzeitung.de)
Erst
2006 wird China nach offizieller Einschätzung genug Strom produzieren,
um die wachsende Nachfrage zu befriedigen. In der Metropole Schanghai
könnten schon bald wieder die Lichter ausgehen.
Die
Innenstadt von Schanghai gilt als Symbol des neuen China: Wolkenkratzer
ragen in den Himmel und verwischen den Unterschied zwischen den südchinesischen
und westlichen Metropolen immer mehr. Nächtliche Beleuchtung sichert
der Skyline Beachtung auch bei Dunkelheit. Doch wie bereits im Sommer
könnten in der Schanghaier City auch im Winter die Lichter ausgehen:
In der staatlichen Zeitung «China Daily» warnten Beamte,
dass es angesichts des hohen Strombedarfs in der Boom-Region erneut zu
Ausfällen kommen wird.Die Stromausfälle würden auch die umliegenden Industrieregionen
in den Provinzen Jiangsu und Zhejiang betreffen, zitierte das Blatt am
Dienstag Cheng Guangji, den Vizepräsidenten des ostchinesischen
Stromnetzbetreibers East China Power Grid. Nicht so schlimm würden
die Engpässen hingegen in den Regionen Anhui und Fujian im Norden
und Süden der Metropole ausfallen. Cheng bezifferte die Differenz
zwischen angebotener und vorhandener Energie auf bis zu 17 Millionen
Kilowatt. Allein der Energiehunger der Provinz Zhejiang trage dazu
mit rund 8,8 Millionen Kilowatt bei. Bedarf
wird frühestens
2006 gedeckt
Bereits
im Sommer hatten die wegen der heißen Temperaturen im
Südosten des Landes ständig laufenden Klimaanlagen für
Stromausfälle im großen Stil gesorgt. Unter anderem war die
Beleuchtung der Schanghaier Innenstadt ausgeschaltet worden. Auch Straßenlaternen
blieben dunkel. Einigen Industriebetrieben war verordnet worden, die
Produktion zu drosseln oder so zu verteilen, dass nachts gefertigt wird,
wenn der Bedarf anderer Abnehmer geringer war. Die Stromversorgung des
Landes ist bei weitem nicht für eine Volkswirtschaft ausgelegt,
deren Wachstum sich in diesem Jahr zwar verlangsamt hat, mit neun Prozent
aber noch immer eine enorm hohe Rate ausweist.Das gilt
sowohl für die Erzeugung elektrischer Energie wie für
deren Verteilung. Nicht nur das Fehlen der notwendigen Kraftwerkskapazitäten,
sondern auch das teilweise überaltete Leitungsnetz hatten für
die Stromausfälle im Sommer gesorgt. Von offizieller Seite wurden
die Stromausfälle stets als nur vorübergehend bezeichnet. Spätestens
2006 will China so viele neue Kraftwerke gebaut haben, um die wachsende
Nachfrage befriedigen und die Versorgung sicher stellen zu können. Vierfache
Kapazität nötig
Neue
Anlagen sind auch dringend nötig: Wie «China Daily» weiter
berichtete, hat sich die Zahl der Provinzen, die 2003 von Stromausfällen
betroffen waren, im Jahresvergleich von zwölf auf 23 fast verdoppelt.
Dem Blatt zufolge produziert China pro Kopf noch immer nur ein Dreizehntel
der Strommenge wie die USA. Im Vergleich zu Japan betrage das Verhältnis
nur ein Achtel. Die Regierungszeitung schätzt, dass der Strombedarf
im Reich der Mitte bis 2010 auf 1,5 Milliarden Kilowatt ansteigen wird.
Ende vergangenen Jahres summierten sich die vorhandenen Kapazitäten
demnach auf nur 385 Millionen Kilowatt. (nz)
China
baut Schiffe für
Hamburg
Acht Frachter für die Norddeutsche Reederei H. Schuldt entstehen in
Shanghai. Die größten Frachter der Werft. Gestern war Taufe. Von Rolf Zamponi Shanghai/Hamburg
- Der Himmel über Shanghai ist bedeckt an diesem
Vormittag. 33 Grad zeigt das Thermometer gestern gegen 9.15 Uhr. Lore
Uldall, die Gattin von Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall, steht
auf der Werft Shanghai Shipyard und löst mit einem Schlag den Mechanismus
aus, der die Champagnerflasche gegen den Schiffsrumpf schmettern soll.
Einen Moment klemmt die Vorrichtung, dann zerschellt das Glas. Die "MSC
Queensland" ist getauft. Ihr Bug weist mit dem Wappen der Hansestadt
ihre Heimat aus. Für die Norddeutsche Reederei H. Schuldt, die zur Hamburger Norddeutsche-Vermögen-
Gruppe zählt, ist das Schiff das erste einer Serie von acht Frachtern
mit je 3534 Stellplätzen für Standardcontainer (TEU), für
die chinesische Werft das größte je gebaute. Und auch nach
den Vorschriften des Hamburger Schiffs-TÜVs Germanischer Lloyd entstand
nie ein größeres Schiff in China. Die Helling auf der Werft
in Pudong, mitten in Shanghais Innenstadt, reichte nur knapp. Jetzt bauen
die Chinesen neu. Die Werft soll auf die Insel Chong Ming Island im
Yangtse-Fluss wechseln. Bereits von 2005 an soll dort gebaut werden.
So etwas geht rasch in China - im Gegensatz zu Hamburg. "Ein
Bauantrag für unseren Hafen braucht 30 Monate, in Shanghai drei",
sagt Gunnar Uldall bei den Tauffeierlichkeiten in Hamburgs Partnerstadt. Vor den
Asiaten liegt noch immer die europäische Zulieferindustrie
bei der Ausrüstung von Seeschiffen. "Die Einsatzzuverlässigkeit
der Aggregate ist höher, Garantiearbeiten und Ersatzteilversorgung
lassen sich einfacher organisieren und wir kennen die Serviceingenieure
meist aus langjähriger Zusammenarbeit", sagt Markus Hempel,
der für die Schifffahrt zuständige Geschäftsführer
der Norddeutschen Reederei. Doch bei
den steigenden Stahlpreisen, die die Werften nur schwer kompensieren
können, versuchten diese derzeit häufig, günstigere Zulieferer
auf die Anbieterlisten zu bringen. "Da haben die Europäer das
Nachsehen", so Hempel. Folge: Immer mehr europäische Firmen
lassen in Fernost in Lizenz fertigen. Dagegen bleiben Entwicklung und
Ingenieur-Know-how im eigenen Land. Da den
Zulieferern immer weniger Zeit für die Tests von Neuentwicklungen
bleibt, übernehmen die Hamburger die Erprobung gern im Einsatz.
Die Strategie: Bei wartungsfreudigen und kostensenkenden Innovationen
dabei zu sein, ohne zu hohe Risiken bei neuen Maschinen einzugehen.
Die acht Schiffe der Serie werden so neue, von Hyundai entwickelte
Hilfsdiesel an Bord haben. Die Norddeutsche
Reederei H. Schuldt zählt Hempel zu den schnell
wachsenden der Branche. Um diese Entwicklung künftig abzusichern,
soll nun erstmals Führungspersonal ausgebildet werden. "Wir
suchen ab sofort mindestens zehn technisch-nautische Offiziersanwärter",
sagt der Geschäftsführer. Der Ausbildungsvertrag beinhaltet
dabei auch finanzielle Hilfe während der Studienzeiten. Um 17 Containerfrachter
wird die Reedereiflotte bis zum Jahr 2006 wachsen. Neben der Achterserie
aus Shanghai sind fünf 8400-TEU-Riesen in
Korea und vier 2740-TEU-Schiffe bei Aker MTW in Wismar bestellt. Die
Zahl der Stellplätze an Bord wird sich von 106 000 auf 184 000 erhöhen. Dafür liegt der zweite 3534-TEU-Frachter, die "MSC Delhi",
bereits am Ausrüstungskai in Shanghai. Sie wird das letzte Schiff
sein, das vor dem Umzug der Werft am alten Standort entsteht, am Huangpu-Fluss
mitten in der 17-Millionen-Stadt. erschienen
am 23. Juni 2004 in Wirtschaft des Hamburger Abendblatt
Rosenrot
- die Tänzerin
von Shanghai
China: Tang Weihong - "Rosenrot" - lebt seit 78 Jahren in Shanghai.
Seit über 60 Jahren geht sie in denselben Tanzpalast. Ihre Geschichte
spiegelt die wechselvolle Geschichte ihrer Stadt wider.
Von Janis Vougioukas Shanghai
- Die Tänzerin betritt das Parkett. Ihre goldenen Ohrringe,
ihre Ketten und Armreifen schimmern und schillern. Sie bewegt ihren Körper
ohne Anstrengung, trotz ihres Alters; sie ist 78. Der Scheinwerfer richtet
sich auf sie; die Tänzerin ist keine Berühmtheit, aber hier,
im Paramount an der Yuyuan-Straße in Shanghai, kennt sie jeder. Es ist
ein Ort der Leichtigkeit, der Musik und des Tanzens. Eine Band in Weiß und Schwarz spielt einen langsamen Walzer. Männer
in dunklen Anzügen führen ihre Partnerinnen im traditionellen
hoch geschlitzten Qipao über die Tanzfläche. Diener tragen
Früchte und Whiskey auf. Es ist wie ein farbiger Stummfilm aus
einer vergangenen Epoche. Die Tänzerin erzählt. Sie erzählt ihre Geschichte -
und zugleich die ihrer Stadt: einst pulsierende Wirtschaftsmetropole,
dann Wiege und Opfer der Kommunistischen Partei, später Ausgangs-
und Schwerpunkt der verheerenden Kulturrevolution Maos, schließlich
wieder Zentrum eines neuen Wirtschaftsbooms. Der Vater
der Tänzerin war ein stolzer Mann gewesen, der erste
Chinese, der in Edinburgh Medizin studiert hatte und von dort den westlichen
Lebensstil nach Shanghai zurückbrachte. Er behandelte die Krankheiten
der reichen Shanghaier Familien. Ein Lebemann mit vier Ehefrauen. Eines
Nachts träumte er von Rosen, von einem bunt blühenden Garten
im Frühsommer. Am nächsten Tag gebar seine jüngste Frau
ihm eine Tochter, er gab ihr den Namen Tang Weihong - "Rosenrot". Das war
im Mai 1926. Rosenrot war ein stilles Baby und wunderschön.
Die Amme wiegte sie in Seidentüchern und sang ihr Schlaflieder.
Eine beschützte Kindheit in einer wohlhabenden Familie. Sie machten
Familienausflüge in dem braun-gelben Ford mit Chauffeur und dem
Kennzeichen 51. Nur Mächtige hatten so ein Nummernschild. Als Rosenrot
16 Jahre alt wurde, nahm ihre ältere Schwester Tang
Ying sie zum ersten Mal mit zu einer Party. Rosenrot trug ein rotes Kleid
mit Blumenmuster und echten Rubinen. Vor dem Spiegel hatte sie geübt,
sich wie ihre Schwester zu bewegen, die Augen aufzuschlagen und zu tanzen.
Aber während der Party blieb sie auf dem Ledersofa sitzen und schaute
dem Glanz zu. Dann kam ein junger Mann, ein holländischer Banker
im dunklen Anzug mit Fliege. "Ich bringe dir das Tanzen bei",
sagte er und: "Hab keine Angst." Rosenrot versuchte es. "Du
tanzt wie ein Kuli, der eine Rikscha zieht", sagten die anderen.
Shanghai definierte die Schönheitsideale in ganz Asien und war
streng damit. Mehr als
100 000 Ausländer lebten in Shanghai, regiert von Kartellen,
Konsuln, Räuberbanden und multinationalen Handelshäusern. Die
Hafenstadt war das Zentrum der kolonialen Wirtschaft, der Kultur, des
dekadenten Lebensstils. Es gab fast 700 Bordelle, zahllose Casinos, exklusive
Clubs und Opiumhöhlen. "Wenn Gott Shanghai duldet, schuldet
er Sodom und Gomorrha eine Entschuldigung", schrieb ein westlicher
Missionar in einem Brief in die Heimat. Im nächsten Sommer stellte die Familie ihrer Tochter Rosenrot
einen jungen Mann vor: Yao Zhihao, ein Zollbeamter aus gutem Hause. "Ein
verlässlicher Herr", sagte die Mutter. "Ein alter Mann",
dachte Rosenrot. Aber Yao konnte ihr Herz gewinnen. Er lud sie in Clubs,
zum Dinner ins Cathay-Hotel, und dann sagte er: "Gehen wir tanzen!" Sie kannte
das Paramount vom Namen. Jeder kannte es, den größten
und teuersten Tanzpalast in Shanghai, wo Geld und Schönheit aufeinander
trafen. Die Leute sagten, der Ballsaal im zweiten Stock sei der beste
im ganzen Fernen Osten. Stars, Tänzer, Prostituierte, Drogenbarone
und Industrielle kamen, Charlie Chaplin mit seiner Frau und Jimmy King
- chinesisch Jin Hauizu - leitete die erste chinesische Jazzband. Rosenrot
sah den Glanz, die glücklichen Gesichter der Mädchen,
die stolzen Augen der Männer, und sie dachte: Ich muss tanzen lernen.
Yao führte sie jeden Abend ins Paramount. Am Ende des Sommers konnte
sie den Blues, Rumba und Walzer und war aufgestiegen in die Shanghaier
Gesellschaft. Rosenrots Hochzeit war ein großes Fest im Golden-Gate-Hotel
mit 300 Gästen. Sie war 18 Jahre alt, und wie die Tradition es verlangte,
zog sie zu ihrem Mann und seiner Familie, Händler aus dem Süden.
Die Schwiegermutter sagte zu Rosenrot: "Du bist jetzt eine Dame.
Du kannst dich nicht mehr anziehen, wie du willst." Rosenrot stellte
die hochhackigen Schuhe in den Schrank, ihre Kleider wurden länger,
und sie ging nur noch selten aus. Sie vermisste die Musik, die Partys,
den langsamen Walzer. Dann kamen die Kommunisten. Maos Truppen nannten
Shanghai die "Hure der Imperialisten". Die Ausländer flohen,
nahmen ihr Geld und die Dekadenz mit, aber Rosenrot wollte nicht gehen. "Ich
will kein Flüchtling sein", dachte sie. Und blieb. Die ersten
Jahre konnte sie ihren Lebensstandard halten und sogar eine kleine Firma
eröffnen, die "Drei Sterne Reißverschluss-Fabrik" im
Jingan-Bezirk, die sie zusammen mit fünf Freunden betrieb. Dann
folgten Enteignungen und Hunger. 1954 wurde das Paramount in Hongdu-Theater
umbenannt - "Rote Hauptstadt". Aus dem Ballsaal wurden ein
Kino und eine Markthalle. Dann entzündete Mao die Kulturrevolution, und eine Wutwelle schwappte über
das Land. Die Roten Garden enteigneten Rosenrot, zwangen sie zu den niedrigsten
Arbeiten in ihrer eigenen Fabrik. Sie schrubbte die Latrinen der Arbeiter,
und keiner traute sich, das Wort an sie zu richten. Die Revolutionäre
drangen in ihr Haus, zerschnitten die Abendkleider, verbrannten Fotos
und die letzten Reichtümer. "Wie sollte ich tanzen gehen?",
fragt sie und flüstert jetzt fast. "Was hätte ich anziehen
sollen?" Sie war noch immer eine Dame. Mao starb
1976 und hinterließ sein hungriges Land im Chaos. Aus
dem stolzen Shanghai war eine graue Industriestadt geworden. Rosenrot
war ausgepresst von der harten Arbeit, und ihr weiches Gesicht hatte
Falten bekommen. Die Leute begannen, sie "Tante Tang" zu
nennen. Aber den langsamen Walzer hatte sie nicht vergessen. Es ging
bergauf, und eines nach dem anderen zogen ihre vier Kinder ins Ausland.
Sie schickten Geld zurück. "Dein Leben war hart.
Genieß es jetzt", sagten sie. Und Tante Tang tat es. 1980
ging sie zum ersten Mal wieder tanzen. Im sechsten Stock des Hauses der
Wissenschaften gab es einen Raum, der groß genug war. Es war, als
hätte sich nach langer Zeit ein Kreis geschlossen, als seien Shanghai
und Tante Tang wieder in ihre alte Umlaufbahn eingeschwenkt. Am 19.
Januar 2002 eröffnete das Paramount wieder, ein taiwanesischer
Geschäftsmann hatte es im alten Glanz herrichten lassen. Es dauerte
nur ein paar Tage, bis Tante Tang wiederkam. Sie zog sich wieder hochhackige
Tanzschuhe an und ein elegantes Kleid; es war, als tanzte sie in ihre
Jugend zurück. Tante Tang
kommt dreimal pro Woche. "Ich bin die älteste
Kundin", sagt sie, "aber ich tanze mit dem jüngsten Mann." Es
ist Sun Ting, 22 Jahre, schlank und stolz, ein hoch gewachsener Shanghainese
mit zurückgegelten Haaren. Seit zwei Jahren tanzt Sun im Paramount,
jeden Abend, denn es ist sein Beruf. Früher amüsierten sich
reiche Geschäftsmänner mit jungen Frauen. Aber die Zeiten haben
sich geändert, und Shanghai ist offener geworden. Heute können
sich auch reiche Frauen mit jungen Männern amüsieren. Sun ist
kein Gigolo, auf seiner Visitenkarte steht "Tanzlehrer". Er
tanzt mit denen, die ihn bezahlen, schenkt ihnen Whiskey nach und lächelt
höflich. "Der alte Glanz Shanghais ist zurück", sagt Tante Tang. "Aber
dieses Mal ist es besser. Früher konnten Frauen nicht jeden Tag
und nicht allein ausgehen und tanzen." Inzwischen kommen auch die
Ausländer wieder ins Paramount, aber sie sind nicht wie die eleganten
Männer von Welt wie früher. Letzten Sonntag sah sie, wie sich
50 junge Ausländer zwei Tanzlehrer teilten, um Geld zu sparen. "So
etwas macht man nicht", sagt sie. Tante Tang ist eine Dame. erschienen
am 2. August 2004 in Aus aller Welt im Hamburger Abendblatt
Morgenpost vom 24.09.2004
Die
modernste Piste der Welt steht auf Pfählen
und Styropor Der
neue Kurs in Shanghai stellt alle bisherigen Formel-1-Strecken in
den Schatten. Etwa 40 Kilometer von der ostchinesischen Hafenmetropole
entfernt entstand ein gigantischer, moderner und technisch anspruchsvoller
Kurs mit einer Kapazität für 200 000 Zuschauer. In einem
Sumpfgebiet mit 17 Flüssen im Jiading-Distrikt wurden 40 000
Betonpfähle mit einer Länge zwischen 40 und 80 Metern in den
Boden gerammt, um dem Kurs die Standfestigkeit zu geben. Darüber
wurde meterdick Styropor gelegt. 18 Monate dauerten die Bauarbeiten,
an denen bis zu 8000 Menschen beteiligt waren.
Der Kurs
ist 5,451 Kilometer lang und damit der fünftlängste
in der Formel 1. Die Renndistanz am Sonntag beträgt 305,256 Kilometer.
