Die China-Strategie des HSV
Wie der Klub in Shanghai neue Märkte erschließen will

Hamburg/Shanghai - Der Fußball in China hat derzeit so seine Probleme: Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2006 wurde verpaßt, und die heimische Liga kränkelt. Manipulationsvorwürfe sind an der Tagesordnung. Dennoch reisten die HSV-Vorstände Bernd Hoffmann und Katja Kraus sowie Klubmanager Bernd Wehmeyer diese Woche nach Shanghai, um den HSV als ersten Verein der Bundesliga in China mittel- und langfristig zu positionieren.

"Man kann durchaus von einem antizyklischen Vorgehen sprechen, und unser Interesse wird honoriert", zog Hoffmann eine mehr als zufriedene Bilanz vor dem heutigen Rückflug. Zunächst wurde mit Shenhua Shanghai (dort spielte auch Jörg Albertz) eine unbefristete Kooperation vereinbart, die den Austausch von Trainern und die Zusammenarbeit der Fußballschulen beinhaltet. Die Partnerschaft beginnt mit dem vereinbarten Freundschaftsspiel in der Woche nach Ende der Bundesliga-Saison (21. Mai). Über konkrete weitere Inhalte soll bis Herbst gesprochen werden. Selbstverständlich hat der HSV ein Erstzugriffsrecht bei Talenten, doch die Verpflichtung eines Chinesen ist aktuell unwahrscheinlich, und Transfers haben nicht oberste Priorität.

Erstaunlich: Durch das Interesse an den Auftritten von Naohiro Takahara und Mehdi Mahdavikia hat der HSV derzeit die meisten Sendeminuten aller Bundesligaklubs in Asien. Doch im internationalen Vergleich hat Deutschland Nachholbedarf. Hoffmann: "Fußball ist zwar in China die Sportart Nummer eins, aber die Aufmerksamkeit richtet sich in erster Linie auf die Ligen in England, Italien und Spanien."

Die Champions-League-Spiele sind in China problemlos zu verfolgen. Doch auch drei Bundesligaspiele werden pro Wochenende gesendet: Je ein Premiere-Spiel am Sonnabend und Sonntag live, dazu eine dritte Begegnung zeitversetzt. Durch das Langzeit-Projekt wollen die HSV-Verantwortlichen nun versuchen, das Bewußtsein für den Fußball in der Hansestadt zu stärken, und auf Sicht einen neuen (lukrativen) Markt erschließen.

Die Reise diente deshalb vor allem der Pflege von Kontakten - Hoffmann reiste bereits im September mit der Delegation von Bürgermeister Ole von Beust nach Shanghai - und dem Ausloten von Potential und Möglichkeiten in Hamburgs Partnerstadt.

Zu diesem Zweck führte die HSV-Delegation mehrere Gespräche: mit einer Vermarktungs- und Sponsoring-Agentur, dem Goethe-Institut, der Hamburger Vertretung und natürlich den Vertretern von Shenhua. Auch die Politik zeigte sich interessiert: "Der Bürgermeister ist ein großer Sportfan", sagte Hoffmann. Nicht nur das: Die Schwester von Shenhuas General-Manager Wu Jinan ist "Außenministerin" der Stadt. Eine perfekte Verdrahtung . . . Außerdem untersuchte die HSV-Delegation intensiv die Absatzmöglichkeiten von Merchandising-Artikeln in Einkaufsläden.

In Shanghai wurde über die HSV-Besucher medial umfangreich berichtet. Kommende Woche zeigt der größte TV-Sender Shanghais eine 30minütige Sondersendung über den HSV. Bildmaterial hatten Hoffmann & Co. im Reisegepäck mit dabei. lx

erschienen am 10. März 2005 in Sport / Hamburger Abendblatt


tagesspiegel vom 6.3.2005

Im Schatten des Booms
Auf dem Volkskongress verspricht Chinas Regierung den verarmten Bauern Hilfe
Von Harald Maass, Peking

Manche der Mädchen in der Lihua-Textilfabrik waren erst 14 Jahre alt. Doch ihr Arbeitstag bestand schon aus zwölf Stunden. Bis Mitternacht hätten die Kinder und Jugendlichen in den dunklen Nähstuben sitzen müssen, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights in China. Als fünf der Mädchen Ende vergangenen Jahres im engen Schlafraum an einer Kohlenmonoxidvergiftung starben, ließ der Fabrikbesitzer die Körper einfach vergraben. Erst später stellte sich heraus, dass zwei der Mädchen noch gelebt hatten.

Die Tragödie in dem Landkreis Luancheng, nur wenige Autostunden von der Hauptstadt Peking entfernt in der Provinz Hebei, zeigt die Schattenseiten des chinesischen Wirtschaftsbooms. Die Bauern in der ländlichen Gegend sind so arm, dass sie ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen. Mehr als hundert Kinder und Jugendliche schuften nach Informationen von Human Rights allein in diesem Landkreis in den Textilfabriken. Ein Leben ist dort nicht viel wert. Bei Unfällen oder tödlichen Unglücken zahlen die Fabrikbesitzer ein paar Tausend Yuan als Schweigegeld an die Hinterbliebenen – umgerechnet einige hundert Euro. Dann stellen sie aus dem Heer der Wanderarbeiter neue Arbeiter ein.

Chinas 800 Millionen Bauern und Landbewohner sind die Verlierer der Reformen. Der Wirtschaftsboom der vergangenen zwei Jahrzehnte fand vor allem in den Städten statt. Während in Peking, Shanghai und Guangzhou immer neue Wolkenkratzer gebaut wurden und sich viele Stadtbewohner heute ein eigenes Auto leisten können, leben die Menschen auf dem Land bis heute oft in bitterer Armut. 236 000 Dollar-Millionäre gab es vergangenes Jahr in China. Gleichzeitig mussten 29 Millionen Chinesen mit weniger als 70 Euro im Jahr auskommen. Weil Fleisch zu teuer ist, wird nur Reis und Gemüse gegessen. Weil die Schulgebühren zu teuer sind, bleiben die Mädchen oft zu Hause. Arbeit gibt es auf dem Land oft keine. Mehr als 100 Millionen Bauern sind seit Chinas Öffnung in die Städte gezogen, um als Billigarbeiter und Bedienstete anzuheuern. „China hat die größten wirtschaftlichen Ungleichheiten der Welt, und es wird schlimmer“, sagte der Wirtschaftsexperte Hu Angang von der Akademie der Wissenschaften. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sorgt für soziale Spannungen: Jede Woche kommt es im Land zu Unruhen und Aufständen. Entlassene Angestellte von Staatsfabriken demonstrieren, weil sie um ihre Pensionen betrogen wurden. Bauern sperren Straßen, weil sie die Steuern nicht mehr zahlen können. 40 Millionen Chinesen haben in den vergangenen Jahren ihre Landrechte und oft einzige Einnahmequelle verloren. Auf dem Volkskongress hat die Regierung nun einen verstärkten Kampf gegen die Armut angekündigt. Die Landwirtschaft sei eines der „schwachen Glieder“ des Landes, erklärte Premier Wen Jiabao in seinem Rechenschaftsbericht am Samstag. Bis 2006 sollen deshalb die Agrarsteuern abgeschafft werden. Bis 2007 will die Regierung außerdem für alle Kinder eine neunjährige Schulausbildung garantieren. Arme Familien sollen dazu von Schulgebühren und Bücherkosten freigestellt werden.

Umgerechnet eine Milliarde Euro will Wen ausgeben, um entlassene Arbeiter aus Staatsfabriken wieder in eine Beschäftigung zu bringen. Doch es ist zweifelhaft, ob Pekings Maßnahmen zur Armutsbekämpfung ausreichen. Viele Bauern sind schon heute offiziell von der Steuer befreit. Trotzdem werden sie von lokalen Kadern ausgebeutet, die ihnen immer neue „Gebühren“ abpressen. Chinas Wohlstandsgefälle ist das Ergebnis von Politik: Seit Ende der siebziger Jahre förderte Peking einseitig die Städte. In den dicht besiedelten Küstenprovinzen entstand nicht nur das industrielle Rückgrat für Chinas Aufschwung. Pekings KP-Führer sicherten sich auch politisch ab: Um die urbane Elite des Landes zufrieden zu stimmen, gingen 80 Prozent aller staatlichen Investitionen in die Städte. Chinas Bauern, die einst mit Mao die Volksrepublik erkämpft hatten, sind heute nur noch Bürger zweiter Klasse.


Energiemangel in der Millionen-Metropole

In Schanghai ruht zeitweise die Produktion
Von Kerstin Lohse, ARD-Hörfunkstudio Schanghai
Energiemangel in Schanghai: 8.000 Unternehmen müssen in den nächsten Monaten ihre Produktion drosseln. Um mit der wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten zu können, wären in China zusätzliche 30.000 Megawatt pro Jahr notwendig - das entspricht rund einem Viertel der gesamten deutschen Stromerzeugungskapazität.Da in Schanghais Häusern traditionell keine Heizungen installiert werden, heizen die meisten Bewohner mit Hilfe von Klimaanlagen und Radiatoren, die viel Strom verbrauchen. Durch den so noch akuteren Energiemangel müssen mehr als 8000 Betriebe im Raum Schanghai in den nächsten Monaten ihre Produktion an zwei Tagen in der Woche einstellen oder auf das Wochenende verlegen. Dies meldet die Zeitung "Shanghai Daily". Unternehmen aus allen Industriezweigen, darunter auch Joint-Venture, sind von dieser Regelung betroffen, die vorerst bis Anfang März gilt. Weitere Unternehmen werden möglicherweise folgen müssen, sollte die Nachfrage auch weiterhin die Energievorräte übersteigen, so ein Vertreter von Schanghai Electric Power.
Schätzungen zufolge wird der Energiebedarf der 20-Millionen-Stadt in diesem Winter 20 Prozent höher liegen als im vergangenen Jahr. Bereits in den Sommermonaten war es landesweit zu Engpässen in der Energieversorgung gekommen. In 24 von 31 Provinzen musste der Strom abgeschaltet oder zumindest rationiert werden. Eine Besserung wird frühestens im kommenden Jahr erwartet, wenn neue Kraftwerke ans Netz gehen.
Mit der Situation arrangiert
Bis dahin müssen viele ausländische Investoren zwei Tage die Woche ohne Strom auskommen. Eva Schwinghammer vom Maschinenbauunternehmen Trumpf ist überrascht, dass die ausländischen Hersteller bisher nicht rebellieren. Viele seien schon froh, dass sie dieses Mal im Vorfeld gewarnt worden seien und man ihnen zugesichert habe, keine abrupten Abschaltungen vorzunehmen. Schwinghammer sagte, sie finde es sehr verwunderlich, "dass man es in einem Land wie China anscheinend akzeptiert, dass es diese Einschränkungen gibt". Man habe sich mit der Situation arrangiert und gebe sich zufrieden mit der Ankündigung der Regierung, das Problem in zwei bis drei Jahren gelöst zu haben.
Zusätzliche 30.000 Megawatt jährlich nötig
Chinesische Wirtschaftsplaner sehen der Zukunft fast panisch entgegen. Besonders die Energiefrage ist mehr denn je zum Politikum geworden. Lösen soll sie eine kleine Gruppe von Leuten in der Energieabteilung des Planungsministeriums unter der Leitung von Hao Weiping: "In Zukunft müssen wir jedes Jahr 20-30.000 Megawatt Kraftwerksleistung hinzubauen, um mit der wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten zu können." 30.000 Megawatt pro Jahr - das entspricht rund einem Viertel der gesamten deutschen Stromerzeugungskapazität. Chinas Energiebedarf ist in den letzten Jahren fast doppelt so schnell gewachsen wie die Wirtschaft.
Energiemangel bedroht Wirtschaftswachstum
Der enorme Zustrom von Investoren hat das Billiglohnland China zur Fabrik der Welt werden lassen. Mit steigendem Lebensstandard explodiert auch der Energieverbrauch. Und das, obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch mit 1.300 Kilowattstunden erst bei der Hälfte des Welt-Durchschnitts liegt. Allein im vergangenen Jahr wurden 41 Kraftwerkprojekte genehmigt, doch bis diese fertig sind, werden Jahre vergehen. Der wachsende Energiemangel bedroht das Wirtschaftswachstum, meint der Ökonom Zuo Dapei aus Peking. Er gehe davon aus, dass Chinas Wirtschaft das Potenzial hat, auch in den nächsten zehn Jahren um durchschnittlich acht Prozent zu wachsen. Der Energiemangel könnte allerdings zum Engpass werden. Fehlende Investitionen in die Stromindustrie Ende der 90er Jahre seien der Grund, dass heute nicht genügend Energie vorhanden ist. China hätte das Kapital gehabt, aber kurzsichtige Regierungsvertreter haben damals aus Sorge vor Überkapazitäten mehr als drei Jahre lang verboten, in Kraftwerke zu investieren.
Chinas eigenen Berechnungen zufolge wird sich der Energiebedarf bis zum Jahr 2020 fast verdreifachen. Kein anderes Land muss in der nächsten Zeit so viel in den Ausbau seines Energiesektors investieren wie China, prophezeit die Internationale Energiebehörde in Paris: Rund 70 Mrd. US-Dollar pro Jahr werden notwendig sein.

tagesschau.de vom 22.01.2005


Einmal Shanghai, bitte!

Vier Räder sind nicht immer Formel 1 Von Tilman WörtzVorbei die Zeiten, als Shanghai eine Stadt der Fahrradfahrer war. Doch 17 Millionen Einwohner müssen sich erst an Autos im Straßenverkehr gewöhnen. Für Europäer bedeutet das: Überlebensstrategie komplett ändern. Genau fünf Stunden bevor Michael Schumacher beim Großen Preis von Shanghai im September 2004 nur Platz zwölf erreichte, Barrichello jubelte und Ecclestone mal wieder ein "asiatisches Jahrhundert" vorhersagte, steuerte mein Taxi zur Hutai-Straße, weil sich das Manöver so günstig als Abkürzung zum Express-Highway anbot. Meine Frau und mein Sohn saßen auf dem Rücksitz, nachkommenden Fahrzeugen war der Taxifahrer kein abschreckendes Beispiel, sondern er war der Mutige, der die Schneise schlug, in die nun alle drängten.Ich denke bei Shanghai und vier Rädern nicht an Formel 1, sondern an 17 Millionen Menschen, die sich erst an Autos im Straßenverkehr gewöhnen müssen. Noch vor fünfzehn Jahren sind ausschließlich Limousinen der Funktionäre und vielleicht ein paar Schweinetransporter über die Straßen Shanghais gecruist. In dem Welt-Bestseller "Tod einer Roten Heldin" von Qiu Xiaolong, der Anfang der 90er Jahre spielt, ist Oberinspektor Chens einzige Spur zur Klärung eines Mordfalls die weiße Limousine eines Parteibonzen-Sprosses. Heute wäre sein Anfangsverdacht hoffnungslos im Verkehr allein der weißen Limousinen erstickt, ganz zu schweigen vom Gedrängel der 850.000 anderen Autos. Vorbei die Zeiten, als Shanghai eine Stadt der Fahrradfahrer war.Fahrräder gibt es natürlich immer noch. Und sie fahren immer noch ohne Licht. Das erklärt einen Teil der 104.000 Verkehrstoten im vergangenen Jahr in ganz China. In keinem anderen Land leben Verkehrsteilnehmer gefährlicher. Die ganze Nation erlebt gleichzeitig den Kick des Achtzehnjährigen, der zum ersten Mal hinters Steuer darf und vor lauter Gasgeben vergisst, wo sich die Bremse befindet. Da muss Aufklärung her.Der Staat hat reagiert. Die "New York Times" berichtet von einer Führerscheinprüfung für Motorradfahrer, in der folgende Fragen mit "richtig" oder "falsch" beantwortet werden mussten:
1: Sie kommen an einer Unfallstelle vorbei. Ein Motorradfahrer liegt am Boden. Sollen Sie den Verletzten heftig schütteln, um ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen?
2: Ein Teil seiner inneren Organe liegen neben ihm auf dem Boden. Müssen sie diese zurück in den Körper stopfen?Geschmacklos, zugegeben, aber wahr. Selbst der chinesische Präsident hat schon auf Seite eins der "China Daily" die Bevölkerung aufgefordert, die Verkehrsregeln endlich zu beachten. Das würde die Effizienz im Straßenverkehr erhöhen.Als Europäer muss man seine Überlebensstrategie komplett ändern. In Deutschland lebt ein Fußgänger gefährlich, der beim Überqueren einer zweispurigen Straße weitergeht, obwohl sich ein Auto nähert. Er verletzt eine Regel und muss dafür notfalls mit dem Tod bestraft werden. In Shanghai ist das umgekehrt. Verkehrsteilnehmer stoßen sofort in sich öffnende Freiräume vor. Regeln gelten noch weniger als Vorschläge. Der deutsche Fußgänger würde also genau an der Stelle stehen bleiben, auf die das Auto ausweicht, um den Fußgänger nicht dort umzufahren, wo er aller Vorausahnung nach gehen würde.

Ganz wichtig also: Nicht einfach auf das grüne Männchen an der Ampel achten, sondern improvisieren. Das macht mich nervös. Ganz besonders, wenn ich mit Frau und Kind unterwegs bin. Für Kinderwagen gilt nämlich das gleiche Gesetz wie für Fußgänger: Sofort in Freiräume vorstoßen, egal was kommt.
 
Stern vom vom 18. Januar 2005


Hamburgs große Gala in Shanghai
Kontakte: Hamburg Tourismus hatte 400 Gäste in das Hotel Shangri La geladen.

Von Kerstin von Stürmer* Weiß und Rot waren die Farben des Abends - der Festsaal des Hotels Shangri La am Fluß Huangpu war ganz in Hamburger Hand. Am Vorabend der Eröffnung der Internationalen Tourismus-Messe hatte Hamburg Tourismus zu einer großen Gala geladen. Mehr als 400 Gäste kamen, vor allem Vertreter der Stadt Shanghai, chinesische Tourismus-Experten aber auch Mitarbeiter deutscher Firmen. Katja Hellkötter eröffnete den Abend in perfektem Chinesisch. Sie ist bereits sechs Jahre als Leiterin des Hamburg-Büros in Shanghai. Man wolle an diesem Abend vor allem um Sympathie werben, so Senatsdirektor Franz J. Klein zur Begrüßung. Die Gala solle helfen, Hamburg noch mehr ins Bewußtsein der chinesischen Öffentlichkeit zu rücken. Die Hansestadt sei zwar bereits das chinesische Zentrum in Europa, beide Städte hätten aber noch Potential. Man hoffe nicht nur auf Tausende Touristen aus China, sondern auch auf wirtschaftliche und kulturelle Kontakte. Daß die Sprache dabei kein Hindernis sein muß, bewies der Hamburger Pianist Gottfried Böttger. Sein Auftritt, ein Streifzug durch die Hamburger Musikgeschichte der letzten 50 Jahre, begeisterte das Publikum. Musik sei eben eine ganz spezielle Sprache, die überall verstanden wird, beschrieb der chinesische TV-Star und Moderator des Abends, Lin Dongfu, den Auftritt seines Hamburger Freundes und auch den der Hamburger Stadtmusikatzen, die ebenfalls als Botschafter der Kulturmetropole Hamburg mit nach Shanghai gereist sind. Der deutsche Generalkonsul in Shanghai, Dr. Wolfgang Röhr, genoß den Abend sichtlich, war diese Veranstaltung doch ein Stück Heimat. Er ist Hamburger und vertritt die Bundesrepublik in Shanghai. Am Büfett war für die mitgereisten Hamburger Zeit für Gespräche mit Vertretern der Stadt Shanghai und der Wirtschaft. Denn trotz der guten Beziehungen steht noch einiges auf der Wunschliste der Hamburger. Ein Ergebnis hat der Abend schon gebracht: Shanghai wird auf der Messe Reisen 2005 als Partnerstadt vertreten sein. Und im kommenden Jahr wird es eine Shanghai-Gala in der Hansestadt geben. * Die Autorin ist Redakteurin bei "NDR 90,3"

Hamburger Abendblatt - erschienen am 20. Januar 2005 in Hamburg


Metropole im Umbruch

Shanghai - Stadt der Gegensätze Shanghai (rpo). Shanghai gilt als eine der Boomtowns und Megacities der Welt schlechthin. Boomende Wirtschaft, riesige Hochhäuser und nicht zuletzt die neue Formel 1-Strecke werden diesem Ruf gerecht. Doch hinter den spiegelnden Fassenden gibt es noch ein anderes Shanghai, das sich ebenfalls zu entdecken lohnt.
Das neue, mondäne Shanghai findet man tagsüber am berühmten "Bund", der Uferpromenade am Jangtse Fluss: Bauten im Kolonialstil inklusive einer Big Ben-Nachahmung im Rücken und den Blick auf die Postkartenansicht am anderen Ufer, wo sich eine Meisterleistung der Hochhausbaukunst an die andere reiht. Da sind zum Beispiel der ausladende Oriental Pearl Tower mit seinen kugelförmigen Aussichtsplattformen und das schlichtere, an New Yorker Architektur erinnernde Jin Mao Gebäude. Es ist mit 421 Metern das höchste Gebäude Chinas. Von seinem Aussichtsdeck bietet sich dem Besucher ein meist nebliger Blick über die Megastadt.
Im Century Park zwischen den Bankentürmen erlebt man Shanghai tatsächlich als die boomende Wirtschaftsmetropole, als die sie häufig beschworen wird: Hier sind Geschäftsleute mit Schlips und Kragen unterwegs, werden tagtäglich immense Geldsummen bewegt, die Shanghai zu einem der interessantesten Wirtschaftszentren der Welt machen.Ruhe am Morgen
Ein romantischeres und stilleres Bild von der Stadt bekommt man, wenn man den Bond am frühen Morgen aufsucht - wenn zwischen 5 und 7 Uhr Chinesen auf der Promenade ihre Entspannungsgymnastik Qi Gong üben, und wenn in die Jahre gekommene Pärchen neben einem Kofferradio auf dem Bürgersteig Tango tanzen. Dann liegt eine große Ruhe und Entspannung über der erwachenden Stadt."Die schnelle Entwicklung der letzten 25 Jahre hat eine wirtschaftliche und architektonische, aber eben eine oberflächliche Veränderung gebracht", sagt Christoph Zang. Der 25-jährige Saarländer hat in London Sinologie studiert und arbeitet seit 16 Monaten für Siemens in Shanghai. "Die kulturelle Entwicklung geht aber sehr viel langsamer vor sich." Weder das kulturelle Angebot noch der Lebensstandard in Shanghai könne deshalb mit anderen internationalen Metropolen mithalten.Das ursprüngliche Shanghai ist in den alten Stadtvierteln der ehemaligen französischen oder jüdischen Konzession noch zu sehen und zu erleben. Alte Männer sitzen auf der Straße über ein Tischspiel gebeugt. Mütter spielen mit Kindern. Junge Frauen verkaufen Zuckerrohr, von dem sie die Schale abschnitzen, und auf dem ihre Kunden herumkauen, um den süßen Saft herauszulutschen. Ein längst pensionierter Messerschleifer schärft aus Gefälligkeit für umgerechnet 20 Cent die Messer seiner Nachbarn.Häuser warten auf Abriss
Auch das ist Shanghai. Noch. Denn viele der Straßenzüge sind schon verlassen. Baugerüste aus Bambusstäben verkleiden die Fassaden der einfachen Häuser, die auf ihren Abriss warten. Die Regierung zahlt den Menschen, die seit Generationen hier leben, Abfindungen, damit sie in die Randbezirke der Stadt umziehen - die alten Straßenviertel werden eingestampft und neue Wolkenkratzer in Windeseile in die Luft gezogen.

