Luftverschmutzung in Shanghai

Shanghai (bfai) - In den chinesischen Städten fehlt den Menschen vielerorts die Luft zum
Atmen. Autoabgase, eine hohe Emissionsbelastung durch Fabriken und die Verbrennung von Kohle führen dazu, dass unter den zehn am stärksten verschmutzten Städten der Welt acht chinesische zu finden sind, darunter an siebter Stelle auch die Hauptstadt Beijing
(Asiatische Entwicklungsbank, 2001). Die Politiker versuchen, das Problem mit strengeren
Vorschriften und Investitionen in den Griff zu bekommen.
... und wie ist es jetzt? (LiveBild der Webcam der Detschen Schule Shanghai)
   

Ende der 90er Jahre hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgestellt, dass in zahlreichen chinesischen Großstädten die Konzentrationen von Schwebteilchen (Ruß, Staub) über dem Fünffachen des empfohlenen Grenzwerts von 60 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. Vor allem die Kinder leiden an der schleichenden Vergiftung ihrer Umwelt. Bis zu 500.000 Todesopfer fordert die Luftverschmutzung in der VR China im Jahr, so eine gemeinsame Studie der WHO und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) aus dem Jahr 2002. Schwebstoffe, Stickoxide und Autoabgase tragen zum vorzeitigen Tod von 376.000 Menschen bei. Die Untersuchung schätzt die wirtschaftlichen Verluste aus Arbeitsausfällen und Behandlungskosten für Krankheiten wie Lungenkrebs und Bronchitis auf über 125 Mrd. RMB (100 RMB = rd. 12,3 Euro) Hauptverursacher der schlechten Luft ist die Kohle, mit der die VR China rd. zwei Drittel ihres Energiebedarfs deckt. Sie ist im internationalen Vergleich von eher schlechter Qualität und enthält hohe Schwefelanteile. Insgesamt soll der Ausstoß von Schwefeldioxid bis 2005 um 10% auf unter 18 Mio. t gesenkt werden. Von diesen stammen rd. 90% aus der Verbrennung von Kohle. Schuld sind Defizite bei der Kohleaufbereitung, ungenügende Installierung von Rauchgas- und Staubfiltern und andere technische Mängel. Daher darf bis Ende 2005 nur noch Kohle mit einem Schwefelgehalt von unter 3% gefördert werden.

Darüber hinaus sind in allen Kohle verbrennenden Produktionsstätten Entschwefelungsanlagen zu installieren. Die Schließung kleiner, "unqualifizierter" Bergwerke ist angekündigt. Ferner sollen Methoden zur saubereren Kohleverdichtung finanziell unterstützt werden. Unternehmen ohne entsprechende Rauchgasentschwefelungsanlagen werden angehalten, Kohle mit niedrigem Schwefelgehalt zu verwenden, und die Städte sollen Kohle durch umweltfreundlichere Energieträger ersetzen. Entsprechende Richtlinien veröffentlichte die staatliche Wirtschaftsund Handelskommission zusammen mit der State Environmental Protection Administration (SEPA) und dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie.