Besonderheiten sind unter anderen zwei lange Geraden, drei eingeplante Überholmöglichkeiten
und zwei sehr anspruchsvolle Kurven: Eine sich verengende "Schnecke",
in der von rund 300 Stundenkilometern auf 90 km/h heruntergebremst wird,
und ihr Gegenstück, eine sich öffnende Kurve mit acht Prozent
Quersteigung. Der Kursverlauf ähnelt dem chinesischen Zeichen "shang",
ist Bestandteil des Stadtnamens Shanghai und bedeutet "aufstrebend".
Die Kosten für die Anlage liegen bei rund 500 Millionen Euro.
Formel
1 auf Werbefahrt
Der
Grand Prix von China in Schanghai als besonderes Marketing-Instrument
dbe. Schanghai,
24. September
In
der Formel 1 sind sich dieser Tage für einmal alle einig.
Vor dem Grand Prix von China rückten die unsäglichen Diskussionen
der Teamchefs mit FIA-Präsident Max Mosley über Motoren,
Aerodynamik und Reifen wie auch die Differenzen mit Bernie Ecclestone über
den Verteilerschlüssel der einfliessenden Gelder vorübergehend
in den Hintergrund. Ecclestones Idee, mit seinem Zirkus in China
aufzutreten, fand breite Zustimmung - primär unter den mit Autoherstellern
verbandelten Teams. Für Fiat (Ferrari), DaimlerChrysler (McLaren-Mercedes),
BMW (Williams), Ford (Jaguar), Renault, Toyota und Honda (BAR) ist
die Premiere in Schanghai der wichtigste Auftritt in diesem Jahr.
Das Septett nutzt den Grand Prix zur Werbefahrt im Land mit dem am
stärksten
wachsenden Automarkt.Boomender
Personenwagenverkauf
Die
Zahlen sind in der Tat beeindruckend, selbst wenn die Steigerungsraten
gegenwärtig nicht mehr in so horrendem Tempo wie in den Jahren
zuvor in die Höhe schnellen. In China wurden 2003 mehr als 4,5
Millionen Fahrzeuge verkauft, die Hälfte davon waren Personenwagen.
Das entspricht einer Zunahme um 76 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Gegenwärtig kommen auf 1000 Personen im Riesenreich 16 Autos,
und in zehn Jahren sollen schon 51 von 1000 Chinesen im Besitz eines
eigenen Autos sein. Entsprechend rosig sind die Aussichten für
die Hersteller: Bis 2010 soll der Bedarf an Neuwagen in der Volksrepublik
auf 10 Millionen Einheiten wachsen; China wäre dannzumal der
zweitgrösste
Automarkt hinter den USA.
Es
verwundert deshalb nicht, dass die Autobauer in China kräftig
investieren. Seit sich das Land der marktorientierten Wirtschaft zugewandt
und Anfang der achtziger Jahre die ersten ausländischen Geldgeber
akzeptiert hat, sind umgerechnet rund 45 Milliarden Franken geflossen.
Zu den «Spätzündern» unter den Investoren zählen
ausgerechnet zwei deutsche Nobelmarken. Bei BMW, das sich die 2001
begonnene Zusammenarbeit mit Brilliance China Automotive 450 Millionen
Euro kosten liess, rollte das erste in China gebaute Auto Ende Juli
2003 vom Band. DaimlerChrysler wird die Produktion gar erst Mitte kommenden
Jahres als Partner von Beijing Automotiv Industry aufnehmen. Noch später
folgt Renault. Bei den Franzosen, die sich mit der Firma Dongfeng zusammengetan
haben, beginnen die Fliessbänder 2006 zu laufen.
Auch
Toyota hat sich, bedingt durch die politischen Spannungen zwischen
den beiden Ländern, relativ spät (1998) zum Engagement in
China entschlossen. Die Japaner haben im März und im September
nochmals rund 700 Millionen Franken eingeschossen, um dank neuen Joint
Ventures weitere Modelle im Land selber produzieren zu können
und verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Im vergangenen Jahr betrug
ihr Anteil an den gesamten Autoverkäufen mit 98 000 abgesetzten
Wagen lediglich 2,1 Prozent. Ford will eine weitere Milliarde Dollar
dazu verwenden, gemeinsam mit Mazda in China eine neue Produktionsstätte
zu errichten. Fiat, das in diesem Jahr den Absatz an Personenwagen
von 120 000 auf 200 000 zu steigern versucht, kann für
sich in Anspruch nehmen, zu den ausländischen Arbeitgebern mit
der grössten Diversifikation zu gehören. Der Turiner Konzern
stellt mit sechs Gesellschaften neben Autos unter anderem auch Traktoren
und Landmaschinen her und ist selber als Zulieferer tätig.
Am
tiefsten in die Tasche greifen werden zwei Konzerne, die in der Formel
1 nicht vertreten sind und die Rangliste der in China verkauften
Autos anführen: Volkswagen, mit 33 Prozent Marktanteil trotz vorübergehender
Baisse im Sommer unangefochtener Marktleader vor General Motors (GM
/ 19 Prozent), will in den kommenden fünf Jahren seine Jahresproduktion
von gegenwärtig 800 000 auf 1,6 Millionen Fahrzeuge verdoppeln
und lässt sich diese Vorgabe fast 6 Milliarden Euro kosten. VW
bereitet unter anderem den Markteintritt der Marke Skoda vor und ist übrigens
auch Sponsor an den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking. GM will
mit weiteren 3 Milliarden Dollar seine Position im Reich der Mitte
stärken.Hondas
aus China bald in Europa
Zu
den Gewinnern in den ersten sieben Monaten dieses Jahres zählte,
gewissermassen analog zur Formel 1, Honda beziehungsweise die Guangzhou
Honda Automobile Co. Ltd. Die chinesische Tochtergesellschaft lieferte
im Vergleich mit dem gleichen Zeitraum im Vorjahr über 68 Prozent
mehr Fahrzeuge aus. Das Honda-Werk in der 10-Millionen-Metropole
Guangzhou geht zudem einen für Chinas Autoindustrie neuen Weg:
Ab 2005 will es als erster chinesischer Anbieter Autos nach Europa
exportieren. Gleiches hat Volkswagen vor. Allerdings hat VW (vorerst)
den australischen Markt und die Philippinen im Visier. Für die
Honda-Führung
kommen diese Pläne einem Wendepunkt im Autosektor gleich. Bedenken
seien fehl am Platz. China habe das Potenzial, in einigen Jahren
zur Gruppe der grössten Exportländer der Branche aufzusteigen.Wozu die
Chinesen fähig sind im Bestreben, der restlichen Welt
ihr Leistungsvermögen aufzuzeigen, haben sie auch mit dem Bau
des Shanghai International Circuit bewiesen. Der Rundkurs ist das Beste,
was die Formel 1 derzeit zu bieten hat. Auch diesbezüglich herrscht
unter den Teamchefs Einigkeit.
NZZ
vom 25.9.2004
taz
vom 25.9.2004
IMMOBILIENSPEKULATION IN SHANGHAI Wo
Buddhas Bauch das Geschäft fördertIm
Juli 1921 wurde in Shanghai die Kommunistische Partei Chinas
gegründet.
Heute ist die Stadt die wichtigste "Global City" des Landes,
dessen Wachstum einen erheblichen Einfluss auf Rohstoffpreise und Weltwirtschaft
hat. Multinationale Konzerne haben dort ihre Niederlassungen, es gibt
eine Reihe großer Forschungszentren und, nicht zuletzt, expansionswütige
Bauunternehmen. Sie profitieren derzeit am meisten vom Übergang
Chinas zum Kapitalismus. Von PHILIPPE
PATAUD CÉLÉRIER *
* Journalist. Autor von "Xi, parce que ce nen est que le commencement";
erscheint im Herbst 2004 bei Nil, Paris.ARBEITER
tun ihre Arbeit. Eine junge Frau treibt auf einer blau-rosa Woge dahin.
Eine wirbelnde Kraft zieht ihren Körper in einen wollüstigen
Strudel von Siphons und Abflüssen. Waschbecken erheben sich mit
der Frische der Meeresbrandung: "American Standard" verkündet
die Werbetafel am Rand der Schnellstraße. Ein paar Meter darunter
drängen sich Neugierige vor einer Absperrung - Bänder, die
vom Eintreffen des Unerwarteten künden, ein Unfallopfer, das am
Boden liegt, ein Wohnhaus, das einzustürzen droht.
Doch
nichts dergleichen ist hier zu sehen. Nichts außer einem
Restaurant, das sich fest und sicher inmitten von Bauschutt erhebt. Der
Gästeraum ist verwüstet. Schatten schluchzen. Wie kann es sein,
dass der Bau in diesem völlig zerstörten Viertel immer noch
steht? Reiner Zufall wahrscheinlich. Die Behörden haben gar nicht
so Unrecht, wenn sie die Gaffer mit dem rot-weißen Plastikband
fernhalten, das sonst ein Zeichen dafür ist, dass da etwas liegt,
hier aber heißt, dass etwas noch steht.
Eine
alte Frau erzählt: "Ganz früh heute Morgen sind
Männer gekommen und haben alles zerschlagen: Stühle, Tische,
Geschirr, die Vitrine. Den Koch haben sie verprügelt. Der Eigentümer
geht nicht mehr aus dem Haus, weil die Stadt, nachdem er endlich in den
Verkauf seines Restaurants eingewilligt hatte, nur noch die Hälfte
der versprochenen Entschädigung bezahlen will." Aber was kann
er schon machen? Die Menschen, die in den Häusern zu bleiben versuchen,
in denen sie seit vier Generationen wohnen, müssen erleben, dass
man ihnen Wasser und Strom abstellt. Wenn sie im öffentlichen Dienst
angestellt sind, kann es passieren, dass sie ihre Arbeit verlieren oder
von einer der schrägen Gestalten belästigt werden, die tagsüber
mit Dienstmütze herumlaufen. "Die Polizisten lassen sich solche Überstunden
von den Baugesellschaften bezahlen. Meiner Tochter haben sie eine andere
Wohnung gegeben, zwanzig Kilometer weg von hier. Seitdem ist sie arbeitslos.
Sie hat früher Zeitungen ausgetragen. Was soll nur aus ihr werden?"
Die
Szene spielt am Suzhou-Fluss, unweit des Bahnhofs von Zhabei, dem Arbeiterviertel
im Norden Shanghais, wo im Zuge der industriellen Textilproduktion
zwischen 1924 und 1927 die ersten chinesischen Gewerkschaften entstanden.(1)
André Malraux schrieb seinerzeit in "So lebt der Mensch": "In
Chapei ist der Generalstreik ausgerufen worden!" Manche Kommunisten
schluckten Zyankali, um nicht beim Pfeifen der Lokomotiven den Nationalisten
in die Hände zu fallen. Heute übertönt der Lärm
der Planierraupen die Stimme der Enteigneten.
Von
den 15 Millionen Einwohnern der Provinz Shanghai oder genauer von den
gut 10 Millionen Einwohnern der zehn innerstädtischen
Viertel sollen seit den 1990er-Jahren schon 2,5 Millionen enteignet
worden sein.(2)
Hier
am Nordufer, das wegen der freien Südlage nahe am Fluss besonders
begehrt ist, haben die Behörden ein Spruchband angebracht: "Schützen
wir unser Volk! Seit achtzig Jahren erfolgreich dieselbe Politik der
Partei!" Auf einem zweiten steht: "Für ein besseres Leben
in besseren Stadtvierteln!" Das Fernsehen wurde geholt, damit es
das Chaos und den Dreck in diesem extrem dicht besiedelten Wohnviertel
zeigte. Eine junge Frau berichtete vor der Kamera: "Unsere Häuser
sind vergammelt. Da wohne ich lieber im Hochhaus, wo ich morgens die
Sonne sehe. Dann gibt es fließend Wasser! Schluss mit den Nachttöpfen!"
Vertreter
der Baugesellschaften und der Baubehörde traten auf und
klagten über den verrotteten Zustand der Häuser. Man forderte
die fast beschämten Bewohner auf, ihre Häuser aufzugeben, entweder
gegen eine pauschale Entschädigung oder gegen die Umsetzung in Miet-
oder Eigentumswohnungen in einem der riesigen Wohntürme am Stadtrand
- wobei die Ersatzwohnung in Größe und Zustand der aufgegebenen
Wohnung entsprechen soll.
Bis
in die 1980er-Jahre hinein gehörte es zur staatlichen Sozialpolitik,
dass Angestellte von staatlichen Firmen gegen eine symbolische Mietzahlung
oder auch völlig kostenfrei Wohnraum zur Verfügung gestellt
bekamen. Dieses 1998 abgeschaffte System schuf einen Ausgleich für
die niedrigen Löhne der Staatsunternehmen. Doch diese Form von Naturalienentlohnung
hat eine Kehrseite: Die Mieteinnahmen reichten nicht aus, um die Instandhaltung
der Gebäude zu finanzieren. Viele Staatsunternehmen sparten, als
die Einnahmen zurückgingen, an den Ausgaben für die Wohnhäuser.
Die durchschnittliche Wohnfläche sank 1979 auf vier Quadratmeter
pro Person. Die wirtschaftliche Umstrukturierung bedeutete auch das Ende
für unrentable Investitionen.
Ohne Abriss kein Aufbau, wie Mao schon sagte
ABER
wie macht man aus einer Sozialleistung eine marktfähige Ware,
die private Investoren anzieht? "Unter dem Einfluss Deng Xiaopings
wandelte die Wirtschaftsreform in den 1980er-Jahren den Wert von Grund
und Boden in einen Extraprofit um", erklärt der Architekt und
Stadtplaner Zhang Liang.(3) "Der Quadratmeterpreis hängt seitdem
von verschiedenen Faktoren ab. Da spielen erstens geografische Faktoren
eine Rolle - also ob die Wohnung im Stadtzentrum oder am Stadtrand liegt
und wie weit es etwa zur nächsten U-Bahn-Station ist - zweitens ökonomische
- je nach Nutzung als Bürogebäude oder als Wohnhaus - und drittens
Aspekte wie die Attraktivität des Viertels."
"Bu po bu li! - ohne Abriss kein Aufbau", so die von Mao während
der Kulturrevolution ausgegebene Parole, der die Bodenspekulation neue
Aktualität verleiht. "Die Tabula-rasa-Politik erlaubt es, Hochhäuser
zu bauen und die Gesamtwohnfläche zu vergrößern, indem
die Bebauung verdichtet wird", fährt Herr Zhang fort. Die Bauprojekte
rentieren sich nicht zuletzt, weil es die örtlichen Behörden
sind, die die niedrigen Enteignungsentschädigungen festsetzen, und
weil die Baugesellschaften, deren Hauptaktionäre in vielen Fällen örtliche
Parteikader sind, ohnehin auf Rechtsansprüche keine großen
Rücksichten nehmen.
"300 000 Yüan pro Wohnung?(4) Die Entschädigung
soll den Kauf einer 90-Quadratmeter-Wohnung jenseits des dritten Rings
ermöglichen?" Liu lacht bitter über diese offizielle Behauptung.
Er hat nur 120 000 Yüan - 40 000 Yüan pro Person
bei maximal drei Personen pro Wohnung - als Entschädigung für
das Häuschen erhalten, das er einst am Ufer des Suzhou besaß und
das inzwischen abgerissen wurde. Ein nicht verhandelbarer Betrag, den
er dennoch der angebotenen Ersatzwohnung vorgezogen hat: "Das war
in einer Vorortsiedlung ohne Anschluss an die öffentliche Versorgung
und ohne Schule für meine einzige Tochter. Mit der Entschädigung
habe ich mich bei Freunden eingemietet, die noch hier im Viertel wohnen.
So kann ich meine Stelle als Wächter bei der Hauptpost von Suzhou
behalten. Bei einem Quadratmeterpreis von 5 000 Yüan kann ich
mir hier unmöglich eine Wohnung kaufen."
Liu
weiß, dass die Entschädigungen oft noch ungerechter ausfallen.
So erhielt ein Hausbesitzer eine noch geringere Entschädigung (von
100 000 Yüan), weil auf dessen Grundstück - doppelt so
groß wie das von Liu - eine Grünfläche entstehen soll.
Ein wenig Grün vor einem Bürokomplex. Diese Umwidmung führt
nicht etwa zu einer Erhöhung der Entschädigung, obwohl die
Baugesellschaft für jeden Quadratmeter beim Weiterverkauf das Dreifache
berechnete - bei immerhin dreißig Etagen.
"Die Stadt verhindert sehr geschickt, dass die Enteigneten sich
miteinander solidarisieren", erklärt Liu. "Wer sofort
auf das Angebot einer Ersatzwohnung eingeht, kann unter verschiedenen
Wohnungen wählen, die nicht so weit vom Zentrum entfernt liegen." Was
mit den anderen geschieht, ist allgemein bekannt: Warnung, Einschüchterung,
Drohungen, Zwangsräumung. Und als Strafe für ihre Widerspenstigkeit
noch mehr Unrecht. "Sehen Sie die zerstörten Dächer dort?
Die Baugesellschaft ist pleite, aber die Stadt hat nicht das Geld, um
die Bewohner zu entschädigen oder ihnen angemessene Ersatzwohnungen
zur Verfügung zu stellen, obwohl sie die Häuser der Leute zerstört
hat. Schon seit zwei Jahren leben sie in den Trümmern, hinter der
Mauer, die die Stadt hat bauen lassen, damit die Gäste der benachbarten
Hotels und die zukünftigen Eigentümer der noch nicht errichteten
Wohnhäuser von dem Anblick nicht abgeschreckt werden."
Denn
beiderseits des Suzhou schießen neue Wohnviertel wie Bambus
aus dem Boden. Ihre Namen sind englisch: "Brillant City" oder "Rhine
City". Genau dort, wo der Fluss einen großen Bogen macht -
eine begehrte Lage, denn die Rundung, die an den Bauch Buddhas erinnert,
ist günstig für Geschäfte -, erheben sich zwei riesige
Wolkenkratzer.
"Für nur einen Yüan können Sie sich den Reichtum
ansehen." Mit diesen Worten spricht ein Arbeitsloser die Passanten
an und hält ihnen ein Fernglas hin. "Sehen Sie nur!" Eine
Baugesellschaft aus Hongkong hat zwei hundert Meter hohe Gebäude
errichtet. Auf zweiunddreißig Stockwerken werden 208 Wohnungen
von 120 bis 165 Quadratmetern angeboten, komplett möbliert mit Einbauküche,
mehreren Bädern, Wohnzimmern über zwei Etagen und makellos
weißen Toiletten. An Gemeinschaftseinrichtungen stehen den Bewohnern
außerdem kleine Gärtchen, Pool und Fitnessräume zu Verfügung.
Der Quadratmeterpreis beträgt je nach Etage zwischen 7 000
und 17 000 Yüan.
Die
Wohnungen sind alle seit mindestens einem Jahr verkauft, hauptsächlich
an Hongkong-Chinesen, an Ausländer - seit August 2001 dürfen
sie Wohneigentum erwerben - und an Neureiche aus der Provinz, vor allem
aus Wenzhou (in Zhejiang). Andere mieten sich lieber eine Wohnung; die
Monatsmiete liegt im Schnitt zwischen 10 000 und 13 000 Yüan,
das sind exorbitante Preise im Vergleich zu den 1 000 bis 2 000
Yüan für eine normale Wohnung oder zu den 50 bis 100 Yüan
Monatsmiete für eines der vielen tausend kleinen Häuser in
der Nähe des Flusses, die demnächst abgerissen werden. Am Fuß der
Hochhäuser ist nämlich eine Parkanlage geplant.