Der Reiseveranstalter China Tours will Touristen das zweite Gesicht Shanghais zeigen. Der Geschäftsführer, Herr Liu Guosheng hat in Hamburg studiert und organisierte einst für Studienfreunde die ersten Reisen in sein Heimatland. Dabei bemühte er sich, ihnen das wahre China, jenseits der Hauptverkehrsstraßen zu zeigen. Diesem Bemühen ist er treu geblieben und hat ihn zum Grundsatz für sein Reiseunternehmen gemacht. Mit der wachsenden Anzahl der Wolkenkratzer, wird die Suche nach den originalen Schauplätzen wohl immer schwieriger. Ein Besuch der Stadt im Jangtse Delta lohnt sich, solange die konstruierte Oberfläche der Metropole ihre Geschichte noch nicht ganz verdrängt hat.
RP online v. 21.1.2005


U-Bahn von Hamburg nach Shanghai
Hamburg - Freitag, sieben Uhr morgens. Am Containerterminal Altenwerder fahren Sattelschlepper vor. Ihre Fracht: zwölf U-Bahn-Waggons von Siemens im Wert von insgesamt mehr als zehn Millionen Euro. Zwei komplette Metrozüge. Jeweils 140 Meter lang und 220 Tonnen schwer. Kurz darauf schwebt der erste Waggon unter einer der riesigen Containerbrücken, wird langsam in eine Ladeluke der "Shanghai Express" gehievt. Zentimetergenau.
Shanghai - das ist auch das Ziel der Reise. Ankunftstermin ist der 7. Januar 2005. Wann das Schiff am Sonnabend abfährt, bleibt geheim. "Aus Sicherheitsgründen", sagt der Sprecher von Siemens in Hamburg, Lars Kläschen, dem Abendblatt.
Insgesamt sieben Stunden dauert die Verladeaktion im Containerterminal Altenwerder. Zwei komplette U-Bahn-Züge landen so im Bauch des Riesenschiffs. Hergestellt wurden sie in einem Werk des Elektrokonzerns Siemens in Wien. In einem chinesischen Werk hat der deutsche Elektrokonzern zusammen mit einem Partner im Rahmen eines Joint-ventures weitere 26 Züge gefertigt. Sie sollen wie die Züge aus Wien auf einer der größten Vorortlinien der chinesischen Metropole Shanghai fahren.
"Der Gesamtwert des Auftrags für die 28 Züge beläuft sich auf rund 150 Millionen Euro", sagt Siemens-Sprecher Kläschen. Abgewickelt wird der komplette Transport von der Hamburger Spedition Kühne & Nagel. me
Hamburger Abendblatt vom 12. Dezember 2004


Last Exit Hongkou

Als die deutschen Juden einwanderten, gab es in der Stadt nicht weniger als sieben Synagogen, fünfzig Zeitungen und Zeitschriften, die in neun Sprachen gedruckt wurden und von denen dreißig auch im Zweiten Weltkrieg erschienen. Auf Spurensuche im ehemaligen jüdischen Viertel von Schanghai
VON GEORGES HAUSEMER
Grillenkämpfe sind im heutigen China offiziell verboten. Doch die Insektenhändler auf dem Zhoushan-Markt lassen ihren Tierchen sorgfältigste Pflege angedeihen, vor allem den männlichen Vertretern der Gattung. Denn mit ihnen lässt sich gutes Geld verdienen, weshalb sie üppig gefüttert werden und in geräumigen, mit Samt und Seide ausgelegten Behältern auf Käufer warten dürfen. Das tun die Männchen in aller Stille, denn das typische Zirpen, für das die weiblichen Heuschrecken von jeher von den Chinesen so geliebt werden, ist ihre Sache nicht. Mit augenzwinkernder Verschwörermiene öffnet der Verkäufer den Deckel und erlaubt einen flüchtigen Blick ins Innere einer Schachtel. Für unerlaubten Handel mit Grillenkämpfen ist der Zhoushan-Markt ideal: klein, unspektakulär, getarnt als Umschlagplatz für legale Haustiere. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft werden Fahrräder und Rikschas repariert, Holzmöbel gezimmert. In einer winzigen Suppenküche sind ein paar Burschen mit der manuellen Herstellung von Nudeln beschäftigt, die anschließend hungrigen Passanten vorgesetzt werden.
Kein Ort also, der in den einschlägigen Touristenbibeln erwähnt wird. Dabei war die Zhoushan-Straße einst eine der Lebensadern des Hongkou-Viertels. Aber auch dieser Stadtteil im Nordosten von Schanghai, noch in Sichtweite der berühmten Uferpromenade, dem Bund, wird in den meisten Reiseführern höchstens mit einer Randbemerkung bedacht. Es ist eine Gegend, die nicht in das Selbstbildnis der schnell wachsenden, resolut auf die Zukunft ausgerichteten 17-Millionen-Stadt passt. Hier werfen, im Gegensatz zum futuristischen Pudong jenseits des Huangpu-Flusses, keine gigantischen Turmklötze ihre langen Schatten. Keine hochtrassigen Autobahnen durchschneiden das gewachsene, mitunter dörflich anmutende Gefüge, wo man noch alten Männern mit Spitzbart und Greisinnen im Mao-Blaumann begegnet.
Ins Bild vom alten Asien, dem in den chinesischen Megastädten auch viele Einheimische nachtrauern, passt auch der Huoshan-Park. Vormittags treffen sich hier, nicht weit vom Grillenmarkt entfernt, ältere Herrschaften zur gemeinsamen Tai-Chi-Gymnastik. Die Musik dazu dröhnt aus einem Gettoblaster, der genau vor jener Gedenktafel postiert ist, die auf eine der vergessenen Epochen der Schanghaier Geschichte verweist. Gewidmet ist das Denkmal jenen jüdischen Flüchtlingen, die sich zwischen 1933 und 1939 in Schanghai vor der nationalsozialistischen Barbarei in Sicherheit brachten.
Die meisten von ihnen kamen aus Deutschland und Österreich, völlig mittellos, höchstens mit den fünf Reichsmark und den zwei Koffern ausgestattet, die man ihnen bei ihrem Auszug aus dem kriegstreiberischen Europa genehmigt hatte. Hongkou war ihr letzter Ausweg. Nach der Reichskristallnacht 1938 ermöglichte von allen Ländern und Städten der Welt nur noch Schanghai, das unter Verwaltung der französischen, englischen und japanischen Kolonialmächte stand, den Juden eine visum- und auflagenfreie Einreise. 20.000 bis 30.000 sollen es gewesen sein, die in den Armenvierteln nördlich des Huangpu abstiegen, die wenigsten mit gutem Gefühl. Denn das als gefährlich geltende China war vielen fremd, seine Kultur unbegreiflich.
Vor allem Schanghai, das bereits in den 1930er-Jahren so kosmopolitisch war wie kaum eine zweite Stadt der Erde, hatte den Ruf, eine Ganovenmetropole und ein Sündenpfuhl zu sein, wo Menschen, von einem mörderischen Klima geplagt, in Slums vegetierten oder schlichtweg auf der Straße krepierten. Wang Fa Liang kennt die Geschichte von Hongkou aus eigener Erfahrung. Vor 85 Jahren wurde er in diesem Viertel geboren. Hier arbeitete er als junger Kellner, als die vor Hitler geflüchteten Juden in den engen, schäbigen Ziegelbauten einzogen. Man sprach von einem Getto, doch in Wahrheit handelte es sich um ein friedliches, auf gegenseitiger Hilfsbereitschaft beruhendes Miteinander. "Wider Erwarten verstanden sich die Chinesen und ihre neuen Nachbarn sehr gut", erinnert sich Mister Wang. Sie teilten nämlich das gleiche Schicksal: "Die Juden wurden von den Deutschen und die Chinesen von den Japanern verfolgt." Die damaligen Unterkünfte gibt es immer noch, und sie haben sich kaum verändert.
Heute haust das chinesische Proletariat in jenen Straßenzügen, die einst Klein-Wien und Klein-Berlin genannt wurden. Ein Bad für zehn Familien auf drei Etagen, die Wäsche hängt auf Leinen von Fassade zu Fassade, Vogel- und Grillenkäfige vor den Fenstern, gekocht wird auf dem Bürgersteig. Man könnte solche Szenen als pittoresk bezeichnen, wenn man nicht wüsste, dass das Leben hier noch nie einfach war. Und eben das weiß man nur, wenn man mit Männern wie Wang Fa Liang unterwegs ist. Ein Stück weit begleitet der rüstige Rentner die Teilnehmer der gut vierstündigen Tour of Jewish Shanghai, die 1995 von einer Brasilianerin gegründet und seit zwei Jahren von Dvir Bar-Gal, einem 1965 in Israel geborenen Journalisten und Fotografen, geleitet wird. In Bar-Gals Abwesenheit macht Georgia Noy, eine israelische Arabischlehrerin, die selbst vier Jahre in Schanghai lebte, die Besucher auf all die kleinen, spannenden Details aufmerksam, die man niemals entdecken würde, wenn man sich allein durchschlagen wollte. Auf dem Zhoushan-Markt beispielsweise wurde einst koscheres Fleisch angeboten, in einem unscheinbaren Ecklokal wurden früher Konzerte gegeben, lagen speziell für die Emigranten herausgegebene Zeitungen aus. Und die Ohel-Moishe-Synagoge, wo das jüdische Erbe bis heute konserviert und gepflegt wird, würde man auf eigene Faust vermutlich gar nicht finden. Sie versteckt sich in einem Hinterhof an der Chang Yang Road, zwischen Handwerkerateliers und Lagerräumen. Keine offizielle religiöse Stätte, denn seit dem forcierten Auszug aller Ausländer, also auch der Juden, aus China im Jahre 1949 wird der jüdische Glaube im Fernen Osten nicht mehr anerkannt.
Als Museum mit Bibliothek und Fotowänden bietet die Synagoge umfassende Einblicke in die Geschichte der Schanghaier Juden. Insgesamt drei Immigrationswellen gab es. 1840 kamen die ersten sephardische Juden aus Kairo, Bagdad, Bombay und Singapur, die in Schanghai äußerst erfolgreich Geschäfte machten. Ab 1900 folgten die aschkenasischen Juden aus Russland, die vor den Pogromen und später vor der kommunistischen Revolution flohen. Als die deutschen Juden einwanderten, gab es in der Stadt nicht weniger als sieben Synagogen, fünfzig Zeitungen und Zeitschriften, die in neun Sprachen gedruckt wurden und von denen dreißig auch im Zweiten Weltkrieg weiterhin erscheinen konnten.
Zu Stationen der Diaspora jenseits von Hongkou führen die nächsten Etappen der Tour. Der Kleinbus bringt uns an den Bund, die beliebte Flaniermeile, wo einige der emblematischsten Gebäude der alten Metropole mit den neuzeitlichen Monumentalbauten am gegenüberliegenden Ufer des Huangpo konkurrieren. 1929 ließ Victor Sassoon, ein im Opiumhandel wohlhabend gewordener Jude aus Indien, das Cathay Hotel errichten, das heute Peace Hotel heißt und wo später viele jüdische Immigranten kostenlos wohnen durften, bevor sie eine feste Bleibe fanden.
Die 1930er-Jahre waren die grellbunten Boomzeiten im "Paris des Ostens", als der Mythos Schanghai geboren wurde, der Alkohol in Strömen floss und die jungen Chinesinnen willig waren. Von den ursprünglichen Jugendstildekors, dem Original-Lalique-Glas und den kostbaren Perserteppichen ist im Sassoon-Palast allerdings nicht viel erhalten geblieben. Aber grandios ist heute noch der Blick von der Dachterrasse, wo sich der Immobilien-Tycoon sein pyramidenförmiges Luxusappartement hatte bauen lassen.
Auch der aus Bagdad stammende Elly Kadoorie war im Baugeschäft tätig. Seine Privatgemächer, ihrer Ausstattung wegen "Marmorpalast" genannt, wird heute als Freizeitzentrum für Kinder genutzt. Als Kadoorie nach Schanghai kam, war er völlig mittellos. Er starb reicher, als es Sassoon war, und wird aufgrund seines Einsatzes im Dienst der kulturellen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung der Stadt bis heute verehrt. Die Kadoorie-Mansion bildet den Abschluss der jüdischen Tour durch eine Stadt, die nur vordergründig den Rückblick verschmäht und sich bereits jetzt auf die Weltausstellung 2010 vorbereitet. Ganze Viertel werden in Windeseile von Presslufthämmern und Baggerschaufeln niedergemacht, um Platz zu schaffen für die gen Himmel strebenden Wahrzeichen einer kapitalistischen Zukunft, deren Superlative sich jedem Besucher mit aller Macht aufdrängen. Doch sogar in diesem Umfeld haben noch viele historische Örtlichkeiten eine Menge Überraschungen zu bieten. Dank Begleitern wie Mrs. Noy und Mr. Wang werden aus Ahnungslosen in wenigen Stunden Eingeweihte, die Schanghai plötzlich mit anderen Augen sehen. Ob Grillenkämpfe in China tatsächlich verboten sind, das wissen auch diese beiden nicht mit letzter Sicherheit zu sagen.

taz Nr. 7531 vom 4.12.2004, Seite 29, 298 TAZ-Bericht GEORGES HAUSEMER, in taz-Frankfurt, -Köln, -NRW, -Ruhr: S.21


Generation Einzelkind
Von Petra Kolonko, Schanghai

Sind sie verwöhnt oder überfordert? Ichzentriert oder selbstbewußt? Unsozial oder anhänglich? Eine ganze Generation von Einzelkindern ist in Chinas Städten aufgewachsen und wird genau beobachtet.
„Kleine Kaiser” wurden gesichtet und „große Mamakinder”, aber auch Jugendliche, die sich in ihrer Entwicklung kaum von Gleichaltrigen mit Geschwistern unterschieden. Jetzt kommen die Einzelkinder in das heiratsfähige Alter und sorgen für eine neue Überraschung. Die Einzelkinder bringen die Großfamilie zurück in China. Es wird bei jungen Paaren wieder modern, mit den Eltern unter einem Dach zu wohnen.Zurück zum traditionellen Familienleben
Nach alter chinesischer Tradition bedeutete Familienglück, vier Generationen unter einem Dach zu haben: Die Großeltern und Urgroßeltern lebten möglichst mit Kinder und Kindeskindern zusammen. Damit konnte man dem konfuzianischen Ideal von der „Pietät” gegenüber den Älteren am besten nachkommen und sich bis zum Tod um die Alten kümmern, während diese noch Aufgaben in der Familie versehen konnten. Doch diese alte Form des Zusammenlebens konnte sich nur auf dem Land halten. In den vergangenen Jahrzehnten war das am weitesten verbreitete Familienmodell in Chinas Städten im Zug der Modernisierung die Kernfamilie - mit einem Kind oder zwei Kindern. Das scheint sich nun zu ändern, da die „Generation Einzelkind” Familien gründet. Nach einer Untersuchung der Schanghaier Akademie für Sozialwissenschaften zeigt sich bei den jungen Ehepaaren, von denen beide Partner Einzelkinder sind, ein neuer Trend. Sie leben mit einem Elternpaar zusammen und lassen ihre Kinder von den Großeltern aufziehen. In Chinas modernster Metropole mit einer Bevölkerung von 16 Millionen kehrt man zurück zum traditionellen Familienleben.Sexuelle Aufklärung per Internet
Schanghai ist die Stadt mit den meisten Einzelkindern in China. Im Jahr 1979 verordnete die Volksrepublik ihren Bürgern, nunmehr nur ein Kind zu haben. In der Metropole Schanghai hatte die Einkindpolitik auf der Basis einer lokalen Anordnung schon einige Jahre zuvor begonnen. Bereits im Jahr 1982 waren 81 Prozent aller Kinder in Schanghai Einzelkinder. Somit hat die Stadt jetzt auch die ältesten Einzelkinder, die heiraten und selbst Kinder bekommen. Auch in der Forschung über die Generation der Einzelkinder ist Schanghai besonders aktiv: Sozialwissenschaftler haben das Aufwachsen der Einzelkinder mit vielen Studien und Forschungsprojekten begleitet, sagt Frau Professor Bao Leiping von der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften. Jetzt hat man dort eine erste Studie über Heirat und Familiengründung vorgelegt und junge Eltern, die aus größeren Familien kommen, mit den Einzelkindeltern verglichen. Demnach haben Einzelkinder früher als Kinder mit Geschwistern eine feste Partnerschaft. Zumeist werden sie über das Internet sexuell aufgeklärt, während Kinder aus Mehrkindfamilien sich noch über Bücher, Zeitschriften oder Freunde aufklären lassen. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe sind bei den Einzelkindern stärker akzeptiert als bei den Kindern aus Mehrkindhaushalten. Die Einzelkinder heiraten auch etwas eher als die anderen Kinder.Hochzeit als große finanzielle Belastung
In vorigen Studien war herausgefunden worden, daß die meisten Einzelkinder stärker von ihren Eltern abhängig sind. Viele Einzelkinder sind es gewöhnt, daß die Eltern ihnen in der Kindheit und Jugend viele Lasten abnehmen. Offensichtlich scheint sich dieser Trend bei den jungen Erwachsenen fortzusetzen. So ergab die Umfrage, daß die Einzelkindehepaare ihre Hochzeit, in China eine große finanzielle Belastung, von ihren Eltern bezahlen lassen. Paare aus Familien mit mehr Kindern bezahlten die Hochzeit zum größten Teil selbst. Bei der Entscheidung für ein Kind geben die Einzelkinder mehr als die anderen der Karriere Vorrang. Auf die Frage nach Kind oder Karriere sagten die Einzelkinder öfter als die anderen Paare, sie würden den Kinderwunsch hintanstellen. 4,9 Prozent der Einzelkindpaare wollen gar keine Kinder, bei den anderen Paaren sind es nur 2,6 Prozent. Professor Bao sagt, die traditionelle konfuzianische Maxime, nach der es pietätlos sei, keine Nachkommen zu haben, beeindrucke die jungen Leute offenbar immer weniger.Einkindeltern sind toleranter
Die Frage nach der idealen Kinderzahl erbrachte ein Ergebnis, das chinesischen Familienplanern und Bevölkerungswissenschaftlern zu denken geben sollte. Etwa zwei Drittel der Befragten gaben an, sie hielten zwei für die ideale Kinderzahl. Allerdings war dieser Prozentsatz bei den Einzelkindpaaren etwas niedriger (61,7 Prozent) als bei den anderen Paaren (63,3 Prozent). Etwa ein Drittel der Befragten hielt es für ideal, nur ein Kind zu haben. Mehr als zwei Kinder wünschten nur 2,9 Prozent der Einzelkinder, aber 3,8 Prozent der Paare aus Mehrkindfamilien. Die Frage nach der Kinderzahl ist in Schanghai nicht mehr nur hypothetisch. In der Metropole dürfen Paare, die beide Einzelkinder sind, seit neuem zwei Kinder haben. In der Erziehung zeigen sich die Einkindeltern etwas toleranter als die anderen. Auch sind die Aufgaben zwischen Mutter und Vater bei den Einzelkindeltern gleichmäßiger aufgeteilt als bei den anderen Eltern. Mutter und Vater übernehmen die gleichen Aufgaben - bei den anderen Paaren übernimmt die Mutter mehr Aufgaben.Kinderbetreuung wird zur entscheidenden Frage
In China gibt es heute 80 Millionen Einzelkinder. Das sind nur sechs Prozent der Bevölkerung, da auf dem Land noch immer zwei oder drei Kinder die Regel sind. Die Einzelkindgeneration ist die erste chinesische Generation, die ganz in der Zeit der Wirtschaftsreformen aufgewachsen ist und den politischen und sozialen Druck des Lebens unter dem Sozialismus nicht mehr kennt. Viele Eigenheiten der Einzelkindgeneration lassen sich durch den gestiegenen Lebensstandard und andere äußere Einflüsse erklären. Wie im Sozialismus sind aber weiterhin in China beide Eltern berufstätig, Hausfrauen sind eine große Ausnahme, Hausmänner kennt man noch gar nicht. Dadurch wird die Kinderbetreuung zu einer entscheidenden Frage. Kinder kommen in China schon oft als Babys ganztätig in Kinderkrippen, die Kleinkinder bleiben den ganzen Tag im Kindergarten. Viele Kindergärten bieten sogar Übernachtungen von Montag bis Freitag an. Doch scheint man für die Betreuung der allerkleinsten Kinder den Großeltern am meisten zu vertrauen. Wenn sich dieser Trend in Schanghai durchsetzt, könnte es bald neue Erziehungsfragen geben. Denn chinesische Großeltern sind bekannt dafür, daß sie ihre Enkel maßlos verwöhnen. Die Forscher in Schanghai scheinen die Ergebnisse ihrer Studie ernst genug zu nehmen, um ihre nächste Erhebung danach auszurichten. Sie soll klären, wie es sich auf die Kinder auswirkt, wenn sie von den Großeltern erzogen werden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004, Nr. 261 / Seite 11


Wirtschaft

Shanghais Hafen auf Wachstumskurs
SchiffsmeldungenDer Hafen von Shanghai wächst rasant: Inzwischen ist Shanghai mit 11,28 Millionen umgeschlagenen Standardcontainern (TEU) zum drittgrößten Containerhafen der Welt aufgestiegen. Die Zahl der verladenen Container wuchs im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Drittel. Auf den Plätzen eins und zwei liegen Hongkong mit 20,44 Millionen TEU und Singapur mit 18,41 Millionen TEU, erläuterte gestern die Geschäftsführung der Shanghai International Port Group (SIPG) bei einem Besuch in Hamburg. Gegenwärtig unterhält die SIPG Handelsbeziehungen zu mehr als 500 Häfen in mehr als 200 Ländern und Regionen der Welt. Zugleich wird der Hafen immer weiter ausgebaut. Im Oktober dieses Jahres ist bereits ein neuer Teil des Hafens eingeweiht worden für einen weiteren Umschlag von 8,3 Millionen Tonnen. Außerdem entstehen in einem neuen Tiefwasserhafen vor der Küste Kapazitäten für mehr als 15 Millionen TEU. Der Shanghai vorgelagerte Hafen wird schon im Jahr 2005 fertiggestellt sein. mw

erschienen im Hamburger Abendblatt am 4. November 2004 in Wirtschaft


© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 29. Oktober 2004

Leipziger füttert den Drachen
Die friedliche Revolution von 1989 verläuft genau durch die Mitte ihrer Biografie. 15 Jahre nach der Wende befragte unsere Zeitung 30-Jährige nach den zwei Hälften ihres Lebens. Heute: Martin Neumann, Produktionsleiter in Shanghai.Verstopfte Straßen, Abgaswolken, Taxifahrten im Kamikaze-Stil. Und dennoch - Martin Neumann ist von der Stadt begeistert. "Hier fliegt die Zeit nicht nur dahin, wie man oft hört und liest. Sie rast mit Lichtgeschwindigkeit", sagt der Leipziger, der seit gut einem Jahr im Reich der Mitte lebt. Genauer in Shanghai, einer 16-Millionen-Metropole, die Wachstumsraten hat, von denen in Deutschland niemand zu träumen wagt. "Ein Land mit einem Viertel der Weltbevölkerung versucht eine Entwicklung in nur zwanzig Jahren zu durchleben, für die der Westen einhundert Jahre gebraucht hat." Für den bayrischen Automobilzulieferer Webasto baut der Diplom-Ingenieur in China zwei neue Produktionsstätten mit auf. "Die Chance bot sich, da habe er nicht lange überlegt." Das Klischee vom unflexiblen, lustlosen Ostdeutschen, mit dem Unkundige nicht selten die hohe Arbeitslosigkeit in diesem Teil Deutschlands zu erklären versuchen, trifft auf den Leipziger ganz und gar nicht zu. Schon während des Energietechnik-Studiums in Markkleeberg hatte er für ein Münchner Ingenieurbüro gearbeitet. "So war auch das Einkommen und Auskommen gesichert, als sich dem 1998 noch ein Aufbaustudium Wirtschaftsingenieurwesen in München anschloss." So locker, wie der 30-Jährige von seinem Werdegang erzählt, so selbstverständlich ist er für ihn. "Bei Webasto in Utting am Ammersee lernte ich die Facetten des Industriealltags kennen, vom Umgang mit den Bandarbeitern in der Fertigung, den Kundenbesuchen bei fast allen Autoherstellern Deutschlands bis zur Entwicklung neuer Produkte." Ohne die Wende hätten sich diese Möglichkeiten nicht geboten? "Ja", sagt er. "Aber, wenn ich ehrlich bin, denke ich darüber nicht nach. Wenn man ständig vor neuen Heraus-forderungen steht, hat man wenig Zeit zurückzublicken."Mit der Ostalgiewelle könne er genauso wenig anfangen wie mit der Verteufelung der DDR. Die ersten 15 Jahre seines Lebens seien nicht die schlechtesten gewesen. "Dank eines intakten Elternhauses, eines guten Umfeldes und Verbindungen in den Westen." Das politische Denken, sagt er, habe erst mit der Wende eingesetzt. "Alles in allem denke ich, dass der Herbst 1989 schon ein entscheidender historischer Augenblick war. Für mein noch junges Leben damals war es aber noch keine allumfassende Wende. Das Ereignis war da, nun bin ich damit aufgewachsen und kann mir auch nichts anderes mehr vorstellen." Sagt's, und die Gedanken sind schon wieder im Heute.Mit seiner Lebensgefährtin und dem fast gesamten Haushalt ist Martin Neumann nach China aufgebrochen. "Asien war mir nur bekannt vom Thailand-Rucksackurlaub und von einigen Geschäftsreisen nach Shanghai. Außerdem wusste ich noch, dass irgendwo östlich von Japan die Sonne aufgehen soll. Nun helfe ich täglich beim Wachstum des Drachen."Nach China liefert Webasto Dachsysteme für alle namhaften Automarken, so auch das Schiebedach für den legendären VW Santanas. Die Firma hat bereits einen Marktanteil von 50 Prozent in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt. Jetzt soll vor Ort produziert werden. "Alles mit dem Ziel, absolut konkurrenzfähige Produkte herzustellen", sagt der Werksleiter und ist voll in seinem Element. Als erster und noch einziger Deutscher führt er bei Webasto in Shanghai eine Mannschaft von über 150 Chinesen. Chinesisch kann er, wie er sagt, nur einige wenige "Brocken", seine Mitarbeiter dafür gut Englisch, einige sogar Deutsch."Wenn Mitarbeiter aus Deutschland kommen, ist es an mir, in kürzester Zeit die chinesische Mentalität zu erklären. Dazu gibt es meist noch einen Werksrundgang und natürlich eine Stadtrundfahrt", sagt der Ingenieur. Seine Mitarbeiter meinen, er kenne Shanghai schon besser als sie selbst, wenn er von Tempeln erzählt, von denen sie noch nie etwas gehört haben. Wenn er von Deutschland erzählt, kommen dem Leipziger Worte wie Ossi oder Wessi nicht über die Lippen. Irgendwie ist er damit seiner Heimat ein ganzes Stück voraus.