18 Monate lang sammelte der Esa-Satellit Envisat Daten über die Verschmutzung der Atmosphäre durch Stickstoffdioxid (NO2). Das Absorbtionsspektrometers SCIAMACHY an Bord von Envisat untersucht Sonnenlicht, das in der Atmosphäre gestreut wird. In der Atmosphäre werden bestimmte Spektralbereiche des Lichts von Spurengasen absorbiert, was zu charakteristischen Fingerabdrücken im Lichtspektrum führt. Aus diesen Mustern kann in ausführlichen Analysen dann auf Art und Umfang der Gasvorkommen geschlossen werden. Das verwendete Spektrometer SCIAMACHY misst das in der Erdatmosphäre gestreute Licht im ultravioletten, sichtbaren und nahinfraroten Wellenlängenbereich. Bei der Auswertung wird zunächst das dominante "Rauschen" aufgrund der Rayleigh-Lichtstreuung, die auch für die blaue Färbung des Himmels verantwortlich ist, entfernt. Anschließend werden die die Absorptionsmuster der Sauerstoff-, Stickstoff- und Wassermoleküle eliminiert, die gemeinsam den Hauptteil der Atmosphäre ausmachen.
Die Schwefeldioxidemissionen verursachen vor allem in Südchina hohe Ernteeinbußen durch sauren Regen. Allerdings hat die Misere längst globale Dimensionen erreicht. Vor allem Japan hat großes Interesse daran, dass China diese Problematik "in den Griff bekommt", denn ein Teil der chinesischen Emissionen geht als saurer Regen auf Nippon nieder. Nachweislich haben die chinesischen "Dreckwolken" aber auch schon Hawaii erreicht.
Die Rangliste der am stärksten verschmutzten Städte der Welt führt Guiyang an. Die Hauptstadt der südchinesischen Provinz Guizhou wurde deshalb in einer gemeinsamen Aktion der VR China und Japans zu einer von drei Modellstädten für den Umweltschutz benannt. Japan hat die Stadt bislang mit zwei Krediten in Höhe von 50 Mio. und 70 Mio. US$ bei der Bekämpfung von Umweltproblemen unterstützt. Ziel sind überwiegend Vorhaben zur Eindämmung der Luftschadstoffemissionen aus der Stahl, Kohle- und Baustoffindustrie.
Zumindest in den chinesischen Großstädten setzt allmählich ein Bewusstseinswandel unter den politisch Verantwortlichen hinsichtlich der Bedeutung des Problems ein. Auch in der Bevölkerung, zumindest unter wohlhabenderen Chinesen, scheint angesichts der miserablen Situation ein gewisses Umdenken stattzufinden: "Die Massen haben einen höheren Lebensstandard. Sie wollen nun auch sauber leben", sagte Li Tiejun vom Pekinger Umweltamt anlässlich der deutsch-chinesischen Umweltkonferenz Ende 2000.
Insbesondere in der Hauptstadt Beijing wird eine Vielzahl von Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität ergriffen. Bleizusätze im Benzin wurden verboten, die strengeren EU-II-Abgasnormen für Neuwagen erlassen (ab 1.7.02), zahlreiche Fabriken geschlossen oder zum Umzug gezwungen. Der öffentliche Nahverkehr wurde erheblich ausgebaut und den Restaurants wurde verboten, mit Kohle zu kochen. Erdgas aus anderen Provinzen ersetzt schrittweise die Kohleheizungen. Die Stadt will u.a. auch mit dem Bau einer Pipeline von Shaanxi in die Hauptstadt den Verbrauch an umweltfreundlicherem Erdgas im Vergleich zu 2001 verdrei- bis vervierfachen.

Treibende Kraft dieser Aktivitäten ist aber weniger die Sorge um das Wohl der Beijinger Bevölkerung als vielmehr die Olympiade 2008, bei der sich das Land der Weltöffentlichkeit "grün" und "sauber" präsentieren will. Bis 2008 sind denn auch insgesamt Mittel von 100 Mrd. RMB für Umweltzwecke eingeplant. Manche der bislang getätigten Maßnahmen wirken allerdings eher skurril, wie das Grünfärben von braunen Grasflächen oder das Aufstellen von Plastikpalmen an den Ringstraßen. Überdies werden viele Erfolge durch den stark zunehmenden Verkehr wieder zunichte gemacht.
In Shanghai müssen, wie das städtische Umweltamt im Juni 2002 bekanntgab, ab 1.1.03 alle
Neufahrzeuge der Euro-II-Abgasnorm entsprechen. Trotz Förderung von saubereren Treibstoffen (besseres Benzin, Flüssig- bzw. Naturgas) erfüllen bislang von den rd. 1,2 Mio. Kfz erst ca. 20% Euro-I. Von den 175 Buslinien der Stadt setzen nur 45 durchgängig Fahrzeuge der Euro-I-Norm ein. Der Austausch der etwa 180.000 Shanghaier Busse wird noch mehrere Jahre dauern.
Gegenwärtig rollen über die Straßen der VR China etwa 45 Mio. Motorräder sowie 20 Mio. Automobile, davon 6,5 Mio. Dieselfahrzeuge. Jedes Jahr kommen etwa 15% dazu.
Fahrzeugemissionen stellen daher in allen mittleren und großen Städten ein ernsthaftes Umweltproblem dar. Für Pkw, Lastwagen und Motorräder gilt landesweit die europäische Abgasnorm Euro I (die aber von vielen Kfz de facto nicht erreicht wird). Sie soll ab 1.7.04 durch Euro II abgelöst werden.
Zwar scheint sich allmählich die Einsicht durchzusetzen, dass es billiger ist, Umweltschäden gar nicht erst entstehen zu lassen, als sie im Nachhinein kostspielig zu beheben. Doch im Zielkonflikt zwischen Fortschrittsglauben und Umweltschutz siegt immer wieder ersterer. So sind z.B. die Stadtplaner wie Beijing und Shanghai systematisch dabei, das als "rückständig" abgewertete Fahrrad immer mehr aus dem Stadtbild zu verdrängen. Es herrscht die Auffassung vor, diese verunstalteten das Bild einer modernen Großstadt.
Nach einem jüngst veröffentlichten Richtlinienkatalog für die nächsten zwanzig Jahre der Transportentwicklung in Shanghai soll der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs von 21% im Jahr 2000 auf 26% im Jahr 2005 zunehmen. Gleichzeitig dürfte die Zahl der Fahrzeuge von 1,04 Mio. auf 1,5 Mio. Stück steigen, hauptsächlich aufgrund der erwarteten Zunahmen bei Privat-Pkw. Dabei hält Shanghai an seiner Politik fest, diesen Zuwachs durch monatliche Versteigerungen von Nummernschildern zu regulieren. Kernstück der Verkehrsinvestitionenwird jedoch der Ausbau des Schienennetzes für U- und S-Bahntrassen auf etwa 200 km sein. Dafür sind bis 2005 Mittel in Höhe von 100 Mrd. RMB im Budget veranschlagt. Darüber hinaus sollen Umwelt verschmutzende Motorräder und -roller nach und nach aus dem Stadtbildverschwinden.
(G.S.)
Quelle: bfai (Bundesagentur für Außenwirtschaft)