Am
Suzhou gibt es immer weniger Industrie. Das Flusswasser wird - darüber
können sich Investoren und zukünftige Anwohner freuen - in
einer Anlage gereinigt. "Ja, es wird besser hier im Viertel",
räumt Liu ein, "aber wir haben nichts davon. Man setzt uns
vor die Tür, weil wir zu wenig verdienen. Und wir können
unser Recht nicht durchsetzen."
Die
Ungerechtigkeit ist für die Menschen umso unerträglicher,
als die Korruption im Immobiliensektor ebenso groß ist wie das
Wachstum. Und das ist rasant. "Der Nachholbedarf ist enorm ebenso
wie der Bevölkerungsdruck - zum Vergleich: alle fünf Jahre
kommt die gesamte Bevölkerung Frankreichs hinzu -, da bleibt gar
nichts anderes übrig als gegen die gewaltige, noch von Mao ererbte
Unterentwicklung des Wohnungsbaus und der Wohninfrastruktur zu kämpfen",
kommentiert der Wirtschaftswissenschaftler Jean-François Huchet.(5)
Die Pekinger Zeitung China Business berichtete vor kurzem, dass 88 Prozent
der 479 in den Jahren 2001 bis 2003 in Shanghai durchgeführten Verkäufe
staatlicher Grundstücke ohne die gesetzlich dafür vorgeschriebene öffentliche
Ausschreibung erfolgt seien.(6)
Populärer Anwalt als Spion verurteilt
RECHT
ist eben etwas anderes als Gerechtigkeit", meint ein chinesischer
Jurist in Anlehnung an Voltaire. "Das Recht ist zu einem bloßen
Werkzeug im Dienst der Mächtigen geworden." Nur wenige Anwälte
setzen sich für die Rechte der vertriebenen Bewohner ein. Mit dem
Hinweis auf das Gemeinwohl, das Vorrang vor Privatinteressen haben müsse,
weisen die Gerichte regelmäßig Klagen von Betroffenen ab,
obwohl diese nur die Einhaltung geltender Gesetze verlangen. So müssten
Baugesellschaften zum Beispiel für Familien, deren Wohnungen im
Stadtzentrum sie haben abreißen lassen, doppelt so große
Ersatzwohnungen am Stadtrand bauen - was sie freilich nie tun.
Der
Fall des 54-jährigen Shanghaier Anwalts Zheng Enchong veranschaulicht
das herrschende Klima. Nachdem er über 500 enteignete Familien vertreten
hatte, ohne einen einzigen Prozess zu gewinnen, bekam er die Anwaltslizenz
entzogen. Aber es kam noch schlimmer. Im Juni 2003 wurde er unter dem
Vorwurf verhaftet, er habe Staatsgeheimnisse an eine ausländische
Organisation verraten. Bei dieser Organisation handelte es sich um
Human Rights in China(7), und die angeblich verratenen Staatsgeheimnisse
betrafen unter anderem einen Streik in einer Lebensmittelfabrik in
Shanghai.
Die
Betriebsleitung hatte die Entlassung der Mehrzahl der Beschäftigten
angekündigt. Als Abfindung sollten sie gerade einmal 30 000
Yüan erhalten. Es folgten Proteste und Demonstrationen, die aufgelöst
wurden und Strafmaßnahmen nach sich zogen. Eine Sondereinheit des
Amtes für öffentliche Sicherheit in Shanghai unterzog ein in
der Fabrik geklebtes Plakat einer grafologischen Analyse: "Ich
habe nichts mehr zu essen. Ich will Gift verteilen."
Weil
der Anwalt Informationen über diese Ereignisse per Fax weitergegeben
haben soll, wurde er am 29. Oktober 2003 zu drei Jahren Gefängnis
verurteilt. Der Begriff des Staatsgeheimnisses war in China schon immer äußerst
dehnbar. Ganz besonders dehnbar scheint er zu sein, sobald es darum geht,
einen lästigen, kämpferischen und populären Anwalt außer
Gefecht zu setzen.
Bei
seiner Vertretung illegal enteigneter Familien hatte Zheng Enchong
die betrügerischen Praktiken des großen Bauunternehmers Zhou
Zhengyi angeprangert, der laut Forbes (2002) das elftgrößte
Privatvermögen in China besitzt und mit Huang Ju, einem Mitglied
des Ständigen Ausschusses des Politbüros, befreundet ist. Die
Berufung in dieses Amt verdankt Huang dem früheren Generalsekretär
der Kommunistischen Partei Chinas (und ehemaligen Bürgermeister
von Shanghai), Jiang Zemin, der den Ausschuss mit Leuten seines Vertrauens
besetzte (nämlich fünf der neun Mitglieder), bevor er sein
Amt an den jetzigen Generalsekretär und Staatspräsidenten
Hu Jintao abtrat.
Einige
Enteignete haben auch schon den Versuch unternommen, sich direkt an
die oberste Führung in Peking zu wenden und bei Hu Jintao eine
Petition einzureichen. Um nach Peking zu reisen, müssen sie allerdings
am Amt für öffentliche Sicherheit von Shanghai vorbeikommen,
das seine Leute an den Bahnhof von Zhabei oder sogar an den Ankunftsbahnhof
in Peking schickt. Einige besonders Verzweifelte haben sich auf dem
Platz des Volkes selbst verbrannt.(8)
Viele
Betroffene sind nicht länger bereit, sich mit den Ungerechtigkeiten
abzufinden. Die kleinen Leuten ebenso wie die gewissenhaften unter den
neuen Eigentümern werden sich ihrer Rechte mehr und mehr bewusst.
Sie wollen für ihren Status als Eigentümer und den wirtschaftlichen
Wert ihres Eigentums verteidigen und organisieren sich in Vereinen, um
ihre gemeinsamen Interessen zu vertreten. Ihr Zusammengehörigkeitsgefühl
wird nicht mehr durch "dieselbe Klasse, sondern durch denselben
Ort" bestimmt.(9)
Am
19. Dezember 2003 hob das Berufungsgericht das Urteil gegen Zheng Enchong überraschend auf. Möglicherweise steht dahinter der
Einfluss Hu Jintaos, der die Macht seines einflussreichen Rivalen und
gegenwärtigen Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission,
Jiang Zemin, zu brechen versucht. Oder den obersten Instanzen beginnt
allmählich an einer gewissen Rechtssicherheit im Geschäftsleben
zu liegen, für das der Bausektor von wesentlicher Bedeutung ist,
weil dies als Voraussetzung für soziale Stabilität und Wirtschaftswachstum
betrachtet wird. Dazu passt der von der Parteileitung dem Kongress Ende
2003 vorgelegte Entwurf einer Verfassungsänderung, wonach, erstmals
seit fünfzig Jahren, das Recht auf Eigentum in die chinesische Verfassung
aufgenommen werden soll. Wie die staatliche Presseagentur Neues China
meldet, enthält sie den Satz: "Legal erworbenes Eigentum darf
nicht verletzt werden." Vielleicht bestätigt diese Entwicklung
eine alte chinesische Weisheit, nach der das Gesetz zum Zuge kommt, wenn
die Tugend der Regierenden endet. Vielleicht ist sie aber auch einfach
ein Zeichen für die neue Legitimationsgrundlage der Regierenden
- die im fortgesetzten Wirtschaftswachstum des Landes liegt.
Nach
fünfundzwanzig Jahren "Politik der Öffnung und Wirtschaftsreform" findet
nun der Übergang zur Marktwirtschaft statt. Dabei kommt die chinesische
Politik nicht umhin, deren Kernelement, die Achtung vor dem Privateigentum,
wie auch die Menschen, die es zum Wohle der Partei einsetzen wollen,
anzuerkennen: die vielen Millionen privaten Kleinunternehmer, einst "Konterrevolutionäre",
die der 16. Parteitag der KPCh im November 2002 unter der bombastischen
Bezeichnung "fortschrittliche Produktivkräfte" hoffähig
gemacht hat.
Inzwischen
hat "die Stadtplanung die soziale Spaltung durch den
immer deutlicheren Gegensatz zwischen Stadtzentrum und Peripherie verschärft",
meint der Architekt und Stadtplaner Zhang Liang. "Durch die schematische
Anwendung der immer gleichen Entwicklungspläne nimmt die soziale
Mischung in unseren Städten stetig ab." Angesichts von Verstädterung,
fortschreitender Zerstörung familiärer Strukturen und einer
durch Familiensolidarität nicht mehr aufgefangenen Verarmung stellt
sich die Frage, wie sich diese gigantischen Stadtgebilde in Zukunft
verhalten werden. deutsch von Michael Bischoff
Fußnoten:
(1) Die Gewerkschaften wurden von Tschiang Kai-schek mit Hilfe der Verbrecherbande "Grüne
Hand" und der Shanghaier Großbourgeoisie zerschlagen. Siehe Marie-Claire
Bergère, "Histoire de Shanghai", Paris 2002.
(2) Shanghai ist nicht nur eine Stadt, sondern auch eine Provinz mit ländlichen
Gebieten und einer Fläche von 6 340 Quadratkilometern. Die Stadt
selbst hat zehn Bezirke: Yangpu, Hongkou, Zhabei, Putuo, Changning, Jingan,
Huangpu, Xuhui, Luwan und Nanshi. Zu den 15 Millionen offiziellen Einwohnern
kommen weitere 3 Millionen Zuwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung.
(3) Zhang Liang, "La Naissance du concept de patrimoine en Chine",
Paris 2002. Man muss unterscheiden zwischen dem Grundeigentum, das seit 1949
nur dem chinesischen Staat zusteht, und dem Recht auf Bodennutzung, das abgetreten
werden kann. Ein Gesetz aus dem Jahr 1987 überträgt den Gemeinden
das Recht, Grundstücke für 30 bis 90 Jahre zu verpachten.
(4) Ein Euro entspricht 10,63 Yüan.
(5) "Vingt cinq ans de réforme en Chine: Révolution économique,
conservatisme politique", Paris (Esprit), Februar 2004.
(6) David J. Lynch, "Chinas urban renewal brings protests, police",
USA Today, 14. November 2003.
(7 )Liu Qing, "The legal time bomb of urban redevelopment", China
Rights Forum, Nr. 2, 2003: www.HRIChina.org. Siehe auch die Sondernummer über
China der Monatszeitschrift der französischen Sektion von amnesty international,
La Chronique, vom Januar 2004.
(8) Im August und September 2003 gab es drei solche Versuche.
(9) Siehe Luigi Tomba, "Creating an Urban Middle-class: Social Engineering
in Beijing", The China Journal, Camberra, Nr. 51, Januar 2004. Le Monde
diplomatique Nr. 7307 vom 12.3.2004, Seite 14-15, 482 Zeilen (Dokumentation),
PHILIPPE PATAUD CÉLÉRIER
Künstleraustausch
geplant
China: Kultursenatorin Karin von Welck wertet die Delegationsreise als
vollen Erfolg. Bald Hamburger Filme in Shanghai?
Von Jens Meyer-Wellmann Hamburg
will den Kulturaustausch mit China weiter intensivieren. Kultursenatorin
Karin von Welck hat von der Delegationsreise ins Reich der Mitte allerlei
konkrete Absprachen mit nach Hause gebracht. Demnach sollen zum Beispiel
ab sofort zwei junge Künstler der chinesischen Kunstakademie Hangzhou
pro Jahr zum Studium nach Hamburg kommen - für jeweils drei Monate.
Im Gegenzug sollen nach dem Wunsch der Senatorin zwei Hamburger Künstler
an der chinesischen Akademie studieren. "Das ist eine hochmoderne, fantastisch ausgerüstete Akademie",
so von Welck. Die Vorzeichen für die enge Zusammenarbeit seien
auch deshalb so gut, weil der Direktor der Kunstakademie, Prof. Xu
Jiang, ein Jahr in Hamburg studiert habe. Ein weiteres Ergebnis der Chinareise: Im Jahr 2006,
dem 20-jährigen
Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Shanghai, soll es in
Hamburg eine große Ausstellung zeitgenössischer chinesischer
Kunst geben - möglichst in den Deichtorhallen oder in der Kunsthalle.
Das Kuratorium solle von Chinesen und Deutschen gemeinsam besetzt werden,
bei der Vorbereitung solle eng mit dem Shanghai Art Museum zusammengearbeitet
werdem. "Parallel wünsche ich mir eine Ausstellung traditioneller
chinesischer Kunst", so von Welck. "Das chinesische Erbe
soll dort mit berücksichtigt werden. Ich kann mir vorstellen,
dass das Museum für Kunst und Gewerbe eine solche Ausstellung
ausrichten könnte." Insgesamt sei die China-Reise für die Kulturdelegation ein großer
Erfolg gewesen. Neben dem Künstleraustausch und der geplanten
Ausstellung sei ja das Abkommen über den Bau eines Shanghaier
Teehauses in Hamburg zu Stande gekommen, über das gestern auch
die Bürgerschaft diskutierte (siehe S. 14). Auch in Sachen Film gestaltet sich die Zusammenarbeit
zwischen Hamburg und China erfolgreich. Möglicherweise würden schon beim Filmfest
Hongkong oder beim Filmfest Shanghai im kommenden Jahr Hamburger Filme
zu sehen sein, sagte Eva Hubert, Chefin der Filmförderung, die
ebenfalls mit nach China gereist war. Das Filmfest Hamburg solle 2006
einen China-Schwerpunkt bekommen. Bei Gesprächen in Peking, an denen auch Bertram Schwarz von
Studio Hamburg teilnahm, wurde zudem über eine Zusammenarbeit
bei Fernsehfilmen gesprochen. Die Chinesen wollen nun einen Vorschlag
für ein Filmabkommen ausarbeiten. In Shanghai wurden die Hamburger
unter anderem um Hilfe bei der Vermittlung deutscher Fernsehproduzenten
gebeten. Auch bei einem von 150 chinesischen Kulturschaffenden besuchten
Forum in Shanghai und einem "deutsch-chinesischen Kulturtisch" seien
wichtige Kontakte geknüpft worden, so Filmförderungschefin
Hubert: "Ich bin hocherfreut über die Ergebnisse dieser Reise." erschienen
am 24. September 2004 in Hamburg - Hamburger Abendblatt
Film
Auch China verabschiedet Lenin
01. Juni 2004 Auch in China zählt Wolfgang Beckers
Spielfilm "Good bye, Lenin!" zu den erfolgreichsten deutschen
Kulturexporten der jüngeren Zeit: Als erstem deutschen Film ist
ihm die Ehre zuteil geworden, auf dem Straßenmarkt der Raubkopierer,
der bisher fast ganz auf Hollywoodprodukte setzte, angeboten zu werden
- für sieben Yuan (knapp siebzig Cent). Daß der Film dank des Drängens von Andreas Schiekofer,
dem Leiter des Schanghaier Goethe-Instituts, auf dem hiesigen Filmfestival
gezeigt werden darf, gleicht einem kleinen Wunder. Denn die 150 Filme
des Festivals müssen die Zensur des Pekinger Generalbüros
für Spielfilm, Fernsehen und Rundfunk passieren. Verglichen damit
ist ein Zugeständnis leicht zu verschmerzen gewesen: Der Film
trägt den nichtssagenden Titel "Bianqian" (Wandel). Am Wettbewerb
um den Preis Jin Jue des Filmfestivals (5. bis 13. Juni) nehmen siebzehn
Filme aus vierzehn Ländern teil. Hollywood
ist abwesend. Außer Konkurrenz laufen Fatih Akins "Gegen
die Wand" und Sönke Wortmanns "Wunder von Bern",
zu dem in Schanghai das Gerücht umgeht, Kanzler Schröder
habe beim Zuschauen geweint. Text: zhou / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2004, Nr. 125 /
Seite 49
China
Pendler, Promotionen, Plagiate
Von Joachim Müller-Jung 11. Mai 2004 Sind es Leute wie Gengxi Hu, die mit scheinbar
immer größerer Zugkraft die Vorhut der deutschen Spitzenforschung
nach China locken? Der Molekularbiologe aus Schanghai, Ende dreißig,
Stoppelfrisur, lässiges Freizeitshirt und respektlos wie all jene
Biotechnik-Sprößlinge, die vor ein paar Jahren noch damit
kokettierten, daß sie mit ihrem Börsenkapital locker manchen
Weltkonzern in die Tasche stecken könnten. Und coole
Sprüche, die den alten kommunistischen Regenten seines
Landes heute noch die Zornesröte ins Gesicht treiben müßten: "Was
wir hier ganz bestimmt nicht haben, ist Geduld. Wir brauchen den ,Shortcut'." So
wettert er im schönsten Neue-Markt-Jargon und fuchtelt mit einem
Plastikbecher grünen Tees in der Linken herum, als würde
er der deutsch-chinesischen Besuchergruppe in seiner Firma eine Stammtischrede
halten wollen.Eine FinanzierungsrundeGengxi Hus
Firma heißt "Health Digit". Ihr Name wirkt
ebenso wenig regimetreu wie das Biotechnikkonglomerat aus annähernd
dreihundert meistens kleinen bis mittleren Firmen, die sich in Schanghai
im Südosten Chinas angesiedelt haben. Aber diese provozierende Staatsferne
scheint hier niemanden zu interessieren. Hu geht es allein um den Mehrwert,
den kommerziellen Erfolg. Als er vor vier Jahren das mittlerweile dreihundert
Arbeitnehmer zählende Unternehmen gründete, hatte er nur
eine Chance bekommen. "Die Regierung gewährt eine einzige Finanzierungsrunde, danach
müssen wir Profit machen", sagt er und gibt selbstbewußt
zu erkennen, daß er die Millionen, die sein Geschäft mit Proteinchips
und Diagnoseapparaten in kürzester Zeit einbringen mußte,
heute locker einfährt. Nebenbei ist er seiner unorthodoxen Art wie
zum Trotz Mitglied der chinesischen Akademie der Wissenschaften und Professor
am Shanghai Institute of Cell Biology geworden, und das alles, nachdem
er jahrelang in den Vereinigten Staaten an der kapitalistischen Eliteschmiede
in Cambridge - am Massachusetts Institute of Technology - gearbeitet
hatte. Nicht genug: 1996 wurde er dank einer damals vorbildlichen deutsch-chinesischen Übereinkunft
Nachwuchsgruppenleiter der Max-Planck-Gesellschaft in Schanghai."Transnationale
Ausbildung" Die deutsche Wissenschaftsdelegation
mit Spitzenvertretern aus der Forschung, des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes (DAAD), des Bundesforschungsministeriums und der
Industrie hätte das als Erfolg deutscher Bildungs- und Forschungspolitik
sehen können. Und in gewisser Weise ist es das auch. Denn in dem
weltweit rapide anwachsenden "Bildungsmarkt", wie es der Vizepräsident
des DAAD, Max Huber, nennt, heißt es Flagge nicht nur in der heimischen
Spitzenförderung zu zeigen. Die Nachfrage nach
ausländischen Studenten ist weltweit gewaltig
angewachsen. Zwei Millionen Studierende in "transnationaler Ausbildung" gibt
es nach Erkenntnissen des DAAD inzwischen, mit doppelt so vielen rechnet
man in zehn Jahren. Die akademischen Migrationsströme wachsen gewaltig,
nicht zuletzt aus und nach Asien. Fast 690.000 Asiaten haben im vergangenen
Jahr im Ausland gearbeitet und gelernt, und mehr als 150.000 sind zu
einem vorübergehenden Aufenthalt nach Asien gereist.Wissenschaftliches NetzwerkChina, aber auch
Indien und einige kleinere Entwicklungsländer
treiben diesen Exportmarkt an. In Deutschland leben und arbeiten zur
Zeit allein etwa zwanzigtausend chinesische Studenten. Vor fünf
Jahren waren es noch ein Viertel davon. Das Fördervolumen für
China steht mit mehr als 14 Millionen Euro nach dem für die Vereinigten
Staaten, für Rußland und England heute schon an vierter Stelle. Dabei geht es inzwischen
nicht mehr nur allein um die "Förderung
der besten Individuen", wie es in den Statuten des DAAD heißt,
sondern durchaus auch um Programme und Projekte. Ein Beispiel ist das
im Jahre 1998 begonnene Sonderprogramm "Biowissenschaften mit Brasilien,
China und Indonesien". 124 chinesische Stipendiaten hat man bis
zum - wie es aussieht: zwischenzeitlichen - Abschluß des Programms
Ende vergangenen Jahres gefördert.Als man sich jetzt
mit Teilnehmern und Mitarbeitern des Programms in Schanghai zum "Ausbau des wissenschaftlichen Netzwerks" für
ein sogenanntes Alumnitreffen zusammengefunden hat, war der Optimismus
groß. Die deutsch-chinesische Zukunft könnte - und sollte
- noch rosiger werden, so war es aus aller Munde zu hören. Nach
der Begegnung mit dem naßforschen Jungunternehmer Hu waren sich
einige der weitgereisten Besucher allerdings offenbar nicht mehr ganz
so im klaren darüber, was diese gemeinsame Zukunft noch für Überraschungen
bereithält.Weltweite PatentrechteWas nämlich der postkommunistische Überflieger offenkundig
unter den neuen Freiheiten versteht, hatte vor allem für die Gesandten
der Pharmaunternehmen der westlichen Welt, die hier vertreten waren,
nicht nur freundschaftliche Züge. Sie witterten Patentverletzungen
in jeder der einzelnen neuen Hochglanzbroschüren von "Health
Digit". Für seine Proteinchips zum Krebsscreening beispielsweise,
mit denen Hu zwei große regierungstreue Lebensversicherungsunternehmen
inzwischen ausstattet, verwendet die Schanghaier Firma zwölf Tumormarker,
die weltweit patentrechtlich geschützt sind - außer eben in
China.Patentverletzungen
kümmern Hu aber schon deshalb nicht, weil der
chinesische Markt mit mehr als 17 Millionen potentiellen "Kunden" für
ein Unternehmen wie seines eine überaus gute Basis bietet. Als er
allerdings von der Möglichkeit der "Expansion" ins Ausland
sprach, wetterte das biowissenschaftliche Establishment aus dem Westen.