Andreas Dunte


Wahrnehmung

Das kommt Chinesen spanisch vor
Asiaten und Westler wirken aufeinander oft wie Außerirdische – zum Beispiel bei Geschäftsverhandlungen. Kognitionsforscher sind den Ursachen auf der SpurVon Till HeinEnde August platzten die Verhandlungen der Siemens AG mit China um den ICE. Die Chinesen gaben dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen den Vorzug, und Siemens wechselte den Verantwortlichen für das China-Geschäft aus. Was auch immer die besonderen Gründe in diesem Fall gewesen sein mögen – das Scheitern deutsch-chinesischer Verhandlungen ist ein häufiges Phänomen. »Zahlreiche Verträge werden unterzeichnet, aber nur wenige führen zu einem erfolgreichen China-Engagement«, sagt Manuel Vermeer, Sinologe, Managertrainer und Dozent für Marketing Ostasien an der Fachhochschule Ludwigshafen. Seiner Ansicht nach sind dafür nicht nur unterschiedliche Interessenlagen oder vordergründige Verständigungsschwierigkeiten verantwortlich, sondern tiefgreifende Unterschiede der Mentalität und des Denkens. Und andere Experten teilen diese Ansicht. Ulrich Kühnen etwa, Psychologieprofessor der International University Bremen, ist überzeugt, dass die Menschen in Asien und im Westen »auf unterschiedliche Weise denken« – man also gleichsam von »Software-Unterschieden im Gehirn« ausgehen müsse. Zur Demonstration zeichnet der Psychologe in seiner Vorlesung eine steil abfallende Bilanzkurve in ein Koordinatennetz. »Und, wie geht die Kurve weiter?«, fragt er und drückt einem Studenten den Filzstift in die Hand. Ohne viel zu überlegen, führt der die Linie weiter – etwas flacher, aber stetig abwärts. »Typisch Westler«, sagt Kühnen, »Leute aus Asien zeichnen solche Kurven in der Regel nach oben weiter. Sie glauben, dass sich alles stets verändert – auch der gegenwärtige Trend.«Kühnens Vorbild ist der amerikanische Sozialpsychologe Richard Nisbett, Autor des Buches The Geography of Thought. Nisbett hat in Studien mit insgesamt über 1000 Testpersonen Hinweise auf fundamentale West-Ost-Unterschiede in der Wahrnehmung und im Denken gefunden. So ließ er in einem der Experimente 113 US-Amerikaner und 121 Asiaten Bilanzkurven zu Ende zeichnen. Die Probanden aus Asien entschieden sich um ein Vielfaches öfter für eine Richtungsänderung der Kurve. Solche Resultate machen plausibel, warum westliche und asiatische Geschäftsleute so häufig aneinander vorbeiverhandeln.»Chinesische Geschäftsleute betrachten vertragliche Vereinbarungen nicht immer als in allen Punkten verbindlich«, sagt Lars Anke, China-Experte der German Asia-Pacific Business Association (OAV) in Hamburg. »Nach Vertragsabschluss beginnen deshalb oft die Probleme.« Diese Erfahrung machte neulich wieder ein mittelständisches deutsches Maschinenbauunternehmen mit einer Filiale in Shanghai. Mit einem regionalen Zulieferer hatte man einen Vertrag über Preise und die zu liefernde Stückzahl abgeschlossen. Dann stieg der Stahlpreis, und der chinesische Partner weigerte sich plötzlich, zum vereinbarten Tarif zu liefern. »Die Rahmenbedingungen haben sich geändert«, erklärten die chinesischen Manager treuherzig. Die deutschen Vertreter waren stinksauer. Deutsche sind ungeduldig und hören nicht auf Zwischentöne
Dabei ist der vermeintliche Vertragsbruch vielleicht nur Folge einer anderen Wahrnehmungsweise. Nisbetts Lieblingsversuch, das »Aquarium-Experiment«, legt das zumindest nahe: Er präsentierte japanischen und amerikanischen Studenten am Bildschirm eine Aquarium-Szene. Im Vordergrund schwammen große, bunte Fische. Daneben waren auch viele kleine zu sehen, Wasserpflanzen, Kieselsteine und Muscheln. Als der Bildschirm erlosch, sollten die Probanden notieren, was sie gesehen hatten. Die Amerikaner beschrieben fast nur die großen Fische. Die Japaner hingegen schilderten auch die Form der Algen und Steine bis ins Detail. Insgesamt erwähnten sie 70 Prozent mehr Randaspekte. Und während fast alle Amerikaner gleich im ersten Satz auf die Fische Bezug nahmen, begannen viele Japaner mit einer Beschreibung der Bodenbeschaffenheit oder Flora. Fazit: Die Probanden aus Asien konzentrieren ihre Wahrnehmung weit weniger stark auf das vermeintlich Wesentliche und beziehen stattdessen den gesamten Kontext mit ein.Als Kühnen ähnliche Experimente mit japanischen und deutschen Probanden durchführte, stieß er auf die gleichen West-Ost-Unterschiede. Das Verblüffende: Es ließen sich keine Differenzen zwischen Westeuropäern und Nordamerikanern nachweisen. Westeuropäer und US-Amerikaner scheinen sich – kognitionspsychologisch betrachtet – also viel ähnlicher zu sein, als manchem vielleicht lieb wäre. Und die Resultate von Testpersonen aus so unterschiedlichen asiatischen Nationen wie China, Japan, Korea und Malaysia decken sich ebenfalls weitgehend. »Veränderte Rahmenbedingungen« können für chinesische Geschäftsleute daher genauso wichtig sein wie der eigentliche Vertrag.»Informationen werden in China in der Tat anders strukturiert als im Westen«, sagt auch Managertrainer Manuel Vermeer. »An den Anfang eines Vortrags gehört in Deutschland das Wichtigste. Bis Chinesen zum Punkt kommen, ermüden Westler oft so sehr, dass sie wegdämmern.« Fatal daran sei, meint Vermeer, »das alles Problematische – also genau das, weswegen man eigentlich verhandelt – von den Chinesen in der Regel erst am Schluss erwähnt wird«.Theresia Tauber, Sinologin, Psychologin und seit zwölf Jahren interkulturelle Beraterin bei der Siemens AG in München, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: »Nicht nur uns bereitet es Mühe, Referaten von Chinesen zu folgen. Die deutsche Vortragsweise ist für diese ebenfalls sehr verwirrend.« Tauber propagiert folgende Faustregel: Die zentrale Botschaft nicht – wie bei uns gewohnt – an den Anfang stellen; stattdessen die Formel: »Redundanz gleich Relevanz« beherzigen, also vor chinesischem Publikum Wichtiges so oft repetieren, dass sich deutsche Zuhörer bereits langweilen würden. Chinesen glauben an die Wahrheit – und gleichzeitig an ihr Gegenteil
Betreffen die interkulturellen Differenzen womöglich nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Art, Schlussfolgerungen zu ziehen? Nisbett gab je 60 Testpersonen aus Amerika und Korea Essays über Fidel Castro zu lesen. Einige der Autoren verteufelten den kubanischen Staatschef, andere lobten seine Politik. Nisbett wies seine Probanden mit Nachdruck darauf hin, dass die Verfasser der Texte ihren Standpunkt nicht frei gewählt hatten und privat völlig anderer Meinung sein konnten. Anschließend sollten die Testpersonen einschätzen, was die Autoren in Wirklichkeit von Castro halten. Die Amerikaner unterstellten den Verfassern der Lobeshymnen auch privat größere Sympathie für ihn, was Nisbett nicht überraschte. »Zur Erklärung menschlicher Verhaltensweisen berücksichtigen Westler den Kontext oft nicht ausreichend, sondern halten Merkmale der handelnden Personen – etwa deren tatsächliche politische Überzeugung – für allein ausschlaggebend.«Irritiert war der Psychologe zunächst, als auch die asiatischen Testpersonen im Castro-Versuch mehrheitlich nicht zwischen Text und privater Überzeugung der Autoren differenzierten. Daher variierte Nisbett die Versuchsanordnung: Er ließ neue Probanden selbst Essays mit vorgegebener politischer Grundhaltung verfassen. Anschließend wiederholte er das ursprüngliche Experiment. Nun unterschieden die Koreaner – wie erwartet – klar zwischen den Texten und der privaten Überzeugung der Testpersonen. Die Amerikaner vermuteten jedoch nach wie vor, dass Castro-kritische Aufsätze generell auf eine Castro-kritische Einstellung des Schreibers verwiesen.Nicht wenige Experten aus Asien bemängeln, dass wir es uns gelegentlich zu einfach machen. »Manchmal sind die Deutschen zu ungeduldig; sie hören die Zwischentöne nicht«, sagt etwa Xiang Lu, der die Freudenberg-Unternehmensgruppe aus Weinheim in Shanghai vertritt. »Spätestens wenn ein leitender Mitarbeiter einer chinesischen Firma sagt: ›Alles kein Problem, ich muss nur noch meinen Chef fragen‹, sollte man die Ohren spitzen.« Und der Sinologe Vermeer weiß nach über 20 Jahren Erfahrung in der interkulturellen Zusammenarbeit mit chinesischen Geschäftsleuten: »Aus chinesischer Sicht sind wir generell viel zu festgefahren in unseren Denkmustern.«Doch weshalb betrachten Menschen in Ost und West die Welt so unterschiedlich? Genetische Gründe schließt Nisbett aus. So konnten beispielsweise Forscher der University of British Columbia in Vancouver nachweisen, dass die Testergebnisse von in Kanada lebenden Asiaten denjenigen von Westlern immer ähnlicher werden, je länger sie im Land sind. Das spreche klar für erlernte, kulturspezifische Wahrnehmungs- und Denkmuster. »Westeuropa und die USA sind bis heute stark von der griechischen Antike geprägt«, erklärt Nisbett. Die Idee der individuellen Freiheit wurde dort geboren, die Tradition der öffentlichen Debatte und das naturwissenschaftliche Denken dort begründet. Die altchinesische Kultur hingegen sah den Menschen in erster Linie als Teil sozialer Netze, eingebunden in Familie, Dorfgemeinschaft und Staat. Diese unterschiedlichen Grundprinzipien wirken – der Globalisierung zum Trotz – bis heute.So ist in China das Guanxi-Prinzip entstanden – ein Phänomen, das mit den westlichen »Beziehungen« nur unzureichend wiedergegeben wird. Bei »Guanxi« handelt es sich vielmehr um die Verflechtung gegenseitiger Verpflichtungen und Ansprüche, die über große Zeitspannen hinweg verbindlich ist. »Wenn etwa der A dem B einen Gefallen tut, gleichzeitig aber dem C einen schuldet, dann kann C diesen auch von B einfordern«, erklärt Vermeer.Doch nicht alle Resultate von Nisbett und Kühnen lassen sich über das Ausblenden oder Einbeziehen von Kontext-Einflüssen erklären. So scheinen Asiaten etwa auch mit widersprüchlichen Aussagen ganz anders umzugehen als Westler: Nisbett legte seinen Testpersonen zwei wissenschaftliche Studien vor. In Studie A wurde behauptet, dass Menschen, die besonders alt werden, sehr viel Fisch essen. Studie B legte hingegen nahe, es sei besonders gesund, auf den Verzehr von Fisch generell zu verzichten.Die Chinesen und Amerikaner sollten nun ankreuzen, wie einleuchtend ihnen diese Ergebnisse vorkamen. Wenn sie die Studien einzeln vorgesetzt bekamen, trauten beide Gruppen eher Studie A. Doch wenn sie die zwei Studien gleichzeitig erhielten, zeigten sich Differenzen: Die Amerikaner hielten nun Studie A für noch viel plausibler; die Chinesen hingegen fanden plötzlich beide gleich überzeugend.Nisbett erklärt auch dieses Phänomen aus der Geschichte: Während die naturwissenschaftlichen Modelle im Griechenland der Antike den Gesetzen der formalen Logik genügen mussten, glaubten bereits die alten Chinesen an die gleichzeitige Gültigkeit paradoxer Aussagen. Wie heißt es doch im Zen-Buddhismus? »Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist auch wahr.«

(c) DIE ZEIT 30.09.2004 Nr.41


China bereitet sich auf neue Stromausfälle vor
05. Okt 11:34 Netzzeitung (www.netzzeitung.de)

Erst 2006 wird China nach offizieller Einschätzung genug Strom produzieren, um die wachsende Nachfrage zu befriedigen. In der Metropole Schanghai könnten schon bald wieder die Lichter ausgehen.
Die Innenstadt von Schanghai gilt als Symbol des neuen China: Wolkenkratzer ragen in den Himmel und verwischen den Unterschied zwischen den südchinesischen und westlichen Metropolen immer mehr. Nächtliche Beleuchtung sichert der Skyline Beachtung auch bei Dunkelheit. Doch wie bereits im Sommer könnten in der Schanghaier City auch im Winter die Lichter ausgehen: In der staatlichen Zeitung «China Daily» warnten Beamte, dass es angesichts des hohen Strombedarfs in der Boom-Region erneut zu Ausfällen kommen wird.Die Stromausfälle würden auch die umliegenden Industrieregionen in den Provinzen Jiangsu und Zhejiang betreffen, zitierte das Blatt am Dienstag Cheng Guangji, den Vizepräsidenten des ostchinesischen Stromnetzbetreibers East China Power Grid. Nicht so schlimm würden die Engpässen hingegen in den Regionen Anhui und Fujian im Norden und Süden der Metropole ausfallen. Cheng bezifferte die Differenz zwischen angebotener und vorhandener Energie auf bis zu 17 Millionen Kilowatt. Allein der Energiehunger der Provinz Zhejiang trage dazu mit rund 8,8 Millionen Kilowatt bei. Bedarf wird frühestens 2006 gedeckt
Bereits im Sommer hatten die wegen der heißen Temperaturen im Südosten des Landes ständig laufenden Klimaanlagen für Stromausfälle im großen Stil gesorgt. Unter anderem war die Beleuchtung der Schanghaier Innenstadt ausgeschaltet worden. Auch Straßenlaternen blieben dunkel. Einigen Industriebetrieben war verordnet worden, die Produktion zu drosseln oder so zu verteilen, dass nachts gefertigt wird, wenn der Bedarf anderer Abnehmer geringer war. Die Stromversorgung des Landes ist bei weitem nicht für eine Volkswirtschaft ausgelegt, deren Wachstum sich in diesem Jahr zwar verlangsamt hat, mit neun Prozent aber noch immer eine enorm hohe Rate ausweist.Das gilt sowohl für die Erzeugung elektrischer Energie wie für deren Verteilung. Nicht nur das Fehlen der notwendigen Kraftwerkskapazitäten, sondern auch das teilweise überaltete Leitungsnetz hatten für die Stromausfälle im Sommer gesorgt. Von offizieller Seite wurden die Stromausfälle stets als nur vorübergehend bezeichnet. Spätestens 2006 will China so viele neue Kraftwerke gebaut haben, um die wachsende Nachfrage befriedigen und die Versorgung sicher stellen zu können.

Vierfache Kapazität nötig
Neue Anlagen sind auch dringend nötig: Wie «China Daily» weiter berichtete, hat sich die Zahl der Provinzen, die 2003 von Stromausfällen betroffen waren, im Jahresvergleich von zwölf auf 23 fast verdoppelt. Dem Blatt zufolge produziert China pro Kopf noch immer nur ein Dreizehntel der Strommenge wie die USA. Im Vergleich zu Japan betrage das Verhältnis nur ein Achtel. Die Regierungszeitung schätzt, dass der Strombedarf im Reich der Mitte bis 2010 auf 1,5 Milliarden Kilowatt ansteigen wird. Ende vergangenen Jahres summierten sich die vorhandenen Kapazitäten demnach auf nur 385 Millionen Kilowatt. (nz)


China baut Schiffe für Hamburg
Acht Frachter für die Norddeutsche Reederei H. Schuldt entstehen in Shanghai. Die größten Frachter der Werft. Gestern war Taufe.

Von Rolf Zamponi Shanghai/Hamburg - Der Himmel über Shanghai ist bedeckt an diesem Vormittag. 33 Grad zeigt das Thermometer gestern gegen 9.15 Uhr. Lore Uldall, die Gattin von Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall, steht auf der Werft Shanghai Shipyard und löst mit einem Schlag den Mechanismus aus, der die Champagnerflasche gegen den Schiffsrumpf schmettern soll. Einen Moment klemmt die Vorrichtung, dann zerschellt das Glas. Die "MSC Queensland" ist getauft. Ihr Bug weist mit dem Wappen der Hansestadt ihre Heimat aus. Für die Norddeutsche Reederei H. Schuldt, die zur Hamburger Norddeutsche-Vermögen- Gruppe zählt, ist das Schiff das erste einer Serie von acht Frachtern mit je 3534 Stellplätzen für Standardcontainer (TEU), für die chinesische Werft das größte je gebaute. Und auch nach den Vorschriften des Hamburger Schiffs-TÜVs Germanischer Lloyd entstand nie ein größeres Schiff in China. Die Helling auf der Werft in Pudong, mitten in Shanghais Innenstadt, reichte nur knapp. Jetzt bauen die Chinesen neu. Die Werft soll auf die Insel Chong Ming Island im Yangtse-Fluss wechseln. Bereits von 2005 an soll dort gebaut werden. So etwas geht rasch in China - im Gegensatz zu Hamburg. "Ein Bauantrag für unseren Hafen braucht 30 Monate, in Shanghai drei", sagt Gunnar Uldall bei den Tauffeierlichkeiten in Hamburgs Partnerstadt. Vor den Asiaten liegt noch immer die europäische Zulieferindustrie bei der Ausrüstung von Seeschiffen. "Die Einsatzzuverlässigkeit der Aggregate ist höher, Garantiearbeiten und Ersatzteilversorgung lassen sich einfacher organisieren und wir kennen die Serviceingenieure meist aus langjähriger Zusammenarbeit", sagt Markus Hempel, der für die Schifffahrt zuständige Geschäftsführer der Norddeutschen Reederei. Doch bei den steigenden Stahlpreisen, die die Werften nur schwer kompensieren können, versuchten diese derzeit häufig, günstigere Zulieferer auf die Anbieterlisten zu bringen. "Da haben die Europäer das Nachsehen", so Hempel. Folge: Immer mehr europäische Firmen lassen in Fernost in Lizenz fertigen. Dagegen bleiben Entwicklung und Ingenieur-Know-how im eigenen Land. Da den Zulieferern immer weniger Zeit für die Tests von Neuentwicklungen bleibt, übernehmen die Hamburger die Erprobung gern im Einsatz. Die Strategie: Bei wartungsfreudigen und kostensenkenden Innovationen dabei zu sein, ohne zu hohe Risiken bei neuen Maschinen einzugehen. Die acht Schiffe der Serie werden so neue, von Hyundai entwickelte Hilfsdiesel an Bord haben. Die Norddeutsche Reederei H. Schuldt zählt Hempel zu den schnell wachsenden der Branche. Um diese Entwicklung künftig abzusichern, soll nun erstmals Führungspersonal ausgebildet werden. "Wir suchen ab sofort mindestens zehn technisch-nautische Offiziersanwärter", sagt der Geschäftsführer. Der Ausbildungsvertrag beinhaltet dabei auch finanzielle Hilfe während der Studienzeiten. Um 17 Containerfrachter wird die Reedereiflotte bis zum Jahr 2006 wachsen. Neben der Achterserie aus Shanghai sind fünf 8400-TEU-Riesen in Korea und vier 2740-TEU-Schiffe bei Aker MTW in Wismar bestellt. Die Zahl der Stellplätze an Bord wird sich von 106 000 auf 184 000 erhöhen. Dafür liegt der zweite 3534-TEU-Frachter, die "MSC Delhi", bereits am Ausrüstungskai in Shanghai. Sie wird das letzte Schiff sein, das vor dem Umzug der Werft am alten Standort entsteht, am Huangpu-Fluss mitten in der 17-Millionen-Stadt.

erschienen am 23. Juni 2004 in Wirtschaft des Hamburger Abendblatt


Rosenrot - die Tänzerin von Shanghai
China: Tang Weihong - "Rosenrot" - lebt seit 78 Jahren in Shanghai. Seit über 60 Jahren geht sie in denselben Tanzpalast. Ihre Geschichte spiegelt die wechselvolle Geschichte ihrer Stadt wider.

Von Janis Vougioukas Shanghai - Die Tänzerin betritt das Parkett. Ihre goldenen Ohrringe, ihre Ketten und Armreifen schimmern und schillern. Sie bewegt ihren Körper ohne Anstrengung, trotz ihres Alters; sie ist 78. Der Scheinwerfer richtet sich auf sie; die Tänzerin ist keine Berühmtheit, aber hier, im Paramount an der Yuyuan-Straße in Shanghai, kennt sie jeder. Es ist ein Ort der Leichtigkeit, der Musik und des Tanzens. Eine Band in Weiß und Schwarz spielt einen langsamen Walzer. Männer in dunklen Anzügen führen ihre Partnerinnen im traditionellen hoch geschlitzten Qipao über die Tanzfläche. Diener tragen Früchte und Whiskey auf. Es ist wie ein farbiger Stummfilm aus einer vergangenen Epoche. Die Tänzerin erzählt. Sie erzählt ihre Geschichte - und zugleich die ihrer Stadt: einst pulsierende Wirtschaftsmetropole, dann Wiege und Opfer der Kommunistischen Partei, später Ausgangs- und Schwerpunkt der verheerenden Kulturrevolution Maos, schließlich wieder Zentrum eines neuen Wirtschaftsbooms. Der Vater der Tänzerin war ein stolzer Mann gewesen, der erste Chinese, der in Edinburgh Medizin studiert hatte und von dort den westlichen Lebensstil nach Shanghai zurückbrachte. Er behandelte die Krankheiten der reichen Shanghaier Familien. Ein Lebemann mit vier Ehefrauen. Eines Nachts träumte er von Rosen, von einem bunt blühenden Garten im Frühsommer. Am nächsten Tag gebar seine jüngste Frau ihm eine Tochter, er gab ihr den Namen Tang Weihong - "Rosenrot". Das war im Mai 1926. Rosenrot war ein stilles Baby und wunderschön. Die Amme wiegte sie in Seidentüchern und sang ihr Schlaflieder. Eine beschützte Kindheit in einer wohlhabenden Familie. Sie machten Familienausflüge in dem braun-gelben Ford mit Chauffeur und dem Kennzeichen 51. Nur Mächtige hatten so ein Nummernschild. Als Rosenrot 16 Jahre alt wurde, nahm ihre ältere Schwester Tang Ying sie zum ersten Mal mit zu einer Party. Rosenrot trug ein rotes Kleid mit Blumenmuster und echten Rubinen. Vor dem Spiegel hatte sie geübt, sich wie ihre Schwester zu bewegen, die Augen aufzuschlagen und zu tanzen. Aber während der Party blieb sie auf dem Ledersofa sitzen und schaute dem Glanz zu. Dann kam ein junger Mann, ein holländischer Banker im dunklen Anzug mit Fliege. "Ich bringe dir das Tanzen bei", sagte er und: "Hab keine Angst." Rosenrot versuchte es. "Du tanzt wie ein Kuli, der eine Rikscha zieht", sagten die anderen. Shanghai definierte die Schönheitsideale in ganz Asien und war streng damit. Mehr als 100 000 Ausländer lebten in Shanghai, regiert von Kartellen, Konsuln, Räuberbanden und multinationalen Handelshäusern. Die Hafenstadt war das Zentrum der kolonialen Wirtschaft, der Kultur, des dekadenten Lebensstils. Es gab fast 700 Bordelle, zahllose Casinos, exklusive Clubs und Opiumhöhlen. "Wenn Gott Shanghai duldet, schuldet er Sodom und Gomorrha eine Entschuldigung", schrieb ein westlicher Missionar in einem Brief in die Heimat. Im nächsten Sommer stellte die Familie ihrer Tochter Rosenrot einen jungen Mann vor: Yao Zhihao, ein Zollbeamter aus gutem Hause. "Ein verlässlicher Herr", sagte die Mutter. "Ein alter Mann", dachte Rosenrot. Aber Yao konnte ihr Herz gewinnen. Er lud sie in Clubs, zum Dinner ins Cathay-Hotel, und dann sagte er: "Gehen wir tanzen!" Sie kannte das Paramount vom Namen. Jeder kannte es, den größten und teuersten Tanzpalast in Shanghai, wo Geld und Schönheit aufeinander trafen. Die Leute sagten, der Ballsaal im zweiten Stock sei der beste im ganzen Fernen Osten. Stars, Tänzer, Prostituierte, Drogenbarone und Industrielle kamen, Charlie Chaplin mit seiner Frau und Jimmy King - chinesisch Jin Hauizu - leitete die erste chinesische Jazzband. Rosenrot sah den Glanz, die glücklichen Gesichter der Mädchen, die stolzen Augen der Männer, und sie dachte: Ich muss tanzen lernen. Yao führte sie jeden Abend ins Paramount. Am Ende des Sommers konnte sie den Blues, Rumba und Walzer und war aufgestiegen in die Shanghaier Gesellschaft. Rosenrots Hochzeit war ein großes Fest im Golden-Gate-Hotel mit 300 Gästen. Sie war 18 Jahre alt, und wie die Tradition es verlangte, zog sie zu ihrem Mann und seiner Familie, Händler aus dem Süden. Die Schwiegermutter sagte zu Rosenrot: "Du bist jetzt eine Dame. Du kannst dich nicht mehr anziehen, wie du willst." Rosenrot stellte die hochhackigen Schuhe in den Schrank, ihre Kleider wurden länger, und sie ging nur noch selten aus. Sie vermisste die Musik, die Partys, den langsamen Walzer. Dann kamen die Kommunisten. Maos Truppen nannten Shanghai die "Hure der Imperialisten". Die Ausländer flohen, nahmen ihr Geld und die Dekadenz mit, aber Rosenrot wollte nicht gehen. "Ich will kein Flüchtling sein", dachte sie. Und blieb. Die ersten Jahre konnte sie ihren Lebensstandard halten und sogar eine kleine Firma eröffnen, die "Drei Sterne Reißverschluss-Fabrik" im Jingan-Bezirk, die sie zusammen mit fünf Freunden betrieb. Dann folgten Enteignungen und Hunger. 1954 wurde das Paramount in Hongdu-Theater umbenannt - "Rote Hauptstadt". Aus dem Ballsaal wurden ein Kino und eine Markthalle. Dann entzündete Mao die Kulturrevolution, und eine Wutwelle schwappte über das Land. Die Roten Garden enteigneten Rosenrot, zwangen sie zu den niedrigsten Arbeiten in ihrer eigenen Fabrik. Sie schrubbte die Latrinen der Arbeiter, und keiner traute sich, das Wort an sie zu richten. Die Revolutionäre drangen in ihr Haus, zerschnitten die Abendkleider, verbrannten Fotos und die letzten Reichtümer. "Wie sollte ich tanzen gehen?", fragt sie und flüstert jetzt fast. "Was hätte ich anziehen sollen?" Sie war noch immer eine Dame. Mao starb 1976 und hinterließ sein hungriges Land im Chaos. Aus dem stolzen Shanghai war eine graue Industriestadt geworden. Rosenrot war ausgepresst von der harten Arbeit, und ihr weiches Gesicht hatte Falten bekommen. Die Leute begannen, sie "Tante Tang" zu nennen. Aber den langsamen Walzer hatte sie nicht vergessen. Es ging bergauf, und eines nach dem anderen zogen ihre vier Kinder ins Ausland. Sie schickten Geld zurück. "Dein Leben war hart. Genieß es jetzt", sagten sie. Und Tante Tang tat es. 1980 ging sie zum ersten Mal wieder tanzen. Im sechsten Stock des Hauses der Wissenschaften gab es einen Raum, der groß genug war. Es war, als hätte sich nach langer Zeit ein Kreis geschlossen, als seien Shanghai und Tante Tang wieder in ihre alte Umlaufbahn eingeschwenkt. Am 19. Januar 2002 eröffnete das Paramount wieder, ein taiwanesischer Geschäftsmann hatte es im alten Glanz herrichten lassen. Es dauerte nur ein paar Tage, bis Tante Tang wiederkam. Sie zog sich wieder hochhackige Tanzschuhe an und ein elegantes Kleid; es war, als tanzte sie in ihre Jugend zurück. Tante Tang kommt dreimal pro Woche. "Ich bin die älteste Kundin", sagt sie, "aber ich tanze mit dem jüngsten Mann." Es ist Sun Ting, 22 Jahre, schlank und stolz, ein hoch gewachsener Shanghainese mit zurückgegelten Haaren. Seit zwei Jahren tanzt Sun im Paramount, jeden Abend, denn es ist sein Beruf. Früher amüsierten sich reiche Geschäftsmänner mit jungen Frauen. Aber die Zeiten haben sich geändert, und Shanghai ist offener geworden. Heute können sich auch reiche Frauen mit jungen Männern amüsieren. Sun ist kein Gigolo, auf seiner Visitenkarte steht "Tanzlehrer". Er tanzt mit denen, die ihn bezahlen, schenkt ihnen Whiskey nach und lächelt höflich. "Der alte Glanz Shanghais ist zurück", sagt Tante Tang. "Aber dieses Mal ist es besser. Früher konnten Frauen nicht jeden Tag und nicht allein ausgehen und tanzen." Inzwischen kommen auch die Ausländer wieder ins Paramount, aber sie sind nicht wie die eleganten Männer von Welt wie früher. Letzten Sonntag sah sie, wie sich 50 junge Ausländer zwei Tanzlehrer teilten, um Geld zu sparen. "So etwas macht man nicht", sagt sie. Tante Tang ist eine Dame.

erschienen am 2. August 2004 in Aus aller Welt im Hamburger Abendblatt


Morgenpost vom 24.09.2004

Die modernste Piste der Welt steht auf Pfählen und Styropor Der neue Kurs in Shanghai stellt alle bisherigen Formel-1-Strecken in den Schatten. Etwa 40 Kilometer von der ostchinesischen Hafenmetropole entfernt entstand ein gigantischer, moderner und technisch anspruchsvoller Kurs mit einer Kapazität für 200 000 Zuschauer. In einem Sumpfgebiet mit 17 Flüssen im Jiading-Distrikt wurden 40 000 Betonpfähle mit einer Länge zwischen 40 und 80 Metern in den Boden gerammt, um dem Kurs die Standfestigkeit zu geben. Darüber wurde meterdick Styropor gelegt. 18 Monate dauerten die Bauarbeiten, an denen bis zu 8000 Menschen beteiligt waren.