Luftverschmutzung
 
Saurer Regen laut Peking außer Kontrolle

Das explosive Wirtschaftswachstum führt in China zu dramatischen Umweltproblemen. Die Luftverschmutzung lässt über den Städten immer mehr sauren Regen niedergehen. In überraschender Offenheit hat selbst die Regierung eingeräumt, die Situation sei außer Kontrolle.

Peking - Die Ergebnisse der fünfjährigen Studie waren offenbar selbst für die chinesische Regierung, die Negativmeldungen sonst gern unterdrückt, nicht mehr zu leugnen: Über 265 Städten gehe saurer Regen nieder, berichtete die staatliche Tageszeitung "China Daily". Der jährliche wirtschaftliche Schaden werde auf umgerechnet 10 Milliarden Euro geschätzt, das sind zwei bis drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Die regionale Verschmutzung durch sauren Regen ist außer Kontrolle", sagte Wang Jian vom staatlichen Umweltamt. "In einigen südlichen Städten sieht es noch schlimmer aus." Der zunehmende Ausstoß von Salpetersäure und Schwefeldioxid verschlimmere die Lage, beklagten die Wissenschaftler bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse, die mit norwegischer Hilfe gesammelt worden waren. Auf einer Weltkarte der Luftverschmutzung, die erst vergangenen Monat von der europäischen Raumfahrtagentur Esa vorgestellt wurde, ist der gewaltige Schadstoff-Ausstoß in China deutlich zu erkennen. Die steigende Zahl der Autos, der wachsende Kohleverbrauch und ein übermäßiger Düngemitteleinsatz spielten eine zunehmend starke Rolle in der Verschmutzung des Landes unter anderem durch sauren Regen, sagte Tang Dagan, Direktor der Forschungsakademie für Umweltwissenschaften. Im vergangenen Jahr seien 21 Millionen Tonnen Schwefeldioxid ausgestoßen worden - zwölf Prozent mehr als 2002. Mit dem Anstieg des Kohleverbrauchs dürften nächstes Jahr weitere sechs Millionen Tonnen hinzukommen, schätzen die Wissenschaftler. Sie forderten, alle Kraftwerke mit Filtern auszustatten. Die wachsende Nachfrage nach Kohle, die zwei Drittel aller chinesischen Kraftwerke befeuert, und die große Zahl kleiner Kraftwerke seien der wichtigste Grund für die rasche Zunahme des Schwefeldioxidausstoßes. Nirgendwo auf der Welt wird so viel Kohle gefördert und verbraucht wie in China, dessen Kohle auch noch besonders schwefelhaltig ist. Das Land ist der Verursacher von Ruß- und Schwefeldioxid-Emissionen weltweit.

SPIEGEL ONLINE - 30. November 2004, 11:50