In diesem Moment wird auch ein bildungsfreundlicher deutscher Lehrstuhlinhaber
mit biounternehmerischem Nebenerwerb wie der Bochumer Proteomik-Experte
Helmut Meyer ungehalten: "Wenn dies das Ergebnis unserer Zusammenarbeit
ist, muß man schon sagen: So haben wir uns das nicht vorgestellt." Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2004, Nr. 110 / Seite N1
Bildmaterial: dpa
Berliner Zeitung vom 2.4.04Wer rennt, dem
verschwimmt die Umgebung
Aus einer Stadt mit viel Zukunft - die Designerin Pirjo Kiefer arbeitet
in Shanghai
Frau
Kiefer, Sie sind Innenarchitektin in Shanghai. Woran arbeiten Sie
gerade?
Momentan
arbeiten wir an der Renovierung der Residenz des Schweizer Botschafters
in Peking, der Büroerweiterung eines deutschen Unternehmensberaters
und der Bürorenovierung eines deutschen Pharmakonzerns in Shanghai.
Arbeiten
Sie auschließlich für ausländische Geschäftsleute
oder auch für chinesische Kunden?
Nicht
ausschließlich, aber hauptsächlich für Ausländer.
Die
Deutschen gelten als innovationsmüde und depressiv.
Sehen Sie das aus der Distanz auch so?
Leider
ja. Die große depressive Masse unterdrückt
auf den ersten Blick auch die vielen regen, hellen Geister, die es
trotz schlechter Stimmung in Deutschland immer noch gibt.
Lebt
man in Shanghai denn fröhlicher, optimistischer? Haben die
Chinesen ein anderes Verhältnis zu ihrer Zukunft?
Ein
fröhlicher Chinese? Nein, ich würde sagen: optimistisch
und zufrieden. Die Chinesen erleben momentan im Zeitraffer, was Deutschland
in den 50ern und 60ern erlebt hat. Eine Art Aufbaustimmung. Natürlich
haben sie ein anderes Verhältnis zur Zukunft, die sie ständig überrascht,
ständig neue Möglichkeiten bietet.
Shanghai
entwickelt sich rasend, es, wächst, reißt ab, baut
auf. Glauben Sie, irgendetwas aus der Vergangenheit Shanghais wird diese
Stadtplanung überleben?
Noch
vor vier Jahren hat mir jedesmal das Herz geblutet, wenn ich an der Abbruchstelle
eines alten Hauses vorbei kam. Viele der alten Häuser
haben allerdings kein Fließendwasser, keine Toilette oder Küche.
Es sind erbärmliche Verhältnisse. Das Bewusstsein der Denkmalschutzbehörde
nimmt zu. Die unter Denkmalschutz gestellten Gebäude werden nach
und nach in immer besserer Qualität saniert. Außerdem gibt
es immer mehr ausländische Investoren, die Gefallen an der Restaurierung
alter Bausubstanz finden. Die Preise für Häuser aus den 20ern
und 30ern sind in den letzten zwei Jahren enorm gestiegen. Es gilt als
schick, ein altes Haus zu kaufen und zu renovieren. Ich bin sehr froh
darum. Der alte Flair Shanghais wird vor allem um den Bund und im alten
französischen Viertel immer zu spüren sein.
Shanghai
gilt als neues Eldorado, eine perfekte Stadt zum Geldmachen. Liegt
das ausschließlich am Handel, am Einfallstor für
den riesigen Markt der Volksrepublik? Oder wird in Shanghai auch an
etwas Neuem gearbeitet, wird dort erfunden, entwickelt, kreativ gearbeitet?
Es
ist vor allem der Handel, denn Entwicklung kommt nur durch die Nachfrage
der Einkäufer nach besserer Qualität. China war wirtschaftliches
Brachland und ist es noch zum größten Teil. Da ist es einfach
etwas aufzubauen. Und dadurch, dass jeder das Gefühl hat, in Shanghai
reich werden zu müssen, gibt es auch ein hohes Potential an Kreativität.
Glauben
Sie, die Chinesen wollen nachholen, was Ihnen die westlichen Industriestaaten
vorgelebt haben? Ist also in ihren Visionen die Zukunft von den reichen
Ländern vorgezeichnet? Oder
stellt man sich auch eigene Wege in eine bessere Zukunft vor?
Es
geht momentan nur ums Nachholen und Einholen. Es scheint keine Zeit zu
sein, aus den Fehlern der westlichen Industrieländer zu lernen.
Im Gegenteil, die Geschwindigkeit der Entwicklung verschärft die
Problematik. Bausünden, Verkehrschaos und soziale Konflikte sind
das Resultat. Doch wer rennt, hat das Ziel im Kopf und nimmt die Umgebung
nur verschwommen wahr.
Sehen
Sie in der chinesischen Architektur und im Design Entwicklungen,
die etwas Neues einbringen ins internationale ästhetische
Vokabular?
Noch
nicht. Das wird eine Weile dauern. Zunächst muss an den Universitäten
die neue Generation an Professoren nachrücken, die Kreativität über
das Lernen durch Kopieren stellt. Es gibt ein paar wenige chinesische
Designer, die es verstehen, traditionelle Gestaltungselemente in modernes
Design einzubinden, doch progressiv und neu würde ich es noch nicht
nennen.
Welche
Rolle spielt die Kultur als soziales Labor, wie man sie gern im Westen
sieht?
Dadurch,
dass alle öffentlichen Auftritte und Ausstellungen durch
das Kulturkomitee kontrolliert werden, kann man nicht von einem Experimentierfeld
sprechen. Moderne Kunst, Theater oder Ballett finden nur dann eine Tür
in die chinesische Offentlichkeit, wenn der Künstler sich schon
im Ausland einen Namen gemacht hat wie zum Beispiel die Choreographin
und Tänzerin Jin Xing. Es ist immer noch das alte chinesische Bildungssystem,
das Schüler und Studenten nicht zu selbstdenkenden und kritischen
Menschen erzieht. Es herrscht Aufbruchstimmung, Reflektion kommt an zweiter
Stelle.
Welche
Rolle spielt die Tradition in Shanghai? Wird über die Vergangenheit
nachgedacht? Gibt es eine "chinesische Identität" als
Problem wie in Deutschland?
Es
gibt eine Vergangenheit, auf die man stolz ist, und eine über
die nicht gesprochen wird. Chinesen sind Patrioten.
Macht
es Sie glücklich in Shanghai zu leben?
Zwischen
mir und Shanghai besteht eine Hassliebe. Es gibt Tage da wirkt sie wie
Champagner. Absolute Euphorie, anregend, spannend, schnell. An anderen
muss man nur morgens den falschen Taxifahrer erwischen, und man ist dem
Wahnsinn nahe wie nie zuvor! Beruflich gesehen ist es fantastisch. Doch
es kostet Nerven und Energie. Die Chancen sind da, doch geschenkt bekommt
man nichts.
Welche
Chancen bieten sich Ihnen?
Ich
kann international arbeiten, mit Firmen, Konsulaten und Botschaften, zu
denen ich in Deutschland nie Kontakt bekommen hätte. Durch die
günstigen Lohn- und Materialkosten sind gestalterisch wenig Grenzen
gesetzt. Allerdings durch fachliches Unwissen. Hier ist noch viel Lehrarbeit
zu leisten.
Wie
offen ist man bei Ihren chinesischen Auftraggebern für Ideen,
die in deren Welt etwas Neues, Gewöhnungsbedürftiges bedeuten?
Hier
gibt es ein sehr großes Konfliktpotential,
zumindest was meine Arbeit angeht.
Wenn Sie an den wirtschaftlichen Erfolg Chinas denken, an den rasanten
Aufschwung der letzten Jahre - muss man sich in Europa Sorgen machen,
dass China Europa irgendwann einholt?
Nein! Nicht in naher Zukunft.
Das Gespräch führte Harald Jähner.
WAS
MACHT EIGENTLICH ...der Buddy-Bär?
Uns
rächen
taz Berlin
lokal Nr. 7321 vom 29.3.2004, Seite 22, 58 TAZ-Bericht WB
Das haben
sie nun davon, die Chinesen. Eigentlich sah es nach einem prima Plan
aus: Warum nicht ein paar der Terrakotta-Krieger, die im ganzen Land
nutzlos herumstehen, für eine Weile ins Ausland schicken? Warum
nicht einige der Repliken irgendwo abstellen, wo viel Platz ist, etwa
im Palast der Republik? Werden sich die blöden Berliner noch drüber
freuen, sind schließlich in "echt alten" Öfen
gebrannt.Tja, liebe
Chinesen. Nehmt das: 125 bunte Buddy-Bären befinden
sich derzeit an Bord eines Containerschiffs, der Kurs dürfte euch
klar sein. Vom 15. Mai an werden die Viecher euren Victoria Park in Hongkong
aufhübschen. Wie schon am Pariser Platz stellen sich die Glasfaserteddys
auch in China im Kreis auf, um das friedliche Nebeneinander von 125 Nationen
zu symbolisieren: Jeder einzelne Bär versammelt auf seinem Bauch
sämtliche Klischees des Landes, für das er steht. Das Motto
der Chinareise: "Die Liebe der Bären bringt die Welt zusammen."Der große United-Buddy-Bears-Kreis auf dem Pariser Platz muss
folglich dank Abwesenheit in diesem Jahr ausfallen. Was nicht heißt,
dass ganz Berlin befreit ist von den Bären: Über die Stadt
verstreut lauert hier und da ein einzelner Buddy. Und schließlich
vermehren sich die Buddy-Bären natürlich ähnlich wie die
Terrakotta-Krieger gänzlich unkontrolliert durch Souvenirshops,
wo der Buddy aus Kunstharz zum Selberbemalen schon ab 48,50 Euro zu
haben ist. Nach
Hongkong reisen die Buddy-Bären übrigens weiter nach
Schanghai - und, damit das klar ist: Über weitere Ziele entscheiden
wir hier spontan. "WB
Hamburger
Abendblatt (Interview: MELANIE WASSINK erschienen am 11. Nov 2003 in Wirtschaft
"Wir
wollen Direktflug nach Shanghai"
Han
Zheng, Oberbürgermeister von Shanghai, zu Besuch in Hamburg: Was
die Hansestadt von Chinas Boomtown lernen kann.
ABENDBLATT:
Shanghai ist eine der wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Städte
der Welt. Wie lautet das Geheimnis Ihres Erfolges?
HAN ZHENG: Gerade die Baugeschwindigkeit in Shanghai
ist immens. Ich verrate Ihnen einige Geheimrezepte. Erstens: Alle Shanghaier
nutzen 24 Stunden, als wären es 48 Stunden. Wir arbeiten nicht acht,
sondern 16 Stunden am Tag. Zweitens: Wenn die Chinesen einmal eine Entscheidung
getroffen haben, schalten sie alle üblichen Bedenken aus und verfolgen
unbeirrt ihr Ziel. Und: Gerne können wir Hamburg etwa beim Bau der
Hafencity oder bei Projekten wie einer Transrapidstrecke helfen.
ABENDBLATT: Wie wichtig ist Hamburg als Wirtschaftsstandort
aus Shanghaier Sicht?
HAN ZHENG: Hamburg ist für uns als Hafen das Tor
zu Europa. Auch Shanghai ist eine Hafenstadt mit dem größten
Hafen Chinas - das verbindet. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf in Hamburg
ist sehr hoch, eines der höchsten der Welt, auch deshalb ist die
Hansestadt für uns sehr attraktiv. Das ist jetzt mein zweiter Besuch
hier. Beim ersten Mal habe ich nur den Hafen gesehen, mittlerweile kann
ich mir aber auch ein Bild von der Stadt machen. Sie ist von der Infrastruktur
her absolut konkurrenzfähig mit anderen Städten.
ABENDBLATT: Wie kann Hamburg als Standort für chinesische
Firmen noch attraktiver werden?
HAN ZHENG: Ganz wichtig ist, dass Hamburg mit Werbung
in China auf sich aufmerksam macht. Außerdem setzen Bürgermeister
von Beust und ich uns stark für eine direkte Flugverbindung zwischen
Shanghai und Hamburg ein.
ABENDBLATT: Welchen Stellenwert hat der Handel mit Deutschland
für Shanghai?
HAN ZHENG: Deutschland ist Shanghais wichtigster Handelspartner.
Wir im- und exportieren Waren aus und nach Deutschland im Wert von 5,5
Milliarden US-Dollar. Deutsche Firmen haben bisher in 505 Projekte in
Shanghai insgesamt 3,4 Milliarden US-Dollar investiert.
ABENDBLATT: In welchen Bereichen ist eine Zusammenarbeit
mit Hamburger Unternehmen für Sie wünschenswert?
HAN ZHENG: Wir wollen Kooperationen im Hafenbau, in der
Hafenverwaltung und Logistik ausbauen. Außerdem wollen wir mit den
multinationalen Unternehmen aus Hamburg zusammenarbeiten. Wichtig ist
für uns auch, im Umweltschutz zu lernen. Außerdem würden
wir gerne den Personalaustausch zwischen Hamburg und Shanghai forcieren.
Grundsätzlich: Unsere Zentralregierung ermutigt die Firmen, ins Ausland
zu gehen und dort zu investieren. Wir haben das Ziel, Teil der Wirtschaft
in anderen Ländern zu werden.
Neue
Ruhr Zeitung v. 25.6.03
Chinas aufwändiger
Formel-1-Einstieg Schanghai (dpa)
- Bescheidenheit
ist nicht Schanghais Stärke. Sie ist die reichste und größte
Stadt Chinas. Sie kokettiert gerne mit dem Etikett »größte
Baustelle der Welt«. Hier fährt der erste kommerziell genutzte
Transrapid der Welt, das höchste Gebäude Asiens entsteht in
der Hafenmetropole, und auch der nächste Superlativ lässt nicht
mehr lange auf sich warten.
Seit Oktober vergangenen Jahres wird an der technisch aufwändigsten
und wohl bislang auch teuersten Formel-1-Strecke der Welt gebaut. »Eins
ist sicher: Das wird eine Riesen-Attraktion«, schwärmt Xu Jian,
der bei der Unternehmensberatung Roland Berger das Vermarktungskonzept
der über 240 Millionen Dollar teuren Strecke entwickelt hat. Nach
nur 18 Monaten Bauzeit - auch das ein Rekord - soll die Piste 2004 fertig
sein und dann möglichst schnell auch Profit abwerfen.
Aber wie? Während beispielsweise am kommenden Wochenende beim Formel-1-Rennen
am Nürburgring in der Eifel in Deutschland wieder eine Dauerparty
rund um die 900-PS-Boliden gefeiert wird, steckt die »Autokultur«
in China noch in den Kinderschuhen. Ausflüge mit dem eigenen Wagen
sind nach wie vor die Ausnahme, ein dem westlichen Autobesitzer vergleichbares
Markenbewusstsein beginnt sich erst zu formen. Und: Auch wenn es immer
mehr wohlhabende Menschen im bevölkerungsreichsten Land der Erde
gibt, ist ein Großteil weiter arm. Ein Formel-1-Ticket steht an
letzter Stelle ihrer Wunschliste.
Die chinesischen Macher aber sind zuversichtlich. »Zwar hat der
Autosport noch nicht den Status wie in Deutschland, aber schon rund 60
Prozent der jungen Menschen in Großstädten kennen die Formel
1«, sagt Xu. »Das chinesische Fernsehen überträgt
jetzt schon live, das Interesse ist sehr groß.« Laut Umfragen
von Roland Berger sind die Chinesen bereit, zwischen 400 und 1000 Yüan
(40 und 100 Euro) pro Ticket auszugeben. »Das hat uns sehr überrascht«,
so Xu.
Für den Bau der Strecke scheut Shanghai weder Kosten noch Mühe.
Entworfen wurde sie vom Aachener Rennstrecken-Architekten Hermann Tilke
in der Form des chinesischen Zeichens »shang«, das so viel
wie »hoch« bedeutet und Teil des Stadtnamens Shanghai ist.
Genau 5,451 km wird sie lang und unter anderem mit einer Art sich zuziehender
Schneckenkurve für die Fahrer auf höchstem technischen Niveau
sein. »Die wird schwer zu fahren sein«, sagte Tilke dem Internet-Anbieter
»Sport1«. »Die Anlage ist vom Feinsten, die fortschrittlichste,
die es derzeit gibt«, betont stolz Mao Rulin, der als stellvertretender
Direktor des Shanghai International Circuit (SIC) das Projekt betreut.