Der Kurs ist 5,451 Kilometer lang und damit der fünftlängste in der Formel 1. Die Renndistanz am Sonntag beträgt 305,256 Kilometer. Besonderheiten sind unter anderen zwei lange Geraden, drei eingeplante Überholmöglichkeiten und zwei sehr anspruchsvolle Kurven: Eine sich verengende "Schnecke", in der von rund 300 Stundenkilometern auf 90 km/h heruntergebremst wird, und ihr Gegenstück, eine sich öffnende Kurve mit acht Prozent Quersteigung. Der Kursverlauf ähnelt dem chinesischen Zeichen "shang", ist Bestandteil des Stadtnamens Shanghai und bedeutet "aufstrebend". Die Kosten für die Anlage liegen bei rund 500 Millionen Euro.


Formel 1 auf Werbefahrt
Der Grand Prix von China in Schanghai als besonderes Marketing-Instrument

dbe. Schanghai, 24. September
In der Formel 1 sind sich dieser Tage für einmal alle einig. Vor dem Grand Prix von China rückten die unsäglichen Diskussionen der Teamchefs mit FIA-Präsident Max Mosley über Motoren, Aerodynamik und Reifen wie auch die Differenzen mit Bernie Ecclestone über den Verteilerschlüssel der einfliessenden Gelder vorübergehend in den Hintergrund. Ecclestones Idee, mit seinem Zirkus in China aufzutreten, fand breite Zustimmung - primär unter den mit Autoherstellern verbandelten Teams. Für Fiat (Ferrari), DaimlerChrysler (McLaren-Mercedes), BMW (Williams), Ford (Jaguar), Renault, Toyota und Honda (BAR) ist die Premiere in Schanghai der wichtigste Auftritt in diesem Jahr. Das Septett nutzt den Grand Prix zur Werbefahrt im Land mit dem am stärksten wachsenden Automarkt.Boomender Personenwagenverkauf
Die Zahlen sind in der Tat beeindruckend, selbst wenn die Steigerungsraten gegenwärtig nicht mehr in so horrendem Tempo wie in den Jahren zuvor in die Höhe schnellen. In China wurden 2003 mehr als 4,5 Millionen Fahrzeuge verkauft, die Hälfte davon waren Personenwagen. Das entspricht einer Zunahme um 76 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gegenwärtig kommen auf 1000 Personen im Riesenreich 16 Autos, und in zehn Jahren sollen schon 51 von 1000 Chinesen im Besitz eines eigenen Autos sein. Entsprechend rosig sind die Aussichten für die Hersteller: Bis 2010 soll der Bedarf an Neuwagen in der Volksrepublik auf 10 Millionen Einheiten wachsen; China wäre dannzumal der zweitgrösste Automarkt hinter den USA.
Es verwundert deshalb nicht, dass die Autobauer in China kräftig investieren. Seit sich das Land der marktorientierten Wirtschaft zugewandt und Anfang der achtziger Jahre die ersten ausländischen Geldgeber akzeptiert hat, sind umgerechnet rund 45 Milliarden Franken geflossen. Zu den «Spätzündern» unter den Investoren zählen ausgerechnet zwei deutsche Nobelmarken. Bei BMW, das sich die 2001 begonnene Zusammenarbeit mit Brilliance China Automotive 450 Millionen Euro kosten liess, rollte das erste in China gebaute Auto Ende Juli 2003 vom Band. DaimlerChrysler wird die Produktion gar erst Mitte kommenden Jahres als Partner von Beijing Automotiv Industry aufnehmen. Noch später folgt Renault. Bei den Franzosen, die sich mit der Firma Dongfeng zusammengetan haben, beginnen die Fliessbänder 2006 zu laufen.
Auch Toyota hat sich, bedingt durch die politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern, relativ spät (1998) zum Engagement in China entschlossen. Die Japaner haben im März und im September nochmals rund 700 Millionen Franken eingeschossen, um dank neuen Joint Ventures weitere Modelle im Land selber produzieren zu können und verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Im vergangenen Jahr betrug ihr Anteil an den gesamten Autoverkäufen mit 98 000 abgesetzten Wagen lediglich 2,1 Prozent. Ford will eine weitere Milliarde Dollar dazu verwenden, gemeinsam mit Mazda in China eine neue Produktionsstätte zu errichten. Fiat, das in diesem Jahr den Absatz an Personenwagen von 120 000 auf 200 000 zu steigern versucht, kann für sich in Anspruch nehmen, zu den ausländischen Arbeitgebern mit der grössten Diversifikation zu gehören. Der Turiner Konzern stellt mit sechs Gesellschaften neben Autos unter anderem auch Traktoren und Landmaschinen her und ist selber als Zulieferer tätig.
Am tiefsten in die Tasche greifen werden zwei Konzerne, die in der Formel 1 nicht vertreten sind und die Rangliste der in China verkauften Autos anführen: Volkswagen, mit 33 Prozent Marktanteil trotz vorübergehender Baisse im Sommer unangefochtener Marktleader vor General Motors (GM / 19 Prozent), will in den kommenden fünf Jahren seine Jahresproduktion von gegenwärtig 800 000 auf 1,6 Millionen Fahrzeuge verdoppeln und lässt sich diese Vorgabe fast 6 Milliarden Euro kosten. VW bereitet unter anderem den Markteintritt der Marke Skoda vor und ist übrigens auch Sponsor an den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking. GM will mit weiteren 3 Milliarden Dollar seine Position im Reich der Mitte stärken.Hondas aus China bald in Europa
Zu den Gewinnern in den ersten sieben Monaten dieses Jahres zählte, gewissermassen analog zur Formel 1, Honda beziehungsweise die Guangzhou Honda Automobile Co. Ltd. Die chinesische Tochtergesellschaft lieferte im Vergleich mit dem gleichen Zeitraum im Vorjahr über 68 Prozent mehr Fahrzeuge aus. Das Honda-Werk in der 10-Millionen-Metropole Guangzhou geht zudem einen für Chinas Autoindustrie neuen Weg: Ab 2005 will es als erster chinesischer Anbieter Autos nach Europa exportieren. Gleiches hat Volkswagen vor. Allerdings hat VW (vorerst) den australischen Markt und die Philippinen im Visier. Für die Honda-Führung kommen diese Pläne einem Wendepunkt im Autosektor gleich. Bedenken seien fehl am Platz. China habe das Potenzial, in einigen Jahren zur Gruppe der grössten Exportländer der Branche aufzusteigen.Wozu die Chinesen fähig sind im Bestreben, der restlichen Welt ihr Leistungsvermögen aufzuzeigen, haben sie auch mit dem Bau des Shanghai International Circuit bewiesen. Der Rundkurs ist das Beste, was die Formel 1 derzeit zu bieten hat. Auch diesbezüglich herrscht unter den Teamchefs Einigkeit.

NZZ vom 25.9.2004


taz vom 25.9.2004
IMMOBILIENSPEKULATION IN SHANGHAI

Wo Buddhas Bauch das Geschäft fördertIm Juli 1921 wurde in Shanghai die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Heute ist die Stadt die wichtigste "Global City" des Landes, dessen Wachstum einen erheblichen Einfluss auf Rohstoffpreise und Weltwirtschaft hat. Multinationale Konzerne haben dort ihre Niederlassungen, es gibt eine Reihe großer Forschungszentren und, nicht zuletzt, expansionswütige Bauunternehmen. Sie profitieren derzeit am meisten vom Übergang Chinas zum Kapitalismus. Von PHILIPPE PATAUD CÉLÉRIER *
* Journalist. Autor von "Xi, parce que ce nen est que le commencement"; erscheint im Herbst 2004 bei Nil, Paris.ARBEITER tun ihre Arbeit. Eine junge Frau treibt auf einer blau-rosa Woge dahin. Eine wirbelnde Kraft zieht ihren Körper in einen wollüstigen Strudel von Siphons und Abflüssen. Waschbecken erheben sich mit der Frische der Meeresbrandung: "American Standard" verkündet die Werbetafel am Rand der Schnellstraße. Ein paar Meter darunter drängen sich Neugierige vor einer Absperrung - Bänder, die vom Eintreffen des Unerwarteten künden, ein Unfallopfer, das am Boden liegt, ein Wohnhaus, das einzustürzen droht.
Doch nichts dergleichen ist hier zu sehen. Nichts außer einem Restaurant, das sich fest und sicher inmitten von Bauschutt erhebt. Der Gästeraum ist verwüstet. Schatten schluchzen. Wie kann es sein, dass der Bau in diesem völlig zerstörten Viertel immer noch steht? Reiner Zufall wahrscheinlich. Die Behörden haben gar nicht so Unrecht, wenn sie die Gaffer mit dem rot-weißen Plastikband fernhalten, das sonst ein Zeichen dafür ist, dass da etwas liegt, hier aber heißt, dass etwas noch steht.
Eine alte Frau erzählt: "Ganz früh heute Morgen sind Männer gekommen und haben alles zerschlagen: Stühle, Tische, Geschirr, die Vitrine. Den Koch haben sie verprügelt. Der Eigentümer geht nicht mehr aus dem Haus, weil die Stadt, nachdem er endlich in den Verkauf seines Restaurants eingewilligt hatte, nur noch die Hälfte der versprochenen Entschädigung bezahlen will." Aber was kann er schon machen? Die Menschen, die in den Häusern zu bleiben versuchen, in denen sie seit vier Generationen wohnen, müssen erleben, dass man ihnen Wasser und Strom abstellt. Wenn sie im öffentlichen Dienst angestellt sind, kann es passieren, dass sie ihre Arbeit verlieren oder von einer der schrägen Gestalten belästigt werden, die tagsüber mit Dienstmütze herumlaufen. "Die Polizisten lassen sich solche Überstunden von den Baugesellschaften bezahlen. Meiner Tochter haben sie eine andere Wohnung gegeben, zwanzig Kilometer weg von hier. Seitdem ist sie arbeitslos. Sie hat früher Zeitungen ausgetragen. Was soll nur aus ihr werden?"
Die Szene spielt am Suzhou-Fluss, unweit des Bahnhofs von Zhabei, dem Arbeiterviertel im Norden Shanghais, wo im Zuge der industriellen Textilproduktion zwischen 1924 und 1927 die ersten chinesischen Gewerkschaften entstanden.(1) André Malraux schrieb seinerzeit in "So lebt der Mensch": "In Chapei ist der Generalstreik ausgerufen worden!" Manche Kommunisten schluckten Zyankali, um nicht beim Pfeifen der Lokomotiven den Nationalisten in die Hände zu fallen. Heute übertönt der Lärm der Planierraupen die Stimme der Enteigneten.
Von den 15 Millionen Einwohnern der Provinz Shanghai oder genauer von den gut 10 Millionen Einwohnern der zehn innerstädtischen Viertel sollen seit den 1990er-Jahren schon 2,5 Millionen enteignet worden sein.(2)
Hier am Nordufer, das wegen der freien Südlage nahe am Fluss besonders begehrt ist, haben die Behörden ein Spruchband angebracht: "Schützen wir unser Volk! Seit achtzig Jahren erfolgreich dieselbe Politik der Partei!" Auf einem zweiten steht: "Für ein besseres Leben in besseren Stadtvierteln!" Das Fernsehen wurde geholt, damit es das Chaos und den Dreck in diesem extrem dicht besiedelten Wohnviertel zeigte. Eine junge Frau berichtete vor der Kamera: "Unsere Häuser sind vergammelt. Da wohne ich lieber im Hochhaus, wo ich morgens die Sonne sehe. Dann gibt es fließend Wasser! Schluss mit den Nachttöpfen!"
Vertreter der Baugesellschaften und der Baubehörde traten auf und klagten über den verrotteten Zustand der Häuser. Man forderte die fast beschämten Bewohner auf, ihre Häuser aufzugeben, entweder gegen eine pauschale Entschädigung oder gegen die Umsetzung in Miet- oder Eigentumswohnungen in einem der riesigen Wohntürme am Stadtrand - wobei die Ersatzwohnung in Größe und Zustand der aufgegebenen Wohnung entsprechen soll.
Bis in die 1980er-Jahre hinein gehörte es zur staatlichen Sozialpolitik, dass Angestellte von staatlichen Firmen gegen eine symbolische Mietzahlung oder auch völlig kostenfrei Wohnraum zur Verfügung gestellt bekamen. Dieses 1998 abgeschaffte System schuf einen Ausgleich für die niedrigen Löhne der Staatsunternehmen. Doch diese Form von Naturalienentlohnung hat eine Kehrseite: Die Mieteinnahmen reichten nicht aus, um die Instandhaltung der Gebäude zu finanzieren. Viele Staatsunternehmen sparten, als die Einnahmen zurückgingen, an den Ausgaben für die Wohnhäuser. Die durchschnittliche Wohnfläche sank 1979 auf vier Quadratmeter pro Person. Die wirtschaftliche Umstrukturierung bedeutete auch das Ende für unrentable Investitionen.
Ohne Abriss kein Aufbau, wie Mao schon sagte
ABER wie macht man aus einer Sozialleistung eine marktfähige Ware, die private Investoren anzieht? "Unter dem Einfluss Deng Xiaopings wandelte die Wirtschaftsreform in den 1980er-Jahren den Wert von Grund und Boden in einen Extraprofit um", erklärt der Architekt und Stadtplaner Zhang Liang.(3) "Der Quadratmeterpreis hängt seitdem von verschiedenen Faktoren ab. Da spielen erstens geografische Faktoren eine Rolle - also ob die Wohnung im Stadtzentrum oder am Stadtrand liegt und wie weit es etwa zur nächsten U-Bahn-Station ist - zweitens ökonomische - je nach Nutzung als Bürogebäude oder als Wohnhaus - und drittens Aspekte wie die Attraktivität des Viertels."
"Bu po bu li! - ohne Abriss kein Aufbau", so die von Mao während der Kulturrevolution ausgegebene Parole, der die Bodenspekulation neue Aktualität verleiht. "Die Tabula-rasa-Politik erlaubt es, Hochhäuser zu bauen und die Gesamtwohnfläche zu vergrößern, indem die Bebauung verdichtet wird", fährt Herr Zhang fort. Die Bauprojekte rentieren sich nicht zuletzt, weil es die örtlichen Behörden sind, die die niedrigen Enteignungsentschädigungen festsetzen, und weil die Baugesellschaften, deren Hauptaktionäre in vielen Fällen örtliche Parteikader sind, ohnehin auf Rechtsansprüche keine großen Rücksichten nehmen.
"300 000 Yüan pro Wohnung?(4) Die Entschädigung soll den Kauf einer 90-Quadratmeter-Wohnung jenseits des dritten Rings ermöglichen?" Liu lacht bitter über diese offizielle Behauptung. Er hat nur 120 000 Yüan - 40 000 Yüan pro Person bei maximal drei Personen pro Wohnung - als Entschädigung für das Häuschen erhalten, das er einst am Ufer des Suzhou besaß und das inzwischen abgerissen wurde. Ein nicht verhandelbarer Betrag, den er dennoch der angebotenen Ersatzwohnung vorgezogen hat: "Das war in einer Vorortsiedlung ohne Anschluss an die öffentliche Versorgung und ohne Schule für meine einzige Tochter. Mit der Entschädigung habe ich mich bei Freunden eingemietet, die noch hier im Viertel wohnen. So kann ich meine Stelle als Wächter bei der Hauptpost von Suzhou behalten. Bei einem Quadratmeterpreis von 5 000 Yüan kann ich mir hier unmöglich eine Wohnung kaufen."
Liu weiß, dass die Entschädigungen oft noch ungerechter ausfallen. So erhielt ein Hausbesitzer eine noch geringere Entschädigung (von 100 000 Yüan), weil auf dessen Grundstück - doppelt so groß wie das von Liu - eine Grünfläche entstehen soll. Ein wenig Grün vor einem Bürokomplex. Diese Umwidmung führt nicht etwa zu einer Erhöhung der Entschädigung, obwohl die Baugesellschaft für jeden Quadratmeter beim Weiterverkauf das Dreifache berechnete - bei immerhin dreißig Etagen.
"Die Stadt verhindert sehr geschickt, dass die Enteigneten sich miteinander solidarisieren", erklärt Liu. "Wer sofort auf das Angebot einer Ersatzwohnung eingeht, kann unter verschiedenen Wohnungen wählen, die nicht so weit vom Zentrum entfernt liegen." Was mit den anderen geschieht, ist allgemein bekannt: Warnung, Einschüchterung, Drohungen, Zwangsräumung. Und als Strafe für ihre Widerspenstigkeit noch mehr Unrecht. "Sehen Sie die zerstörten Dächer dort? Die Baugesellschaft ist pleite, aber die Stadt hat nicht das Geld, um die Bewohner zu entschädigen oder ihnen angemessene Ersatzwohnungen zur Verfügung zu stellen, obwohl sie die Häuser der Leute zerstört hat. Schon seit zwei Jahren leben sie in den Trümmern, hinter der Mauer, die die Stadt hat bauen lassen, damit die Gäste der benachbarten Hotels und die zukünftigen Eigentümer der noch nicht errichteten Wohnhäuser von dem Anblick nicht abgeschreckt werden."
Denn beiderseits des Suzhou schießen neue Wohnviertel wie Bambus aus dem Boden. Ihre Namen sind englisch: "Brillant City" oder "Rhine City". Genau dort, wo der Fluss einen großen Bogen macht - eine begehrte Lage, denn die Rundung, die an den Bauch Buddhas erinnert, ist günstig für Geschäfte -, erheben sich zwei riesige Wolkenkratzer.
"Für nur einen Yüan können Sie sich den Reichtum ansehen." Mit diesen Worten spricht ein Arbeitsloser die Passanten an und hält ihnen ein Fernglas hin. "Sehen Sie nur!" Eine Baugesellschaft aus Hongkong hat zwei hundert Meter hohe Gebäude errichtet. Auf zweiunddreißig Stockwerken werden 208 Wohnungen von 120 bis 165 Quadratmetern angeboten, komplett möbliert mit Einbauküche, mehreren Bädern, Wohnzimmern über zwei Etagen und makellos weißen Toiletten. An Gemeinschaftseinrichtungen stehen den Bewohnern außerdem kleine Gärtchen, Pool und Fitnessräume zu Verfügung. Der Quadratmeterpreis beträgt je nach Etage zwischen 7 000 und 17 000 Yüan.
Die Wohnungen sind alle seit mindestens einem Jahr verkauft, hauptsächlich an Hongkong-Chinesen, an Ausländer - seit August 2001 dürfen sie Wohneigentum erwerben - und an Neureiche aus der Provinz, vor allem aus Wenzhou (in Zhejiang). Andere mieten sich lieber eine Wohnung; die Monatsmiete liegt im Schnitt zwischen 10 000 und 13 000 Yüan, das sind exorbitante Preise im Vergleich zu den 1 000 bis 2 000 Yüan für eine normale Wohnung oder zu den 50 bis 100 Yüan Monatsmiete für eines der vielen tausend kleinen Häuser in der Nähe des Flusses, die demnächst abgerissen werden. Am Fuß der Hochhäuser ist nämlich eine Parkanlage geplant.
Am Suzhou gibt es immer weniger Industrie. Das Flusswasser wird - darüber können sich Investoren und zukünftige Anwohner freuen - in einer Anlage gereinigt. "Ja, es wird besser hier im Viertel", räumt Liu ein, "aber wir haben nichts davon. Man setzt uns vor die Tür, weil wir zu wenig verdienen. Und wir können unser Recht nicht durchsetzen."
Die Ungerechtigkeit ist für die Menschen umso unerträglicher, als die Korruption im Immobiliensektor ebenso groß ist wie das Wachstum. Und das ist rasant. "Der Nachholbedarf ist enorm ebenso wie der Bevölkerungsdruck - zum Vergleich: alle fünf Jahre kommt die gesamte Bevölkerung Frankreichs hinzu -, da bleibt gar nichts anderes übrig als gegen die gewaltige, noch von Mao ererbte Unterentwicklung des Wohnungsbaus und der Wohninfrastruktur zu kämpfen", kommentiert der Wirtschaftswissenschaftler Jean-François Huchet.(5) Die Pekinger Zeitung China Business berichtete vor kurzem, dass 88 Prozent der 479 in den Jahren 2001 bis 2003 in Shanghai durchgeführten Verkäufe staatlicher Grundstücke ohne die gesetzlich dafür vorgeschriebene öffentliche Ausschreibung erfolgt seien.(6)
Populärer Anwalt als Spion verurteilt
RECHT ist eben etwas anderes als Gerechtigkeit", meint ein chinesischer Jurist in Anlehnung an Voltaire. "Das Recht ist zu einem bloßen Werkzeug im Dienst der Mächtigen geworden." Nur wenige Anwälte setzen sich für die Rechte der vertriebenen Bewohner ein. Mit dem Hinweis auf das Gemeinwohl, das Vorrang vor Privatinteressen haben müsse, weisen die Gerichte regelmäßig Klagen von Betroffenen ab, obwohl diese nur die Einhaltung geltender Gesetze verlangen. So müssten Baugesellschaften zum Beispiel für Familien, deren Wohnungen im Stadtzentrum sie haben abreißen lassen, doppelt so große Ersatzwohnungen am Stadtrand bauen - was sie freilich nie tun.
Der Fall des 54-jährigen Shanghaier Anwalts Zheng Enchong veranschaulicht das herrschende Klima. Nachdem er über 500 enteignete Familien vertreten hatte, ohne einen einzigen Prozess zu gewinnen, bekam er die Anwaltslizenz entzogen. Aber es kam noch schlimmer. Im Juni 2003 wurde er unter dem Vorwurf verhaftet, er habe Staatsgeheimnisse an eine ausländische Organisation verraten. Bei dieser Organisation handelte es sich um Human Rights in China(7), und die angeblich verratenen Staatsgeheimnisse betrafen unter anderem einen Streik in einer Lebensmittelfabrik in Shanghai.
Die Betriebsleitung hatte die Entlassung der Mehrzahl der Beschäftigten angekündigt. Als Abfindung sollten sie gerade einmal 30 000 Yüan erhalten. Es folgten Proteste und Demonstrationen, die aufgelöst wurden und Strafmaßnahmen nach sich zogen. Eine Sondereinheit des Amtes für öffentliche Sicherheit in Shanghai unterzog ein in der Fabrik geklebtes Plakat einer grafologischen Analyse: "Ich habe nichts mehr zu essen. Ich will Gift verteilen."
Weil der Anwalt Informationen über diese Ereignisse per Fax weitergegeben haben soll, wurde er am 29. Oktober 2003 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Begriff des Staatsgeheimnisses war in China schon immer äußerst dehnbar. Ganz besonders dehnbar scheint er zu sein, sobald es darum geht, einen lästigen, kämpferischen und populären Anwalt außer Gefecht zu setzen.
Bei seiner Vertretung illegal enteigneter Familien hatte Zheng Enchong die betrügerischen Praktiken des großen Bauunternehmers Zhou Zhengyi angeprangert, der laut Forbes (2002) das elftgrößte Privatvermögen in China besitzt und mit Huang Ju, einem Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros, befreundet ist. Die Berufung in dieses Amt verdankt Huang dem früheren Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas (und ehemaligen Bürgermeister von Shanghai), Jiang Zemin, der den Ausschuss mit Leuten seines Vertrauens besetzte (nämlich fünf der neun Mitglieder), bevor er sein Amt an den jetzigen Generalsekretär und Staatspräsidenten Hu Jintao abtrat.
Einige Enteignete haben auch schon den Versuch unternommen, sich direkt an die oberste Führung in Peking zu wenden und bei Hu Jintao eine Petition einzureichen. Um nach Peking zu reisen, müssen sie allerdings am Amt für öffentliche Sicherheit von Shanghai vorbeikommen, das seine Leute an den Bahnhof von Zhabei oder sogar an den Ankunftsbahnhof in Peking schickt. Einige besonders Verzweifelte haben sich auf dem Platz des Volkes selbst verbrannt.(8)
Viele Betroffene sind nicht länger bereit, sich mit den Ungerechtigkeiten abzufinden. Die kleinen Leuten ebenso wie die gewissenhaften unter den neuen Eigentümern werden sich ihrer Rechte mehr und mehr bewusst. Sie wollen für ihren Status als Eigentümer und den wirtschaftlichen Wert ihres Eigentums verteidigen und organisieren sich in Vereinen, um ihre gemeinsamen Interessen zu vertreten. Ihr Zusammengehörigkeitsgefühl wird nicht mehr durch "dieselbe Klasse, sondern durch denselben Ort" bestimmt.(9)
Am 19. Dezember 2003 hob das Berufungsgericht das Urteil gegen Zheng Enchong überraschend auf. Möglicherweise steht dahinter der Einfluss Hu Jintaos, der die Macht seines einflussreichen Rivalen und gegenwärtigen Vorsitzenden der Zentralen Militärkommission, Jiang Zemin, zu brechen versucht. Oder den obersten Instanzen beginnt allmählich an einer gewissen Rechtssicherheit im Geschäftsleben zu liegen, für das der Bausektor von wesentlicher Bedeutung ist, weil dies als Voraussetzung für soziale Stabilität und Wirtschaftswachstum betrachtet wird. Dazu passt der von der Parteileitung dem Kongress Ende 2003 vorgelegte Entwurf einer Verfassungsänderung, wonach, erstmals seit fünfzig Jahren, das Recht auf Eigentum in die chinesische Verfassung aufgenommen werden soll. Wie die staatliche Presseagentur Neues China meldet, enthält sie den Satz: "Legal erworbenes Eigentum darf nicht verletzt werden." Vielleicht bestätigt diese Entwicklung eine alte chinesische Weisheit, nach der das Gesetz zum Zuge kommt, wenn die Tugend der Regierenden endet. Vielleicht ist sie aber auch einfach ein Zeichen für die neue Legitimationsgrundlage der Regierenden - die im fortgesetzten Wirtschaftswachstum des Landes liegt.
Nach fünfundzwanzig Jahren "Politik der Öffnung und Wirtschaftsreform" findet nun der Übergang zur Marktwirtschaft statt. Dabei kommt die chinesische Politik nicht umhin, deren Kernelement, die Achtung vor dem Privateigentum, wie auch die Menschen, die es zum Wohle der Partei einsetzen wollen, anzuerkennen: die vielen Millionen privaten Kleinunternehmer, einst "Konterrevolutionäre", die der 16. Parteitag der KPCh im November 2002 unter der bombastischen Bezeichnung "fortschrittliche Produktivkräfte" hoffähig gemacht hat.
Inzwischen hat "die Stadtplanung die soziale Spaltung durch den immer deutlicheren Gegensatz zwischen Stadtzentrum und Peripherie verschärft", meint der Architekt und Stadtplaner Zhang Liang. "Durch die schematische Anwendung der immer gleichen Entwicklungspläne nimmt die soziale Mischung in unseren Städten stetig ab." Angesichts von Verstädterung, fortschreitender Zerstörung familiärer Strukturen und einer durch Familiensolidarität nicht mehr aufgefangenen Verarmung stellt sich die Frage, wie sich diese gigantischen Stadtgebilde in Zukunft verhalten werden. deutsch von Michael Bischoff
Fußnoten:
(1) Die Gewerkschaften wurden von Tschiang Kai-schek mit Hilfe der Verbrecherbande "Grüne Hand" und der Shanghaier Großbourgeoisie zerschlagen. Siehe Marie-Claire Bergère, "Histoire de Shanghai", Paris 2002.
(2) Shanghai ist nicht nur eine Stadt, sondern auch eine Provinz mit ländlichen Gebieten und einer Fläche von 6 340 Quadratkilometern. Die Stadt selbst hat zehn Bezirke: Yangpu, Hongkou, Zhabei, Putuo, Changning, Jingan, Huangpu, Xuhui, Luwan und Nanshi. Zu den 15 Millionen offiziellen Einwohnern kommen weitere 3 Millionen Zuwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung.
(3) Zhang Liang, "La Naissance du concept de patrimoine en Chine", Paris 2002. Man muss unterscheiden zwischen dem Grundeigentum, das seit 1949 nur dem chinesischen Staat zusteht, und dem Recht auf Bodennutzung, das abgetreten werden kann. Ein Gesetz aus dem Jahr 1987 überträgt den Gemeinden das Recht, Grundstücke für 30 bis 90 Jahre zu verpachten.
(4) Ein Euro entspricht 10,63 Yüan.
(5) "Vingt cinq ans de réforme en Chine: Révolution économique, conservatisme politique", Paris (Esprit), Februar 2004.
(6) David J. Lynch, "Chinas urban renewal brings protests, police", USA Today, 14. November 2003.
(7 )Liu Qing, "The legal time bomb of urban redevelopment", China Rights Forum, Nr. 2, 2003: www.HRIChina.org. Siehe auch die Sondernummer über China der Monatszeitschrift der französischen Sektion von amnesty international, La Chronique, vom Januar 2004.
(8) Im August und September 2003 gab es drei solche Versuche.
(9) Siehe Luigi Tomba, "Creating an Urban Middle-class: Social Engineering in Beijing", The China Journal, Camberra, Nr. 51, Januar 2004.

Le Monde diplomatique Nr. 7307 vom 12.3.2004, Seite 14-15, 482 Zeilen (Dokumentation), PHILIPPE PATAUD CÉLÉRIER


Künstleraustausch geplant
China: Kultursenatorin Karin von Welck wertet die Delegationsreise als vollen Erfolg. Bald Hamburger Filme in Shanghai?

Von Jens Meyer-Wellmann Hamburg will den Kulturaustausch mit China weiter intensivieren. Kultursenatorin Karin von Welck hat von der Delegationsreise ins Reich der Mitte allerlei konkrete Absprachen mit nach Hause gebracht. Demnach sollen zum Beispiel ab sofort zwei junge Künstler der chinesischen Kunstakademie Hangzhou pro Jahr zum Studium nach Hamburg kommen - für jeweils drei Monate. Im Gegenzug sollen nach dem Wunsch der Senatorin zwei Hamburger Künstler an der chinesischen Akademie studieren. "Das ist eine hochmoderne, fantastisch ausgerüstete Akademie", so von Welck. Die Vorzeichen für die enge Zusammenarbeit seien auch deshalb so gut, weil der Direktor der Kunstakademie, Prof. Xu Jiang, ein Jahr in Hamburg studiert habe. Ein weiteres Ergebnis der Chinareise: Im Jahr 2006, dem 20-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Shanghai, soll es in Hamburg eine große Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst geben - möglichst in den Deichtorhallen oder in der Kunsthalle. Das Kuratorium solle von Chinesen und Deutschen gemeinsam besetzt werden, bei der Vorbereitung solle eng mit dem Shanghai Art Museum zusammengearbeitet werdem. "Parallel wünsche ich mir eine Ausstellung traditioneller chinesischer Kunst", so von Welck. "Das chinesische Erbe soll dort mit berücksichtigt werden. Ich kann mir vorstellen, dass das Museum für Kunst und Gewerbe eine solche Ausstellung ausrichten könnte." Insgesamt sei die China-Reise für die Kulturdelegation ein großer Erfolg gewesen. Neben dem Künstleraustausch und der geplanten Ausstellung sei ja das Abkommen über den Bau eines Shanghaier Teehauses in Hamburg zu Stande gekommen, über das gestern auch die Bürgerschaft diskutierte (siehe S. 14). Auch in Sachen Film gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Hamburg und China erfolgreich. Möglicherweise würden schon beim Filmfest Hongkong oder beim Filmfest Shanghai im kommenden Jahr Hamburger Filme zu sehen sein, sagte Eva Hubert, Chefin der Filmförderung, die ebenfalls mit nach China gereist war. Das Filmfest Hamburg solle 2006 einen China-Schwerpunkt bekommen. Bei Gesprächen in Peking, an denen auch Bertram Schwarz von Studio Hamburg teilnahm, wurde zudem über eine Zusammenarbeit bei Fernsehfilmen gesprochen. Die Chinesen wollen nun einen Vorschlag für ein Filmabkommen ausarbeiten. In Shanghai wurden die Hamburger unter anderem um Hilfe bei der Vermittlung deutscher Fernsehproduzenten gebeten. Auch bei einem von 150 chinesischen Kulturschaffenden besuchten Forum in Shanghai und einem "deutsch-chinesischen Kulturtisch" seien wichtige Kontakte geknüpft worden, so Filmförderungschefin Hubert: "Ich bin hocherfreut über die Ergebnisse dieser Reise."

erschienen am 24. September 2004 in Hamburg - Hamburger Abendblatt


Film
Auch China verabschiedet Lenin

01. Juni 2004 Auch in China zählt Wolfgang Beckers Spielfilm "Good bye, Lenin!" zu den erfolgreichsten deutschen Kulturexporten der jüngeren Zeit: Als erstem deutschen Film ist ihm die Ehre zuteil geworden, auf dem Straßenmarkt der Raubkopierer, der bisher fast ganz auf Hollywoodprodukte setzte, angeboten zu werden - für sieben Yuan (knapp siebzig Cent). Daß der Film dank des Drängens von Andreas Schiekofer, dem Leiter des Schanghaier Goethe-Instituts, auf dem hiesigen Filmfestival gezeigt werden darf, gleicht einem kleinen Wunder. Denn die 150 Filme des Festivals müssen die Zensur des Pekinger Generalbüros für Spielfilm, Fernsehen und Rundfunk passieren. Verglichen damit ist ein Zugeständnis leicht zu verschmerzen gewesen: Der Film trägt den nichtssagenden Titel "Bianqian" (Wandel). Am Wettbewerb um den Preis Jin Jue des Filmfestivals (5. bis 13. Juni) nehmen siebzehn Filme aus vierzehn Ländern teil. Hollywood ist abwesend. Außer Konkurrenz laufen Fatih Akins "Gegen die Wand" und Sönke Wortmanns "Wunder von Bern", zu dem in Schanghai das Gerücht umgeht, Kanzler Schröder habe beim Zuschauen geweint.

Text: zhou / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2004, Nr. 125 / Seite 49


China
Pendler, Promotionen, Plagiate
Von Joachim Müller-Jung

11. Mai 2004 Sind es Leute wie Gengxi Hu, die mit scheinbar immer größerer Zugkraft die Vorhut der deutschen Spitzenforschung nach China locken? Der Molekularbiologe aus Schanghai, Ende dreißig, Stoppelfrisur, lässiges Freizeitshirt und respektlos wie all jene Biotechnik-Sprößlinge, die vor ein paar Jahren noch damit kokettierten, daß sie mit ihrem Börsenkapital locker manchen Weltkonzern in die Tasche stecken könnten. Und coole Sprüche, die den alten kommunistischen Regenten seines Landes heute noch die Zornesröte ins Gesicht treiben müßten: "Was wir hier ganz bestimmt nicht haben, ist Geduld. Wir brauchen den ,Shortcut'." So wettert er im schönsten Neue-Markt-Jargon und fuchtelt mit einem Plastikbecher grünen Tees in der Linken herum, als würde er der deutsch-chinesischen Besuchergruppe in seiner Firma eine Stammtischrede halten wollen.Eine FinanzierungsrundeGengxi Hus Firma heißt "Health Digit". Ihr Name wirkt ebenso wenig regimetreu wie das Biotechnikkonglomerat aus annähernd dreihundert meistens kleinen bis mittleren Firmen, die sich in Schanghai im Südosten Chinas angesiedelt haben. Aber diese provozierende Staatsferne scheint hier niemanden zu interessieren. Hu geht es allein um den Mehrwert, den kommerziellen Erfolg. Als er vor vier Jahren das mittlerweile dreihundert Arbeitnehmer zählende Unternehmen gründete, hatte er nur eine Chance bekommen. "Die Regierung gewährt eine einzige Finanzierungsrunde, danach müssen wir Profit machen", sagt er und gibt selbstbewußt zu erkennen, daß er die Millionen, die sein Geschäft mit Proteinchips und Diagnoseapparaten in kürzester Zeit einbringen mußte, heute locker einfährt. Nebenbei ist er seiner unorthodoxen Art wie zum Trotz Mitglied der chinesischen Akademie der Wissenschaften und Professor am Shanghai Institute of Cell Biology geworden, und das alles, nachdem er jahrelang in den Vereinigten Staaten an der kapitalistischen Eliteschmiede in Cambridge - am Massachusetts Institute of Technology - gearbeitet hatte. Nicht genug: 1996 wurde er dank einer damals vorbildlichen deutsch-chinesischen Übereinkunft Nachwuchsgruppenleiter der Max-Planck-Gesellschaft in Schanghai."Transnationale Ausbildung" Die deutsche Wissenschaftsdelegation mit Spitzenvertretern aus der Forschung, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), des Bundesforschungsministeriums und der Industrie hätte das als Erfolg deutscher Bildungs- und Forschungspolitik sehen können. Und in gewisser Weise ist es das auch. Denn in dem weltweit rapide anwachsenden "Bildungsmarkt", wie es der Vizepräsident des DAAD, Max Huber, nennt, heißt es Flagge nicht nur in der heimischen Spitzenförderung zu zeigen. Die Nachfrage nach ausländischen Studenten ist weltweit gewaltig angewachsen. Zwei Millionen Studierende in "transnationaler Ausbildung" gibt es nach Erkenntnissen des DAAD inzwischen, mit doppelt so vielen rechnet man in zehn Jahren. Die akademischen Migrationsströme wachsen gewaltig, nicht zuletzt aus und nach Asien. Fast 690.000 Asiaten haben im vergangenen Jahr im Ausland gearbeitet und gelernt, und mehr als 150.000 sind zu einem vorübergehenden Aufenthalt nach Asien gereist.Wissenschaftliches NetzwerkChina, aber auch Indien und einige kleinere Entwicklungsländer treiben diesen Exportmarkt an. In Deutschland leben und arbeiten zur Zeit allein etwa zwanzigtausend chinesische Studenten. Vor fünf Jahren waren es noch ein Viertel davon. Das Fördervolumen für China steht mit mehr als 14 Millionen Euro nach dem für die Vereinigten Staaten, für Rußland und England heute schon an vierter Stelle. Dabei geht es inzwischen nicht mehr nur allein um die "Förderung der besten Individuen", wie es in den Statuten des DAAD heißt, sondern durchaus auch um Programme und Projekte. Ein Beispiel ist das im Jahre 1998 begonnene Sonderprogramm "Biowissenschaften mit Brasilien, China und Indonesien". 124 chinesische Stipendiaten hat man bis zum - wie es aussieht: zwischenzeitlichen - Abschluß des Programms Ende vergangenen Jahres gefördert.Als man sich jetzt mit Teilnehmern und Mitarbeitern des Programms in Schanghai zum "Ausbau des wissenschaftlichen Netzwerks" für ein sogenanntes Alumnitreffen zusammengefunden hat, war der Optimismus groß. Die deutsch-chinesische Zukunft könnte - und sollte - noch rosiger werden, so war es aus aller Munde zu hören. Nach der Begegnung mit dem naßforschen Jungunternehmer Hu waren sich einige der weitgereisten Besucher allerdings offenbar nicht mehr ganz so im klaren darüber, was diese gemeinsame Zukunft noch für Überraschungen bereithält.Weltweite PatentrechteWas nämlich der postkommunistische Überflieger offenkundig unter den neuen Freiheiten versteht, hatte vor allem für die Gesandten der Pharmaunternehmen der westlichen Welt, die hier vertreten waren, nicht nur freundschaftliche Züge. Sie witterten Patentverletzungen in jeder der einzelnen neuen Hochglanzbroschüren von "Health Digit". Für seine Proteinchips zum Krebsscreening beispielsweise, mit denen Hu zwei große regierungstreue Lebensversicherungsunternehmen inzwischen ausstattet, verwendet die Schanghaier Firma zwölf Tumormarker, die weltweit patentrechtlich geschützt sind - außer eben in China.Patentverletzungen kümmern Hu aber schon deshalb nicht, weil der chinesische Markt mit mehr als 17 Millionen potentiellen "Kunden" für ein Unternehmen wie seines eine überaus gute Basis bietet. Als er allerdings von der Möglichkeit der "Expansion" ins Ausland sprach, wetterte das biowissenschaftliche Establishment aus dem Westen. In diesem Moment wird auch ein bildungsfreundlicher deutscher Lehrstuhlinhaber mit biounternehmerischem Nebenerwerb wie der Bochumer Proteomik-Experte Helmut Meyer ungehalten: "Wenn dies das Ergebnis unserer Zusammenarbeit ist, muß man schon sagen: So haben wir uns das nicht vorgestellt."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2004, Nr. 110 / Seite N1
Bildmaterial: dpa


Berliner Zeitung vom 2.4.04Wer rennt, dem verschwimmt die Umgebung
Aus einer Stadt mit viel Zukunft - die Designerin Pirjo Kiefer arbeitet in Shanghai
Frau Kiefer, Sie sind Innenarchitektin in Shanghai. Woran arbeiten Sie gerade?
Momentan arbeiten wir an der Renovierung der Residenz des Schweizer Botschafters in Peking, der Büroerweiterung eines deutschen Unternehmensberaters und der Bürorenovierung eines deutschen Pharmakonzerns in Shanghai.
Arbeiten Sie auschließlich für ausländische Geschäftsleute oder auch für chinesische Kunden?
Nicht ausschließlich, aber hauptsächlich für Ausländer.
Die Deutschen gelten als innovationsmüde und depressiv. Sehen Sie das aus der Distanz auch so?
Leider ja. Die große depressive Masse unterdrückt auf den ersten Blick auch die vielen regen, hellen Geister, die es trotz schlechter Stimmung in Deutschland immer noch gibt.
Lebt man in Shanghai denn fröhlicher, optimistischer? Haben die Chinesen ein anderes Verhältnis zu ihrer Zukunft?
Ein fröhlicher Chinese? Nein, ich würde sagen: optimistisch und zufrieden. Die Chinesen erleben momentan im Zeitraffer, was Deutschland in den 50ern und 60ern erlebt hat. Eine Art Aufbaustimmung. Natürlich haben sie ein anderes Verhältnis zur Zukunft, die sie ständig überrascht, ständig neue Möglichkeiten bietet.
Shanghai entwickelt sich rasend, es, wächst, reißt ab, baut auf. Glauben Sie, irgendetwas aus der Vergangenheit Shanghais wird diese Stadtplanung überleben?
Noch vor vier Jahren hat mir jedesmal das Herz geblutet, wenn ich an der Abbruchstelle eines alten Hauses vorbei kam. Viele der alten Häuser haben allerdings kein Fließendwasser, keine Toilette oder Küche. Es sind erbärmliche Verhältnisse. Das Bewusstsein der Denkmalschutzbehörde nimmt zu. Die unter Denkmalschutz gestellten Gebäude werden nach und nach in immer besserer Qualität saniert. Außerdem gibt es immer mehr ausländische Investoren, die Gefallen an der Restaurierung alter Bausubstanz finden. Die Preise für Häuser aus den 20ern und 30ern sind in den letzten zwei Jahren enorm gestiegen. Es gilt als schick, ein altes Haus zu kaufen und zu renovieren. Ich bin sehr froh darum. Der alte Flair Shanghais wird vor allem um den Bund und im alten französischen Viertel immer zu spüren sein.
Shanghai gilt als neues Eldorado, eine perfekte Stadt zum Geldmachen. Liegt das ausschließlich am Handel, am Einfallstor für den riesigen Markt der Volksrepublik? Oder wird in Shanghai auch an etwas Neuem gearbeitet, wird dort erfunden, entwickelt, kreativ gearbeitet?
Es ist vor allem der Handel, denn Entwicklung kommt nur durch die Nachfrage der Einkäufer nach besserer Qualität. China war wirtschaftliches Brachland und ist es noch zum größten Teil. Da ist es einfach etwas aufzubauen. Und dadurch, dass jeder das Gefühl hat, in Shanghai reich werden zu müssen, gibt es auch ein hohes Potential an Kreativität.
Glauben Sie, die Chinesen wollen nachholen, was Ihnen die westlichen Industriestaaten vorgelebt haben? Ist also in ihren Visionen die Zukunft von den reichen Ländern vorgezeichnet? Oder stellt man sich auch eigene Wege in eine bessere Zukunft vor?
Es geht momentan nur ums Nachholen und Einholen. Es scheint keine Zeit zu sein, aus den Fehlern der westlichen Industrieländer zu lernen. Im Gegenteil, die Geschwindigkeit der Entwicklung verschärft die Problematik. Bausünden, Verkehrschaos und soziale Konflikte sind das Resultat. Doch wer rennt, hat das Ziel im Kopf und nimmt die Umgebung nur verschwommen wahr.
Sehen Sie in der chinesischen Architektur und im Design Entwicklungen, die etwas Neues einbringen ins internationale ästhetische Vokabular?
Noch nicht. Das wird eine Weile dauern. Zunächst muss an den Universitäten die neue Generation an Professoren nachrücken, die Kreativität über das Lernen durch Kopieren stellt. Es gibt ein paar wenige chinesische Designer, die es verstehen, traditionelle Gestaltungselemente in modernes Design einzubinden, doch progressiv und neu würde ich es noch nicht nennen.
Welche Rolle spielt die Kultur als soziales Labor, wie man sie gern im Westen sieht?
Dadurch, dass alle öffentlichen Auftritte und Ausstellungen durch das Kulturkomitee kontrolliert werden, kann man nicht von einem Experimentierfeld sprechen. Moderne Kunst, Theater oder Ballett finden nur dann eine Tür in die chinesische Offentlichkeit, wenn der Künstler sich schon im Ausland einen Namen gemacht hat wie zum Beispiel die Choreographin und Tänzerin Jin Xing. Es ist immer noch das alte chinesische Bildungssystem, das Schüler und Studenten nicht zu selbstdenkenden und kritischen Menschen erzieht. Es herrscht Aufbruchstimmung, Reflektion kommt an zweiter Stelle.
Welche Rolle spielt die Tradition in Shanghai? Wird über die Vergangenheit nachgedacht? Gibt es eine "chinesische Identität" als Problem wie in Deutschland?
Es gibt eine Vergangenheit, auf die man stolz ist, und eine über die nicht gesprochen wird. Chinesen sind Patrioten.
Macht es Sie glücklich in Shanghai zu leben?
Zwischen mir und Shanghai besteht eine Hassliebe. Es gibt Tage da wirkt sie wie Champagner. Absolute Euphorie, anregend, spannend, schnell. An anderen muss man nur morgens den falschen Taxifahrer erwischen, und man ist dem Wahnsinn nahe wie nie zuvor! Beruflich gesehen ist es fantastisch. Doch es kostet Nerven und Energie. Die Chancen sind da, doch geschenkt bekommt man nichts.
Welche Chancen bieten sich Ihnen?
Ich kann international arbeiten, mit Firmen, Konsulaten und Botschaften, zu denen ich in Deutschland nie Kontakt bekommen hätte. Durch die günstigen Lohn- und Materialkosten sind gestalterisch wenig Grenzen gesetzt. Allerdings durch fachliches Unwissen. Hier ist noch viel Lehrarbeit zu leisten.
Wie offen ist man bei Ihren chinesischen Auftraggebern für Ideen, die in deren Welt etwas Neues, Gewöhnungsbedürftiges bedeuten?
Hier gibt es ein sehr großes Konfliktpotential, zumindest was meine Arbeit angeht.
Wenn Sie an den wirtschaftlichen Erfolg Chinas denken, an den rasanten Aufschwung der letzten Jahre - muss man sich in Europa Sorgen machen, dass China Europa irgendwann einholt?
Nein! Nicht in naher Zukunft.

Das Gespräch führte Harald Jähner.


WAS MACHT EIGENTLICH ...der Buddy-Bär?
Uns rächen

taz Berlin lokal Nr. 7321 vom 29.3.2004, Seite 22, 58 TAZ-Bericht WB

Das haben sie nun davon, die Chinesen. Eigentlich sah es nach einem prima Plan aus: Warum nicht ein paar der Terrakotta-Krieger, die im ganzen Land nutzlos herumstehen, für eine Weile ins Ausland schicken? Warum nicht einige der Repliken irgendwo abstellen, wo viel Platz ist, etwa im Palast der Republik? Werden sich die blöden Berliner noch drüber freuen, sind schließlich in "echt alten" Öfen gebrannt.Tja, liebe Chinesen. Nehmt das: 125 bunte Buddy-Bären befinden sich derzeit an Bord eines Containerschiffs, der Kurs dürfte euch klar sein. Vom 15. Mai an werden die Viecher euren Victoria Park in Hongkong aufhübschen. Wie schon am Pariser Platz stellen sich die Glasfaserteddys auch in China im Kreis auf, um das friedliche Nebeneinander von 125 Nationen zu symbolisieren: Jeder einzelne Bär versammelt auf seinem Bauch sämtliche Klischees des Landes, für das er steht. Das Motto der Chinareise: "Die Liebe der Bären bringt die Welt zusammen."Der große United-Buddy-Bears-Kreis auf dem Pariser Platz muss folglich dank Abwesenheit in diesem Jahr ausfallen. Was nicht heißt, dass ganz Berlin befreit ist von den Bären: Über die Stadt verstreut lauert hier und da ein einzelner Buddy. Und schließlich vermehren sich die Buddy-Bären natürlich ähnlich wie die Terrakotta-Krieger gänzlich unkontrolliert durch Souvenirshops, wo der Buddy aus Kunstharz zum Selberbemalen schon ab 48,50 Euro zu haben ist.