»Formel-1-Chef Bernie Ecclestone war total beeindruckt bei seinem
letzten Besuch.«
Rund 200 000 Zuschauern sollen die Tribünen Platz bieten. Damit
das erste Rennen 2004 nicht vor halbgefüllten Rängen stattfindet
und die Anlage auf Dauer rentabel wird, arbeiten die Marketingexperten
an einem Gesamtkonzept, das die Anlage 365 Tage im Jahr kommerziell nutzt.
»Natürlich werden verschiedene Rennen pro Jahr gefahren werden«,
sagt Xu. Außerdem seien Open-Air-Konzerte, Veranstaltungen von Firmen
und die Vermietung von Teilstrecken und Pavillons zu Werbezwecken einzelner
Unternehmen geplant. Rund 400 000 Touristen mehr pro Jahr erwartet
die Hafenmetropole durch die Strecke. Der Vertrag mit dem Automobil-Weltverband
FIA für die Ausrichtung der Formel 1 läuft bis 2010, bis 2013
sollen sich die Kosten amortisiert haben. »Die Anlage ist teuer,
hat aber einen hohen kommerziellen Wert«, betont Xu.
Nach seinen Schätzungen werden Chinesen einen Großteil des
Publikums ausmachen. »Aber nicht für die teuren Plätze«,
die etwa 2000 bis 3000 Yüan kosten sollen. Diese Tickets sollen die
in China lebenden Ausländer sowie Besucher aus Hongkong, Südostasien
und Europa zahlen.
23.06.2003 dpa
Frankfurter
Rundschau v. 15.5.03
Kicken
in den Zeiten von Sars
Wie der Ex-Hamburger Jörg Albertz in Shanghai versucht,
trotz der tückischen Lungenkrankheit sein Leben zu leben
Von Hans Trens
Was fehlt einem Fußballer, wenn er nicht Fußball spielen kann?
Das Eigentliche, seine ureigene Bestimmung, was sich normalerweise auf
den Gemütszustand der Profis auswirkt. Auch bei Jörg Albertz
ist dies der Fall, wie sein Manager Toni Preuß schildert. "Doch
Ali geht es gut", berichtet der Spielerberater, der die Kontakte
geknüpft und dafür gesorgt hat, dass der ehemalige Kicker des
Hamburger SV vorübergehend nach China ausgewandert ist. "Ihm
fehlt nur das Spielen." Seit gut vier Wochen ist der 32-jährige
zur Untätigkeit verurteilt. Sars - die vier Buchstaben, die die Welt
erschrecken, haben auch vor Shanghai, der neuen Wahlheimat des Rheinländers,
nicht Halt gemacht.
"Höhere Gewalt", nennt Albertz die tückische Lungenseuche,
die den Osten befallen, dabei das normale Leben zerstört hat. Auch
der Spielbetrieb in der chinesischen Profiliga ruht wegen der Krankheitswelle,
die Albertz im Moment noch keine Angst einflößt, wie er betont.
Der Mittelfeldspieler redet nicht nur so daher, sondern kann dies auch
untermauern: Als einziger Fußball-Söldner ist er in Shanghai
geblieben, während die anderen ausländischen Kollegen die Flucht
ergriffen haben. "Es bestand keine Notwendigkeit, die Stadt fluchtartig
zu verlassen. Wir beschäftigen uns schon mit Sars, doch wir geraten
nicht in Panik", meint der Deutsche, der auf die Weltgesundheitsorganisation
WHO verweist, die die Lage in der Wirtschaftsmetropole in Südchina
als weniger brisant bezeichnet hat.
Blauäugig ist er also nicht, der ausharrende Berufsfußballer,
der im Augenblick seinen Beruf nicht ausüben kann. Die oftmals tödlicheLungenkrankheit
bestimmt seit Wochen seinen Alltag. Das persönliche Schutzprogramm
sieht so aus: Zwei Mal am Tag wird alles desinfiziert. Morgens das obligatorische
Fiebermessen, dazu das unvermeidliche Schlucken von Vitamintabletten.
Vor die Tür geht es kaum.
"Der Verein hat uns geraten, Menschenansammlungen zu meiden",
sagt Albertz. Einkäufe machen er und Freundin Mirjana Bogojevic,
eine ehemalige Miss Germany, nur dann, wenn sie unbedingt nötig sind.
Das Trainingsprogramm für "Ali" läuft dabei noch relativ
normal ab. "Mundschutz trägt niemand", sagt Albertz. "Allerdings
werden wir jeden Morgen gründlich untersucht."
Viel Muße also in Shanghai, wo es ihm geht wie dem Kaiser von China,
wenn da nicht Sars wäre. In einer schmucken Wohnsiedlung mit angrenzendem
Golfplatz haben Albertz und Freundin ihr Domizil aufgeschlagen. Gesehen
von dem Riesenreich haben sie noch nicht viel. Selbst im Transrapid sind
sie bisher noch nicht gefahren. "Immer in den nächsten Tag hinein
lachen." So lautet das Lebensmotto des dreimaligen Nationalspielers,
der für Düsseldorf und den HSV in 150 Bundesligaspielen 29 Tore
erzielt hat. An dieses Rezept hält er, der einst für Glasgow
Rangers kickte, sich auch in der Ferne.
"Ich habe den Wechsel nie bereut", sagt Albertz, mit fünf
Millionen Euro der teuerste Spieler in der Vereinsgeschichte des HSV,
der Fehleinkauf schlechthin. Abgeschoben nach China? Albertz fühlt
sich nicht so. Das Land betrachtet er als "schlafenden Riesen im
Fußball: Geld satt, Talente zuhauf, zudem ein riesiges Interesse."Rund
um die Uhr laufe Fußball im TV, erzählt der nach Thomas Ritter
(Karlsruhe) und Sven Meyer (Union Solingen) dritte deutsche Spieler in
China. Mit "Mister Wu", wie er den Coach bei seinem Arbeitgeber
Shenhua nennt, hat er "sensationelles Verhältnis"
Eingelebt hat er sich bestens, drei Pokal- und fünf Meisterschaftsspiele
bestritten bis zum Sars-Stopp. "Wir liegen in der Liga an vierter
Stelle - bei einem Spiel weniger. Wenn dies gewinnen, sind wir Erster."
In den nächsten Tagen soll entschieden werden, ob die Liga am 1.
Juni wieder startet. Albertz glaubt fest daran. Wenn nicht, so wird er
einen Zwangsurlaub in Deutschland einschieben. Doch dieser wird nur von
kurzer Dauer sein. Denn der Rotschopf wird nach Shanghai zurückkehren,
strebt an, auch über diese Saison hinaus dort zu bleiben. "Ich
kann mir das durchaus vorstellen", sagt Albertz, der nur ein Fragezeichen
setzt: Sars könnte einen Strich durch die Pläne machen.
Süddeutsche
Zeitung v. 23.4.03
Gummiwandmalerei
Das neue Goethe-Institut in Schanghai eröffnet inkognito
von KAI STRITTMATTER
Goethe hat sich nach
Schanghai geschlichen, inkognito. Ein Jahrzehnt schon versuchen die Deutschen
in der südostchinesischen Hafenstadt, ein Goethe-Institut zu eröffnen,
am Dienstag endlich war es soweit – nur dürfen sie es noch
nicht laut sagen: Offiziell steht da jetzt ein „Zentrum für
Kultur und Bildung“ in der Fuzhoulu, einer Straße unweit vom
berühmten Bund. Ausländische Kultur-Institute sind den chinesischen
Bürokraten noch immer suspekt. Ein einziges Mal haben sie ein solches
Institut abgesegnet in ihrem Land, das war vor fünf Jahren, 1988,
das Goethe-Institut in Peking. Bis heute wurde keinem zweiten die Gnade
des Pekinger Stempels zuteil, deshalb der Deckname.
„Sie bekamen wohl Angst vor der eigenen Courage“, meint Andreas
Schiekofer. „Wir sind ja auch ein eigenartiges Volk – schlechter
zu kontrollieren als Diplomaten“. Schiekofer ist der Leiter der
Schanghaier Dependance. Er darf nun in lichtdurchfluteten, teils acht
Meter hohen Räumen über drei Mitarbeiter und 150000 Euro Jahresbudget
verfügen. Offiziell ist der Goethe-Mann noch dem deutschen Generalkonsulat
zugeordnet. Was für den Alltag keinen großen Unterschied macht,
glaubt man Andreas Schiekofer: Macht doch eure Arbeit, hätten ihm
die chinesischen Gesprächspartner bedeutet, und nennt es einfach
anders.
In Wirklichkeit tut Schiekofer dies schon seit mehr als einem Jahr. Sammelt
die guten Erfahrungen wie die mühsamen. Erstmals, schwärmt er,
gebe es hier die Möglichkeit „mit erwachsen gewordenen Partnern“
zusammen zu arbeiten. Mit dem mutiger werdenden Kunstmuseum in Shanghai
etwa, das im letzten Jahr die „Fluxus in Deutschland“-Ausstellung
zeigte. Gleichzeitig stößt man immer wieder auf jene Gummiwände,
an denen sich schon unzählige Kulturvermittler die Schädel eingerannt
haben. Eine Filmwoche im Januar mit politisch so subversiven Werken wie
„Männer“ und „Barmherzige Schwestern“ wurde
zunächst verboten und konnte erst nach viel Wühlarbeit einen
Monat später laufen.
Die Vorstellung, Schanghai sei Chinas offenste Metropole, ist ohnehin
ein westliches Missverständnis: „Es ist eine vorsichtige Stadt“,
hat Schiekofer erkannt, „nicht so liberal wie Peking.“ Bücher
und Untergrundfilme, die Schanghai „im ständigen Drogenrausch“
(Schiekofer) zeigen, zeichneten ein verzerrtes Bild: „Diese Stadt
erkauft sich ihre ökonomische Freiheit durch unbedingten und vorauseilenden
Gehorsam“. Tanz, Theater und Musik will Schiekofer in die brave
Metropole bringen, der Schwerpunkt aber liegt auf Studienberatung und
Spracharbeit, hier vor allem bei der Lehrer-Fortbildung.
Die Nachfrage nach Deutsch-Unterricht sei „unglaublich“, berichtet
Schiekofer. Gleichzeitig lässt sich aus seinen Worten schon jetzt,
zu Beginn der Arbeit, leise Enttäuschung heraus hören: Schiekofer
war zuvor in Japan, dort habe er immer wieder mal Studenten getroffen,
die sich für Nietzsche interessieren oder eine Partitur im Original
lesen wollten. In Schanghai dagegen stürzten sich alle auf technische
Übersetzungen: „Hier geht es den Studenten vor allem um die
Frage: ,Wie bekomme ich so schnell wie möglich das Zeugnis, das mir
meine Stelle bei Volkswagen sichert?’“
Süddeutsche
Zeitung vom 8.3.2003Shanghai,
bitte melden
Yan Jianwei, München-Korrespondent für „Wenhui Bao“
Von Mathias
Wöbking
Yan heißt ernsthaft, sagt Herr Yan und lächelt. Plötzlich
blinzeln seine Augen nach rechts. Am Rand seines Blickfelds sieht er etwas,
das ihn zu stören scheint.
Yan Jianwei ist 48 Jahre alt und Journalist. Vor elf Monaten ist er in
eine Vierzimmer-Wohnung in München-Laim gezogen, um über Deutschland
zu berichten. Er ist der einzige Korrespondent für eine chinesische
Zeitung in München. Etwa vier Millionen Leser erreicht die angesehene
Tageszeitung Wenhui Bao, für die Yan schreibt. In Shanghai, dem Stammsitz
der Zeitung, arbeitet die Redaktion im Hochhaus der Wenxin-Gruppe. Vierzig
Stockwerke hat das Gebäude. Mehr als 200 Journalisten füllen
die Spalten des Blattes, das in einer Auflage von 700000 Exemplaren an
Abonnenten im ganzen Land verteilt wird.
Yan zeigt auf seine neue Einbauküche. „Ikea“, sagt er.
„Ich habe alles selbst eingerichtet.“ Vom Schreibtisch aus
blickt er auf einen Kinderspielplatz. Noch drei Jahre lang wird er hier
sitzen und Artikel schreiben, die 9000 Kilometern weiter weg gelesen werden.
Die Wohnung in Laim ist eines von zwei Korrespondenten-Büros der
Wenxin-Gruppe in Westeuropa. Das andere steht in Paris. Yan berichtet
nicht nur über Deutschland, sondern auch über Österreich
und die Schweiz. „Nicht nach Berlin zu gehen, sondern hierher, war
eine Entscheidung der Chefredaktion“, sagt Yan. „München
ist zwar nicht Hauptstadt, aber dafür inmitten einer wirtschaftlich
dynamischen Region – genauso wie Shanghai.“
Weil die 17-Millionen-Einwohner-Stadt Shanghai boomt, gründen dort
zurzeit zahlreiche deutsche Firmen Niederlassungen. „Unsere Leser
interessieren sich für die Region, aus der diese Unternehmen kommen“,
sagt Yan. „Und das ist vor allem Süddeutschland.“ Zudem
werde es für reiche Chinesen zunehmend Mode, den Nachwuchs zur Schule
und zum Studium nach Deutschland zu schicken, und das wiederum besonders
in den Süden, ergänzt er. „Die Eltern wollen lesen, wo
ihre Kinder jetzt leben.“
Zurzeit, sagt Yan, beschäftigt die Eltern die Irak-Krise und sie
wollen wissen, was die Deutschen über Krieg und Frieden denken. Das
hat er hat die Menschen auf der Straße gefragt und in einem langen
Artikel geschrieben, dass man hier nicht in den Krieg ziehen will. Die
Meinung findet seine Zustimmung. „Wir Chinesen sind immer friedliebend“,
sagt er. „Und wollen nie Krieg.“
Die Wenhui Bao, die manchmal auch als Wenhui Daily firmiert, wurde während
eines Krieges gegründet: Intellektuelle Bürger Shanghais, erzählt
Yan stolz, schrieben von 1938 an gegen das faschistische Japan an. Allerdings
musste die Redaktion schon bald nach ihrer Gründung aus Shanghai
nach Hongkong fliehen. Heute ist die Wenhui Bao eine staatliche Zeitung.
Seit 1979 wird der chinesische Zeitungsmarkt allerdings schrittweise liberalisiert.
Seitdem müssen überregionalen Publikationen wie die Wenhui Bao
mit Lokalblättern und Special-Interest-Formaten konkurrieren. Die
Wenhui Bao hat seit Anfang der achtziger Jahre fast eine Million Auflage
verloren. „Auch als staatliche Zeitung müssen wir wirtschaftlich
arbeiten“, sagt Yan.
Die zweite Heimat
Bevor er Journalist wurde, hat Yan in Peking Germanistik studiert. „Ich
mag Deutschland sehr“, sagt er. „Das Land ist meine zweite
Heimat.“ In den Achtzigern war er sieben Jahre lang in Ost-Berlin
Korrespondent einer Pekinger Tageszeitung. Kritische Berichte waren damals
nicht erwünscht. Noch heute sieht Yan seine Aufgabe nicht darin,
Deutschland schlecht zu machen. „Meine Artikel sind meist positiv“,
sagt er. „Selbst wenn ich finde, dass es dem Land gerade an wirtschaftlicher
Dynamik fehlt: In der Zeitung formuliere ich das sehr vorsichtig.“
Auch nach dem Amoklauf eines Erfurter Schülers im vergangenen April
sei er „ganz sachlich“ geblieben.
Die Zurückhaltung ist freiwillig: Anders als bei den Kollegen, die
über die Innenpolitik berichten, reden ihm Chinas Behörden nicht
hinein. Manchmal geht das schon zeitlich nicht: „Bei der Bundestagswahl
im September gab ich die Prognosen von 18 Uhr telefonisch durch“,
erzählt er. In Shanghai war es bereits 1 Uhr nachts, als er „mit
großem Vorbehalt“ durchgab, wie Stoiber schon mal ein Glas
Champagner aufmachen wollte.
Seit drei Monaten ist Sun Xiaojing, Yans Ehefrau, in München. Auch
sie ist Journalistin. „Ich unterstütze meinen Mann bei der
Recherche und redigiere die Texte“, sagt sie. Es gebe viel zu lernen
über Deutschland. Dass das Münchner Fußball-Team Eins-Acht-Sechs-Null
einen chinesischen Spieler verpflichtet hat zum Beispiel oder dass plötzlich
alle nach einem Superstar suchen.
Yan sitzt unruhig auf seinem Sofa. „Ich bin kein Entertainer“,
sagt er. Er sei es gewohnt, Menschen zu befragen. Aber selbst das Objekt
des Interesses zu sein, sei seltsam. „Wir Chinesen sind bescheiden.
Muss das Foto wirklich sein?“, fragt er und schaut nach rechts.
Es muss. Yan, der ernsthafte, lacht.
Wednesday,
19. February 2003 / Hamburger Abendblatt
Urlaubsziel Hamburg: Die ersten Chinesen kommen
Pauschalreise: Endlich dürfen sie nach Deutschland: Die Touren
organisiert ein Hamburger Unternehmen
Von Diana Zinkler
Sie wurden wie Popstars empfangen, von Dutzenden TV-Teams und Fotografen:
Am Wochenende landeten die ersten 130 Chinesen in Frankfurt, die in Deutschland
Urlaub machen dürfen. Ihre siebentägige Reise führt sie
am Mittwoch auch nach Hamburg. Und damit in die Stadt, in der die erste
chinesische Pauschaltour organisiert wurde - von Mang Chen (42).
Der Chef der in Hamburg ansässigen Firma Caissa Tourismus profitiert
von dem so genannten Approved-Destination-Status (ADS), den Deutschland
seit dem 15. Februar hat. Denn nur in Ländern mit diesem Status dürfen
Chinesen Urlaub machen - in andere Staaten sind, wenn überhaupt,
nur Geschäftsreisen erlaubt. So war es bisher auch in Hamburg: "Im
Jahr 2002 haben chinesische Geschäftsleute rund 20 000mal in Hamburg
übernachtet", sagt Mang Chen. Dank der Touristen erwartet er
nun eine Verdoppelung dieser Zahlen: "2003 werden wir locker auf
40 000 Übernachtungen von Chinesen in Hamburg kommen."
Die ersten Urlauber werden am Mittwoch gegen zwölf Uhr in der Hansestadt
erwartet. Das Programm: Weil der chinesische Magen "sehr empfindlich"
sei, wird zunächst im China-Restaurant "Xiang" zu Mittag
gegessen. Nach einer Stadtrundfahrt und eventueller Hafenbesichtigung
gibts um 15.30 einen Empfang im Rathaus. Der Nachmittag ist fürs
Einkaufen in der Mönckebergstraße vorbehalten. Abends lädt
das Hotel St. Rafael zum Abendessen. Danach gehts ins Kasino und auf die
Reeperbahn. "Wir freuen uns über die chinesischen Touristen.
Schließlich soll jeder rund 210 Euro am Tag ausgeben," sagt
Martina Karena Rostock (33), Sprecherin der Hamburg Tourismus GmbH. Und
damit fast so viel wie US-Touristen.