Nach Hongkong reisen die Buddy-Bären übrigens weiter nach Schanghai - und, damit das klar ist: Über weitere Ziele entscheiden wir hier spontan. "WB


Hamburger Abendblatt (Interview: MELANIE WASSINK erschienen am 11. Nov 2003 in Wirtschaft

"Wir wollen Direktflug nach Shanghai"
Han Zheng, Oberbürgermeister von Shanghai, zu Besuch in Hamburg: Was die Hansestadt von Chinas Boomtown lernen kann.
ABENDBLATT: Shanghai ist eine der wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Wie lautet das Geheimnis Ihres Erfolges?
HAN ZHENG: Gerade die Baugeschwindigkeit in Shanghai ist immens. Ich verrate Ihnen einige Geheimrezepte. Erstens: Alle Shanghaier nutzen 24 Stunden, als wären es 48 Stunden. Wir arbeiten nicht acht, sondern 16 Stunden am Tag. Zweitens: Wenn die Chinesen einmal eine Entscheidung getroffen haben, schalten sie alle üblichen Bedenken aus und verfolgen unbeirrt ihr Ziel. Und: Gerne können wir Hamburg etwa beim Bau der Hafencity oder bei Projekten wie einer Transrapidstrecke helfen.
ABENDBLATT: Wie wichtig ist Hamburg als Wirtschaftsstandort aus Shanghaier Sicht?
HAN ZHENG: Hamburg ist für uns als Hafen das Tor zu Europa. Auch Shanghai ist eine Hafenstadt mit dem größten Hafen Chinas - das verbindet. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf in Hamburg ist sehr hoch, eines der höchsten der Welt, auch deshalb ist die Hansestadt für uns sehr attraktiv. Das ist jetzt mein zweiter Besuch hier. Beim ersten Mal habe ich nur den Hafen gesehen, mittlerweile kann ich mir aber auch ein Bild von der Stadt machen. Sie ist von der Infrastruktur her absolut konkurrenzfähig mit anderen Städten.
ABENDBLATT: Wie kann Hamburg als Standort für chinesische Firmen noch attraktiver werden?
HAN ZHENG: Ganz wichtig ist, dass Hamburg mit Werbung in China auf sich aufmerksam macht. Außerdem setzen Bürgermeister von Beust und ich uns stark für eine direkte Flugverbindung zwischen Shanghai und Hamburg ein.
ABENDBLATT: Welchen Stellenwert hat der Handel mit Deutschland für Shanghai?
HAN ZHENG: Deutschland ist Shanghais wichtigster Handelspartner. Wir im- und exportieren Waren aus und nach Deutschland im Wert von 5,5 Milliarden US-Dollar. Deutsche Firmen haben bisher in 505 Projekte in Shanghai insgesamt 3,4 Milliarden US-Dollar investiert.
ABENDBLATT: In welchen Bereichen ist eine Zusammenarbeit mit Hamburger Unternehmen für Sie wünschenswert?
HAN ZHENG: Wir wollen Kooperationen im Hafenbau, in der Hafenverwaltung und Logistik ausbauen. Außerdem wollen wir mit den multinationalen Unternehmen aus Hamburg zusammenarbeiten. Wichtig ist für uns auch, im Umweltschutz zu lernen. Außerdem würden wir gerne den Personalaustausch zwischen Hamburg und Shanghai forcieren. Grundsätzlich: Unsere Zentralregierung ermutigt die Firmen, ins Ausland zu gehen und dort zu investieren. Wir haben das Ziel, Teil der Wirtschaft in anderen Ländern zu werden.


Neue Ruhr Zeitung v. 25.6.03
Chinas aufwändiger Formel-1-Einstieg Schanghai (dpa)

- Bescheidenheit ist nicht Schanghais Stärke. Sie ist die reichste und größte Stadt Chinas. Sie kokettiert gerne mit dem Etikett »größte Baustelle der Welt«. Hier fährt der erste kommerziell genutzte Transrapid der Welt, das höchste Gebäude Asiens entsteht in der Hafenmetropole, und auch der nächste Superlativ lässt nicht mehr lange auf sich warten.
Seit Oktober vergangenen Jahres wird an der technisch aufwändigsten und wohl bislang auch teuersten Formel-1-Strecke der Welt gebaut. »Eins ist sicher: Das wird eine Riesen-Attraktion«, schwärmt Xu Jian, der bei der Unternehmensberatung Roland Berger das Vermarktungskonzept der über 240 Millionen Dollar teuren Strecke entwickelt hat. Nach nur 18 Monaten Bauzeit - auch das ein Rekord - soll die Piste 2004 fertig sein und dann möglichst schnell auch Profit abwerfen.
Aber wie? Während beispielsweise am kommenden Wochenende beim Formel-1-Rennen am Nürburgring in der Eifel in Deutschland wieder eine Dauerparty rund um die 900-PS-Boliden gefeiert wird, steckt die »Autokultur« in China noch in den Kinderschuhen. Ausflüge mit dem eigenen Wagen sind nach wie vor die Ausnahme, ein dem westlichen Autobesitzer vergleichbares Markenbewusstsein beginnt sich erst zu formen. Und: Auch wenn es immer mehr wohlhabende Menschen im bevölkerungsreichsten Land der Erde gibt, ist ein Großteil weiter arm. Ein Formel-1-Ticket steht an letzter Stelle ihrer Wunschliste.
Die chinesischen Macher aber sind zuversichtlich. »Zwar hat der Autosport noch nicht den Status wie in Deutschland, aber schon rund 60 Prozent der jungen Menschen in Großstädten kennen die Formel 1«, sagt Xu. »Das chinesische Fernsehen überträgt jetzt schon live, das Interesse ist sehr groß.« Laut Umfragen von Roland Berger sind die Chinesen bereit, zwischen 400 und 1000 Yüan (40 und 100 Euro) pro Ticket auszugeben. »Das hat uns sehr überrascht«, so Xu.
Für den Bau der Strecke scheut Shanghai weder Kosten noch Mühe. Entworfen wurde sie vom Aachener Rennstrecken-Architekten Hermann Tilke in der Form des chinesischen Zeichens »shang«, das so viel wie »hoch« bedeutet und Teil des Stadtnamens Shanghai ist. Genau 5,451 km wird sie lang und unter anderem mit einer Art sich zuziehender Schneckenkurve für die Fahrer auf höchstem technischen Niveau sein. »Die wird schwer zu fahren sein«, sagte Tilke dem Internet-Anbieter »Sport1«. »Die Anlage ist vom Feinsten, die fortschrittlichste, die es derzeit gibt«, betont stolz Mao Rulin, der als stellvertretender Direktor des Shanghai International Circuit (SIC) das Projekt betreut. »Formel-1-Chef Bernie Ecclestone war total beeindruckt bei seinem letzten Besuch.«
Rund 200 000 Zuschauern sollen die Tribünen Platz bieten. Damit das erste Rennen 2004 nicht vor halbgefüllten Rängen stattfindet und die Anlage auf Dauer rentabel wird, arbeiten die Marketingexperten an einem Gesamtkonzept, das die Anlage 365 Tage im Jahr kommerziell nutzt. »Natürlich werden verschiedene Rennen pro Jahr gefahren werden«, sagt Xu. Außerdem seien Open-Air-Konzerte, Veranstaltungen von Firmen und die Vermietung von Teilstrecken und Pavillons zu Werbezwecken einzelner Unternehmen geplant. Rund 400 000 Touristen mehr pro Jahr erwartet die Hafenmetropole durch die Strecke. Der Vertrag mit dem Automobil-Weltverband FIA für die Ausrichtung der Formel 1 läuft bis 2010, bis 2013 sollen sich die Kosten amortisiert haben. »Die Anlage ist teuer, hat aber einen hohen kommerziellen Wert«, betont Xu.
Nach seinen Schätzungen werden Chinesen einen Großteil des Publikums ausmachen. »Aber nicht für die teuren Plätze«, die etwa 2000 bis 3000 Yüan kosten sollen. Diese Tickets sollen die in China lebenden Ausländer sowie Besucher aus Hongkong, Südostasien und Europa zahlen.
23.06.2003   dpa


Frankfurter Rundschau v. 15.5.03

Kicken in den Zeiten von Sars
Wie der Ex-Hamburger Jörg Albertz in Shanghai versucht, trotz der tückischen Lungenkrankheit sein Leben zu leben
Von Hans Trens
Was fehlt einem Fußballer, wenn er nicht Fußball spielen kann? Das Eigentliche, seine ureigene Bestimmung, was sich normalerweise auf den Gemütszustand der Profis auswirkt. Auch bei Jörg Albertz ist dies der Fall, wie sein Manager Toni Preuß schildert. "Doch Ali geht es gut", berichtet der Spielerberater, der die Kontakte geknüpft und dafür gesorgt hat, dass der ehemalige Kicker des Hamburger SV vorübergehend nach China ausgewandert ist. "Ihm fehlt nur das Spielen." Seit gut vier Wochen ist der 32-jährige zur Untätigkeit verurteilt. Sars - die vier Buchstaben, die die Welt erschrecken, haben auch vor Shanghai, der neuen Wahlheimat des Rheinländers, nicht Halt gemacht.
"Höhere Gewalt", nennt Albertz die tückische Lungenseuche, die den Osten befallen, dabei das normale Leben zerstört hat. Auch der Spielbetrieb in der chinesischen Profiliga ruht wegen der Krankheitswelle, die Albertz im Moment noch keine Angst einflößt, wie er betont. Der Mittelfeldspieler redet nicht nur so daher, sondern kann dies auch untermauern: Als einziger Fußball-Söldner ist er in Shanghai geblieben, während die anderen ausländischen Kollegen die Flucht ergriffen haben. "Es bestand keine Notwendigkeit, die Stadt fluchtartig zu verlassen. Wir beschäftigen uns schon mit Sars, doch wir geraten nicht in Panik", meint der Deutsche, der auf die Weltgesundheitsorganisation WHO verweist, die die Lage in der Wirtschaftsmetropole in Südchina als weniger brisant bezeichnet hat.
Blauäugig ist er also nicht, der ausharrende Berufsfußballer, der im Augenblick seinen Beruf nicht ausüben kann. Die oftmals tödlicheLungenkrankheit bestimmt seit Wochen seinen Alltag. Das persönliche Schutzprogramm sieht so aus: Zwei Mal am Tag wird alles desinfiziert. Morgens das obligatorische Fiebermessen, dazu das unvermeidliche Schlucken von Vitamintabletten. Vor die Tür geht es kaum.
"Der Verein hat uns geraten, Menschenansammlungen zu meiden", sagt Albertz. Einkäufe machen er und Freundin Mirjana Bogojevic, eine ehemalige Miss Germany, nur dann, wenn sie unbedingt nötig sind. Das Trainingsprogramm für "Ali" läuft dabei noch relativ normal ab. "Mundschutz trägt niemand", sagt Albertz. "Allerdings werden wir jeden Morgen gründlich untersucht."
Viel Muße also in Shanghai, wo es ihm geht wie dem Kaiser von China, wenn da nicht Sars wäre. In einer schmucken Wohnsiedlung mit angrenzendem Golfplatz haben Albertz und Freundin ihr Domizil aufgeschlagen. Gesehen von dem Riesenreich haben sie noch nicht viel. Selbst im Transrapid sind sie bisher noch nicht gefahren. "Immer in den nächsten Tag hinein lachen." So lautet das Lebensmotto des dreimaligen Nationalspielers, der für Düsseldorf und den HSV in 150 Bundesligaspielen 29 Tore erzielt hat. An dieses Rezept hält er, der einst für Glasgow Rangers kickte, sich auch in der Ferne.
"Ich habe den Wechsel nie bereut", sagt Albertz, mit fünf Millionen Euro der teuerste Spieler in der Vereinsgeschichte des HSV, der Fehleinkauf schlechthin. Abgeschoben nach China? Albertz fühlt sich nicht so. Das Land betrachtet er als "schlafenden Riesen im Fußball: Geld satt, Talente zuhauf, zudem ein riesiges Interesse."Rund um die Uhr laufe Fußball im TV, erzählt der nach Thomas Ritter (Karlsruhe) und Sven Meyer (Union Solingen) dritte deutsche Spieler in China. Mit "Mister Wu", wie er den Coach bei seinem Arbeitgeber Shenhua nennt, hat er "sensationelles Verhältnis"
Eingelebt hat er sich bestens, drei Pokal- und fünf Meisterschaftsspiele bestritten bis zum Sars-Stopp. "Wir liegen in der Liga an vierter Stelle - bei einem Spiel weniger. Wenn dies gewinnen, sind wir Erster." In den nächsten Tagen soll entschieden werden, ob die Liga am 1. Juni wieder startet. Albertz glaubt fest daran. Wenn nicht, so wird er einen Zwangsurlaub in Deutschland einschieben. Doch dieser wird nur von kurzer Dauer sein. Denn der Rotschopf wird nach Shanghai zurückkehren, strebt an, auch über diese Saison hinaus dort zu bleiben. "Ich kann mir das durchaus vorstellen", sagt Albertz, der nur ein Fragezeichen setzt: Sars könnte einen Strich durch die Pläne machen.


Süddeutsche Zeitung v. 23.4.03

Gummiwandmalerei
Das neue Goethe-Institut in Schanghai eröffnet inkognito

von KAI STRITTMATTER

Goethe hat sich nach Schanghai geschlichen, inkognito. Ein Jahrzehnt schon versuchen die Deutschen in der südostchinesischen Hafenstadt, ein Goethe-Institut zu eröffnen, am Dienstag endlich war es soweit – nur dürfen sie es noch nicht laut sagen: Offiziell steht da jetzt ein „Zentrum für Kultur und Bildung“ in der Fuzhoulu, einer Straße unweit vom berühmten Bund. Ausländische Kultur-Institute sind den chinesischen Bürokraten noch immer suspekt. Ein einziges Mal haben sie ein solches Institut abgesegnet in ihrem Land, das war vor fünf Jahren, 1988, das Goethe-Institut in Peking. Bis heute wurde keinem zweiten die Gnade des Pekinger Stempels zuteil, deshalb der Deckname.
„Sie bekamen wohl Angst vor der eigenen Courage“, meint Andreas Schiekofer. „Wir sind ja auch ein eigenartiges Volk – schlechter zu kontrollieren als Diplomaten“. Schiekofer ist der Leiter der Schanghaier Dependance. Er darf nun in lichtdurchfluteten, teils acht Meter hohen Räumen über drei Mitarbeiter und 150000 Euro Jahresbudget verfügen. Offiziell ist der Goethe-Mann noch dem deutschen Generalkonsulat zugeordnet. Was für den Alltag keinen großen Unterschied macht, glaubt man Andreas Schiekofer: Macht doch eure Arbeit, hätten ihm die chinesischen Gesprächspartner bedeutet, und nennt es einfach anders.
In Wirklichkeit tut Schiekofer dies schon seit mehr als einem Jahr. Sammelt die guten Erfahrungen wie die mühsamen. Erstmals, schwärmt er, gebe es hier die Möglichkeit „mit erwachsen gewordenen Partnern“ zusammen zu arbeiten. Mit dem mutiger werdenden Kunstmuseum in Shanghai etwa, das im letzten Jahr die „Fluxus in Deutschland“-Ausstellung zeigte. Gleichzeitig stößt man immer wieder auf jene Gummiwände, an denen sich schon unzählige Kulturvermittler die Schädel eingerannt haben. Eine Filmwoche im Januar mit politisch so subversiven Werken wie „Männer“ und „Barmherzige Schwestern“ wurde zunächst verboten und konnte erst nach viel Wühlarbeit einen Monat später laufen.
Die Vorstellung, Schanghai sei Chinas offenste Metropole, ist ohnehin ein westliches Missverständnis: „Es ist eine vorsichtige Stadt“, hat Schiekofer erkannt, „nicht so liberal wie Peking.“ Bücher und Untergrundfilme, die Schanghai „im ständigen Drogenrausch“ (Schiekofer) zeigen, zeichneten ein verzerrtes Bild: „Diese Stadt erkauft sich ihre ökonomische Freiheit durch unbedingten und vorauseilenden Gehorsam“. Tanz, Theater und Musik will Schiekofer in die brave Metropole bringen, der Schwerpunkt aber liegt auf Studienberatung und Spracharbeit, hier vor allem bei der Lehrer-Fortbildung.
Die Nachfrage nach Deutsch-Unterricht sei „unglaublich“, berichtet Schiekofer. Gleichzeitig lässt sich aus seinen Worten schon jetzt, zu Beginn der Arbeit, leise Enttäuschung heraus hören: Schiekofer war zuvor in Japan, dort habe er immer wieder mal Studenten getroffen, die sich für Nietzsche interessieren oder eine Partitur im Original lesen wollten. In Schanghai dagegen stürzten sich alle auf technische Übersetzungen: „Hier geht es den Studenten vor allem um die Frage: ,Wie bekomme ich so schnell wie möglich das Zeugnis, das mir meine Stelle bei Volkswagen sichert?’“


Süddeutsche Zeitung vom 8.3.2003Shanghai, bitte melden
Yan Jianwei, München-Korrespondent für „Wenhui Bao“

Von Mathias Wöbking
Yan heißt ernsthaft, sagt Herr Yan und lächelt. Plötzlich blinzeln seine Augen nach rechts. Am Rand seines Blickfelds sieht er etwas, das ihn zu stören scheint.
Yan Jianwei ist 48 Jahre alt und Journalist. Vor elf Monaten ist er in eine Vierzimmer-Wohnung in München-Laim gezogen, um über Deutschland zu berichten. Er ist der einzige Korrespondent für eine chinesische Zeitung in München. Etwa vier Millionen Leser erreicht die angesehene Tageszeitung Wenhui Bao, für die Yan schreibt. In Shanghai, dem Stammsitz der Zeitung, arbeitet die Redaktion im Hochhaus der Wenxin-Gruppe. Vierzig Stockwerke hat das Gebäude. Mehr als 200 Journalisten füllen die Spalten des Blattes, das in einer Auflage von 700000 Exemplaren an Abonnenten im ganzen Land verteilt wird.
Yan zeigt auf seine neue Einbauküche. „Ikea“, sagt er. „Ich habe alles selbst eingerichtet.“ Vom Schreibtisch aus blickt er auf einen Kinderspielplatz. Noch drei Jahre lang wird er hier sitzen und Artikel schreiben, die 9000 Kilometern weiter weg gelesen werden. Die Wohnung in Laim ist eines von zwei Korrespondenten-Büros der Wenxin-Gruppe in Westeuropa. Das andere steht in Paris. Yan berichtet nicht nur über Deutschland, sondern auch über Österreich und die Schweiz. „Nicht nach Berlin zu gehen, sondern hierher, war eine Entscheidung der Chefredaktion“, sagt Yan. „München ist zwar nicht Hauptstadt, aber dafür inmitten einer wirtschaftlich dynamischen Region – genauso wie Shanghai.“
Weil die 17-Millionen-Einwohner-Stadt Shanghai boomt, gründen dort zurzeit zahlreiche deutsche Firmen Niederlassungen. „Unsere Leser interessieren sich für die Region, aus der diese Unternehmen kommen“, sagt Yan. „Und das ist vor allem Süddeutschland.“ Zudem werde es für reiche Chinesen zunehmend Mode, den Nachwuchs zur Schule und zum Studium nach Deutschland zu schicken, und das wiederum besonders in den Süden, ergänzt er. „Die Eltern wollen lesen, wo ihre Kinder jetzt leben.“
Zurzeit, sagt Yan, beschäftigt die Eltern die Irak-Krise und sie wollen wissen, was die Deutschen über Krieg und Frieden denken. Das hat er hat die Menschen auf der Straße gefragt und in einem langen Artikel geschrieben, dass man hier nicht in den Krieg ziehen will. Die Meinung findet seine Zustimmung. „Wir Chinesen sind immer friedliebend“, sagt er. „Und wollen nie Krieg.“
Die Wenhui Bao, die manchmal auch als Wenhui Daily firmiert, wurde während eines Krieges gegründet: Intellektuelle Bürger Shanghais, erzählt Yan stolz, schrieben von 1938 an gegen das faschistische Japan an. Allerdings musste die Redaktion schon bald nach ihrer Gründung aus Shanghai nach Hongkong fliehen. Heute ist die Wenhui Bao eine staatliche Zeitung. Seit 1979 wird der chinesische Zeitungsmarkt allerdings schrittweise liberalisiert. Seitdem müssen überregionalen Publikationen wie die Wenhui Bao mit Lokalblättern und Special-Interest-Formaten konkurrieren. Die Wenhui Bao hat seit Anfang der achtziger Jahre fast eine Million Auflage verloren. „Auch als staatliche Zeitung müssen wir wirtschaftlich arbeiten“, sagt Yan.
Die zweite Heimat
Bevor er Journalist wurde, hat Yan in Peking Germanistik studiert. „Ich mag Deutschland sehr“, sagt er. „Das Land ist meine zweite Heimat.“ In den Achtzigern war er sieben Jahre lang in Ost-Berlin Korrespondent einer Pekinger Tageszeitung. Kritische Berichte waren damals nicht erwünscht. Noch heute sieht Yan seine Aufgabe nicht darin, Deutschland schlecht zu machen. „Meine Artikel sind meist positiv“, sagt er. „Selbst wenn ich finde, dass es dem Land gerade an wirtschaftlicher Dynamik fehlt: In der Zeitung formuliere ich das sehr vorsichtig.“ Auch nach dem Amoklauf eines Erfurter Schülers im vergangenen April sei er „ganz sachlich“ geblieben.
Die Zurückhaltung ist freiwillig: Anders als bei den Kollegen, die über die Innenpolitik berichten, reden ihm Chinas Behörden nicht hinein. Manchmal geht das schon zeitlich nicht: „Bei der Bundestagswahl im September gab ich die Prognosen von 18 Uhr telefonisch durch“, erzählt er. In Shanghai war es bereits 1 Uhr nachts, als er „mit großem Vorbehalt“ durchgab, wie Stoiber schon mal ein Glas Champagner aufmachen wollte.
Seit drei Monaten ist Sun Xiaojing, Yans Ehefrau, in München. Auch sie ist Journalistin. „Ich unterstütze meinen Mann bei der Recherche und redigiere die Texte“, sagt sie. Es gebe viel zu lernen über Deutschland. Dass das Münchner Fußball-Team Eins-Acht-Sechs-Null einen chinesischen Spieler verpflichtet hat zum Beispiel oder dass plötzlich alle nach einem Superstar suchen.
Yan sitzt unruhig auf seinem Sofa. „Ich bin kein Entertainer“, sagt er. Er sei es gewohnt, Menschen zu befragen. Aber selbst das Objekt des Interesses zu sein, sei seltsam. „Wir Chinesen sind bescheiden. Muss das Foto wirklich sein?“, fragt er und schaut nach rechts. Es muss. Yan, der ernsthafte, lacht.


Wednesday, 19. February 2003 / Hamburger Abendblatt

Urlaubsziel Hamburg: Die ersten Chinesen kommen
Pauschalreise: Endlich dürfen sie nach Deutschland: Die Touren organisiert ein Hamburger Unternehmen
Von Diana Zinkler

Sie wurden wie Popstars empfangen, von Dutzenden TV-Teams und Fotografen: Am Wochenende landeten die ersten 130 Chinesen in Frankfurt, die in Deutschland Urlaub machen dürfen. Ihre siebentägige Reise führt sie am Mittwoch auch nach Hamburg. Und damit in die Stadt, in der die erste chinesische Pauschaltour organisiert wurde - von Mang Chen (42).
Der Chef der in Hamburg ansässigen Firma Caissa Tourismus profitiert von dem so genannten Approved-Destination-Status (ADS), den Deutschland seit dem 15. Februar hat. Denn nur in Ländern mit diesem Status dürfen Chinesen Urlaub machen - in andere Staaten sind, wenn überhaupt, nur Geschäftsreisen erlaubt. So war es bisher auch in Hamburg: "Im Jahr 2002 haben chinesische Geschäftsleute rund 20 000mal in Hamburg übernachtet", sagt Mang Chen. Dank der Touristen erwartet er nun eine Verdoppelung dieser Zahlen: "2003 werden wir locker auf 40 000 Übernachtungen von Chinesen in Hamburg kommen."
Die ersten Urlauber werden am Mittwoch gegen zwölf Uhr in der Hansestadt erwartet. Das Programm: Weil der chinesische Magen "sehr empfindlich" sei, wird zunächst im China-Restaurant "Xiang" zu Mittag gegessen. Nach einer Stadtrundfahrt und eventueller Hafenbesichtigung gibts um 15.30 einen Empfang im Rathaus. Der Nachmittag ist fürs Einkaufen in der Mönckebergstraße vorbehalten. Abends lädt das Hotel St. Rafael zum Abendessen. Danach gehts ins Kasino und auf die Reeperbahn. "Wir freuen uns über die chinesischen Touristen. Schließlich soll jeder rund 210 Euro am Tag ausgeben," sagt Martina Karena Rostock (33), Sprecherin der Hamburg Tourismus GmbH. Und damit fast so viel wie US-Touristen.
Auf den ersten Reisen sind nur gut verdienende Chinesen dabei, erklärt Mang Chen. "Wenn sich das alle Chinesen leisten könnten, würde Hamburg platzen." Die sieben Tage, sechs Nächte und die Flüge kosten etwa 1100 Euro pro Person. Die Reisegruppe ist gemischt aus Topmanagern, Rentnern, Bankern und Familien. Offiziell dürfen die Reisenden rund 2000 Euro mit sich führen. Bis zum Ende dieses Jahres soll für alle Länder des Schengener Abkommens der ADS-Status gelten. "Wir werden dann auch Europa-Reisen oder spezielle Themen wie Klassik- oder Romantikreisen anbieten," sagt Chen. Deshalb sei es wichtig, solange Deutschland noch das einzige Land ist, gerade Hamburg in China bekannt zu machen - damit bei einer verkürzten Reisezeit in Deutschland die Stadt als Ziel immer noch dabei sei.
Auch die Hamburg Tourismus GmbH sieht große Möglichkeiten auf dem chinesischen Markt und hat jetzt mit der Caissa Group eine Repräsentanz in Shanghai eröffnet: "Laut einer Studie der Deutschen Tourismus Zentrale gibt es 100 Millionen reisewillige Chinesen, die auch die finanziellen Mittel haben, da muss Hamburg einfach dabei sein," so Rostock. Bis Juli kommt erst einmal eine Reisegruppe mit 45 Menschen pro Woche nach Hamburg.
erschienen am 17. Feb 2003 in Hamburg


Süddeutsche Zeitung vom 19.02.03

Flucht nach Schanghai
Jörg Albertz einigt sich mit dem Hamburger SV auf eine Abfindungszahlung – und wechselt in die chinesische Profiliga