Auf den ersten Reisen sind nur gut verdienende Chinesen dabei, erklärt
Mang Chen. "Wenn sich das alle Chinesen leisten könnten, würde
Hamburg platzen." Die sieben Tage, sechs Nächte und die Flüge
kosten etwa 1100 Euro pro Person. Die Reisegruppe ist gemischt aus Topmanagern,
Rentnern, Bankern und Familien. Offiziell dürfen die Reisenden rund
2000 Euro mit sich führen. Bis zum Ende dieses Jahres soll für
alle Länder des Schengener Abkommens der ADS-Status gelten. "Wir
werden dann auch Europa-Reisen oder spezielle Themen wie Klassik- oder
Romantikreisen anbieten," sagt Chen. Deshalb sei es wichtig, solange
Deutschland noch das einzige Land ist, gerade Hamburg in China bekannt
zu machen - damit bei einer verkürzten Reisezeit in Deutschland die
Stadt als Ziel immer noch dabei sei.
Auch die Hamburg Tourismus GmbH sieht große Möglichkeiten auf
dem chinesischen Markt und hat jetzt mit der Caissa Group eine Repräsentanz
in Shanghai eröffnet: "Laut einer Studie der Deutschen Tourismus
Zentrale gibt es 100 Millionen reisewillige Chinesen, die auch die finanziellen
Mittel haben, da muss Hamburg einfach dabei sein," so Rostock. Bis
Juli kommt erst einmal eine Reisegruppe mit 45 Menschen pro Woche nach
Hamburg.
erschienen am 17. Feb 2003 in Hamburg
Süddeutsche
Zeitung vom 19.02.03
Flucht
nach Schanghai
Jörg Albertz einigt sich mit dem Hamburger SV auf
eine Abfindungszahlung – und wechselt in die chinesische Profiliga
Viel gesehen hat Jörg Albertz, 32, noch nicht von
dem 14-Millionen-Moloch Schanghai. Statt des oft besungenen Hafens oder
der siebenstöckigen Pagode aus dem Song-Zeitalter hat er lieber das
Trainingsgelände des Erstligisten Shenhua besichtigt bei seinem Blitztrip
vergangene Woche. Aber er hat die vielleicht entscheidende Frage geklärt
– ob er seine beiden Hunde problemlos mitbringen kann in das Land,
in dem des Menschen bester Freund vor allem als kulinarische Kostbarkeit
geschätzt wird. Die Antwort fiel zu seiner Zufriedenheit aus. „Man
ist sehr hundefreundlich hier“, hat er ohne jede Ironie festgestellt
und den Schluss gezogen: „Man kann sehr gut leben in China.“
Damit stand dem wohl größten Abenteuer seiner Karriere nichts
mehr im Wege. Noch in dieser Woche wird sich Albertz erneut auf den Weg
in die brodelnde chinesische Metropole machen. Dann wird er seinen Dienst
antreten bei dem Klub, der im März in die Saison startet und die
Spielzeit im November als Meister beenden will. Gestern hat er den Vertrag
mit dem Hamburger SV aufgelöst, der damit seinen Topverdiener (zwei
Millionen Euro pro anno) streichen konnte. Er hat mehr als eine Million
Euro Abfindung ausgehandelt und danach noch ein paar nette Worte gefunden.
Etwa, dass „die Jahre beim HSV für mich unter dem Strich positiv“
gewesen seien. Das ist natürlich diplomatisch geschönt, denn
der Aufbruch in die unbekannte Welt ist vor allem eine Flucht. Beim HSV
hatte ihn Trainer Jara vor fünf Monaten aus dem Kader geworfen und
kühl mitgeteilt: „Ich brauche dich nicht mehr.“ Fortan
kassierte Albertz zwar seine Prämien, doch wenn er bei den Spielen
auf der Tribüne saß, befiel ihn, wie er unlängst bekannte,
„ein Gefühl der Leere“. Und Wut auf Jara, der ihn „kaputt
machen“ wolle, dies aber „nicht schaffen“ werde. Jetzt
wartet eine neue Rolle auf den schussstarken, aber etwas behäbigen
Mittelfeldspieler. Er ist nun der erste deutsche Nationalspieler in der
noch jungen chinesischen Profiliga. Er wird Pionier sein und, wie er hofft,
„ein guter Botschafter“ seines Heimatlandes. Vor allem aber
spürt er wieder Respekt: Der Coach von Shenhua ist vorige Woche extra
vom Trainingslager in den USA nach Schanghai gejettet, um mit seinem Star
persönlich zu sprechen. Zeitungen begrüßten ihn, indem
sie seinen Spitznamen „Hammer-Ali“ in die Landessprache übersetzten
und ankündigten, „Tiechui“ sei bestimmt eine Bereicherung
für Chinas Fußball. Und plötzlich hat man auch beim HSV
erkannt, dass der alte Kapitän noch nützlich werden könnte.
Also lobte HSV-Chef Hoffmann zum Abschied nicht bloß das „Engagement
für den Klub und seine Bereitschaft, einer fairen Regelung bei der
Vertragsauflösung zuzustimmen“, sondern kündigte eine
Kooperation an: Albertz soll den HSV „beim Aufbau unserer Beziehungen
nach China unterstützen“.
Dem asiatischen Markt gehört ja nach neuesten Erkenntnissen die Zukunft
im Fußball, weshalb Albertz auch nicht der einzige europäische
Altstar ist, der sich in China verdingt: Kürzlich unterschrieb Englands
Skandalnudel Paul Gascoigne, 35, einen Vertrag als Spielertrainer beim
Zweitligisten Gansu. Mit Gazza hat Albertz einst bei den Glasgow Rangers
gekickt und manch lustigen Abend im Pub verbracht. Ein Wiedersehen indes
wird sich schwierig gestalten: Gansu befindet sich tief im Westen, Tausende
Kilometer von Schanghai entfernt.
Jörg Marwedel
Braunschweiger
Zeitung vom 4.02.03Bahngeschäft
in China brummt
Siemens in
Braunschweig ist Weltmarktführer bei Bahnautomatisierung –
3000 Mitarbeiter
Von Klaus Sievers BRAUNSCHWEIG. In den Millionen-Metropolen Chinas boomt
der Verkehr und deshalb sind fürs nächste Jahrzehnt Milliardeninvestitionen
in neue Nahverkehrssysteme geplant. Allein in Peking (Olympia 2008) und
Schanghai (Weltausstellung 2010) sind mehr als ein Dutzend neue Metrolinien
geplant. Und Siemens Transportation Systems (Verkehrstechnik) will bei
möglichst vielen Projekten dabei sein.
"China ist weltweit der dynamischste Wachstumsmarkt im öffentlichen
Nahverkehr", fasst Dr. Roland Alter, kaufmännischer Leiter des
Geschäftsgebiets Rail Automation zusammen. Und Siemens Rail Automation
mit Sitz in Braunschweig ist im Bereich der Bahnautomatisierung sowohl
für den Nah- als auch für den Fernverkehr Weltmarktführer
mit einem Anteil von 20 Prozent. Da geht es um die Sicherungs- und Leittechnik
von Bahnstrecken, um elektronische Stellwerke und um Zugbeeinflussungssysteme.
Die beiden letzten Jahre seien im China-Geschäft sehr gut gewesen,
berichten Alter und Technik-Chef Hansjörg Hess. Man habe neben dem
spektakulären Transrapid-Projekt auch die Aufträge für
alle großen Nahverkehrsprojekte bekommen – und zwar in den
Städten Guangzhou (Kanton), Nanjing (Olympia-Stadt), Shenzen und
Schanghai. Alle vier Projekte haben, so der Braunschweiger Standortchef
Reinhard Grolms, ein Volumen von 90 Millionen Euro. Hinzu kommt,
dass Siemens an drei Metro- und Stadtbahnprojekten in Hongkong beteiligt
ist.
Standorte in zehn Ländern
China sei für Siemens Rail Automation inzwischen der wichtigste außereuropäische
Markt, betont Hess. Und er stelle besondere Herausforderungen. Hess: "Die
Chinesen geben international die Taktgeschwindigkeit zur Realisierung
von Großprojekten vor – in der Regel nicht mehr als zwei Jahre."
In der Stadt Xian, berühmt wegen ihrer historischen Terrakotta-Figuren-Armee,
betreibt Siemens mit chinesischen Partnern seit 1995 ein Gemeinschaftsunternehmen,
das Komponenten fertigt und auch Engineering-Leistungen erbringt.
Rail Automation ist das größte von acht Geschäftsgebieten
von Siemens Transportation Systems. Und es wird nicht schlecht verdient,
deutet Alter an: "Wir schreiben solide schwarze Zahlen." Konkreter
will er nicht werden. Insgesamt hat der Bereich Verkehrstechnik im vergangenen
Geschäftsjahr 2002/03 (30.9.) rund vier Milliarden Euro umgesetzt
und dabei 168 Millionen Euro vor Steuern verdient.
Siemens Rail Automation beschäftigt weltweit 5800 Mitarbeiter an
zwölf Standorten. Vom Stammsitz Braunschweig mit den rund 3000 Mitarbeitern
(darunter 1300 Ingenieure) werden Tochterunternehmen in zehn Ländern
gesteuert, von Berlin (850 Mitarbeiter) und Wien über Birmingham
und Hongkong bis New York und Xian. Seit zwei Jahren gehört auch
der Standort Paris (600 Mitarbeiter) mit Schwerpunkt fahrerlose automatische
Bahnsysteme zum Braunschweiger Bereich.
Allein in Braunschweig seien im vergangenen Jahr 150 Mitarbeiter eingestellt
worden, berichtet Grolms. Die Beschäftigung werde in den nächsten
zwei bis drei Jahren stabil bleiben. Hess betont: "Braunschweig ist
weltweit das Kompetenzzentrum und der größte Standort für
Signaltechnik". International vorn sei Braunschweig auch mit der
Einrichtung aufwändiger ComputerTestzentren, in denen Großprojekte
vor ihrer Installation perfekt simuliert werden können. In Braunschweig
gibt es aber auch noch eine Fertigung: Rund 600 Mitarbeiter produzieren
elektronische Baugruppen.
Bildungs-Akademie
Mehr als die Hälfte des Geschäfts macht Rail Automation im Ausland.
Dieser Anteil dürfte, weil der deutsche Bahntechnikmarkt stagniere,
weiter wachsen, erwartet Hess. Es sei erklärte Strategie, Teile des
Auslandsgeschäftes mit lokalen Töchtern und Partnern vor Ort
zu realisieren.
In Braunschweig blieben auch künftig Kernbereiche wie die gesamte
Entwicklung, zentrale Projektleitungen und wichtige Teile der Elektronik-Fertigung.
Es mache aber Sinn, im Ausland die Bahnsysteme an die nationalen technischen
Bedingungen, die höchst unterschiedlich seien, anzupassen und zu
installieren. Davon profitierten beide Seiten, also auch Braunschweig,
betont Alter. In manchen Ländern würden lokale Projektanteile
sogar zwingend vorgeschrieben.
In Braunschweig wird derzeit mit Investitionen von rund 10 Millionen Euro
ein Neubau errichtet, in den ab Juli die Software-Entwicklung und die
neu gegründete "Rail Automation Academy" einziehen werden.
Man werde die Aus- und Weiterbildung mit der Akademie forcieren, kündigte
Grolms an. Es werden Seminare und Workshops (nicht nur zur Bahntechnik)
für Mitarbeiter und für Kunden aus aller Welt organisiert. 2002
gab es bereits 4500 Teilnehmer an 450 Veranstaltungen.
Montag, 03.02.2003
1. Februar 2003,
02:16, Neue Zürcher Zeitung
Das
Erbe von tausend Jahren
Traditionelle und zeitgenössische Kunst in
Schanghai
Von
Marguerite Menz
Über
die Wirtschaftsmetropole Schanghai wird viel geschrieben. Man spricht
von der grössten Baustelle der Welt, wo ganze Quartiere abgerissen
werden und von Monat zu Monat neue Wolkenkratzer die Skyline verändern.
Schanghai hat aber auch eine andere Seite. Wenn abends die imposante,
unter Denkmalschutz stehende Häuserzeile aus den zwanziger und dreissiger
Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts am «Bund», entlang dem
Huangpu River, hell beleuchtet wird - darunter das legendäre Peace
Hotel, wo einst George Bernard Shaw und Charlie Chaplin genächtigt
haben -, wird offenkundig, dass in dieser zukunftsorientierten Stadt auch
die Vergangenheit etwas zählt. Das kulturelle Herz Schanghais ist
der Renmin-Platz. Dort, in unmittelbarer Nähe des Regierungsgebäudes,
befinden sich nur wenige Gehminuten voneinander entfernt das Shanghai
Grand Theatre, das Shanghai Art Museum sowie das Shanghai Museum. Diese
für ihre bedeutende Sammlung alter chinesischen Kunst berühmte
Institution konnte eben erst ihren 50. Geburtstag feiern. 1952, drei
Jahre nachdem die kommunistischen Truppen in die Stadt einmarschiert waren,
wurde sie wohl mit dem Ziel gegründet, zu retten, was noch zu retten
war. Denn viele Kunstschätze waren mit Tschiang Kai-schek und seinem
Gefolge nach Taiwan abgewandert oder im Gepäck vermögender Chinesen
nach Hongkong oder nach Übersee verschwunden. - Im ehemaligen Gebäude
des Pferderennklubs (erbaut 1933), wo heute das Shanghai Art Museum untergebracht
ist, und ab 1959 in einem Bankgebäude an der Henan Road fristete
die Sammlung ein eher bescheidenes Dasein, bis sie 1996 in einen prunkvollen,
570 Millionen Yuan teuren Neubau des chinesischen Architekten Xing Tonghe
(geb. 1939) übersiedelte. Das veränderte politische Umfeld und
die fachlich hervorragende, weltoffene Leitung des Museums haben viele
Chinesen im Ausland dazu bewogen, ihre Sammlungen oder zumindest Teile
davon in ihre alte Heimat zurückzuführen. Dank solchen Schenkungen
wurden die Bestände des Museums, seine wichtigen Abteilungen für
Bronze, Keramik, Malerei und Kalligraphie, Jade und Möbel, in den
letzten Jahren beachtlich vergrössert.
VON ROLLE ZU ROLLE
Höhepunkt des Jubiläumsjahres war die Eröffnung
der Ausstellung «A Heritage of a Thousand Years: Chinese Paintings
and Calligraphy from Jin to Yuan» am 30. November 2002. An
die 300 mehrheitlich chinesische Wissenschafter und Sammler aus aller
Welt waren angereist, um an einem dreitägigen Symposium teilzunehmen
und die 72 ausgestellten Meisterwerke chinesischer Malerei und Kalligraphie
des 4. bis 14. Jahrhunderts aus dem Palastmuseum Peking, dem Provinzmuseum
Liaoning und dem Shanghai Museum zu studieren. Schon am ersten Tag nach
der Vernissage bildeten sich vor dem Eingang der Ausstellung lange Warteschlangen.
Andächtig pilgerten die Besucher von einer bemalten oder beschriebenen
Buchrolle zur andern. Der Gast aus Europa ist beeindruckt von der Vielfalt
und dem Raffinement dieser Kunst.
AM NEBELMEER
Gebannt steht er vor einer mit Tusche auf Seide gemalten
Flusslandschaft eines Künstlers mit dem Namen Wang Shen aus der zweiten
Hälfte des 11. Jahrhunderts: Links im Bild Berge und Bäume,
rechts die Andeutung eines Ufers, und dazwischen, etwa einen Meter breit,
liegt alles im Nebel. Zwei winzige Fischerboote inmitten dieser Einsamkeit,
in einer mysteriösen Leere, sind von blossem Auge kaum zu erkennen.
Hier hat die Darstellung der Landschaft, gleichsam als innere Vision,
eine vollkommene Form gefunden. Zhang Zeduan, einen anderen Maler aus
der Zeit der nördlichen Song-Dynastie (960-1127), könnte man
als chinesischen Pieter Bruegel bezeichnen. Bei ihm bevölkern Hunderte
von Personen eine kleine Stadt oder kommen dem Fluss entlang angereist
zum Qing-Ming-Fest, zu Fuss oder in Sänften getragen, mit Pferden
und Kamelen; reich beladene Schiffe legen am Hafen an. Die Landschaft
ist Sitten- und Historienbild in einem.
Höher eingeschätzt als die Malerei wird in China seit alters
her die Schrift. Aber es ist nicht eigentlich die «Kalligraphie»,
das Schönschreiben, das die Faszination ausmacht, sondern die Individualität
und die Harmonie des schriftlichen Ausdrucks. Schon immer sind Buchrollen
gesammelt worden, wobei sich die jeweiligen Besitzer mit ihrem Siegelabdruck
darauf verewigten. Zudem wurden die Texte oft mit Kommentaren versehen.
Daraus wird die Kontinuität der chinesischen Kunst über Jahrtausende
hinweg erklärbar. Wang Xianzhi (344-386) etwa, ein berühmter
Maler und Kalligraph aus der östlichen Jin- Dynastie, ist in der
Ausstellung mit einem Brief vertreten, in dem er sich über eine schlechte
Medizin beklagt. Das grosse Siegel am linken oberen Rand des Schriftstücks
beweist, dass es sich im 14. Jahrhundert in kaiserlichem Besitz befunden
hat. Aus der Zeit der Yuan-Dynastie stammt auch der etwas kleiner geschriebene
Kommentar darunter. Bei zwei kleinen Abdrücken daneben handelt es
sich um die Siegel des letzten Herrschers der Nördlichen Song-Dynastie
im 12. Jahrhundert. So sind nicht nur die Kunstwerke, sondern auch
die Namen der Maler und Sammler bis in die heutige Zeit überliefert
worden.
«The Living Word» nennt der in China geborene und in New York
lebende Xu Bing (geb. 1955) seine Installation in der Eingangshalle des
Shanghai Art Museum, wo in diesem Winter unter dem Motto «Urban
Creation» die 4. Schanghai-Biennale stattfindet. Chinesische
Schriftzeichen fliegen auf und davon und verwandeln sich hoch oben zurück
in einen Vogel. Er ist nicht der einzige unter den chinesischen Künstlern
und Architekten, die sich an der diesjährigen Biennale mit ihren
kulturellen Wurzeln auseinandersetzen. Viele der ausgestellten Werke thematisieren
den Konflikt zwischen Tradition und Erneuerung, der durch die rasante
Entwicklung der chinesischen Stadtlandschaft ausgebrochen ist. Deutlich
zeigen dies die Fotoserien von Luo Yongjin (geb. 1960): «Kezhi Garden»
ist ein nostalgischer Blick zurück in einen alten chinesischen Garten
- «Oriental Plaza» dagegen dokumentiert den Bau eines x-beliebigen
Hochhauses. Einen Schritt weiter geht Zhang Lei (geb. 1964). Er gehört
zu einer neuen Architektengeneration, die versucht, mit einfachsten Mitteln
und teilweise mit traditionellen Materialien eine zeitgenössische
Formensprache zu finden. Denn schliesslich geht es nicht nur darum, das
Erbe zu bewahren, sondern in der veränderten urbanen Umgebung eine
neue künstlerische Identität zu finden.
Knapp die Hälfte der Biennale-Teilnehmer kommt aus dem Ausland. Ausgewählt
wurden Künstler und Architekten von internationalem Format: Angela
Bulloch, Yona Friedmann, Grüntuch & Ernst, Andreas Gursky, Pierre
Huyghe, Tadashi Kawamata, Pipilotti Rist usw. Die Biennale von Schanghai
bietet jeweils auch die Gelegenheit, dem lokalen Publikum vorzuführen,
was anderswo Furore macht. Die zahlreichen, vorwiegend jungen Besucher
lassen darauf schliessen, dass das Interesse an zeitgenössischer
Kunst in den letzten Jahren zumindest in Schanghai zugenommen hat. Es
ist zu hoffen, dass die einheimischen Künstler davon profitieren
und ihre Werke nicht mehr nur unter dem Label «made in China»
ins Ausland verkaufen müssen.
Kölner-Stadt-Anzeiger
vom 09.12.02, 09:54h
Infineon vereinbart
Chip-Fremdfertigung in China
München
- Der Halbleiterhersteller Infineon schafft sich ohne eigene Investitionen
neue Produktionskapazitäten bei einem Partnerunternehmen in China.
Die Infineon AG teilte am Montag in München mit, sie stelle SMIC in
Schanghai ihre Technologie zur Fertigung von DRAM-Speicherchips zur Verfügung
und erhalte gleichzeitig das exklusive Bezugsrecht für die damit produzierten
Bauteile. Investitionen von Infineon in diese Kooperation seien nicht nötig,
sagte ein Firmensprecher: "Das ist für uns investitionsneutral."
Der Vertrag mit SMIC laufe zunächst bis 2007.
Nach einer Qualitätskontrolle Mitte 2003 werde SMIC die Produktion
für Infineon bis zum Jahr 2005 schrittweise hoch fahren, hieß
es. Dann werde das chinesische Unternehmen für einen niedrigen zweistelligen
Prozentsatz der gesamten Infineon-Kapazität bei DRAM-Speicherchips
sorgen. Der Marktanteil von Infineon als weltweiter Nummer drei am DRAM-Markt
werde dadurch im einstelligen Prozentpunkt-Bereich wachsen, sagte der Sprecher.
Infineon werde sich damit frühzeitig als führender Anbieter im
Wachstumsmarkt China positionieren. Das Unternehmen verwies auf eine Studie
von Gartner Dataquest, nach der der chinesische DRAM-Markt von 16 Milliarden
Euro in diesem Jahr auf 31 Milliarden Euro 2006 wachsen soll.
Infineon nutzt solche "Foundry"-Kooperationen, bei der Produktionskapazitäten
ausgelagert werden, um angesichts der schlechten Refinanzierungsmöglichkeiten
eigene Investitionen zu umgehen. Außerdem werden so die Risiken der
großen Preis- und Nachfrageschwankungen in den Chipmärkten verringert.
Infineon fertigt auch in eigenen Fabriken und Gemeinschaftsunternehmen.
(rtr)
Spiegel-Online
v. 21.11.2002
CHINAS BOTSCHAFTER
IN DEUTSCHLAND
"Stillstand ist Rückschritt"
Von
Stefan Simons
Chinas Botschafter in Deutschland eröffnete in Hamburg die Jahrestagung
des "Ostasiatischen Vereins". Dabei warb er für das Engagement
ausländischer Unternehmen in seiner Heimat. Ihnen und privaten chinesischen
Kapitalisten komme für die Entwicklung der Volksrepublik künftig
eine Schlüsselrolle zu.
Hamburg - Durch die Bewertung von Privatunternehmern als "Erbauer des
Sozialismus" hat die Kommunistische Partei auf ihrem jüngsten
Parteitag eine entscheidende Neubewertung vorgenommen. "Nicht das Eigentum,
sondern die ideologische Haltung zählt künftig", sagte Botschafter
Ma Canrong am Donnerstag während eines Besuches in Hamburg.
Mit diesem Bekenntnis zur ideologischen Flexibilität und der Zukunft
einer Partei, die ihren Führungsanspruch der kontinuierlichen Entwicklung
anzupassen habe, eröffnete Chinas Top-Diplomat in Deutschland am Donnerstag
die Jahrestagung des "Ostasiatischen Vereins" (OAV).
Dank des Generationenwechsels im Führungskollektiv hin zu einer "jüngeren
und fähigen" Riege von Nachwuchspolitikern, sei China in der Lage
den Kurs der "Öffnung und Reform" weiter zu verfolgen. Nur
so sei das angestrebte Ziel, ein "bescheidener Wohlstand" (mit
einem Pro-Kopf-Einkommen von 3000 US-Dollar bis zum Jahr 2020) auch zu erreichen:
"Stillstand ist Rückschritt".
Kein Wunder, angesichts der Herausforderungen, denen sich die seit über
50 Jahren regierenden Kommunisten stellen müssen - ein ungebrochener
demographischer Anstieg, der China etwa alle acht Jahre eine Bevölkerung
von der Größe eines wiedervereinigten Deutschland beschert (rund
80 Millionen Menschen); wachsende Arbeitslosigkeit, ein Milliarden-Schuldenberg
aus faulen Krediten und eine immer größere Kluft zwischen Arm
und Reich.
Zu überwinden sind diese Probleme nur mit einem dynamischen Wachstum.
Während der nächsten 18 Jahre sei eine Vervierfachung des Bruttoinlandsproduktes
nötig - im Schnitt eine Zunahme von jährlich sieben Prozent. "Das
ist ein realistisches Vorhaben", sagte Ma Canrong, der den 16. Parteitag
in Peking verfolgt hatte, "wir werden dazu auch unsere Kapitalmärkte
weiter öffnen."
Von der Expansion soll künftig auch die deutsche Wirtschaft stärker
profitieren. Die Exporte nach China beliefen sich zwar auf etwa 25 Milliarden
Euro, aber umfassten damit gerade zwei Prozent des hiesigen Außenhandels:
"Das Potenzial", so der Botschafter in bestem Deutsch vor den
OAV-Delegierten, die 500 Spitzenfirmen des Asiengeschäfts vertreten,
"ist damit noch längst nicht erschöpft."
Der Einstieg in "Chinas Höhenflug", so das Urteil einer Expertenrunde
zu "Hürden, Hoffnungen und Herausforderungen" des Milliarden-Marktes,
ist noch immer kniffelig - vor allem für den oft beschworenen deutschen
Mittelständler.
Zahlenwerke, ob Statistiken oder Bilanzen, seien oft nicht überprüfbar,
warnte Wolf-Bernhard Kersten von der Hermes Kreditversicherungs-AG, Entscheidungen
nicht nachvollziehbar: "Die werden in irgendwelchen Zirkeln und Gremien
getroffen - keiner weiß, wie, wo und warum."
Selbst für einen Branchenriesen wie Siemens, seit über 20 Jahren
in China aktiv, ist ein langer Atem nötig, so Jürgen Oberg, Vizepräsident
für Asien und Australien. Der Konzern investiere langfristig - gerade
auch in die Ausbildung von chinesischem Mitarbeitern.
Getreu dem Partei-Motto "yi bu, yi bu" ("Schritt für
Schritt") habe Siemens erst einmal mit dem Einstieg an einem einzigen
Gemeinschaftsunternehmen Erfahrungen gesammelt - heute operiert es in der
Volksrepublik über 45 "Joint Ventures". Wichtiges Erfolgsrezept:
In jeder Firma sorgen mindestens zwei Stammkräfte von Siemens - Fertigung
und Controlling - für Qualität von Produkten und Buchhaltung.
Die Stimmung unter den 1600 deutschen Firmen in China - davon die Hälfte
Repräsentanzen - ist dennoch eher optimistisch. "Der Glaube ist
da", meint Margot Schüler, Expertin beim Hamburger Institut für
Asienkunde. Und die "personelle Weichenstellung" des 16.Parteitages
verspräche politische und wirtschaftliche Stabilität.
Unkenrufe, etwa über den "Bevorstehenden Kollaps Chinas"
(US-Autor Gordon Chang), resümierte OAV-Vorstand Wolfgang Niedermark,
zufrieden, seien damit wohl fehl am Platz. Und auch Hermes-Vertreter Kersten
stellte fest: "Wir haben bei unserem Engagement - der Exportversicherung
- keine Angst. Gute Vorbereitung ist wichtig, Demut ist entscheidend."
Süddeutsche
vom 4.11.2002
Im Reich der Mittel
Jenseits von
Dinkelsbühl: Mitten in der Baukrise entdecken europäische und
deutsche Planer Chinas unglaublichen Architektur-Boom
von JÖRG HÄNTZSCHEL
Wenn der
Frankfurter Architekt Albert Speer in den letzten Jahren das Flugzeug
nach Shanghai bestieg, sah er auf den anderen Business- Class-Sesseln
Manager von Audi oder Siemens. Heute kann er dort immer öfter Kollegen
begrüßen – denn Chinas ökonomische Öffnung
löste einen wahren Bauboom aus, wobei es vor allem europäische,
ja deutsche Architekten und Stadtplaner sind, die in China arbeiten.
Speer, der in Deutschland für den Masterplan der Expo 2000 zuständig
war, gewann zum Beispiel Wettbewerbe für Bürotürme und
die Shanghaier U-Bahn. Doch wie die meisten Architekten, die mit einem
Plan in China aus dem Flugzeug steigen, wurde auch er bald mitgerissen
von der Dynamik des Landes. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass
Speer aus einem ökologischen Biokläranlagenprojekt nun der Auftrag
für eine ganze Stadt erwuchs: für das auch sonst denkwürdige
Vorhaben einer „German Town“ in Anting nahe Shanghai.
Wolfsburg des Ostens
17 Millionen Menschen leben zur Zeit in Shanghai, und bis 2015 soll die
Zahl auf 23 Millionen steigen. Noch mehr Dichte im Zentrum und weitere
Gürtel um die Ränder würden die Stadt an den Rand des Erstickens
bringen. Satellitenstädte in 30 Kilometer Entfernung von Shanghai
sollen deshalb weiteres Wachstum ermöglichen, ohne den Druck auf
das Zentrum zu erhöhen. Doch wie haucht man den Trabanten Leben ein?
In China entschied man sich für eine Lösung, deren radikaler
Pragmatismus traditionsfixierten Europäern grotesk erscheint. Wie
Hotels in Las Vegas erhält jede der neun Satellitenstädte ein
Set aus identifikationsstiftendem „Thema“, architektonischem
Image und ökonomischem Motor. „Deutsche Kleinstadt“ lautet
das Thema in Anting, wo VW schon 1984 sein erstes chinesisches Werk errichtete.
Jobs finden die neuen Siedler in der „International Automobile City“,
dem industriellen Teil der Stadt: ein Wolfsburg des Ostens, samt Gläserner
Fabrik und einer Formel-1-Strecke, die bis zum Jahr 2004 fertig sein soll.
Die Chinesen wünschen sich für Anting nicht nur deutsche Bauqualität,
sondern auch mitteleuropäische Urbanität: Blockstrukturen, Plätze
und fußgängerfreundliche Gassen. „Es ist schwierig, nicht
Dinkelsbühl zu bauen“, meint Speer. Um das zu verhindern, schlägt
er Wohnhäuser in einem aktualisierten International Style vor. Das
pittoreskere Zentrum mit Marktplatz, Kirche und Brunnen stellt indes eine
Bauklotz-Version von Alt- Europa dar.
Die Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner (GMP) sind in Anting
ebenfalls mit von der Partie. Dabei haben auch sie – neben Universitäten
und Museen überall in China – den Wettbewerb für einen
von Shanghais Satelliten gewonnen. Von Luchao, wo sich 2005 die ersten
70 000 Menschen ansiedeln sollen, ist bisher nur die dem Meer abgetrotzte
Baufläche zu sehen. GMP wollen mitten in der Stadt einen kreisrunden
See mit zweieinhalb Kilometern Durchmesser anlegen. Die wichtigsten öffentlichen
Gebäude stehen auf Inseln im Wasser, während die Wohnviertel
in radikal formalistischen Rastern rund um die Badestrände am Ufer
angeordnet sind. Gerade hatte man sich im Westen von den letzten Utopien
verabschiedet, da werden sie hier im Zeichen eines kühlen Pragmatismus
Wirklichkeit.
„Wir wollten ein Gegenmodell zur zerfledderten chinesischen Stadt
entwickeln. Die Chinesen entdecken gerade ihre Geschichte wieder, sie
wollen zurück zu urbanen Qualitäten, die während der Kulturrevolution
zerstört wurden“, erklärt Nikolaus Goetze von GMP. Er
schwärmt von den irren Möglichkeiten, die China europäischen
Architekten bietet – mitten in der westlichen Baukrise. Doch der
Preis für die Traumprojekte ist hoch: „Die Honorare sind saumäßig,
die Chinesen handeln einen in Grund und Boden.“ Regelmäßig
versuchen Bauherren, Kosten zu drücken, indem sie die Projekte nach
den ersten Entwurfsphasen heimischen Büros übergeben. So wie
China dem Westen Billigimitate seiner Markenprodukte verkauft, so drohen
also umgekehrt die Produkte westlicher Architekturbrands gelegentlich
zu Persiflagen in China zu verkommen. Die erbarmungslose Geschwindigkeit
kommt erschwerend hinzu. Goetze: „In Berlin diskutiert man seit
12 Jahren über den neuen Flughafen. Über so was lachen die Chinesen
nur.“
Selbst Rem Koolhaas, der in Beschleunigung und „brutalem“
Erster-Sein die letzte Möglichkeit der Einflussnahme sieht, nachdem
konventionelle Formen der Kritik wirkungslos geworden sind, will von der
Effizienz der Chinesen noch lernen. Bevor er zum Bauen nach China kam,
kam er als Architektur-Ethnologe. Der 700-Seiten-Wälzer „Great
Leap Forward“, den er letztes Jahr herausgab, analysiert die städtebauliche
Explosion des Landes mit einer Mischung aus Ironie, Faszination und Entsetzen.
Nun wechselt er die Seiten. Koolhaas baut mit der neuen Zentrale des Staatssenders
CCTV in Peking eine gigantische Fabrik, in der 10 000 Fernseharbeiter
die Informationen für mehr als eine Milliarde Zuschauer bearbeiten.
Im selben Maße, in dem der Einfluss des repressiven chinesischen
Staatsapparats nachlässt, wächst die Bedeutung dieser Nachrichten-,
Propaganda- und Unterhaltungsmaschine. Das Gebäude selbst drückt
das Umwälzen und Verzerren sinnfällig aus. Man kann es sich
wie eine skulptural geformte Endlos-Schleife vorstellen: 56 Stockwerke
und 230 Meter hoch.
Amerika
ist Vergangenheit
Die Schleife als Organisationsprinzip hebt nicht nur die lineare Hierarchie
auf, mit der konventionelle Wolkenkratzer zu Abbildern der firmeninternen
Machtstrukturen werden; sie soll auch die Zusammenarbeit der Abteilungen
erleichtern und das Sicherheitsproblem lösen, das am 11. September
so fatale Folgen hatte: Jeder Teil des Gebäudes ist aus zwei Richtungen
zugänglich. Mit einer Fläche von 500 000 Quadratmetern übersteigt
das Projekt alles, was das Büro je gebaut hat. Koolhaas will 15 chinesische
Architekten nach Rotterdam holen und eine am „chinesischen Denken“
inspirierte Arbeitsweise einführen. In nur fünf Jahren, rechtzeitig
zu den Olympischen Spielen 2008, muss der Bau fertig sein.
Dass den Chinesen der ambivalente Entwurf zwischen Science-Fiction und
Archaik zusagt, das ist für Ole Scheeren, der es zusammen mit Koolhaas
entworfen hat, kein Zufall: „China bewegt sich zwischen Vergangenheit
und absoluter Zukunft“. Wie viele europäische Architekten sieht
er darin auch den Grund dafür, dass die Ära des amerikanisch
dominierten Bauens in China schon wieder vorbei ist. Amerikas Angebot
ist ausgeschöpft. „Es geht nicht mehr nur darum, das höchste
Haus zu bauen. Es geht nicht mehr um das reine
Streben nach
phallischer Präsenz.“
Bleibt nur das Unbehagen an der Politik, die solche in Europa undenkbaren
Projekte erst möglich macht: „Es steckt ein Stück Opportunismus
darin“, gibt Scheeren zu, „aber auch die Hoffnung, zu einer
Veränderung beizutragen.“ Goetze verteidigt die Repression
gar als derzeit noch notwendiges Übel: „Würde man jetzt
den Deckel vom Topf nehmen, ginge das Land unter. Mehr als eine Milliarde
Chinesen wohnen auf dem Land und verarmen allmählich. Wenn die alle
nach Shanghai und Hongkong kommen, erdrücken die sich dort nach einem
Monat gegenseitig.“ Angesichts dieser Zahlen dürfte wohl auch
die chinesische Geschwindigkeit versagen. Bleibt nur das Fernsehen.
Weserkurier
vom 29.10.2002
Heilsame Akupunktur-Piekser
gehören zu seinem Beruf
Haiyin Zhao praktiziert am Institut für Chinesische Medizin
Von unserem Mitarbeiter Thomas Joppig
„Als
ich aus dem Flugzeug stieg und dann durch die Stadt fuhr, war ich erstaunt,
wie ruhig es hier ist“, erinnert sich Dr. Haiyin Zhao an seinen
ersten Eindruck von Bremen. Kein Wunder, hatte der chinesische Akupunktur-Arzt
doch zuvor an einem Krankenhaus der Millionenmetropole Shanghai praktiziert.
Doch der promovierte Mediziner spricht keineswegs despektierlich über
die Ruhe in der Stadt. Nein, er genießt sie und gerät schnell
über Bremen ins Schwärmen: „Es ist wirklich schön
hier. Mein Lieblingsort sind die Wallanlagen: „Diese Stille, dieses
Grün und all das mitten in der Stadt...“
Seit Januar lebt Zhao in der Neustadt und behandelt Patienten im Institut
für Chinesische Medizin (ICM). Hierbei handelt es sich um eine Einrichtung
auf dem Gelände des Krankenhauses St.-Jürgen-Straße, die
vor drei Jahren vom Bremer Kreisverband des Roten Kreuzes ins Leben gerufen
wurde. Durch Kontakte zum Universitätskrankenhaus Longhua in Shanghai
bekommt das Institut immer wieder Ärzte zugewiesen, die sich für
einen gut einjährigen Arbeitsaufenthalt in Deutschland interessieren.
So auch Zhao, der sich derzeit im ICM gemeinsam mit einer Kollegin um
die Behandlungen kümmert.
Sein Metier sind die heilsamen Akupunktur-Piekser. Schnell lernte er hier
zu Lande die Unterschiede zwischen deutschen und chinesischen Patienten
kennen. „Deutsche haben überhaupt kein Problem damit, sich
bei der Behandlung komplett auszuziehen. Chinesen genieren sich da oft.
Im Gegenzug ist es den Deutschen immer ziemlich peinlich, wenn sie die
Zunge rausstrecken sollen. Damit haben die Chinesen wiederum überhaupt
keine Schwierigkeiten“, stellt er lachend fest.
Obwohl es in Bremen „so ruhig ist“, war „Stress“
eines der ersten deutschen Worte, dessen Bedeutung Zhao bei den Patientengesprächen
verstehen lernte. Umso wichtiger sei es ihm, Zusammenhänge zwischen
Krankheit und Lebensweise klar zu machen. Ruhe und Entspannung zu finden
– das sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche
Behandlung. .