Viel gesehen hat Jörg Albertz, 32, noch nicht von dem 14-Millionen-Moloch Schanghai. Statt des oft besungenen Hafens oder der siebenstöckigen Pagode aus dem Song-Zeitalter hat er lieber das Trainingsgelände des Erstligisten Shenhua besichtigt bei seinem Blitztrip vergangene Woche. Aber er hat die vielleicht entscheidende Frage geklärt – ob er seine beiden Hunde problemlos mitbringen kann in das Land, in dem des Menschen bester Freund vor allem als kulinarische Kostbarkeit geschätzt wird. Die Antwort fiel zu seiner Zufriedenheit aus. „Man ist sehr hundefreundlich hier“, hat er ohne jede Ironie festgestellt und den Schluss gezogen: „Man kann sehr gut leben in China.“
Damit stand dem wohl größten Abenteuer seiner Karriere nichts mehr im Wege. Noch in dieser Woche wird sich Albertz erneut auf den Weg in die brodelnde chinesische Metropole machen. Dann wird er seinen Dienst antreten bei dem Klub, der im März in die Saison startet und die Spielzeit im November als Meister beenden will. Gestern hat er den Vertrag mit dem Hamburger SV aufgelöst, der damit seinen Topverdiener (zwei Millionen Euro pro anno) streichen konnte. Er hat mehr als eine Million Euro Abfindung ausgehandelt und danach noch ein paar nette Worte gefunden. Etwa, dass „die Jahre beim HSV für mich unter dem Strich positiv“ gewesen seien. Das ist natürlich diplomatisch geschönt, denn der Aufbruch in die unbekannte Welt ist vor allem eine Flucht. Beim HSV hatte ihn Trainer Jara vor fünf Monaten aus dem Kader geworfen und kühl mitgeteilt: „Ich brauche dich nicht mehr.“ Fortan kassierte Albertz zwar seine Prämien, doch wenn er bei den Spielen auf der Tribüne saß, befiel ihn, wie er unlängst bekannte, „ein Gefühl der Leere“. Und Wut auf Jara, der ihn „kaputt machen“ wolle, dies aber „nicht schaffen“ werde. Jetzt wartet eine neue Rolle auf den schussstarken, aber etwas behäbigen Mittelfeldspieler. Er ist nun der erste deutsche Nationalspieler in der noch jungen chinesischen Profiliga. Er wird Pionier sein und, wie er hofft, „ein guter Botschafter“ seines Heimatlandes. Vor allem aber spürt er wieder Respekt: Der Coach von Shenhua ist vorige Woche extra vom Trainingslager in den USA nach Schanghai gejettet, um mit seinem Star persönlich zu sprechen. Zeitungen begrüßten ihn, indem sie seinen Spitznamen „Hammer-Ali“ in die Landessprache übersetzten und ankündigten, „Tiechui“ sei bestimmt eine Bereicherung für Chinas Fußball. Und plötzlich hat man auch beim HSV erkannt, dass der alte Kapitän noch nützlich werden könnte. Also lobte HSV-Chef Hoffmann zum Abschied nicht bloß das „Engagement für den Klub und seine Bereitschaft, einer fairen Regelung bei der Vertragsauflösung zuzustimmen“, sondern kündigte eine Kooperation an: Albertz soll den HSV „beim Aufbau unserer Beziehungen nach China unterstützen“.
Dem asiatischen Markt gehört ja nach neuesten Erkenntnissen die Zukunft im Fußball, weshalb Albertz auch nicht der einzige europäische Altstar ist, der sich in China verdingt: Kürzlich unterschrieb Englands Skandalnudel Paul Gascoigne, 35, einen Vertrag als Spielertrainer beim Zweitligisten Gansu. Mit Gazza hat Albertz einst bei den Glasgow Rangers gekickt und manch lustigen Abend im Pub verbracht. Ein Wiedersehen indes wird sich schwierig gestalten: Gansu befindet sich tief im Westen, Tausende Kilometer von Schanghai entfernt.
Jörg Marwedel


Braunschweiger Zeitung vom 4.02.03Bahngeschäft in China brummt

Siemens in Braunschweig ist Weltmarktführer bei Bahnautomatisierung – 3000 Mitarbeiter
Von Klaus Sievers BRAUNSCHWEIG. In den Millionen-Metropolen Chinas boomt der Verkehr und deshalb sind fürs nächste Jahrzehnt Milliardeninvestitionen in neue Nahverkehrssysteme geplant. Allein in Peking (Olympia 2008) und Schanghai (Weltausstellung 2010) sind mehr als ein Dutzend neue Metrolinien geplant. Und Siemens Transportation Systems (Verkehrstechnik) will bei möglichst vielen Projekten dabei sein.
"China ist weltweit der dynamischste Wachstumsmarkt im öffentlichen Nahverkehr", fasst Dr. Roland Alter, kaufmännischer Leiter des Geschäftsgebiets Rail Automation zusammen. Und Siemens Rail Automation mit Sitz in Braunschweig ist im Bereich der Bahnautomatisierung sowohl für den Nah- als auch für den Fernverkehr Weltmarktführer mit einem Anteil von 20 Prozent. Da geht es um die Sicherungs- und Leittechnik von Bahnstrecken, um elektronische Stellwerke und um Zugbeeinflussungssysteme.
Die beiden letzten Jahre seien im China-Geschäft sehr gut gewesen, berichten Alter und Technik-Chef Hansjörg Hess. Man habe neben dem spektakulären Transrapid-Projekt auch die Aufträge für alle großen Nahverkehrsprojekte bekommen – und zwar in den Städten Guangzhou (Kanton), Nanjing (Olympia-Stadt), Shenzen und Schanghai. Alle vier Projekte haben, so der Braunschweiger Standortchef Reinhard Grolms, ein Volumen von 90 Millionen Euro. Hinzu kommt, dass Siemens an drei Metro- und Stadtbahnprojekten in Hongkong beteiligt ist.
Standorte in zehn Ländern
China sei für Siemens Rail Automation inzwischen der wichtigste außereuropäische Markt, betont Hess. Und er stelle besondere Herausforderungen. Hess: "Die Chinesen geben international die Taktgeschwindigkeit zur Realisierung von Großprojekten vor – in der Regel nicht mehr als zwei Jahre." In der Stadt Xian, berühmt wegen ihrer historischen Terrakotta-Figuren-Armee, betreibt Siemens mit chinesischen Partnern seit 1995 ein Gemeinschaftsunternehmen, das Komponenten fertigt und auch Engineering-Leistungen erbringt.
Rail Automation ist das größte von acht Geschäftsgebieten von Siemens Transportation Systems. Und es wird nicht schlecht verdient, deutet Alter an: "Wir schreiben solide schwarze Zahlen." Konkreter will er nicht werden. Insgesamt hat der Bereich Verkehrstechnik im vergangenen Geschäftsjahr 2002/03 (30.9.) rund vier Milliarden Euro umgesetzt und dabei 168 Millionen Euro vor Steuern verdient.
Siemens Rail Automation beschäftigt weltweit 5800 Mitarbeiter an zwölf Standorten. Vom Stammsitz Braunschweig mit den rund 3000 Mitarbeitern (darunter 1300 Ingenieure) werden Tochterunternehmen in zehn Ländern gesteuert, von Berlin (850 Mitarbeiter) und Wien über Birmingham und Hongkong bis New York und Xian. Seit zwei Jahren gehört auch der Standort Paris (600 Mitarbeiter) mit Schwerpunkt fahrerlose automatische Bahnsysteme zum Braunschweiger Bereich.
Allein in Braunschweig seien im vergangenen Jahr 150 Mitarbeiter eingestellt worden, berichtet Grolms. Die Beschäftigung werde in den nächsten zwei bis drei Jahren stabil bleiben. Hess betont: "Braunschweig ist weltweit das Kompetenzzentrum und der größte Standort für Signaltechnik". International vorn sei Braunschweig auch mit der Einrichtung aufwändiger ComputerTestzentren, in denen Großprojekte vor ihrer Installation perfekt simuliert werden können. In Braunschweig gibt es aber auch noch eine Fertigung: Rund 600 Mitarbeiter produzieren elektronische Baugruppen.
Bildungs-Akademie
Mehr als die Hälfte des Geschäfts macht Rail Automation im Ausland. Dieser Anteil dürfte, weil der deutsche Bahntechnikmarkt stagniere, weiter wachsen, erwartet Hess. Es sei erklärte Strategie, Teile des Auslandsgeschäftes mit lokalen Töchtern und Partnern vor Ort zu realisieren.
In Braunschweig blieben auch künftig Kernbereiche wie die gesamte Entwicklung, zentrale Projektleitungen und wichtige Teile der Elektronik-Fertigung. Es mache aber Sinn, im Ausland die Bahnsysteme an die nationalen technischen Bedingungen, die höchst unterschiedlich seien, anzupassen und zu installieren. Davon profitierten beide Seiten, also auch Braunschweig, betont Alter. In manchen Ländern würden lokale Projektanteile sogar zwingend vorgeschrieben.
In Braunschweig wird derzeit mit Investitionen von rund 10 Millionen Euro ein Neubau errichtet, in den ab Juli die Software-Entwicklung und die neu gegründete "Rail Automation Academy" einziehen werden. Man werde die Aus- und Weiterbildung mit der Akademie forcieren, kündigte Grolms an. Es werden Seminare und Workshops (nicht nur zur Bahntechnik) für Mitarbeiter und für Kunden aus aller Welt organisiert. 2002 gab es bereits 4500 Teilnehmer an 450 Veranstaltungen.
Montag, 03.02.2003

 


1. Februar 2003, 02:16, Neue Zürcher Zeitung

Das Erbe von tausend Jahren
Traditionelle und zeitgenössische Kunst in Schanghai
Von Marguerite Menz
Über die Wirtschaftsmetropole Schanghai wird viel geschrieben. Man spricht von der grössten Baustelle der Welt, wo ganze Quartiere abgerissen werden und von Monat zu Monat neue Wolkenkratzer die Skyline verändern. Schanghai hat aber auch eine andere Seite. Wenn abends die imposante, unter Denkmalschutz stehende Häuserzeile aus den zwanziger und dreissiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts am «Bund», entlang dem Huangpu River, hell beleuchtet wird - darunter das legendäre Peace Hotel, wo einst George Bernard Shaw und Charlie Chaplin genächtigt haben -, wird offenkundig, dass in dieser zukunftsorientierten Stadt auch die Vergangenheit etwas zählt. Das kulturelle Herz Schanghais ist der Renmin-Platz. Dort, in unmittelbarer Nähe des Regierungsgebäudes, befinden sich nur wenige Gehminuten voneinander entfernt das Shanghai Grand Theatre, das Shanghai Art Museum sowie das Shanghai Museum. Diese für ihre bedeutende Sammlung alter chinesischen Kunst berühmte Institution konnte eben erst ihren 50. Geburtstag feiern. 1952, drei Jahre nachdem die kommunistischen Truppen in die Stadt einmarschiert waren, wurde sie wohl mit dem Ziel gegründet, zu retten, was noch zu retten war. Denn viele Kunstschätze waren mit Tschiang Kai-schek und seinem Gefolge nach Taiwan abgewandert oder im Gepäck vermögender Chinesen nach Hongkong oder nach Übersee verschwunden. - Im ehemaligen Gebäude des Pferderennklubs (erbaut 1933), wo heute das Shanghai Art Museum untergebracht ist, und ab 1959 in einem Bankgebäude an der Henan Road fristete die Sammlung ein eher bescheidenes Dasein, bis sie 1996 in einen prunkvollen, 570 Millionen Yuan teuren Neubau des chinesischen Architekten Xing Tonghe (geb. 1939) übersiedelte. Das veränderte politische Umfeld und die fachlich hervorragende, weltoffene Leitung des Museums haben viele Chinesen im Ausland dazu bewogen, ihre Sammlungen oder zumindest Teile davon in ihre alte Heimat zurückzuführen. Dank solchen Schenkungen wurden die Bestände des Museums, seine wichtigen Abteilungen für Bronze, Keramik, Malerei und Kalligraphie, Jade und Möbel, in den letzten Jahren beachtlich vergrössert.
VON ROLLE ZU ROLLE
Höhepunkt des Jubiläumsjahres war die Eröffnung der Ausstellung «A Heritage of a Thousand Years: Chinese Paintings and Calligraphy from Jin to Yuan» am 30. November 2002. An die 300 mehrheitlich chinesische Wissenschafter und Sammler aus aller Welt waren angereist, um an einem dreitägigen Symposium teilzunehmen und die 72 ausgestellten Meisterwerke chinesischer Malerei und Kalligraphie des 4. bis 14. Jahrhunderts aus dem Palastmuseum Peking, dem Provinzmuseum Liaoning und dem Shanghai Museum zu studieren. Schon am ersten Tag nach der Vernissage bildeten sich vor dem Eingang der Ausstellung lange Warteschlangen. Andächtig pilgerten die Besucher von einer bemalten oder beschriebenen Buchrolle zur andern. Der Gast aus Europa ist beeindruckt von der Vielfalt und dem Raffinement dieser Kunst.
AM NEBELMEER
Gebannt steht er vor einer mit Tusche auf Seide gemalten Flusslandschaft eines Künstlers mit dem Namen Wang Shen aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts: Links im Bild Berge und Bäume, rechts die Andeutung eines Ufers, und dazwischen, etwa einen Meter breit, liegt alles im Nebel. Zwei winzige Fischerboote inmitten dieser Einsamkeit, in einer mysteriösen Leere, sind von blossem Auge kaum zu erkennen. Hier hat die Darstellung der Landschaft, gleichsam als innere Vision, eine vollkommene Form gefunden. Zhang Zeduan, einen anderen Maler aus der Zeit der nördlichen Song-Dynastie (960-1127), könnte man als chinesischen Pieter Bruegel bezeichnen. Bei ihm bevölkern Hunderte von Personen eine kleine Stadt oder kommen dem Fluss entlang angereist zum Qing-Ming-Fest, zu Fuss oder in Sänften getragen, mit Pferden und Kamelen; reich beladene Schiffe legen am Hafen an. Die Landschaft ist Sitten- und Historienbild in einem.
Höher eingeschätzt als die Malerei wird in China seit alters her die Schrift. Aber es ist nicht eigentlich die «Kalligraphie», das Schönschreiben, das die Faszination ausmacht, sondern die Individualität und die Harmonie des schriftlichen Ausdrucks. Schon immer sind Buchrollen gesammelt worden, wobei sich die jeweiligen Besitzer mit ihrem Siegelabdruck darauf verewigten. Zudem wurden die Texte oft mit Kommentaren versehen. Daraus wird die Kontinuität der chinesischen Kunst über Jahrtausende hinweg erklärbar. Wang Xianzhi (344-386) etwa, ein berühmter Maler und Kalligraph aus der östlichen Jin- Dynastie, ist in der Ausstellung mit einem Brief vertreten, in dem er sich über eine schlechte Medizin beklagt. Das grosse Siegel am linken oberen Rand des Schriftstücks beweist, dass es sich im 14. Jahrhundert in kaiserlichem Besitz befunden hat. Aus der Zeit der Yuan-Dynastie stammt auch der etwas kleiner geschriebene Kommentar darunter. Bei zwei kleinen Abdrücken daneben handelt es sich um die Siegel des letzten Herrschers der Nördlichen Song-Dynastie im 12. Jahrhundert. So sind nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die Namen der Maler und Sammler bis in die heutige Zeit überliefert worden.
«The Living Word» nennt der in China geborene und in New York lebende Xu Bing (geb. 1955) seine Installation in der Eingangshalle des Shanghai Art Museum, wo in diesem Winter unter dem Motto «Urban Creation» die 4. Schanghai-Biennale stattfindet. Chinesische Schriftzeichen fliegen auf und davon und verwandeln sich hoch oben zurück in einen Vogel. Er ist nicht der einzige unter den chinesischen Künstlern und Architekten, die sich an der diesjährigen Biennale mit ihren kulturellen Wurzeln auseinandersetzen. Viele der ausgestellten Werke thematisieren den Konflikt zwischen Tradition und Erneuerung, der durch die rasante Entwicklung der chinesischen Stadtlandschaft ausgebrochen ist. Deutlich zeigen dies die Fotoserien von Luo Yongjin (geb. 1960): «Kezhi Garden» ist ein nostalgischer Blick zurück in einen alten chinesischen Garten - «Oriental Plaza» dagegen dokumentiert den Bau eines x-beliebigen Hochhauses. Einen Schritt weiter geht Zhang Lei (geb. 1964). Er gehört zu einer neuen Architektengeneration, die versucht, mit einfachsten Mitteln und teilweise mit traditionellen Materialien eine zeitgenössische Formensprache zu finden. Denn schliesslich geht es nicht nur darum, das Erbe zu bewahren, sondern in der veränderten urbanen Umgebung eine neue künstlerische Identität zu finden.
Knapp die Hälfte der Biennale-Teilnehmer kommt aus dem Ausland. Ausgewählt wurden Künstler und Architekten von internationalem Format: Angela Bulloch, Yona Friedmann, Grüntuch & Ernst, Andreas Gursky, Pierre Huyghe, Tadashi Kawamata, Pipilotti Rist usw. Die Biennale von Schanghai bietet jeweils auch die Gelegenheit, dem lokalen Publikum vorzuführen, was anderswo Furore macht. Die zahlreichen, vorwiegend jungen Besucher lassen darauf schliessen, dass das Interesse an zeitgenössischer Kunst in den letzten Jahren zumindest in Schanghai zugenommen hat. Es ist zu hoffen, dass die einheimischen Künstler davon profitieren und ihre Werke nicht mehr nur unter dem Label «made in China» ins Ausland verkaufen müssen.


Kölner-Stadt-Anzeiger vom 09.12.02, 09:54h

Infineon vereinbart Chip-Fremdfertigung in China

München - Der Halbleiterhersteller Infineon schafft sich ohne eigene Investitionen neue Produktionskapazitäten bei einem Partnerunternehmen in China. Die Infineon AG teilte am Montag in München mit, sie stelle SMIC in Schanghai ihre Technologie zur Fertigung von DRAM-Speicherchips zur Verfügung und erhalte gleichzeitig das exklusive Bezugsrecht für die damit produzierten Bauteile. Investitionen von Infineon in diese Kooperation seien nicht nötig, sagte ein Firmensprecher: "Das ist für uns investitionsneutral." Der Vertrag mit SMIC laufe zunächst bis 2007.
Nach einer Qualitätskontrolle Mitte 2003 werde SMIC die Produktion für Infineon bis zum Jahr 2005 schrittweise hoch fahren, hieß es. Dann werde das chinesische Unternehmen für einen niedrigen zweistelligen Prozentsatz der gesamten Infineon-Kapazität bei DRAM-Speicherchips sorgen. Der Marktanteil von Infineon als weltweiter Nummer drei am DRAM-Markt werde dadurch im einstelligen Prozentpunkt-Bereich wachsen, sagte der Sprecher.
Infineon werde sich damit frühzeitig als führender Anbieter im Wachstumsmarkt China positionieren. Das Unternehmen verwies auf eine Studie von Gartner Dataquest, nach der der chinesische DRAM-Markt von 16 Milliarden Euro in diesem Jahr auf 31 Milliarden Euro 2006 wachsen soll.
Infineon nutzt solche "Foundry"-Kooperationen, bei der Produktionskapazitäten ausgelagert werden, um angesichts der schlechten Refinanzierungsmöglichkeiten eigene Investitionen zu umgehen. Außerdem werden so die Risiken der großen Preis- und Nachfrageschwankungen in den Chipmärkten verringert. Infineon fertigt auch in eigenen Fabriken und Gemeinschaftsunternehmen. (rtr)

Spiegel-Online v. 21.11.2002

CHINAS BOTSCHAFTER IN DEUTSCHLAND
"Stillstand ist Rückschritt"

Von Stefan Simons
Chinas Botschafter in Deutschland eröffnete in Hamburg die Jahrestagung des "Ostasiatischen Vereins". Dabei warb er für das Engagement ausländischer Unternehmen in seiner Heimat. Ihnen und privaten chinesischen Kapitalisten komme für die Entwicklung der Volksrepublik künftig eine Schlüsselrolle zu.


Hamburg - Durch die Bewertung von Privatunternehmern als "Erbauer des Sozialismus" hat die Kommunistische Partei auf ihrem jüngsten Parteitag eine entscheidende Neubewertung vorgenommen. "Nicht das Eigentum, sondern die ideologische Haltung zählt künftig", sagte Botschafter Ma Canrong am Donnerstag während eines Besuches in Hamburg.
Mit diesem Bekenntnis zur ideologischen Flexibilität und der Zukunft einer Partei, die ihren Führungsanspruch der kontinuierlichen Entwicklung anzupassen habe, eröffnete Chinas Top-Diplomat in Deutschland am Donnerstag die Jahrestagung des "Ostasiatischen Vereins" (OAV).
Dank des Generationenwechsels im Führungskollektiv hin zu einer "jüngeren und fähigen" Riege von Nachwuchspolitikern, sei China in der Lage den Kurs der "Öffnung und Reform" weiter zu verfolgen. Nur so sei das angestrebte Ziel, ein "bescheidener Wohlstand" (mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 3000 US-Dollar bis zum Jahr 2020) auch zu erreichen: "Stillstand ist Rückschritt".
Kein Wunder, angesichts der Herausforderungen, denen sich die seit über 50 Jahren regierenden Kommunisten stellen müssen - ein ungebrochener demographischer Anstieg, der China etwa alle acht Jahre eine Bevölkerung von der Größe eines wiedervereinigten Deutschland beschert (rund 80 Millionen Menschen); wachsende Arbeitslosigkeit, ein Milliarden-Schuldenberg aus faulen Krediten und eine immer größere Kluft zwischen Arm und Reich.
Zu überwinden sind diese Probleme nur mit einem dynamischen Wachstum. Während der nächsten 18 Jahre sei eine Vervierfachung des Bruttoinlandsproduktes nötig - im Schnitt eine Zunahme von jährlich sieben Prozent. "Das ist ein realistisches Vorhaben", sagte Ma Canrong, der den 16. Parteitag in Peking verfolgt hatte, "wir werden dazu auch unsere Kapitalmärkte weiter öffnen."
Von der Expansion soll künftig auch die deutsche Wirtschaft stärker profitieren. Die Exporte nach China beliefen sich zwar auf etwa 25 Milliarden Euro, aber umfassten damit gerade zwei Prozent des hiesigen Außenhandels: "Das Potenzial", so der Botschafter in bestem Deutsch vor den OAV-Delegierten, die 500 Spitzenfirmen des Asiengeschäfts vertreten, "ist damit noch längst nicht erschöpft."
Der Einstieg in "Chinas Höhenflug", so das Urteil einer Expertenrunde zu "Hürden, Hoffnungen und Herausforderungen" des Milliarden-Marktes, ist noch immer kniffelig - vor allem für den oft beschworenen deutschen Mittelständler.
Zahlenwerke, ob Statistiken oder Bilanzen, seien oft nicht überprüfbar, warnte Wolf-Bernhard Kersten von der Hermes Kreditversicherungs-AG, Entscheidungen nicht nachvollziehbar: "Die werden in irgendwelchen Zirkeln und Gremien getroffen - keiner weiß, wie, wo und warum."
Selbst für einen Branchenriesen wie Siemens, seit über 20 Jahren in China aktiv, ist ein langer Atem nötig, so Jürgen Oberg, Vizepräsident für Asien und Australien. Der Konzern investiere langfristig - gerade auch in die Ausbildung von chinesischem Mitarbeitern.
Getreu dem Partei-Motto "yi bu, yi bu" ("Schritt für Schritt") habe Siemens erst einmal mit dem Einstieg an einem einzigen Gemeinschaftsunternehmen Erfahrungen gesammelt - heute operiert es in der Volksrepublik über 45 "Joint Ventures". Wichtiges Erfolgsrezept: In jeder Firma sorgen mindestens zwei Stammkräfte von Siemens - Fertigung und Controlling - für Qualität von Produkten und Buchhaltung.
Die Stimmung unter den 1600 deutschen Firmen in China - davon die Hälfte Repräsentanzen - ist dennoch eher optimistisch. "Der Glaube ist da", meint Margot Schüler, Expertin beim Hamburger Institut für Asienkunde. Und die "personelle Weichenstellung" des 16.Parteitages verspräche politische und wirtschaftliche Stabilität.
Unkenrufe, etwa über den "Bevorstehenden Kollaps Chinas" (US-Autor Gordon Chang), resümierte OAV-Vorstand Wolfgang Niedermark, zufrieden, seien damit wohl fehl am Platz. Und auch Hermes-Vertreter Kersten stellte fest: "Wir haben bei unserem Engagement - der Exportversicherung - keine Angst. Gute Vorbereitung ist wichtig, Demut ist entscheidend."

Süddeutsche vom 4.11.2002

Im Reich der Mittel
Jenseits von Dinkelsbühl: Mitten in der Baukrise entdecken europäische und deutsche Planer Chinas unglaublichen Architektur-Boom

von JÖRG HÄNTZSCHEL

Wenn der Frankfurter Architekt Albert Speer in den letzten Jahren das Flugzeug nach Shanghai bestieg, sah er auf den anderen Business- Class-Sesseln Manager von Audi oder Siemens. Heute kann er dort immer öfter Kollegen begrüßen – denn Chinas ökonomische Öffnung löste einen wahren Bauboom aus, wobei es vor allem europäische, ja deutsche Architekten und Stadtplaner sind, die in China arbeiten.
Speer, der in Deutschland für den Masterplan der Expo 2000 zuständig war, gewann zum Beispiel Wettbewerbe für Bürotürme und die Shanghaier U-Bahn. Doch wie die meisten Architekten, die mit einem Plan in China aus dem Flugzeug steigen, wurde auch er bald mitgerissen von der Dynamik des Landes. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Speer aus einem ökologischen Biokläranlagenprojekt nun der Auftrag für eine ganze Stadt erwuchs: für das auch sonst denkwürdige Vorhaben einer „German Town“ in Anting nahe Shanghai.
Wolfsburg des Ostens
17 Millionen Menschen leben zur Zeit in Shanghai, und bis 2015 soll die Zahl auf 23 Millionen steigen. Noch mehr Dichte im Zentrum und weitere Gürtel um die Ränder würden die Stadt an den Rand des Erstickens bringen. Satellitenstädte in 30 Kilometer Entfernung von Shanghai sollen deshalb weiteres Wachstum ermöglichen, ohne den Druck auf das Zentrum zu erhöhen. Doch wie haucht man den Trabanten Leben ein? In China entschied man sich für eine Lösung, deren radikaler Pragmatismus traditionsfixierten Europäern grotesk erscheint. Wie Hotels in Las Vegas erhält jede der neun Satellitenstädte ein Set aus identifikationsstiftendem „Thema“, architektonischem Image und ökonomischem Motor. „Deutsche Kleinstadt“ lautet das Thema in Anting, wo VW schon 1984 sein erstes chinesisches Werk errichtete. Jobs finden die neuen Siedler in der „International Automobile City“, dem industriellen Teil der Stadt: ein Wolfsburg des Ostens, samt Gläserner Fabrik und einer Formel-1-Strecke, die bis zum Jahr 2004 fertig sein soll.
Die Chinesen wünschen sich für Anting nicht nur deutsche Bauqualität, sondern auch mitteleuropäische Urbanität: Blockstrukturen, Plätze und fußgängerfreundliche Gassen. „Es ist schwierig, nicht Dinkelsbühl zu bauen“, meint Speer. Um das zu verhindern, schlägt er Wohnhäuser in einem aktualisierten International Style vor. Das pittoreskere Zentrum mit Marktplatz, Kirche und Brunnen stellt indes eine Bauklotz-Version von Alt- Europa dar.
Die Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner (GMP) sind in Anting ebenfalls mit von der Partie. Dabei haben auch sie – neben Universitäten und Museen überall in China – den Wettbewerb für einen von Shanghais Satelliten gewonnen. Von Luchao, wo sich 2005 die ersten 70 000 Menschen ansiedeln sollen, ist bisher nur die dem Meer abgetrotzte Baufläche zu sehen. GMP wollen mitten in der Stadt einen kreisrunden See mit zweieinhalb Kilometern Durchmesser anlegen. Die wichtigsten öffentlichen Gebäude stehen auf Inseln im Wasser, während die Wohnviertel in radikal formalistischen Rastern rund um die Badestrände am Ufer angeordnet sind. Gerade hatte man sich im Westen von den letzten Utopien verabschiedet, da werden sie hier im Zeichen eines kühlen Pragmatismus Wirklichkeit.
„Wir wollten ein Gegenmodell zur zerfledderten chinesischen Stadt entwickeln. Die Chinesen entdecken gerade ihre Geschichte wieder, sie wollen zurück zu urbanen Qualitäten, die während der Kulturrevolution zerstört wurden“, erklärt Nikolaus Goetze von GMP. Er schwärmt von den irren Möglichkeiten, die China europäischen Architekten bietet – mitten in der westlichen Baukrise. Doch der Preis für die Traumprojekte ist hoch: „Die Honorare sind saumäßig, die Chinesen handeln einen in Grund und Boden.“ Regelmäßig versuchen Bauherren, Kosten zu drücken, indem sie die Projekte nach den ersten Entwurfsphasen heimischen Büros übergeben. So wie China dem Westen Billigimitate seiner Markenprodukte verkauft, so drohen also umgekehrt die Produkte westlicher Architekturbrands gelegentlich zu Persiflagen in China zu verkommen. Die erbarmungslose Geschwindigkeit kommt erschwerend hinzu. Goetze: „In Berlin diskutiert man seit 12 Jahren über den neuen Flughafen. Über so was lachen die Chinesen nur.“
Selbst Rem Koolhaas, der in Beschleunigung und „brutalem“ Erster-Sein die letzte Möglichkeit der Einflussnahme sieht, nachdem konventionelle Formen der Kritik wirkungslos geworden sind, will von der Effizienz der Chinesen noch lernen. Bevor er zum Bauen nach China kam, kam er als Architektur-Ethnologe. Der 700-Seiten-Wälzer „Great Leap Forward“, den er letztes Jahr herausgab, analysiert die städtebauliche Explosion des Landes mit einer Mischung aus Ironie, Faszination und Entsetzen. Nun wechselt er die Seiten. Koolhaas baut mit der neuen Zentrale des Staatssenders CCTV in Peking eine gigantische Fabrik, in der 10 000 Fernseharbeiter die Informationen für mehr als eine Milliarde Zuschauer bearbeiten. Im selben Maße, in dem der Einfluss des repressiven chinesischen Staatsapparats nachlässt, wächst die Bedeutung dieser Nachrichten-, Propaganda- und Unterhaltungsmaschine. Das Gebäude selbst drückt das Umwälzen und Verzerren sinnfällig aus. Man kann es sich wie eine skulptural geformte Endlos-Schleife vorstellen: 56 Stockwerke und 230 Meter hoch.

Amerika ist Vergangenheit
Die Schleife als Organisationsprinzip hebt nicht nur die lineare Hierarchie auf, mit der konventionelle Wolkenkratzer zu Abbildern der firmeninternen Machtstrukturen werden; sie soll auch die Zusammenarbeit der Abteilungen erleichtern und das Sicherheitsproblem lösen, das am 11. September so fatale Folgen hatte: Jeder Teil des Gebäudes ist aus zwei Richtungen zugänglich. Mit einer Fläche von 500 000 Quadratmetern übersteigt das Projekt alles, was das Büro je gebaut hat. Koolhaas will 15 chinesische Architekten nach Rotterdam holen und eine am „chinesischen Denken“ inspirierte Arbeitsweise einführen. In nur fünf Jahren, rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 2008, muss der Bau fertig sein.
Dass den Chinesen der ambivalente Entwurf zwischen Science-Fiction und Archaik zusagt, das ist für Ole Scheeren, der es zusammen mit Koolhaas entworfen hat, kein Zufall: „China bewegt sich zwischen Vergangenheit und absoluter Zukunft“. Wie viele europäische Architekten sieht er darin auch den Grund dafür, dass die Ära des amerikanisch dominierten Bauens in China schon wieder vorbei ist. Amerikas Angebot ist ausgeschöpft. „Es geht nicht mehr nur darum, das höchste Haus zu bauen. Es geht nicht mehr um das reine

Streben nach phallischer Präsenz.“
Bleibt nur das Unbehagen an der Politik, die solche in Europa undenkbaren Projekte erst möglich macht: „Es steckt ein Stück Opportunismus darin“, gibt Scheeren zu, „aber auch die Hoffnung, zu einer Veränderung beizutragen.“ Goetze verteidigt die Repression gar als derzeit noch notwendiges Übel: „Würde man jetzt den Deckel vom Topf nehmen, ginge das Land unter. Mehr als eine Milliarde Chinesen wohnen auf dem Land und verarmen allmählich. Wenn die alle nach Shanghai und Hongkong kommen, erdrücken die sich dort nach einem Monat gegenseitig.“ Angesichts dieser Zahlen dürfte wohl auch die chinesische Geschwindigkeit versagen. Bleibt nur das Fernsehen.


Weserkurier vom 29.10.2002

Heilsame Akupunktur-Piekser gehören zu seinem Beruf
Haiyin Zhao praktiziert am Institut für Chinesische Medizin
Von unserem Mitarbeiter Thomas Joppig

„Als ich aus dem Flugzeug stieg und dann durch die Stadt fuhr, war ich erstaunt, wie ruhig es hier ist“, erinnert sich Dr. Haiyin Zhao an seinen ersten Eindruck von Bremen. Kein Wunder, hatte der chinesische Akupunktur-Arzt doch zuvor an einem Krankenhaus der Millionenmetropole Shanghai praktiziert.
Doch der promovierte Mediziner spricht keineswegs despektierlich über die Ruhe in der Stadt. Nein, er genießt sie und gerät schnell über Bremen ins Schwärmen: „Es ist wirklich schön hier. Mein Lieblingsort sind die Wallanlagen: „Diese Stille, dieses Grün und all das mitten in der Stadt...“
Seit Januar lebt Zhao in der Neustadt und behandelt Patienten im Institut für Chinesische Medizin (ICM). Hierbei handelt es sich um eine Einrichtung auf dem Gelände des Krankenhauses St.-Jürgen-Straße, die vor drei Jahren vom Bremer Kreisverband des Roten Kreuzes ins Leben gerufen wurde. Durch Kontakte zum Universitätskrankenhaus Longhua in Shanghai bekommt das Institut immer wieder Ärzte zugewiesen, die sich für einen gut einjährigen Arbeitsaufenthalt in Deutschland interessieren. So auch Zhao, der sich derzeit im ICM gemeinsam mit einer Kollegin um die Behandlungen kümmert.
Sein Metier sind die heilsamen Akupunktur-Piekser. Schnell lernte er hier zu Lande die Unterschiede zwischen deutschen und chinesischen Patienten kennen. „Deutsche haben überhaupt kein Problem damit, sich bei der Behandlung komplett auszuziehen. Chinesen genieren sich da oft. Im Gegenzug ist es den Deutschen immer ziemlich peinlich, wenn sie die Zunge rausstrecken sollen. Damit haben die Chinesen wiederum überhaupt keine Schwierigkeiten“, stellt er lachend fest.
Obwohl es in Bremen „so ruhig ist“, war „Stress“ eines der ersten deutschen Worte, dessen Bedeutung Zhao bei den Patientengesprächen verstehen lernte. Umso wichtiger sei es ihm, Zusammenhänge zwischen Krankheit und Lebensweise klar zu machen. Ruhe und Entspannung zu finden – das sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung. .
Doch es geht ihm nicht nur um die Wechselwirkungen von Körper und Seele, sondern auch um die Einflüsse, die verschiedene Körperregionen aufeinander haben. Er holt eine Plastikpuppe hervor, die mit bunten Filzstift-Strichen bemalt ist. Es sind so genannte Meridiane, Linien, auf denen Akupunktur-Punkte eingezeichnet sind: „Wenn jemand von einem westlichen Arzt seine Ohrenschmerzen behandeln lässt, dann schaut der sich nur das Ohr an. Wir schauen uns statt dessen den ganzen Menschen an. Wir sehen, auf welchem Meridian das Ohr liegt und fragen den Patienten dann zum Beispiel, ob er Probleme mit dem Herzen hat.“
Die Bremer Patienten seien für diese Behandlungsmethoden sehr offen, freut sich Zhao. Institutsleiterin Anke Fröhlich stimmt ihm zu: „Zu uns kommen Menschen, die auf eine natürliche und ganzheitliche Behandlung Wert legen.“ Dafür genüge es nicht, die Krankenversichertenkarte vorzulegen. Nur wenige der ICM-Leistungen werden von den Kassen übernommen. Fröhlich:„Für unsere Patienten ist es deshalb eine ganz bewusste Entscheidung, sich hier behandeln zu lassen.“
Noch bis April haben die Bremer Gelegenheit, sich von Haiyin Zhao pieksen zu lassen. Dann kehrt er wieder nach Shanghai zurück, wo seine Frau Ming Lan und sein sechsjähriger Sohn Ruo-Yao auf ihn warten. „Die waren anfangs schon traurig und auch ziemlich skeptisch, als ich mich entschieden hatte, für ein Jahr nach Deutschland zu gehen.“ Doch Zhao, der das Land schon durch einen kürzeren Arbeitsaufenthalt in Saarbrücken kannte, reizte der erneute Einsatz in Deutschland.
Dennoch: Die Sehnsucht nach der Familie blieb natürlich nicht aus: „Wenn ich gesehen habe, wie fröhlich die Leute sich hier im Sommer am Osterdeich sonnen, dann habe ich mir schon oft gewünscht, dass die beiden jetzt hier wären“, sagt Zhao und lächelt versonnen. „Aber als die beiden mich hier vor ein paar Monaten zum ersten Mal besucht haben, da wussten sie schon, dass es mir hier gut geht.“
Nähere Informationen zu Behandlungen und Kursen des Instituts für Chinesische Medizin sind unter der Telefonnummer 497 46 40 erhältlich.


Oberpfälzer Wochenzeitung v.1.10.2002

Im Würgegriff der Globalisierung

Südwolle-Produktion in Weiden gegen Billiglohnländer China und Polen chancenlos
Weiden. (cf) In den beiden Südwolle-Werken in China beträgt der Stundenlohn gerade mal 90 Cent, am Standort in Polen 2,50 Euro. In Weiden erhält ein Mitarbeiter mindestens zehn Euro in der Stunde. Die Globalisierung zehrt den einst herausragenden Südwolle-Produktionsstandort im Industriegebiet Am Forst aus. Nach der unumgänglichen Schließung des 1975 erbauten Werks2 zum Jahresende (der NT berichtete exklusiv) bleiben nur noch Werk3 und das Zentrallager. Eine hundertprozentige Garantie für den Fortbestand der Produktion will keiner geben. Werk3 soll Garne - die kurzfristig verfügbar sein müssen - für aktuelle Mode fertigen. Die Automatisierung ist ausgereizt, mit seinen Personalkosten ist Weiden bei der Herstellung von Standardartikeln gegen die Billiglohnländer China und auch Polen chancenlos. Dazu summieren sich die höheren Maschinenlaufzeiten. Die Südwolle-Maschinen bei Schanghai weisen über 8000 Betriebsstunden auf - gegenüber 5600 in Weiden. Norm ist die Sieben-Tage-Woche, in China erhalten Beschäftigte überhaupt keinen Urlaub. Die Unternehmensgruppe Südwolle zählt weltweit derzeit 1400 Beschäftigte, davon weniger als 200 zum Jahresende in Weiden (früher über 550!). Dazu kommt noch die Textilgruppe Hof mit annähernd 2000 Mitarbeitern in Oberfranken und Tschechien. Werk2 mit seinen 14000 Quadratmetern Produktionsfläche und das Grundstück sollen verwertet werden. Bei den 70 zur Entlassung anstehenden Mitarbeitern handelt es sich größtenteils um angelernte Kräfte.


Hamburger Abendblatt v. 12. Sept. 2002

Shanghai-Hamburg: Die neue Seidenstraße

"Wir wollen symbolisch die 2000 Jahre alte chinesische Seidenstraße zwischen den Partnerstätten von Shanghai nach Hamburg verlängern", sagt Zhang Tiejun, Mitorganisator einer beeindruckenden China-Ausstellung in der vierten Etage des Alsterhauses. "Gleichzeitig feiern wir die 30-jährigen diplomatischen Beziehungen der kulturell so unterschiedlichen Länder."
Die Ausstellung "Die chinesische Seidenstraße", die gestern vom Generalkonsul der Volksrepublik, Chen Jianfu, eröffnet wurde, soll mit Vorträgen zur Geschichte und Kultur, Religion und Wirtschaft, mit 20 aus dem Stadtstaat Tianjin angereisten Künstlern und interessanten Exponaten China so authentisch wie möglich darstellen.
Bis zum 5. Oktober werden Besucher Gelegenheit haben, die chinesische Teezeremonie kennen zu lernen und Einblicke in den Buddhismus zu bekommen. Die Meisterin Lian Zhi und die Mönche Lian Hie und Lian Po Yung laden täglich um 13 und 18 Uhr zur Meditation ein. Am kommenden Sonnabend ist um 13 Uhr ein Vortrag über buddhistisches Leben und Feng-Shui vorgesehen.
Ebenfalls regelmäßig werden Diavorträge über die Seidenstraße, deren Ausgangspunkt und lange Karawanenwege sowie Begegnungen mit der chinesischen Mauer, tibetischen Klöstern oder dem Gelben Fluss Lanzhou geboten.
"Wir arbeiten zurzeit an einem Konzept für ein künftig in der HafenCity angesiedeltes chinesisches Zentrum für Handel und Kultur", freut sich Zhang Tiejun. Im Klang der chinesischen Sprache höre sich Hamburg sehr ähnlich wie Han Bao an. "Bao heißt auf Chinesisch Burg, 90 Prozent der Chinesen sind Han-Chinesen. Han Bao ist also die Burg der Chinesen", sagt Tiejun laut lachend. schusch


DIE WELT vom 03. September 2002 

China-Wochen sollen die Zusammenarbeit stärken - China-Wochen vom 12. September bis zum 12. Oktober

Von Insa Gall

Im Jahre 1731 lief das erste Schiff aus China den Hamburger Hafen an. Die Seeleute aus dem fernen Osten brachten Tee und kostbares Porzellan in die Hansestadt. Schon wenige Tage später war die Ladung verteigern - mit gutem Gewinn. Dieser erste Handelskontakt des fernen China mit Deutschland begründete eine florierende Beziehung zwischen Hamburg und dem Reich der Mitte, die längst nicht mehr nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller Natur ist. "Hanbao", wie die Chinesen die Hansestadt nennen, steht für Hamburg, bedeutet zuglich aber auch "Burg der Chinesen". Heute sind mehr als 230 Firmen aus der Volksrepublik in Hamburg aktiv, die Hansestadt gilt als Brückenkopf Chinas in Europa.
Diese langjährige Partnerschaft zur Volksrepublik feiert Hamburg mit China-Wochen vom 12. September bis zum 12. Oktober. Rund 100 hochkarätige kulturelle, wirtschaftliche und wissenschaftliche Veranstaltungen sollen die Besucher in den Bann des Reichs der Mitte ziehen und den fortschreitenden Entwicklungsprozess Chinas dokumentieren. Das Angebot reicht von Multimedia-Präsentationen für China-Reisende über Konzerte und Ausstellungen bis zu Informations-Veranstaltungen über traditionelle chinesische Medizin, Diskussionsrunden über die wirtschaftlichen Perspektiven bis zu einem deutsch-chinesischen Gottesdienst. Initiator Hans-Bernd Giesler von der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft setzt darauf, mit diesem Programm nicht nur das Interesse der Hamburger, sondern auch auswärtiger Besucher zu wecken. Offiziell Bürgermeister Ole von Beust die China-Wochen als Schirmherr zusammen mit dem Generalkonsul der Volksrepublik, Chen Jianfu, am 17. September im Rathaus eröffnen.
Im Mittelpunkt der diesjährigen China-Wochen steht die Partnerstadt Shanghai. Mit einem reichhaltigen Kultur- und Wirtschaftsprogramm wird sich die chinesische Metropole in der Hansestadt präsentieren, um so Hamburgern und Besuchern einen aktuellen Eindruck von der Größe und dem Charme der chinesischen Hafenstadt zu vermitteln. Neben Konzerten, Literaturlesungen und einer Gala-Show mit chinesischen Stars, den Hamburger Symphonikern und dem Monteverdi-Chor zählen eine Ausstellung aus der Sammlung des Shanghai Art Museums und der Shanghai Wirtschaftstag zu den Highlights des Shanghai-Programms.
So viel Verbundenheit mit dem fernöstlichen Partner soll auch in die Hauptstadt ausstrahlen: So steht das traditionelle Sommerfest der Hamburger Landesvertretung in Berlin in diesem Jahr ganz im Zeichen Chinas. Zum chinesischen Mondfest erwartet Bürgermeister von Beust am 26. September in der Hamburger Landesvertretung an der Jägerstraße in Berlin rund 800 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien, Kultur und Diplomatie. Das Mondfest, zu dem sich Familien in China symbolisch einen mit Eigelb gefüllten Mondkuchen teilen, gehört seit dem 14. Jahrhundert zu den wichtigsten Feierlichkeiten des Landes. Nach dem chinesischen Bauernkalender leuchtet der Vollmond an diesem Tag so hell wie sonst nie im Jahr.
Rechtzeitig zu den China-Wochen ist zudem in den vergangenen Tagen eine Chinesische Schule Hamburg gegründet worden, in der rund 70 chinesische Schüler unterschiedlicher Altersstufen jeweils sonntags von acht chinesischen Lehrern in der der Sprache Kultur und Geschichte ihres Heimatlandes unterrichtet werden. Denn im Zuge der Liberalisierung der Wirtschaft der Volksrepublik kamen die Mitarbeiter chinesischer Firmen zunehmend nicht mehr allein in die Hansestadt, sondern brachten ihre Familien mit. Ihre Kinder, die an deutschen Schulen unterrichtet werden und schnell die deutsche Sprache lernen, sollen jedoch die Verbindung zu den Wurzeln ihres Heimatlandes nicht gänzlich verlieren, so das Anliegen der Schulgründer.


Morgenpost vom 01. September 2002

Zoo schickt Schimpansen nach Asien - Im geplanten Affenhaus ist zu wenig Platz

Von Sylke Heun
Die einen müssen gehen, damit die anderen es in Zukunft besser haben. Der Zoo will sich von seiner fünfköpfigen Schimpansengruppe trennen. «Wir planen ein neues Affenhaus. Das uns zur Verfügung stehende Areal ist aber nicht sehr groß. Wenn wir die Schimpansen weggeben, bleibt dafür mehr Platz für die Gorillas, die Orang Utans und die Bonobos, die den Schimpansen sehr ähnlich sehen», sagt Dr. Peter Rahn, im Zoo Kurator für die Menschenaffen. Weder ein Datum für die Abgabe noch ein Zoo stünden aber bislang fest, so Rahn.
Wahrscheinlich aber wird es ein Wechsel um die halbe Welt. Im Gespräch ist der Zoo Shanghai. Zahlreiche Stammbesucher stehen einem Wechsel nach China allerdings skeptisch gegenüber. «Das ist doch die totale Härte. Dort treffen die Tiere auf eine ganz andere Mentalität und Sprache», sagt Waltraud Streit aus Wilmersdorf, die die Schimpansen jede Woche besucht. Sie befürchtet, dass es den Tieren in China schlecht ergeht, dass die Gruppe schlimmstenfalls sogar auseinander gerissen wird.
«Gerade weil wir die Gruppe unbedingt zusammenlassen wollen, kommt Europa aber leider nicht in Frage. In nahe Länder würden wir die Tiere nur einzeln vermitteln können», sagt dazu Peter Rahn. Der Zoo Shanghai sei ein moderner Zoo, Mitglied zweier Zooverbände mit weit reichenden Grundsätzen, was die Haltung von Tieren betrifft. Natürlich werde man die Gruppe begleiten und vor Ort bleiben, bis die Tiere sich eingelebt hätten.
Mit einem Schimpansen-Transport ohne Begleitung hat der Zoo nämlich bereits eine schlechte Erfahrung gemacht. Ein Tier wurde in die Ukraine gebracht, kam dort völlig verstört an und starb wenig später. «Das passiert uns nicht noch mal», sagt Reimon Opitz, Tierrevierchef im Menschenaffenhaus. Er oder ein Kollege begleiten seitdem jeden Transport und bleiben, bis die Tiere wieder fressen.
Kalle und Pedro, Gusta, Lilly und die kleine Soko ahnen derweil nichts von ihrem bevorstehenden Umzug. Im Außengehege lassen sie sich zurzeit die Sonne aufs dunkle Fell scheinen. «Aber was ist, wenn der Winter kommt?», sagt Peter Rahn. «Dann müssen die Tiere wieder ins Haus. Dort ist es aber jetzt schon viel zu klein. Unsere Unterbringung der Menschenaffen ist höchstens noch mittelmäßig.»


FAZ.net vom 1. Sep. 2002

Cebit Asia - Hoffnungsmarkt China

Von Nikola Wohllaib
 
 Vom 2. bis 5. September findet die Cebit Asia zum zweiten Mal in Schanghai statt. 544 Aussteller aus 25 Ländern tummeln sich in vier Hallen im Shanghai New International Expo Centre (SNIEC). Zwar lockt China mit enormen Wachstumsraten im IT- und Telekommunikationsmarkt. Doch wegen weltweiter Konjunkturflaute und schwächelnden Heimatmärkten nehmen viele deutsche wie internationale Unternehmen an der CeBIT asia erst gar nicht teil.
Ohne Frage, China ist Wachstumsspitzenreiter in Asien. Marktforscher IDC hat dem Reich der Mitte für 2002 mit fast 27 Prozent die weltweit höchste jährliche Zuwachsrate im IT-Sektor vorhergesagt. Laut Branchenschätzungen wird China in rund fünf Jahren der zweitwichtigste IT-Markt nach den USA sein. Auch der Internetmarkt boomt, so das China Internet Network Information Center (CNNIC). Seit Anfang des Jahres wuchs die Zahl chinesischer Internetnutzer um 35 Prozent auf heute 45,8 Millionen User.
Höchstes Wachstum in ChinaMarktkenner gehen bereits davon aus, dass die Volksrepublik noch in diesem Jahr sowohl beim Webtraffic als auch beim PC-Einsatz Japan auf Platz 3 verweist. Und: China ist weltweit der am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt. Laut Ministry of Information Industry MII stieg die Zahl der Mobilfunknutzer von 83 Millionen Ende 2000 auf knapp 156 Millionen Ende Februar 2002. So sind denn auch E-Commerce, Mobile Kommunikation, Network Computing und alles rund das Internet Schwerpunktthemen auf der diesjährigen Cebit Asia.
Langer Atem im Chinageschäft gefragtDennoch: Der Markt scheint für viele Unternehmen noch nicht reif genug, mutmaßt Hong-Wei Li von der Hannover Messe International, die den Deutschen Pavillon auf der Cebit Asia organisiert. „Für viele Firmen lief das Nachmessegeschäft 2001 mäßig“. Deswegen scheuen in diesem Jahr Mittelständler die Messe. Dafür sind mehr Konzerne mit langjähriger Erfahrung auf dem chinesischen Markt vor Ort.
Allen voran Systemanbieter Rittal und Siemens. Die Münchener zeigen Handys und Basisstationen für den lokal favorisierten Mobilfunkstandard der dritten Generation TD-SCDMA, den Siemens mit der chinesischen Firma Datang entwickelt. Zudem ging der Beteiligungszweig Siemens Mobile Acceleration kürzlich mit dem Pekinger Start-up Magus Soft, das auf mobile Spiele und Unterhaltungssoftware spezialisiert ist, seine erste chinesische Beteiligung ein.
Asiatische Marktführer unter sichDoch die Cebit Asia ist fest in der Hand taiwanesischer Aussteller und heimischer Branchenführer. Kaum bekannt ist im Westen der chinesische Hardwareriese Legend. Dazu kommt Mobilfunkgigant China Mobile, der mit 104,5 Millionen Kunden im August Vodafone als Mobilfunkanbieter mit den meisten Handynutzern ablöste. Weitere Schwergewichte sind u.a. Samsung, Panasonic, Epson, Lexmark und Kyocera.
Allerdings fehlen allein beim Mobilfunk Motorola als Branchenerster in China und Nokia als Weltmarktführer. Selbst Microsoft mit großen Ambitionen im Reich der Mitte, macht einen Bogen um die Cebit Asia. Ebenso wie IBM und HP, die in Schanghai eigene Produktions-, sowie Forschungs- und Entwicklungseinheiten haben.
Schlechte Konjunktur trübt StimmungIm Vergleich zur Cebit in Hannover mit rund 8.000 Ausstellern sind somit die vier Hallen im nagelneuen SNIEC (Eröffnung: November 2001), das inmitten des High-Tech-Bezirks Pudong liegt, recht überschaubar. Während die Beteiligung um 40 Aussteller gegenüber dem letzen Jahr kaum merklich anstieg, ist sie im Deutschen Pavillon rückläufig. Tummelten sich dort im letzten Jahr noch 36 Unternehmen, sind es 2002 noch 24. Neben Siemens und Rittal, auch die Bundesländer Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Mit ein Problem: Die Cebit in Istanbul läuft parallel zur Schanghaier Cebit. Vielen sei die Türkei als Markt „näher“ als die Volksrepublik, meint Bitkom-Geschäftsführer Ulrich G. Schneider. Konjunktureinbruch und Kosteneinsparungen nennt Schneider als Hauptgründe.
Martin Ashoff, Managing Director des Dietzenbacher Telekommunikationsdienstleisters Controlware in Singapur: „Allein die Reisekosten zu den Messen sind gigantisch“, begründet er sein diesjähriges Fernbleiben. „Es gibt zu viele IT-Messen in Asien, gerade haben wir auch noch die ITU in Hongkong und die Expo Com in Peking abgesagt“, sagt er. „Lunchseminare oder andere Direktveranstaltungen bringen einfach mehr“.