Doch es geht ihm nicht nur um die Wechselwirkungen von Körper und
Seele, sondern auch um die Einflüsse, die verschiedene Körperregionen
aufeinander haben. Er holt eine Plastikpuppe hervor, die mit bunten Filzstift-Strichen
bemalt ist. Es sind so genannte Meridiane, Linien, auf denen Akupunktur-Punkte
eingezeichnet sind: „Wenn jemand von einem westlichen Arzt seine
Ohrenschmerzen behandeln lässt, dann schaut der sich nur das Ohr
an. Wir schauen uns statt dessen den ganzen Menschen an. Wir sehen, auf
welchem Meridian das Ohr liegt und fragen den Patienten dann zum Beispiel,
ob er Probleme mit dem Herzen hat.“
Die Bremer Patienten seien für diese Behandlungsmethoden sehr offen,
freut sich Zhao. Institutsleiterin Anke Fröhlich stimmt ihm zu: „Zu
uns kommen Menschen, die auf eine natürliche und ganzheitliche Behandlung
Wert legen.“ Dafür genüge es nicht, die Krankenversichertenkarte
vorzulegen. Nur wenige der ICM-Leistungen werden von den Kassen übernommen.
Fröhlich:„Für unsere Patienten ist es deshalb eine ganz
bewusste Entscheidung, sich hier behandeln zu lassen.“
Noch bis April haben die Bremer Gelegenheit, sich von Haiyin Zhao pieksen
zu lassen. Dann kehrt er wieder nach Shanghai zurück, wo seine Frau
Ming Lan und sein sechsjähriger Sohn Ruo-Yao auf ihn warten. „Die
waren anfangs schon traurig und auch ziemlich skeptisch, als ich mich
entschieden hatte, für ein Jahr nach Deutschland zu gehen.“
Doch Zhao, der das Land schon durch einen kürzeren Arbeitsaufenthalt
in Saarbrücken kannte, reizte der erneute Einsatz in Deutschland.
Dennoch: Die Sehnsucht nach der Familie blieb natürlich nicht aus:
„Wenn ich gesehen habe, wie fröhlich die Leute sich hier im
Sommer am Osterdeich sonnen, dann habe ich mir schon oft gewünscht,
dass die beiden jetzt hier wären“, sagt Zhao und lächelt
versonnen. „Aber als die beiden mich hier vor ein paar Monaten zum
ersten Mal besucht haben, da wussten sie schon, dass es mir hier gut geht.“
Nähere Informationen zu Behandlungen und Kursen des Instituts für
Chinesische Medizin sind unter der Telefonnummer 497 46 40 erhältlich.
Oberpfälzer
Wochenzeitung v.1.10.2002
Im Würgegriff
der Globalisierung
Südwolle-Produktion
in Weiden gegen Billiglohnländer China und Polen chancenlos
Weiden. (cf) In den beiden Südwolle-Werken in China beträgt
der Stundenlohn gerade mal 90 Cent, am Standort in Polen 2,50 Euro. In
Weiden erhält ein Mitarbeiter mindestens zehn Euro in der Stunde.
Die Globalisierung zehrt den einst herausragenden Südwolle-Produktionsstandort
im Industriegebiet Am Forst aus. Nach der unumgänglichen Schließung
des 1975 erbauten Werks2 zum Jahresende (der NT berichtete exklusiv) bleiben
nur noch Werk3 und das Zentrallager. Eine hundertprozentige Garantie für
den Fortbestand der Produktion will keiner geben. Werk3 soll Garne - die
kurzfristig verfügbar sein müssen - für aktuelle Mode fertigen.
Die Automatisierung ist ausgereizt, mit seinen Personalkosten ist Weiden
bei der Herstellung von Standardartikeln gegen die Billiglohnländer
China und auch Polen chancenlos. Dazu summieren sich die höheren
Maschinenlaufzeiten. Die Südwolle-Maschinen bei Schanghai weisen
über 8000 Betriebsstunden auf - gegenüber 5600 in Weiden. Norm
ist die Sieben-Tage-Woche, in China erhalten Beschäftigte überhaupt
keinen Urlaub. Die Unternehmensgruppe Südwolle zählt weltweit
derzeit 1400 Beschäftigte, davon weniger als 200 zum Jahresende in
Weiden (früher über 550!). Dazu kommt noch die Textilgruppe
Hof mit annähernd 2000 Mitarbeitern in Oberfranken und Tschechien.
Werk2 mit seinen 14000 Quadratmetern Produktionsfläche und das Grundstück
sollen verwertet werden. Bei den 70 zur Entlassung anstehenden Mitarbeitern
handelt es sich größtenteils um angelernte Kräfte.
Hamburger Abendblatt
v. 12. Sept. 2002
Shanghai-Hamburg:
Die neue Seidenstraße
"Wir
wollen symbolisch die 2000 Jahre alte chinesische Seidenstraße zwischen
den Partnerstätten von Shanghai nach Hamburg verlängern",
sagt Zhang Tiejun, Mitorganisator einer beeindruckenden China-Ausstellung
in der vierten Etage des Alsterhauses. "Gleichzeitig feiern wir die
30-jährigen diplomatischen Beziehungen der kulturell so unterschiedlichen
Länder."
Die Ausstellung "Die chinesische Seidenstraße", die gestern
vom Generalkonsul der Volksrepublik, Chen Jianfu, eröffnet wurde,
soll mit Vorträgen zur Geschichte und Kultur, Religion und Wirtschaft,
mit 20 aus dem Stadtstaat Tianjin angereisten Künstlern und interessanten
Exponaten China so authentisch wie möglich darstellen.
Bis zum 5. Oktober werden Besucher Gelegenheit haben, die chinesische
Teezeremonie kennen zu lernen und Einblicke in den Buddhismus zu bekommen.
Die Meisterin Lian Zhi und die Mönche Lian Hie und Lian Po Yung laden
täglich um 13 und 18 Uhr zur Meditation ein. Am kommenden Sonnabend
ist um 13 Uhr ein Vortrag über buddhistisches Leben und Feng-Shui
vorgesehen.
Ebenfalls regelmäßig werden Diavorträge über die
Seidenstraße, deren Ausgangspunkt und lange Karawanenwege sowie
Begegnungen mit der chinesischen Mauer, tibetischen Klöstern oder
dem Gelben Fluss Lanzhou geboten.
"Wir arbeiten zurzeit an einem Konzept für ein künftig
in der HafenCity angesiedeltes chinesisches Zentrum für Handel und
Kultur", freut sich Zhang Tiejun. Im Klang der chinesischen Sprache
höre sich Hamburg sehr ähnlich wie Han Bao an. "Bao heißt
auf Chinesisch Burg, 90 Prozent der Chinesen sind Han-Chinesen. Han Bao
ist also die Burg der Chinesen", sagt Tiejun laut lachend. schusch
DIE WELT
vom 03. September 2002
China-Wochen sollen
die Zusammenarbeit stärken - China-Wochen vom 12. September bis zum
12. Oktober
Von Insa Gall
Im Jahre
1731 lief das erste Schiff aus China den Hamburger Hafen an. Die Seeleute
aus dem fernen Osten brachten Tee und kostbares Porzellan in die Hansestadt.
Schon wenige Tage später war die Ladung verteigern - mit gutem Gewinn.
Dieser erste Handelskontakt des fernen China mit Deutschland begründete
eine florierende Beziehung zwischen Hamburg und dem Reich der Mitte, die
längst nicht mehr nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller
Natur ist. "Hanbao", wie die Chinesen die Hansestadt nennen,
steht für Hamburg, bedeutet zuglich aber auch "Burg der Chinesen".
Heute sind mehr als 230 Firmen aus der Volksrepublik in Hamburg aktiv,
die Hansestadt gilt als Brückenkopf Chinas in Europa.
Diese langjährige Partnerschaft zur Volksrepublik feiert Hamburg
mit China-Wochen vom 12. September bis zum 12. Oktober. Rund 100 hochkarätige
kulturelle, wirtschaftliche und wissenschaftliche Veranstaltungen sollen
die Besucher in den Bann des Reichs der Mitte ziehen und den fortschreitenden
Entwicklungsprozess Chinas dokumentieren. Das Angebot reicht von Multimedia-Präsentationen
für China-Reisende über Konzerte und Ausstellungen bis zu Informations-Veranstaltungen
über traditionelle chinesische Medizin, Diskussionsrunden über
die wirtschaftlichen Perspektiven bis zu einem deutsch-chinesischen Gottesdienst.
Initiator Hans-Bernd Giesler von der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft
setzt darauf, mit diesem Programm nicht nur das Interesse der Hamburger,
sondern auch auswärtiger Besucher zu wecken. Offiziell Bürgermeister
Ole von Beust die China-Wochen als Schirmherr zusammen mit dem Generalkonsul
der Volksrepublik, Chen Jianfu, am 17. September im Rathaus eröffnen.
Im Mittelpunkt der diesjährigen China-Wochen steht die Partnerstadt
Shanghai. Mit einem reichhaltigen Kultur- und Wirtschaftsprogramm wird
sich die chinesische Metropole in der Hansestadt präsentieren, um
so Hamburgern und Besuchern einen aktuellen Eindruck von der Größe
und dem Charme der chinesischen Hafenstadt zu vermitteln. Neben Konzerten,
Literaturlesungen und einer Gala-Show mit chinesischen Stars, den Hamburger
Symphonikern und dem Monteverdi-Chor zählen eine Ausstellung aus
der Sammlung des Shanghai Art Museums und der Shanghai Wirtschaftstag
zu den Highlights des Shanghai-Programms.
So viel Verbundenheit mit dem fernöstlichen Partner soll auch in
die Hauptstadt ausstrahlen: So steht das traditionelle Sommerfest der
Hamburger Landesvertretung in Berlin in diesem Jahr ganz im Zeichen Chinas.
Zum chinesischen Mondfest erwartet Bürgermeister von Beust am 26.
September in der Hamburger Landesvertretung an der Jägerstraße
in Berlin rund 800 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien, Kultur
und Diplomatie. Das Mondfest, zu dem sich Familien in China symbolisch
einen mit Eigelb gefüllten Mondkuchen teilen, gehört seit dem
14. Jahrhundert zu den wichtigsten Feierlichkeiten des Landes. Nach dem
chinesischen Bauernkalender leuchtet der Vollmond an diesem Tag so hell
wie sonst nie im Jahr.
Rechtzeitig zu den China-Wochen ist zudem in den vergangenen Tagen eine
Chinesische Schule Hamburg gegründet worden, in der rund 70 chinesische
Schüler unterschiedlicher Altersstufen jeweils sonntags von acht
chinesischen Lehrern in der der Sprache Kultur und Geschichte ihres Heimatlandes
unterrichtet werden. Denn im Zuge der Liberalisierung der Wirtschaft der
Volksrepublik kamen die Mitarbeiter chinesischer Firmen zunehmend nicht
mehr allein in die Hansestadt, sondern brachten ihre Familien mit. Ihre
Kinder, die an deutschen Schulen unterrichtet werden und schnell die deutsche
Sprache lernen, sollen jedoch die Verbindung zu den Wurzeln ihres Heimatlandes
nicht gänzlich verlieren, so das Anliegen der Schulgründer.
Morgenpost vom
01. September 2002
Zoo schickt Schimpansen
nach Asien - Im geplanten Affenhaus ist zu wenig Platz
Von Sylke
Heun
Die einen müssen gehen, damit die anderen es in Zukunft besser haben.
Der Zoo will sich von seiner fünfköpfigen Schimpansengruppe
trennen. «Wir planen ein neues Affenhaus. Das uns zur Verfügung
stehende Areal ist aber nicht sehr groß. Wenn wir die Schimpansen
weggeben, bleibt dafür mehr Platz für die Gorillas, die Orang
Utans und die Bonobos, die den Schimpansen sehr ähnlich sehen»,
sagt Dr. Peter Rahn, im Zoo Kurator für die Menschenaffen. Weder
ein Datum für die Abgabe noch ein Zoo stünden aber bislang fest,
so Rahn.
Wahrscheinlich aber wird es ein Wechsel um die halbe Welt. Im Gespräch
ist der Zoo Shanghai. Zahlreiche Stammbesucher stehen einem Wechsel nach
China allerdings skeptisch gegenüber. «Das ist doch die totale
Härte. Dort treffen die Tiere auf eine ganz andere Mentalität
und Sprache», sagt Waltraud Streit aus Wilmersdorf, die die Schimpansen
jede Woche besucht. Sie befürchtet, dass es den Tieren in China schlecht
ergeht, dass die Gruppe schlimmstenfalls sogar auseinander gerissen wird.
«Gerade weil wir die Gruppe unbedingt zusammenlassen wollen, kommt
Europa aber leider nicht in Frage. In nahe Länder würden wir
die Tiere nur einzeln vermitteln können», sagt dazu Peter Rahn.
Der Zoo Shanghai sei ein moderner Zoo, Mitglied zweier Zooverbände
mit weit reichenden Grundsätzen, was die Haltung von Tieren betrifft.
Natürlich werde man die Gruppe begleiten und vor Ort bleiben, bis
die Tiere sich eingelebt hätten.
Mit einem Schimpansen-Transport ohne Begleitung hat der Zoo nämlich
bereits eine schlechte Erfahrung gemacht. Ein Tier wurde in die Ukraine
gebracht, kam dort völlig verstört an und starb wenig später.
«Das passiert uns nicht noch mal», sagt Reimon Opitz, Tierrevierchef
im Menschenaffenhaus. Er oder ein Kollege begleiten seitdem jeden Transport
und bleiben, bis die Tiere wieder fressen.
Kalle und Pedro, Gusta, Lilly und die kleine Soko ahnen derweil nichts
von ihrem bevorstehenden Umzug. Im Außengehege lassen sie sich zurzeit
die Sonne aufs dunkle Fell scheinen. «Aber was ist, wenn der Winter
kommt?», sagt Peter Rahn. «Dann müssen die Tiere wieder
ins Haus. Dort ist es aber jetzt schon viel zu klein. Unsere Unterbringung
der Menschenaffen ist höchstens noch mittelmäßig.»
FAZ.net vom
1. Sep. 2002
Cebit Asia - Hoffnungsmarkt
China
Von Nikola
Wohllaib
Vom 2. bis 5. September findet die Cebit Asia zum zweiten Mal in
Schanghai statt. 544 Aussteller aus 25 Ländern tummeln sich in vier
Hallen im Shanghai New International Expo Centre (SNIEC). Zwar lockt China
mit enormen Wachstumsraten im IT- und Telekommunikationsmarkt. Doch wegen
weltweiter Konjunkturflaute und schwächelnden Heimatmärkten
nehmen viele deutsche wie internationale Unternehmen an der CeBIT asia
erst gar nicht teil.
Ohne Frage, China ist Wachstumsspitzenreiter in Asien. Marktforscher IDC
hat dem Reich der Mitte für 2002 mit fast 27 Prozent die weltweit
höchste jährliche Zuwachsrate im IT-Sektor vorhergesagt. Laut
Branchenschätzungen wird China in rund fünf Jahren der zweitwichtigste
IT-Markt nach den USA sein. Auch der Internetmarkt boomt, so das China
Internet Network Information Center (CNNIC). Seit Anfang des Jahres wuchs
die Zahl chinesischer Internetnutzer um 35 Prozent auf heute 45,8 Millionen
User.
Höchstes Wachstum in ChinaMarktkenner gehen bereits davon aus, dass
die Volksrepublik noch in diesem Jahr sowohl beim Webtraffic als auch
beim PC-Einsatz Japan auf Platz 3 verweist. Und: China ist weltweit der
am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt. Laut Ministry of Information
Industry MII stieg die Zahl der Mobilfunknutzer von 83 Millionen Ende
2000 auf knapp 156 Millionen Ende Februar 2002. So sind denn auch E-Commerce,
Mobile Kommunikation, Network Computing und alles rund das Internet Schwerpunktthemen
auf der diesjährigen Cebit Asia.
Langer Atem im Chinageschäft gefragtDennoch: Der Markt scheint für
viele Unternehmen noch nicht reif genug, mutmaßt Hong-Wei Li von
der Hannover Messe International, die den Deutschen Pavillon auf der Cebit
Asia organisiert. Für viele Firmen lief das Nachmessegeschäft
2001 mäßig. Deswegen scheuen in diesem Jahr Mittelständler
die Messe. Dafür sind mehr Konzerne mit langjähriger Erfahrung
auf dem chinesischen Markt vor Ort.
Allen voran Systemanbieter Rittal und Siemens. Die Münchener zeigen
Handys und Basisstationen für den lokal favorisierten Mobilfunkstandard
der dritten Generation TD-SCDMA, den Siemens mit der chinesischen Firma
Datang entwickelt. Zudem ging der Beteiligungszweig Siemens Mobile Acceleration
kürzlich mit dem Pekinger Start-up Magus Soft, das auf mobile Spiele
und Unterhaltungssoftware spezialisiert ist, seine erste chinesische Beteiligung
ein.
Asiatische Marktführer unter sichDoch die Cebit Asia ist fest in
der Hand taiwanesischer Aussteller und heimischer Branchenführer.
Kaum bekannt ist im Westen der chinesische Hardwareriese Legend. Dazu
kommt Mobilfunkgigant China Mobile, der mit 104,5 Millionen Kunden im
August Vodafone als Mobilfunkanbieter mit den meisten Handynutzern ablöste.
Weitere Schwergewichte sind u.a. Samsung, Panasonic, Epson, Lexmark und
Kyocera.
Allerdings fehlen allein beim Mobilfunk Motorola als Branchenerster in
China und Nokia als Weltmarktführer. Selbst Microsoft mit großen
Ambitionen im Reich der Mitte, macht einen Bogen um die Cebit Asia. Ebenso
wie IBM und HP, die in Schanghai eigene Produktions-, sowie Forschungs-
und Entwicklungseinheiten haben.
Schlechte Konjunktur trübt StimmungIm Vergleich zur Cebit in Hannover
mit rund 8.000 Ausstellern sind somit die vier Hallen im nagelneuen SNIEC
(Eröffnung: November 2001), das inmitten des High-Tech-Bezirks Pudong
liegt, recht überschaubar. Während die Beteiligung um 40 Aussteller
gegenüber dem letzen Jahr kaum merklich anstieg, ist sie im Deutschen
Pavillon rückläufig. Tummelten sich dort im letzten Jahr noch
36 Unternehmen, sind es 2002 noch 24. Neben Siemens und Rittal, auch die
Bundesländer Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Mit ein Problem:
Die Cebit in Istanbul läuft parallel zur Schanghaier Cebit. Vielen
sei die Türkei als Markt näher als die Volksrepublik,
meint Bitkom-Geschäftsführer Ulrich G. Schneider. Konjunktureinbruch
und Kosteneinsparungen nennt Schneider als Hauptgründe.
Martin Ashoff, Managing Director des Dietzenbacher Telekommunikationsdienstleisters
Controlware in Singapur: Allein die Reisekosten zu den Messen sind
gigantisch, begründet er sein diesjähriges Fernbleiben.
Es gibt zu viele IT-Messen in Asien, gerade haben wir auch noch
die ITU in Hongkong und die Expo Com in Peking abgesagt, sagt er.
Lunchseminare oder andere Direktveranstaltungen bringen einfach
mehr.
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